Salzkristalle & Trüffelpilze (Auszüge, 03/2013)

Irre werden daran, dass alles verschlungen werden wird, irgendwann. Aber wenn man dem großen Schlund einen hübschen Namen gibt, kann man ihm schon gegenübersitzen und seinen kleinen Eiskaffee schlemmern: Nennen wir ihn ›Kätzchen mit den spitzen Zähnen‹. Und im kleinen Büro gegen Mitternacht noch am Text sitzen, das kann man gerade im Angesicht des Kätzchens für einen sehr konkreten Anlass oder einfach weil man muss, von der eigenen Konstitution her.

Mögliche Texte 6

Streitgespräch zwischen dem Wein und dem Wasser.

Mögliche Texte 4

Geschichte: Er stellt sich immer vor, wenn er jeweils im Nachtzug fährt, wie er stirbt. Macht ihn auf eine unbestimmte Art glücklich. Nun lernt er eine Frau kennen, große Liebe, in dieser Nacht. Der Zug verunglückt jetzt aber für einmal tatsächlich. Er stirbt. Sie nicht. Hat Kind mit einem anderen. Als sie am Friedhof vorbeigeht, wo er liegt, denkt sie nicht einmal mehr an ihn.

Was wirklich eine Lebensaufgabe sein könnte, wäre das Vorausschreiben für einen täglichen Blogeintrag zehntausend Jahre lang; ein Programm würde nach dem Tod dann zuverläßig die Aufgabe erfüllen, Eintrag für Eintrag upzuloaden. Aber würden die Einträge nach spätestens 500 Jahren nicht unverständlich, antiquiert? – Ein Problem jeder Kunst.

»Wir sollten Sex nicht zu einem Ziel, zu einer Belohnung degradieren«, spricht die Schnecke – und verwandelt sich in eine Rübe.

Scheugierig.

Artmannschlenker, Artmannschmankerl, Artmannschlecker und wie sie alle heißen …

Der Mond setzt dem Tümpel ein Beispiel und der Nacht einen Höhepunkt.

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Grüner Kaffee

Kaffee, türkisch. Man hatte grünen Kaffee in Reserve. Das Haus steht noch immer am Kolinplatz steht es noch immer ganz anders. Manchmal eine Mutter manchmal eine Frau und wessen wann. Eine junge Frau eine alternde beinah junge Frau als eine Mutter einer Tochter eines Sohns in dieser Abfolge Mary long. Mary longlong. Aber das Plakat man könnte meinen. Ich kaufe mir ein Päckchen Mary Long Filter und sage Hallo Mama. Wie hübsch Du warst als. Eine Mutter als eine Frau sie als der Mann im Haus ersparte den Zimmermann und reparierte den Stecker. Täglich Reparaturen Apparaturen Expeditionen täglich ihr Apparate=Leben lebend das war dann später und ein Sehnen. Und gewiss nicht alles. Als eine Frau eine Mutter und wird besucht von und das Kind denkt und das Kind denkt wie hübsch da kommt einer her und der ist nicht uninteressant die Mutter mag nicht die Frau will nicht Kind bleib da wir trinken noch Kaffee wie kam‘s dann der Mann war dann schon gegangen ach das Kind ist kein Kind und denkt sich was Schönes das es nicht sagt aber es findet alles ein wenig schade. Das Haus steht noch immer am Kolinplatz steht es noch immer heut ganz anders.

Aus: Elisabeth Wandeler-Deck, Ein Fonduekoch geworden sein

Salzkristalle & Trüffelpilze (Auszüge, 02/2013)

Er: Sie röhren in Kriegsbrunst.

Das einfache Schweizer Volk: Wer? Die Hirsche?

Er: Ja, natürlich, die Hirsche …

Zwischen den Ohren …

   …

   Denn alles in allem, das ist vielleicht das Frustrierendste: dass dies erbärmliche Leben ja ein Geschenk ist, trotz allem, wertvoller als das Überhaupt-nicht-gewesen-Sein.

   Gewesen sein.

   Und dann?

   Warum hast du Angst?

   Du bist dir doch immer vorgekommen wie in hängenden Gärten. Die Pflanzen hast du geliebt. Aber sie dich nicht immer. Und du musstest in ein imaginäres Ziel hochklettern. Die Angst vor dem Absturz. Und die Mitbewerber, die an allen Pflanzen rundherum hingen. Teilweise deine Schlinge besetzten. Einige stürzten. Du nicht. Aber hattest Panik davor. Dabei hast du sie auch beneiden können. Ihr Schrei tönte sogar im Traum echt. Real. Nicht so etwas Vorgespieltes. Wie deine Hülle es immer getan hat. Nur weil man sich so benahm, hat sie sich so benommen, wie man sich zu benehmen hat. Aber auch du bist weitergeklettert an den Schlingpflanzen.

