Dodel, Franz: Die Kuh

Kühe machen nicht den Eindruck, besonders leidenschaftlich zu sein, obwohl das Aelianus – allerdings von den ägyptischen Kühen – behauptet, die im Kult sogar Aphrodite vertreten haben sollen.

Im Berner Oberland und im Emmental stehen die Kühe oft noch immer in dunklen, niedrigen, aber warmen Ställen. Dort atmen sie in langsamen, tiefen Atemzügen ihre eigene Feuchtigkeit, die sich dann vor allem während der langen Winterzeit als Milch in den prallen Eutern sammelt. Im Sommer – so behaupten einige – werde die Milch aus dem Gras hergestellt, das die Tiere draußen auf den Weiden fressen.

Für die Volkswirtschaft ist das Euter der wichtigste Körperteil der Kuh. Die Hörner sind von diesem, allerdings aberwitzigen, Gesichtspunkt aus zu nichts nützlich und werden öfter einfach entfernt. Mit dieser einseitigen Wertschätzung und der kosmetischen Verstümmelung verliert die Kuh alles, was an ihre einstige Leidenschaftlichkeit erinnern könnte. Die Hörner sind übrigens die polare Entsprechung zum Euter; steil und hart ragen sie gefährlich in den Kosmos, woher der Kuh Energie und Stille zukommen. Dagegen hängt das weiche Euter schwer gegen die Erde, immer im dringenden Verlangen, Milch zu spenden und so Quelle der milchflüssigen Ströme aus der Mitte des Glücks zu werden. Die Erinnerung an dieses Glück ergreift die Kühe nur einmal jährlich, wenn sie im Frühling zum ersten Mal aus dem engen Stall aufs Weideland gelassen werden: Dann stieben sie in scharfem, ungestümem Galopp über die Matten, die Erde dröhnt unter ihren Hufen, und das erinnert sie an den Glanz am leeren Horizont, als es weder Zäune noch Ställe gab.

Zwischen Euter und Hörnern liegen – näher natürlich am Offensein zum Himmel – die dunklen Augen, die immer nirgendwohin blicken, wobei dieses Nirgendwo sich beidseitig der Erdkrümmung entlang zum nie endenden Kreis biegt und so die imaginäre Scheibe verdoppelt, die von den aufgeschwungenen Hörnern gehalten wird. Göttinnen haben deshalb oft Kuhhörner, während sie machtvoll auf ihrem Thron sitzen und die Welt gebären. Stiere – dies nur nebenbei – bleiben auch als Gott nur Stier und erläutern nichts als dumpfe Kraft und Fruchtbarkeit, bevor sie in langen Reihen und kurzen Rhythmen in steinernen Sarkophagen beerdigt werden.

Um wieder auf die hiesigen Verhältnisse zurückzukommen: Irgendwie scheint es mir immer ein schändliches, typisch männliches Vergehen an einer Kuh zu sein, wenn sie zwischen dem Eisengestänge festgeschnallt wird, damit man ihr zum Beispiel die Klauen schneiden kann. Die Kühe ertragen das Leben mit uns in erstaunlicher Geduld und dies in vielerlei Hinsicht.

Wenn ich in allergrößter Not wäre, und wenn die Welt oder ich morgen untergingen, so würde ich meine letzte Nacht gerne in einem Kuhstall verbringen. Das ruhige Kauen der geheimnisvollen Mantras, die tiefen Atemzüge zum Belüften des warmen Leibes und die traumlose Sicht von einer Dunkelheit in die andre, das alles wirkt tröstlich beim gleichzeitigen Bedauern, nicht recht und nicht zeitig genug angekommen zu sein.



(c) etkbooks / Franz Dodel. Dieser Text erschien in dem Buch “Von Tieren”. (Mit Illustrationen von Chantal Meng)

Franz Dodel ( *1949 ) Schriftsteller und Fachreferent an der Universitätsbibliothek Bern, lebt und arbeitet in Bern ( Boll-Sinneringen ). Seine literarischen Arbeiten wurden mehrfach ausgezeichnet. Vom selben Autor sind jüngst erschienen: Nicht bei Trost. Haiku, endlos, illustriert von Serafine Frey, Edition Korrespondenzen, Wien 2008, 607 S. [Z. 6001 – 12000], ausgezeichnet mit dem Österreichischen Staatspreis 2009 (»Schönste Bücher Österreichs«). Nicht bei Trost – a never ending Haiku, 3 Bde., illustriert von Rudolf Steiner, Edition Haus am Gern, Biel 2004. [Z. 1 – 6000], ausgezeichnet im Wettbewerb »Die schönsten Schweizer Bücher 2004«.

