Menetekel / A2S1(2)

(D11)

R3

Nach Abgang Fröhlich geht in R3 das Licht an. Man sieht Weber in signalroter Generalsuniform mit vielen Abzeichen und Sternen auf den Schulterklappen. An einem Tisch sitzen Neumann und Maurer in dunklen Designeranzügen und starren gelangweilt auf ein Flip-Chart, das offensichtlich von Weber bedient wird. Eine Beamer heizt sich gerade auf und im Hintergrund zeichnet sich eine Powerpoint-Präsentation ab.

WEBER: … und das Leitsystem installiert, sowie die internen und externen Kosten neu evaluiert. Auch die Erhebung der Werte der Produktumfragen und Beurteilungen schreitet voran. Ich denke, wir haben Projektphase II ganz ordentlich über die Bühne …

NEUMANN (nun mit der Powerpointshow startend, dazu in immer schnelleren Abständen, Organigramme, Folien etc. abscrollend): Wo ist denn da nur das virtuelle Zentrum?

MAURER: Und wo sind die Detailkonzepte?

NEUMANN: Das E-Learning-Modul, beispielsweise?

MAURER: Oder nur eine Skizze der internen Umsetzung des Globalhaushaltes?

NEUMANN: Wir vermissen eine klare Wachstumsstrategie.

MAURER: Und das O.K. des Lenkungsausschusses.

NEUMANN: Vor allem einen Entwurf zur …

NEUMANN und MAURER (gemeinsam): … quantitativen und qualitativen Entwicklung des Personalbestandes.

MAURER: Wir müssen das Personal doch weiter anpassen.

In R2 währenddessen: Flugs und Flitz tauchen in neuen Uniformen auf, die etwas besser anliegen, als die der Kollegen Käs bzw. Sachwitz. Die Uniformen sind in dunklem Blau gehalten. Flugs prangt ein Stern mehr auf der Schulter als Flitz.

WEBER: Aber weiter zu reduzieren gefährdet doch letztendlich auch …

NEUMANN: Herr Dr. Weber, durch die von uns eingeleiteten Massnahmen wird es viele Möglichkeiten …

MAURER: … zur Umstrukturierung des personellen Sektors geben. Aber bei sinkenden Etats müssen wir auch an die Humanressourcen denken. So ein Betrieb kann doch nicht länger …

NEUMANN: … auf so hoher Flamme kochen.

WEBER: Man muss doch auch an anderer Stelle schauen können, ob da nicht etwa zu viele Mittel …

MAURER: Und den Trend verschlafen? Wir müssen wohl nicht erwähnen, was passiert, wenn sich herausstellt, dass hier nicht mehr …

NAUMANN: … ganz zeitgemäss gewirtschaftet wird.

WEBER: Den letzten beissen die Hunde. Jaja.

R2

Parallel dazu in R2: Flitz und Flugs umkreisen sich, liefern sich ein Duell mit von Ihnen gelesenen Aufsätzen, Büchern bzw. Artikeln. Teilweise von Papieren zitierend.

FLITZ: … dagegen in „Modularisierung in Hochschulen und Bibliotheken. Materialien zur Bildungsplanung und zur Forschungsförderung. Bonn, 2002“

FLUGS: Kalter Kaffee. Alles entkräftet in „Auswirkungen der Empfehlungen der Strukturkommission auf den Ressourcenbedarf der Universitäten. Hannover, 2004“

FLITZ: … aber rehabilitiert in der „Konzeptstudie E-Archiving des Konsortiums der Hochschulbibliotheken. Zürich, 2005“

FLUGS: … aber eindeutig widerlegt in dem Artikel „Funktionale Einschichtigkeit in wissenschaftlichen Bibliotheken. Bern, 2006“

FLITZ: Aber die Nachhaltigkeit und die Sorgfaltspflicht.

FLUGS: Aber die Kundenfreundlichkeit und Bedarfsgerechtigkeit.

FLITZ: Aber die Finanzierung.

FLUGS: Eben! Die Finanzierung! (Flitz geht entrüstet ab)

WERBETRAILER: Haben Sie einen besonderen Wunsch? Zögern Sie nicht und teilen Sie ihn uns mit. Wir sind Ihre Bibliothek.

