Die halbe Wahrheit

Alkoholisierte Astronauten, überhebliche Osterhasen, seltsames Getier, krasse Schöpfungsfehler, politische Rohrkrepierer, Fußball, Männer und Frauen. Und dann noch jedes Jahr Weihnachten. Manchmal kann man an dieser Welt wahrhaft verzweifeln. Oder einfach über sie lachen. Für dieses Hörbuch hat Georg Raabe eine Auswahl aus neun Jahren Arbeit für die „Wahrheit“ getroffen. Es präsentiert gut die Hälfte seiner dort erschienenen komischen Gedichte, neu durchgesehen und vom Autor persönlich vorgetragen. Mehr / Order (taz-Shop) …

Hörproben:

Mal im Vertrauen

Vorösterliche Krise

Vom Nashorn

Dem Nashorn ist es nicht vergönnt,

dass es bei seiner Freundin pennt.

Es liebt sie, und sie liebt zurück.

Sein Vater aber: Katholik

von fundamental-strenger Sorte.

“Dem Papst missfällt’s”, so seine Worte.

Seitdem leidet das Nashorn seelisch.

Sein Girl ist nämlich evangelisch.

*

Nach einer Flasche Doppelkorn

sah’s Nashorn vorn ein Doppelhorn.

Schockiert, weil schizoid gedoppelt,

ist es entsetzt davongehoppelt.

Und hoppelte bis Oyten-Tüchtern.

Da war’s zum Glück dann wieder nüchtern.

*

Stellt man es an den Marterpfahl,

so ist’s dem Nashorn nicht egal.

Es leidet dort wie ich und du.

Ein Gleiches gilt für Elch und Gnu.

*

Bei Schnupfen heißt das Nashorn

Nieshorn und ist nass vorn.

taz > (GROa)

Die Gurkentruppe

Sie schlagen zu in unheilvoller Stille.

Sie kommen ohne Kampf und Kommandant.

Sie brauchen nicht Gewehr noch Nachtsichtbrille.

Sie töten hellen Tags und unerkannt.

Wer trägt die Schuld, dass solche Killersippe

in unser schönes deutsches Ländchen fand?

Der Spanier? Zieht er hier wohl die Strippe?

Der uns im Fußball immerzu verdrischt?

Kam er nicht anno achtzehn mit der Grippe?

Ich war es diesmal nicht, sagt er uns schlicht.

Wer war es dann? Wer will das Deutsche schwächen?

Ein braver, deutscher Bauer doch wohl nicht!

Ich sag es euch: Die Rohkost will sich rächen.

Hat sich beim Schlachter auch kein Schwein beschwert –

den Grünzeugwahn wird das Gemüse brechen,

das selbstmordattentätlich sich jetzt wehrt.

Dass es dabei verendet, ist ihm schnuppe,

wenn’s unheilbringend in sein Opfer fährt.

Was hilft gegen die rohe Terrorgruppe?

In Scheiben schnibbeln – oder besser noch:

die Gurkentruppe direkt in die Suppe!

Doch: Solche Krieger einfach für den Koch?

Im Personalkörper des deutschen Heeres,

klafft da nicht dieses Riesennachwuchsloch?

Die Gurken in die Bundeswehr – das wär es!

taz > (GROa)

Denkerqualen

Es gründet sich des Denkers Qual

vermutlich in dem Tatbestand:

Hier ist der Geist – da Material.

Der treibt den Denker unverwandt,

sich selbst mit dem Versuch zu schinden,

die beiden Pole zu verbinden.

Dass er dazu den Geist verwendet,

lässt ahnen, dass es damit endet,

dass er nur brät im eignen Saft.

Man wünscht ihm, dass er’s trotzdem schafft.

Dann wär er seine Sorgen los

und sähe: Material und mens

– zwei Backen eines Arsches bloß!

Der Arsch heißt Homo sapiens.

taz > (GROa)

Die Ballade vom Schwätzer

Es lebt im bundesdeutschen Land

ein Freund der weichen Worte,

als Bundesumweltmann bekannt,

ein Schwätzer schlimmer Sorte.

Er war’s, als es in Japan knallt,

den man nach vorne schickte

und der uns süßlich zugeschallt,

wozu er ernsthaft nickte.

Es sei, so sprach er, nun die Zeit,

noch mal zu übersinnen

den Grundbegriff der Sicherheit,

das fühle er ganz innen.

Und dies natürlich eingedenk

des Leids, so würd’ er hoffen,

fern von parteilichem Gezänk.

Und schaute sehr betroffen.

So sah man ihn sinnhaft gesinnt

durch die Begriffe wandeln.

Ein junger Mann mit Frau und Kind,

staatsangestellt zum Handeln.

Ein wort- und amtsverliebter Faun

von denen, die nicht checkten:

Aus höhrer Warte anzuschaun,

da gleicht der Mensch Insekten.

Drum, Röttgen, rede noch so gut!

Die sprachbegabte Rasse

verändert nur, wenn sie was tut.

Was macht denn so die Asse?

taz > (GROa)