Kein Krieg. Die alte Frau
zieht nur den Kopf ein, weil
sie hört, wie ein Apfel
krachend durchs Geäst schlägt.
(Jürgen Becker, Dorfrand mit Tankstelle, S.81, 2007)
|::| das sieb |::| kürzeste lyrik novitäten
Kein Krieg. Die alte Frau
zieht nur den Kopf ein, weil
sie hört, wie ein Apfel
krachend durchs Geäst schlägt.
(Jürgen Becker, Dorfrand mit Tankstelle, S.81, 2007)
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(A01 zu E02)
Wie ich Dich nenne? Und ob Du ein Lieber bist? Ein sehr geehrter oder Guten Tag? Meine Hände zittern, wenn ich an Dich denke, Deinen Rändern eine Schraffur verpasse, ganz zu schweigen beim Skizzieren Deines Überwurfs. Wenn ich Dir dies schreibe, ist noch nichts entworfen. Ist noch nichts geschehen oder zu Papier gebracht. Bist Du noch gar nicht Du und nur ahnend, allerhöchstens, wechselseitig: Teil einer Ahnung. Meiner, die noch Gel und Plasma ist und nicht einmal Wort, sondern zunächst und erst: Kanal. Frequenz. Ein versuche eine Übereinstimmung zu finden. Oder ein Medium, das nicht mit lauter, lauten Störungen durchzogen und bespannt ist.
Es gibt Dich. Und mich. Und das, was wir sein könnten, noch nicht und doch: Vielleicht als Idee oder Vorstufe dieser. Muss sie eingefangen werden. Zeichne ich: diese und Dich gleichermassen mit einem Kohlestift und zwei Fingern in die Luft. Vor dem Spiegel, meine Spiegelschrift zu entziffern. Alles beginnt mit der Bezeichnung. Und Du, indem ich Du sage. Wir. Nicht-Ich. Mit dieser Art von Impuls. Falsch wäre aber zu sagen, Neues wäre entstanden, denn es ist nur Neues aus Altem und damit Altes, verkäuflicher, sicher, ich weiss, wovon ich spreche.
Bald werden wir uns begegnen. Ich. Nein. Es wird dafür gesorgt werden. Man sorgt sich um uns. Automatische Sorge. Des Sorgensystems. Bin ich Teil davon. Möchte ich mitteilen und manchmal sagen: Hol mich da raus! Darum. Nur darum vielleicht, sage ich Du. Dies sagen zu können, weil ich mich meine. Wirst Du von dieser Ahnung getrieben, bin es ich, bin es ich, die Du sagt. Atmung. Und später: Hol uns da raus!
Ich ende ich. Ich muss Schluss machen nach diesem langen Tag. Man wird misstrauisch. Ich muss weiter arbeiten oder so tun. Doch dazu: später mehr. Mein Lieber, sehr geehrter, schon beinahe Sechs Uhr, Guten Abend und bis bald.
A.
(B28 zu M28)
B. und E. haben endlich zueinander gefunden und ein privates Treffen arrangiert. Schliesslich haben sie sich eine Menge zu erzählen, auch, wenn sie auf verschiedenen Seiten des Flusses stehen. Über den genauen Zeitpunkt ihres Rendezvous können sie sich problemlos verständigen. Zeit haben beide, soviel und so wenig wie der jeweils andere. Auch, dass es in der kleinen Stadt sein soll, wo der Fluss ins Meer mündet, ist für die beiden gemeinsamer Tarif, auch wenn sie dort niemals waren und von ihr einen Stadtplan zu erhalten, so gut wie unmöglich. Wo anders, als in der ersten Bibliothek des Ortes, kommen sie überein, soll also ihr Treffen stattfinden, angesichts ihres Themas, und: eine Bibliothek hatte jeder Ort zu haben, in diesem Land, wie einen Bahnhof, eine Polizei, Post oder Schule.
Möglicherweise sind die beiden in dieser Bibliothek gewesen, zur gleichen Zeit und am gleichen Ort. Aber: haben sie sich auch getroffen, und wenn ja: was ist dort besprochen worden? Wir wissen es jedenfalls nicht. Denn unmöglich ist alles und denkbar vieles. Das wissen auch die beiden und grüssen vielleicht immer noch aneinander vorbei, in einem engen Gang zwischen den Stellagen.
(D14)
Während Maurer nun an einem Laptop die automatisierte Powerpointshow startet mit den den Zuschauern schon bekannten Organigrammen, Listen und lächelnden Menschen, tritt ein kleiner Gospelchor zur Seite heran und fängt zunächst langsam zu swingen und klatschen an.
NEUMANN (singend, noch etwas verkrampft): Oh, joy.
CHOR: Oh, joy.
NEUMANN: Oh yes, oh joy.
CHOR: Oh yes, oh joy.
NEUMANN und CHOR (folgenden Text variierend):
Oh, joy! to see the Library staff perpetually jogging
And to see the Cataloger in the act of cataloging
(
)
All the ologies of the colleges, all the isms of the schools,
All the unassorted knowledges she assorts by Cutters rules;
Or tags upon each author in large labels that are gluey
Their place in Thoughts great Pantheon in decimals of Dewey;
Oh, joy! to see the Library staff perpetually jogging,
And to see the Cataloger in the act of cataloging.
CHOR: Oh yes, oh joy.
MAURER (ebenfalls singend): Was machen wir?
CHOR: Wir machen es neu?
MAURER: Wie wird es gemacht?
CHOR: Schnell und effizient?
MAURER: Und wie sind wir?
CHOR: Wir sind offen und freundlich.
NEUMANN: Und wer sind wir?
CHOR: Wir sind ihre Bibliothek.
WERBETRAILER: Wir sind ihre Bibliothek.
CHOR: Ja. Wir sind ihre Bibliothek.
MAURER: Ja, was macht ihr?
CHOR: Wir machen tolle Arbeit.
NEUMANN: Woran glaubt ihr?
CHOR: An Schnelligkeit und Effizienz.
MAURER: Und woran noch?
CHOR: Wir glauben an die Zukunft.
NEUMANN: Und woran weiter?
CHOR: Auch an unsere Kunden.
MAURER. Und woran noch?
CHOR: An unsere Server.
NEUMANN: An welche Server?
CHOR: An die Server der Bibliothek.
MAURER: Was ist ein Buch?
CHOR: Eine potentielle Datei.
NEUMANN: Was geschieht mit dem Buch?