Myomorpha

(E17)

Diese Art Dornröschenwunder ohne Dornröschen. Mit Weissglut zwischen den Zähnen. Kleinflächenbrände in, an, um Leib und Seele. Die Bettwäsche: Leinwand der Fleische, aussen steif, hartgefroren, innen klamm, versiegende Glut, lachsfarben. Häutungen, stellenweise. Und Furchen: Faltenzüge, Striche, Gemetzelreste, Züge. Auch an Armen und Beinen und woimmerhin der Glaskörper sich richtete. Blendungen. Risse in der Membran. Sonne – Partikelstösse durch feinste Ritzen. Digitale Botschaften?

Wie lange hatte er geschlafen? Tage? Wochen? Monate? Oder zurück, mit dem Zeitrad gegen Uhrzeigersinn: sich verjüngt? Denn da waren fehlende Stellen und solche, die auf eine unkontrollierte Poetik seiner Memexzellen, Tätigkeiten hinwiesen, die ihm jetzt nur scheinen konnten. Und nicht sein.

Es gab aber auch ausdrücklich Spuren, die dafür sprachen, dass es tatsächlich war. Gewesen war. Ganz Greifbares: Haare beispielsweise. Nicht die Seinen. Und kleine Stofffetzen, beispielsweise – nicht die Seinen. Und anderes nicht Seiniges. Vieles sprach für eine astreine Präsenz.

Wenn Sie Fragen zu einem Ausleihvorgang haben, wählen Sie bitte die EINS. Für Informationen rund um unseren Bestand und dessen Verfügbarkeit, wählen Sie bitte die ZWEI. Benötigen Sie Hilfe bei der Recherche, wählen Sie bitte die DREI. In allen anderen Fällen, wählen Sie bitte die VIER. Dieses Gespräch kann zu Schulungszwecken aufgezeichnet werden.

Benedikt legte wieder auf, weil er sich bei keiner der angebotenen Optionen beheimatet fühlte. Sicher hätte er sich der Leitung VIER, dem sogenannten Staubsauger, anvertrauen können, fand aber, dass in Wedernochsituationen Persönlichkeit gefragt war, die im besten Sinne auch vollumfänglich vorhanden sein sollte. Ausserdem: er hatte sich geduscht, rasiert, gekleidet, gestrählt und duftete: und das sollte nun doch auch bemerkt werden, von den wenigen Bezugspunkten, denen er geneigt war. Und die Überwindungshürden geringer.

Die Hausmeisterin grüsste ihn freundlich, die Haustüre klappte sanft ins Schloss, die Gehwege ebneten sich ihm zu Füssen, die Geschäfte: erst im Begriff zu öffnen, gähnend, wie die Apothekerin – noch nicht ganz in ihrem weissen Mäntelchen. In den Trendwarenläden die Mädchen aber schon und wie immer: „sexy“, wie sie zwangsgelabelt wurden, und aufgekratzt wie Springmäuse. Die rauchenden Juristchen in spe noch nicht im Kreischen ums Aschetöpfchen versammelt, noch im Kampf und Getümmel um die besten Plätze in den Lesesälen, wo man sieht, aber nicht gesehen wird, noch hochmotiviert, grossmäulig nach dem dritten Kaffee, wie man hörte: vom ersten Untergeschosse herauf.

Aus den oberen dagegen, wieder, immer noch der Klangteppich fleissiger Dieselgeneratoren und anderer Techniken, die Rohstoffe in mechanische Akte und Energie verwandelten, die den Laden, wie Benedikt aufs zweite Mal abschätzte, am zappeln hielten, holpernd und tuckernd bisweilen, aber doch stabil.

Der rote Teppich allerdings war verschwunden, oder doch zumindest zur Seite geräumt, befand sich wohl im Austausch, wurde ersetzt, geflickt, gereinigt oder sonstwie aufgepimpt, die Treppenhaut: man sollte sehen, dass hier Veränderung stattfand, dass etwas floss, zum Guten, zu was denn sonst?

So war es auch die Aufgabe freigelegter Marmorplatten, Staub zu fangen, zu verschlieren, Fussabdrücke zu sammeln und zu vernetzen, um zu zeigen: auch hier Bewegung.