Links / Mehr:

http://www.franzdodel.ch

http://www.etkbooks.com/von_tieren

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(etkboode, entwurf)

Kleine Theorie des Fadheit (notula nova 108)

Das ist der Weg: Inhalt -> Form -> Akt

(Das Internet als gigantischen Informationsstrom zu bezeichnen, ist eine typische, aber grundlegend schiefe und damit falsche Metapher, und diese wird auch nicht durch inflationären, zunehmenden Gebrauch richtiger. Das Internet ist ein Immerschonvorhandenes, ein massloser Setzkasten, und der Mensch, der diesen vor langer Zeit per Zufall fand, ist erst jüngst auf eine neue Variante gestossen. An seinem Fortbestand, seiner Struktur wird das nichts ändern. An seiner Anwendung und dessen Extensität vielleicht kurzfristig, bis auf weiteres, bis (abgebr.)

Überhaupt: Der Nachgeschmack der grossen Suppe (Lu Ji)

Die Hanzeitlichkeit

Die Leere

Die Fadheit

(Die Fadheit nicht als Begriff, sondern als Prozess zu verstehen. Einer des Aus- und Nachklingens.)

Zur Buchbasel mit kleinerem Gepäck. Ohne Devices und Digitalia. (Diesmal käme der Hinweis auf ein Nichtvorhandensein zu Recht. Diesmal wird er nicht kommen.) Nur Hinweise auf diese mit dem Medium des Buchs und des Papiers. Die Auslagerung des Zeigens auf den gefühlten Kontrahenten. Ins Device des Anderen. Notfalls hat das Phone smart zu sein und muss es richten. B. und andere sind nicht dabei, tanzen auf einer anderen Hochzeit. Man kann schon einen kleinen Riss in der Struktur spüren. (Ein Riss in einem Bottich Zuckerwasser.) Einer, allerdings, den man als Sollbruchstelle bezeichnen müsste. Ein rein ökonomisch definiertes Fundament scheitert an den Grenzen des Inhalts, an seinem Überbau. Eine optimale Logistik von multiplen, sich über Lärm definierende Einheiten, verursacht Rauschen und keine Melodie. Melancholie. Entfesselter Kapitalismus ist Rückkopplung und anschwellender Lärm.

Und: das Identitätsprinzip der Schweiz ist die kontinuierliche Suche und Verhandlung dessen: Bei einer Stagnation des Diskurses würde sich diese in (Nullkomma)Nichts auflösen. Liechtenstein hoch fünf.

Jürgen Links “Paralipomenon – Das vorläufige Schlusswort …” auf den ersten Blick als sehr spannende Textur wahrgenommen. Im Anschluss Geerkens, flüchtiger, auch da: dichter – im positiven Sinne – Beobachtungsbrei (für kalte Winterabende) und hier und

                                              da die

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                                              Text

                                              blocks durch die Spreizung, Umbrechung und Freisetzung von Phrase. Eigentlich, auch: die hauchdünne Berührung, die schmale aber stabile Verbindung von Perlen in einer Kette. Semiotisch, selbstreflexiv: Wird hier im Grossen (Der “Text”, das “Werk” des Texts) vertikal das Kettige (die Kettizität) bis ins Kleinste nachgeahmt.

Der Ritt auf dem Ochsen











































Quote „Der heiße Fahrtwind täuscht Kühlung vor. Wenigstens trocknet er den Schweiß. Die Straßen sind voller Rikschas, Mopeds, Fahrräder, Karren, Militärfahrzeuge. An ihren Rändern drängen sich Menschen aneinander vorbei. …“ (S.177)
Source Der Ritt auf dem Ochsen oder Auch Moskitos töten wir nicht: ein Roman, Dietrich Stahlbaum – Karin Fischer Verlag 2000 – 350 Seiten
Keywords Müllsäcke, Plastikflaschen, Militärfahrzeuge, Fahrräder
Retrieved letzte 3 von 4 Keywords in http://books.google.com/
Produced 01.04.2009, 09:09 AM
Added 24.11.2009, 04:06 AM
Time 1:04
Raw File VID00086.AVI
Entry No 0029
Size 15‘950 KB / MP4
Broadcast Public
URL (Video) http://www.youtube.com/watch?v=LdzPbQ5g-zc
Status Live!
Amazon Review Sehr gutes Buch und Thema!, 10. Februar 2002 Von Ein Kunde: „Das Land Vietnam interessierte mich schon immer sehr. Was in den westlichen Medien uns vorgespielt wurde, war schon immer voller Vorurteile und zeigte ein völlig falsches Bild von Land und Leute. Die Amerikaner und die Franzosen als Koloniealmacht waren nicht die Guten sondern die Unterdrücker durch die der Krieg erst möglich wurde. Dieses Buch handelt von zwei Fremdenlegionären, die in Vietnam ihren Dienst machen und die den Schrecken des Krieges erleben. Eines Tages verschwindet einer der Freunde ohne jede Spur und lebt in einem buddhistischen Dorf wo er seinen Frieden findet, bis Jahre später das Dorf mit Napalm bombardiert wird. Ein Buch, dass Vorurteile abbaut die Schrecken des Krieges zeigt und die Schönheit und Weisheit Asiens wiedergibt. Ich kann den Autor dieses Buches nur danken!“