   Warum?

   Zwischen den Ohren.

   Du wirst auch nicht mehr merken, dass du etwas Dämliches denkst, am Ende, falls es so sein sollte.

   Nicht mehr.

   Aber die Pornohefte, die zuhause liegen.

   Ach, egal, egal, alles egal, es geht ins Nichts.

Mein liebstes Fossil ist Dein Hirn.

Eine Zeit, die Organe ersetzen kann und mithilfe von Chemikalien Wirkungen im Hirn erzielen, sollte vielleicht von der Auffassung abrücken, dass ein Individuum für schlechte Taten ganz allein verantwortlich ist.

Wollen wir ein Codewort vereinbaren, das der eine auf dem Totenbett dem anderen sagen kann, ganz am Ende, damit der weiß, der Sterbende war bis zuletzt bei vollem Bewusstsein? – Es könnte lauten: OncleBenjamin.

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Bottenberg, Ernst Heinrich: wie berühren   das HELLE.BOOT

der ROTE.STAUB   australisch
drei-dimensional
starr   rostig
auf-der-haut   auf der tastatur

wie
im horizont der ROTEN.STAUBS
berühren
das HELLE.BOOT

über die Bildleiste
in den geröteten augen
der Nördliche Strom

blau gehöht
Weite Wasser
die ufer blassend

Im Zoom
das HELLE.BOOT
Leer   Treibend


In: „ent.stellungen. Text-Schlieren“ (S28f., 2012). (c) S. Roderer Verlag. Weitere Titel des Sozialpsychologen und Psychoanalytikers Ernst Heinrich Bottenberg: „aus.kennungen. (Natur) (Lyrik)“, „entfernungen der erde. mythen-erwartung“ (2002), „Tau-Verlust. Versuchsanordnungen: Naturlyrik“ (2004), „Atem-Schaltungen. Naturlyrik: In-Zwischen“ (2005), „TAL:Unschärferelationen. Naturlyrik“ (2006), „ich: Textviren des Ichs. Lyrik: anthropologisch“ (2007), „anwesen.abwesen. Lyrik. (Lyrik)“ (2008), „kehlungen.ent.kehlungen. Text-Chimären“ (2008)

Salzkristalle & Trüffelpilze (Auszüge, 01/2013)

Was also bleibt? Sicherlich zwei Romane (Der Blaue Kammerherr und Die Kinder der Finsternis), deren außerordentliche literarische Qualität nahezu durchgehend unbestritten ist, die freilich bei ihren Lesern zu unbedingter Bewunderung oder aber zu starker Ablehnung führen. Es bleibt ein Werk, das fast in seiner Gänze unzähligen Nöten und Krankheiten abgetrotzt wurde. Und es bleibt das Beispiel eines Lebens, das sich immer auf der Grenze zwischen Literatur und Musik bewegte, ein als freischaffender Schriftsteller vorgelebtes Leben, oft mit prekären finanziellen Situationen, getrieben vom Glauben an den Adel der Kunst, des Abendlandes; das Beispiel eines Schriftstellers, der das Halbe als Lösung streng verwarf; das Leben eines Traditionalisten, der dennoch ein modernes Werk hinterlässt; ein Leben also, schwankend zwischen zwei Polen, das Leben nämlich eines zu früh oder zu spät Erschienenen, den die Umwelt wider seinen Willen zum Dasein eines Einzelgängers verurteilt. [Vorveröffentlichung aus der Biographie von Dominik Riedo über Wolf von Niebelschütz: »Wolf von Niebelschütz. Leben und Werk. Eine Biographie«; erscheint 2013]

Vielleicht bin ich eine Art Mensch, die unter gewissen Konstellationen verworfen werden kann. Und eigentlich war diese Konstellation gegeben. Aber ich wurde halt noch rausgeschnipselt, damals.

Mimi und Dodo

Nie, soso, die, nein, die wurden nie

Mido und Domi

Die Schweiz findet keine Ruhe, bis ich gestorben bin.

Sie (im Zug): Ach, diese Asylanten wieder, wollen immer Geld. Sollen mal in ihrem Land bleiben!

Die andere (ihr gegenüber): Ja, jaja, wirklich …

Die Erste: Aber gestern war ich also beim Spezialalternativarzt. Zahlt keine Krankenkasse. Er sorgt aber dafür, dass die guten Elektrofubigudui zu mir in den Körper kommen. Wo sie mich heilen. Ich spüre es schon.

Die andere: Aha.

100: ein Trauriger und zwei Nichtse: Die Eins lässt den Kopf hängen, die zwei Nullen sind leer …

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