Mannigfaltige Bewegung auch in den Vitrinen. Auf Augenhöhe der Zeit und Winzigkeiten darüber verrieten sie den Geburtstag eines Grossschriftstellers mit Pfeife doch Wochen zuvor, gaben Hinweise auf potentielle, künftige Nobelpreisinhaber, waren also Teil des Ganzen, was sich nannte: vor Selbstspannung zitternde, strukturelle und gepflegte Öffentlichkeit, und das beruhigte. Beruhigte auch Benedikt, der gar nicht erst die heruntergeladenen Textbausteine zu den Jubilaren lesen musste, alle waren: mit ihrer Existenz versöhnt.

Was aber war im Katalogsaal passiert? Der Raum hatte sich seit seinem letzten Besuch verlängert. Und verbreitert. Neue Farben angenommen. Neue Gänge und Nischen ausgebildet. Weniger Nischen. An Gewicht verloren. Eine optische Täuschung, wie Benedikt sogleich entlarvte: Man hatte die Regale mit den papierenen Katalogkarten samt ihren Zylindern entfernt. Aufgrund eines „technischen Zwischenfalls“, wie es hiess, waren sie in Mitleidenschaft gezogen worden und befanden sich: woanders, da in solch einer Unvollständigkeit: nahezu unbrauchbar. Stattdessen waren die Raumränder anderweilig nützlich geworden. Waren Unterflächen blinkender Interfaces geworden, die zu locken und zu rufen schienen: Kumm man röwer, ick hebb ‘ne Birn. Oder: Just do it. Oder: Touch me, feel me.. Oder: Alles so schön bunt hier. Mit ihren Standardmasken und kaum zu übersehenden Eingabefeldern und Kohorten von Menues: Hilfetasten. Hilfetabellen. Hilfenummern und Hilfeadressen. Hilfe, wohin man schaute.

Die Person, von der sich Benedikt Hilfe versprach, war hingegen fast schon erwarteterweise nicht vorhanden. Auch die Auskunftsecke hatte sich in etwas anderes transformiert. Ein Beratungspool. Eine vollautomatische Dienstleistungsinsel mit Schnittstellen, Sprechstelen, Shortmessage-Modulen und ortskundigen Avataren, dazu winzige Membrane, die Fragen entgegennahmen oder mit jenen verbanden, wie sie sagten, die Antworten wussten: Auf alles, was Sie wissen wollen. Und wissen wollten es einige, denn plappernd waberte hiervor eine geschlossene Benutzergruppe, in gedämpfter Aufregung – die Auskunft aber: physisch quasi unbesetzt.

Wenigstens an der Ausgabe stelle liessen sie Fleisch an den Dingen. Subordinierte und als solche gekennzeichnete – „Ich lerne noch“ – mit Vornamenkärtchen und steilem Logo, die in gebrochenen Sprachen sprachen: etwas geknickt. Benedikt stellte sich an, und fragte, als er an der Reihe war, schüchtern: Darf ich Sie etwas fragen?

Nein, eigentlich dürfe man da keine Auskunft geben. Eine Auskunft in dieser Form, wäre vielleicht noch am ehesten an dem dort eigens eingerichteten Kompetenzcenter zu erwarten, und Informationen über Interna – man könne sich nicht vorstellen, nein, man wisse wirklich nicht … Anna Wiewardenngleichdername? … Man könne auch gar nicht solch einen Eintrag finden, auch nicht in der Personaldatenbank, wenngleich es da jüngst Löschungen gegeben habe, wie man gerade sehe, aber man müsse ihn nun bitten …

Benedikt konnte aus diesem Winkel auf dem plasmierenden Screen nur wenig erkennen, aber vielleicht hiess es doch hinter diesem Datensatz in einer Tabelle: ausgeschieden.

Der Lehrling klickte das Fenster weg, als Benedikt doch verwegen und immer zielstrebiger über den Counter glitt, wurde unsicher, bitte, bitte wenden Sie sich doch … Ich darf Ihnen wirklich keine weiteren Informationen dazu … Seine Finger fuhrwerkten unter der hellblauen Platte und fanden, wonach sie suchten, ein Schrillen im Bürobereich war zu vernehmen.

Geschmeidig schwenkten sich zwei bislang unbemerkte Kameras im Hintergrund der Ausgabestelle auf ihn ein und zoomten sich surrend an. Nur wenige Megabyte später eröffnete sich ein Sesam von Schiebetürenhydraulik und ihm drei wohl Bekannte. Der Abteilungsleiter in Festmontur schnaufte mit holzgesichtigen Schergen heran. Noch im Anweg wie Vorwurf auf den Lippen: Sie! Sie kennen wir doch! Sie haben wir doch schon einmal gesehen!

