P. tut nur so

(B15 zu M15)

P. tut nur so. Betrachtet sein Sein als Tun zum Sein. Nicht immer, aber zuweilen. Heute, zum Beispiel, ist es wieder so, will heissen: es tut so, also er: ebenso. Gibt es da ein System, möchte man fragen? Nicht wirklich, würde man vielleicht zur Antwort bekommen. Nichts Beobachtbares, Schliessbares oder Universalisierbares. Möglicherweise eine kleine, statistische Auffälligkeit: Dienstags, beispielsweise. Dienstags ist er voll und ganz. Da kann er gar nicht anders: da sind die Kanäle gestaut bis oben und die Haufen überspannt. Und das Geklapper ohrenbetäubend, sodass es für ihn und auch alle anderen wohl das Beste ist: bei sich zu sein. In so hoher Konzentration, wie irgend möglich, damit die so gegebenen Zustände gegen Abend dank seines immens fokussierenden Seinseins gerne gegen Nichts, das will heissen: sich ins Wohlgefallen auflösen.

Am Mittwoch, da nun alle Pendenzen verschwunden sind, die Bemühungen, besser gesprochen: die Seinshaltung seines Vortags aber noch nicht abgeklungen – man ist ja keine Maschine – und infolgedessen eine Asymmetrie, Gefälle zwischen Angefallenem und Anfallendem, auch im Bezug seiner An- und damit Einstellung, gegeben, haben jahrelange Beobachtungen gezeigt – und P. sieht sich dabei sicher nicht als Einzelfall -, dass eine Störung der Aussenwirkung symmetrischen Scheins eher ungünstig verlaufen kann und die Haltung seines Seinseins in der Form darstellenden Tuns, geeignet, dies zumindest gut simulieren zu können. Dann, ja dann ist auch schon bald Donnerstag und für ihn Wochenende, und ein ganz anderes Tun in einem ganz anderen Sein.

Ein schönes Bild / A1S1(2)

(D2)

AUTOMATENSTIMME (sexy, danach Dreiklang, abwärts): Ende der Durchsage.

Während Fröhlich über R2 nach R3 gelangt und dort von Weber ein Blatt erhält, das bei der Übergabe ausgiebig kommentiert wird, Dialog in R1. Währendessen setzt sich Flitz in R2, nachdem er Papiere an den Informationswänden auf und abgehängt hat an einen Bildschirm und arbeitet etwas hektisch.

R1

KÄS: Kein Schnee. Nirgends Schnee. Und die neue Skiausrüstung. Alles umsonst. Für die ganze Familie. Das war teuer. Naja. Nächstes Jahr vielleicht. Oder Mal an einem Wochenende. Wenns schneit. Es soll ja bald schneien. Vielleicht. Und selbst?

SACHWITZ: Ich war bei den Eltern. Wie jedes Jahr. Reden wir nicht darüber. Schwamm drüber. Gefressen, gefressen, gefressen. (geht zu Ihrem PC). Und Müll, Müll, Müll. Hab jetzt bestimmt schon zweihundert Spammails gelöscht. Viagra. Casinos. Zimmerpflanzen. Reduzieren Sie Ihr Körpergewicht. Penisverlängerungen. Billige Medikamente. Software.

KÄS: Ins Engadin hätten wir fahren sollen. Ist aber doch ein bisschen zu teuer. Fünf Köpfe. Das geht nicht jedes Jahr.

SACHWITZ: Schon gelesen? Die neuen Arbeitsverträge sind da. (murmelt). Hmhmhm. Die Projektphase. Hmhmhm. Die Integration. HmHmHm. Ein spannendes Jahr. Hmhmhm. Aha, die Bilder sind jetzt online auf dem Laufwerk.

KÄS: Augenblick, ich komme.

SACHWITZ: Das war ne Feier. Die letzte, wahrscheinlich.

KÄS: Haha. Und hier der Flitz.

SACHWITZ: Und da die Flugs

KÄS: Haha. Und da der Flitz und die Flugs.

SACHWITZ: Und der Weber und die Fröhlich.

KÄS: Und der? Wer ist das denn? Den kenn ich gar nicht.

R3

AUTOMATENSTIMME: Durchsage 8.

FRÖHLICH: Ich möchte Sie auch noch und noch einmal im Namen der Direktion herzlich begrüssen. Neue und mehr Arbeiten werden für eine Übergangszeit auch im Verwaltungsbereich anfallen. Wir bitten Sie auch dort um Ihre Mithilfe. Ich werde in den nächsten Tagen an Sie alle Leitfäden mit Hinweisen auf die neuen Geschäfts- und Arbeitsgänge weiterleiten und bitte Sie, sich diese sorgfältig durchzulesen. Natürlich wissen wir, dass nicht alles von jetzt auf sofort reibungslos funktionieren wird. Aber wir werden Hilfestellungen geben, wo immer sie benötigt werden. Ansprechpartner wären je nach Fall, Ich, oder die Abteilungsleiter der Abteilungen BL oder IK. Ich wünsche Ihnen einen guten Tag. Äh, Herr Flitz, bitte ins Besprechungszimmer.

AUTOMATENSTIMME: Ende der Durchsage.

Fröhlich geht nach R2 ab, trifft dort Flitz und grüsst Ihn freundlich. Flitz eher abwesend, geht in R3 auf Weber zu.

WEBER: Herr Flitz, nehmen Sie doch bitte Platz.

FLITZ: Ich habe da noch eine kleine Frage zum Protokoll. Könnten Sie …

WEBER: Wir müssen da Prioritäten setzen. Es gibt wichtige neue Aufgaben zu meistern. Vielleicht muss man sie erst erfinden. Man muss da etwas vorsichtig sein, zunächst. Behutsam muss man damit umgehen. Und nicht gleich alles in Frage stellen. Wichtig ist auch, einen souveränen Eindruck zu vermitteln. Davon hängt unsere Glaubwürdigkeit ab. man wird am Anfang auf Widerstand stossen. Das ist doch völlig normal.

FLITZ: Ich wollte doch nur …

WEBER: Die Bedenken. Ich hatte sie auch. Ich habe mit einigen Leuten gesprochen. