Eine Frage der Teilzeit

Teile ich mir die Zeit ein: teile ich gedanklich meinen Nachbarn in zwei Hälften. Verwuschle ich sein Haar und in seine Uhrenkette mache ich Knoten. Der Uhr verpasse ich einen Kokon aus Resten von Gel. Die Flügel am Hinterkopf laufen ihm stromlinienförmig zusammen. Am unteren Ende befestige ich einen Manschettenknopf. Da sucht er nach seinem Fahrschein.

Teile ich mir die Zeit ein: klingelt mein Telefon volkstümlich. Bin ich ganz Dienstleister in der Dienergesellschaft. Meide ich Menschen ohne Sozialleben. Gemietete Leben. Auf Saubohnenplantagen.

Teile ich mir die Zeit ein: versuche ich mich an Wegen der Darstellung und Herstellung persönlicher Ordnung. Es ist eine Ordnung vergeblicher Zeichen. Aber immerhin wirksam der Schein meiner Dinge durch diese. Berücksichtigungen. Beschwichtigungen. Kontinuitäten.

Teile ich mir die Zeit ein: gewährleiste ich Existenz durch Klassifikation ins Vorhandene. Entdecke ich in Köln-Ehrenfeld nicht ein Kaufland sondern den Potsdam-Simulator.

Teile ich mir die Zeit ein: erbreche ich mein Vomitiv in Geschichten. Das Elend der Welt im jungen Pennerpärchen zum Beispiel. Er, schlafend, komatös in einem fremden Traum. Sie, streicht ihm den Speichel vom Kinn, liebevoll. Oder eine andere: Vom Tramnebenan, der in seinem Handy Anruflisten bedient. (Ein schräger Blick, meinerseits). Ein Blättern von „Schatz1“ zu „Schatz2“.

Teile ich mir die Zeit ein: teile ich mich, ich mich mit, mit mir selbst, und die Welt.

Der grobe Ton

(Notiz) Unfug? Für wen soll man sein in der Hörisch/Müller-Debatte. Will man sich denn positionieren. (Auch wenn die Position die Suchende ist). Und wie stünde es in dieser Begegnung? 3:2? Wenn man die Klein-Fürsprache einrechnete. Oder 2:2 nach Hieben? Und nun nach Abschluss der Angelegenheit und am Ende der Wahrheit? Der Beigabe Müllers und die Umlenkung ins Konstruktive: 2:3? (Sie ist natürlich nur nach aussen abgeschlossen.) Es ist uns doch so (fern), als spielte der FC Bayern gegen Borussia Dortmund. Am Ende ist man froh um viele Tore und Aktionen im Strafraum. Das Ergebnis ist insofern nur wichtig, denn es betrifft Lektüren. In diesem Falle die Erinnerung an:

Thomas Steinfeld: Der grobe Ton. Frankfurt am Main : Hain, 19911

Es ist banal und darum schön. Denn alles, was es hierzu zu sagen gibt, wurde schon dort skizziert. Und in Ewigkeit, wie nachgewiesen wurde …

“Wer meint, die Wahrheit zu vertreten, schliesst seinen Gegner nicht vom Gespräch aus, sondern will ihn überzeugen. Keiner ist je um ein Stückchen gebracht worden, bloss weil ein anderer es gepachtet hatte. Sie ist kein knappes Gut. Bourdieu hat daher etwas anderes im Sinn, als er tatsächlich schreibt: Weniger um Wahrheit ringen Professoren, als um den autorisierten Anspruch auf Wahrheit. Erst darum kann man sich tatsächlich streiten, weil mit dem Anspruch, eine Wahrheit zu besitzen, nicht Sätze miteinander in Konflikt geraten, sondern potentielle Wahrheitsträger – Konkurrenten auf dem akademischen Markt nämlich, die für sich werben und daher mit den Mitteln der Glaubwürdigkeit arbeiten müssen. Allein auf dieser Grundlage lässt sich “die Wahrheit” pachten und der Gegner vereinnahmen.”

Vielleicht muss man darum bilanzieren: Alle drei Ergebnisse sind also wahr und richtig, denn aus der Sicht der Ordnung gehört ihr Gegenteil stets aufgeräumt. Aus Sicht der Reglemente dagegen zählen auswärts geschossene Tore immer doppelt und daheim ist auf dem Platz. Bitte beachten Sie hierzu auch die bald anstehende Publikation von Fritz Michel: 4:2.

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1Warum also Hörisch bei Steinfeld anklopfte, bleibt unklar. Mit der Kenntnis dieses Essays hätte er sich eine Abfuhr erspart. Der zwölfte Mann ist und bleibt Geschichte. Und die muss man kennen.