Noch ein Quotient

(B23 zu M23)

Hiesse das etwa?: Je mehr wir davon sprechen und je länger, umso besser? Im Umkehrschluss: Je weniger wir davon sprechen und je kürzer, umso schlechter? Und in aller Konsequenz: gar nicht davon zu sprechen und mit keinem Wort: ganz schlecht, nein, schlechtestmöglichst? Andererseits: Nur davon zu sprechen und mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln: supermaximal?

Aber wenn letzteres der Fall wäre, wer bräuchte es dann noch? Das, worüber dann gesprochen würde? Die Ablösung des einen durch die blosse Rede darüber, die nur zu seinem Besten war, schüfe das eine in sich selbst und wäre nur noch Rede. Sprache. Mit dieser Forderung zu seinem Besten löste man es in sich selbst wieder auf, in schieren Diskurs. Mit anderen Worten: Die Dinge werden gezwungen, sich in eine Doublette ihrer selbst zu verwandeln – in ein Reales ohne Realität, das aus autistischen Modifikationen resultiert. Baudrillards berühmter Ausspruch, dass das Reale im Hyperrealen verschwindet, meint dieses: (…)

Kleidermachen, Leute / A2S1(1)

(D10)

Akt 2, Szene 1

Licht in R1, in R2 und R3 ist lediglich die Notbeleuchtung an. In R1 stehen sich Sachwitz und Käs in schlechtsitzenden, grauen Uniformen gegenüber und zupfen an diesen herum. An ihren Oberteilen in Brusthöhe auf der Herzseite prangen überdimensionierte Namensschilder. Weber geht in R3 ans Mikrophon.

AUTOMATENSTIMME: Durchsage 923.

WEBER: Liebe Mitarbeitenden. Wie sie vielleicht heute morgen gesehen haben, wurden nun endlich unser Corporate Wear geliefert. Wie in den einzelnen Stilberatungssitzungen beschlossen, wurde, zusammen mit den von Ihnen in den neuen Verträgen angegebenen Körperdaten uns nun ein Set von Bekleidungsmöglichkeiten zur Verfügung gestellt, mit dem wir nun auch geschlossen nach aussen auftreten können. Wir hoffen, Sie finden Gefallen an Ihrer neuen Erscheinung. Sollten Sie es da und dort mit falschen Grössen oder anderen kleinen Problemchen zu tun bekommen, wenden Sie sich bitte an die BL, Abteilung Corporate Design, die Ihre Korrekturvorschläge im Rahmen des Möglichen entgegennehmen wird. Ich wünsche Ihnen allen einen guten Tag.

AUTOMATENSTIMME: Ende der Durchsage.

R1

Käs und Sachwitz schauen sich immer noch entgeistert an.

KÄS: Sie haben es tatsächlich getan. Wie haben die das nur durchgekriegt. Ich habe nie etwas darüber gelesen, als eine Entscheidung anstand.

SACHWITZ: Sicher in einer Durchsage. Lässt sich aber jetzt kaum mehr nachweisen.

KÄS: Schon alle Einsichtsoptionen fürs Durchsagenprotokoll aufgebraucht?

SACHWITZ: Ja. und selbst.

KÄS: Leider ebenso. Die hätte man mal vorsichtiger einsetzen sollen. Aber ich frag mal herum. Schauen Sie doch bitte mal nach, was sie in der neuen Kleiderordnung schreiben.

In R2 geht das Licht an und man wird Frau Fröhlich im viel zu engen Deux-pieces an einem dicht verhangenen Zettelboard gewahr, an dem von ihr noch weitere Anschläge ausgehängt werden.

AUTOMATENSTIMME: Durchsage 924.

WEBER: Äh, Frau Fröhlich bitte ins Direktionszimmer.

AUTOMATENSTIMME: Ende der Durchsage.

R3

Fröhlich geht ab nach R3. Als sie versucht das Licht anzumachen, interveniert Weber verschwörerisch.

WEBER (raunend): Bitte. Nicht das Licht anmachen. Ich bin noch nicht soweit.

FRÖHLICH: Oh, entschuldigen Sie bitte, Herr Dr. Weber. Ich wusste ja nicht …

WEBER: Haben Sie die Liste mit den Verstössen und Namen?

FRÖHLICH: Habe ich, aber ganz wohl ist mir bei der Sache nicht.

WEBER: Bitte überprüfen Sie doch zukünftig auch die Einhaltung der neuen Kleiderordnung und erstatten Sie mir wie gewohnt Bericht.

FRÖHLICH: Muss das wirklich …

WEBER: Sie haben ja noch Frau Flugs und bald auch weitere Hilfe auf Ihrer Seite. Es ist ja nur für eine kurze Übergangszeit.

FRÖHLICH: Gut, ich …

WEBER: Ach, und rufen Sie mit bitte diesen Theodor Bauer. Stante pede. Dass es soweit kommen muss.

FRÖHLICH: Herr Bauer ist meines Wissens auf einer Fortbildung.

WEBER: Auf einer Fortbildung? Hm. (Fröhlich geht ab nach R2)

WERBETRAILER: Liebe Kundinnen und Kunden. Wir sind ihre Bibliothek. Wir helfen Ihnen, wo wir nur können. Wir sind unübersehbar.

Nur ein lieblicher Flor

(E16)

Die Tram war ihm vor der Nase abgefahren. Dabei hätte er sie eigentlich mühelos erreichen können, wenn ihn nicht etwa eine Irritation verstockt und verstarrt hätte. Ein Werbergag eines Möbelhauses. Die Strassenbahn war innerlich mit weissen Vorhängen und einem Sortiment von Hockern, Sesseln, Bänken und Sofas ausgestattet, das reichlich besessen war, von den kleinen Angestellten mit den dicken Überstundentaschen, die sich alle versteckten hinter Gratiszeitungen, wie es sie hier im Dutzend gab. Benedikt wusste also zunächst nicht so recht, womit er es bei diesem Gefährt zu tun hatte. Eine Sonderfahrt? Ein Dreh? Versteckte Kamera? Erst als es sich ihm von hinten präsentierte mit dem Schriftzug: Nächster Halt – Ihr Wohnzimmer, fiel bei ihm der Groschen, doch da war es schon zu spät.

Ganz und gar nicht zu spät war es aber für einen Schlummertrunk, und bedauerlich fand es Benedikt, dass Röhrling ihn schon hinausgeworfen hatte, aus bestimmt anderen Gründen, als den vorgegebenen – aber das war seine Sache.

Auf einem Bein stand sichs schlecht, und auf dem Rückweg zu Fuss, entlang der klirrenden Gleise, ausgeschert an einer Stelle und in ein Weinhaus eingekehrt, das er schon lange einmal aufgesucht haben wollte. Ein Sprichwörtliches. Ein Trauriges. Trauer gewordene Trinkhalle. Wirklich zum Weinen also, wie sich schon nach Eintritt feststellen liess. Die verschobenen und versumpften Gesichter. Pockennarbige. Aufgedunsene. Eine Männergesellschaft in vollständiger oder teilweiser Vereinzelung. Benedikt machte wieder auf dem Absatz kehrt, als er noch das Dukeboxgedudel, dass es so etwas noch gab?, im Hintergrund entzifferte. La Paloma.

Lieber noch ein kaltes Bier und etwas Klares, das zischte, dachte er sich, schlenderte er entlang der Fassaden sogenannter Welt, den Bettenhäusern, Modediscountern, Schnellimbissen heimwärts in die Küche zu etwas Reellem. Zu einer Auslage, die Einlage war. Zu Naturtrübem und seinem Pendant. Zu Ruhe und versöhnlichem Schnurren der Maschine, die auch in geschlossenem Zustand Kälte abstrahlte.

Eine Stunde, zwei Stunden, und ein paar gelöste und nichtgelöste Fragen einer Quizshow, und etwas Zahnpasta, und ein paar Seiten eines klugen Buches. Die Lücke, die der Teufel läßt. Leben. Bestandsaufnahme in appetitlichen Portiönchen, die Hals und Atemwege verstopfte. Benedikt war ein wenig neidisch. Könnte er doch so schreiben und sammeln und verknüpfen und verschalten. So, so und so ungefähr hatte er es sich vorgenommen, musste es aussehen, so, nur so war alles auszulegen. Dann schob er das Buch zurück in die Ecke und zerstörte dabei ein Spinnennetz. Soll es doch neu gewoben werden. Soll es doch eingewoben werden. Du hast viel Zeit, Arachne. Soll es doch dort mit der Wand verschmelzen. Zog sich, am Ende dieses Gedankens, wie lange dauerte dieser? Eine Stunde? Zwei Stunden? Mehr? – ein Speichelfaden, Unterlippe, Bettkante, über die rechte Hand, die dies seltsam fand und ihn weckte.

War da ein Schatten am Fenster? War das Fenster selbst Schatten? Bewegung? Verzug? Schwer auszumachen bei dieser Beleuchtung, die gegen Null ging. Und doch hell genug war, das Fenster zu spiegeln. War es selbst aber gespiegelte Bewegung seines sich räkelnden Körpers. Wie spät war es? Die Balkontüre, den Austritt hatte er offen stehen gelassen. Liess er Luke sein zu seinem Schlag. Stand da jemand?

Das Wesen, das sich da langsam auf ihn zu bewegte, schien an den Rändern etwas ausgefranst, zumindest bildete es keine Konturen aus, umriss nichts, nur ihn, mehr und mehr, wie er anfing über es zu spekulieren: Ohne Zweifel – ein weibliches Wesen. Frau. Traumfrau – wie von seiner unzimperlichen Phantasie zurecht imaginiert, dunkle Haare, Haargold, wer – nun, es war Anna, musste es sein, oder: ihr Gegenteil, das sich mit ihr auffüllte, ihren Umriss austarierte, bald seinen Schleier verlor, sodass nicht zuletzt: sich Brüste abzeichneten unter dem Flor. Vorhöfe. Bedeutungen. Kniekehlen, die bald an ihm rieben, als sie sich auf ihn zu bewegte, oder war er es etwa, der ins Gleiten geriet? Schweigend. Atmend. Im Gegenrhythmus. Dann wieder gleichsam. Sich Häute deckten, ineinander übergingen und verschmolzen, dann wieder teilten und so fort, bis das Licht zu flackern begann, so kam es Benedikt vor, bis aller Atem verbraucht war und nur noch Vakuum in diesem Zimmer. Und keine Ecken mehr. Muscheln. Wölbungen. Rundes. Dann wieder Stockdunkelheit. Flüssigkeiten. Plätschern. Schweiss. Anderes. Undsoweiter.

Da lagen sie noch eine Weile, immer noch schweigend, immer noch auf anderen Ebenen unter diversen Decken. Immer noch hektischen Herzens. Nur beide vollständig und ganz anderes.

Das war das eine. Ein anderes: Können wir reden? Anna! Scheinanna, schwieg weiter beharrlich, aber lächelnd bei näherer Betrachtung, zumindest soweit erkennbar. Und schweigend.

Ich wollte dir noch einen Vorschlag machen. Vielleicht. Vielleicht wäre es besser, wenn es dir lieb ist, wenn dir dein Leben lieb ist, wenn du all das nicht verantworten magst, möchtest, in deinem Namen … Ich gäbe meinen. Vielleicht fühltest du dich dann sicherer.

Anna drehte sich um ihre eigene Achse, suchte nach ihrem Schleier, zog ihn an sich. Und dann möchte ich dir noch etwas zu Röhrling sagen, begann Benedikt erneut. du erinnerst dich? Der Alte, von dem ich sprach. Hat einiges an Erfahrung. Vielleicht auch in solchen Dingen. Könnte uns, könnte dir vielleicht helfen. Möchtest du, dass ich dich mit ihm bekannt mache?

Anna erhob sich. Stieg in das seidene Zelt, erst ein Bein, dann das andere. Strich es weiter an den Beinen hoch mit beiden Händen, dann über Hüfte, Gesäss und den Bauch mit der kleinen Beule. Bald den Oberkörper, sodass sie wieder nur Wesen war. Unbestimmbarkeit, mit etwas Kopf.

Was ist los mit dir, Anna? Benedikt versuchte sie festzuhalten, konnte nichts greifen, nur ein Stückchen Stoff, doch das Material glitt ihm durch die Finger. Widerstandslose Anna. Gib mir eine Antwort. Doch diese schwebte zur Tür und davon, hinaus in den Nachthimmel. Benedikt liess sich zurück ins Bett plumpsen. Stocherte, suchte blind nach einer Flasche Wasser, einen Fetzen, der ihm Handtuch sein konnte. Dann knipste er sein Nachttischlämpchen an und schaute auf die Uhr.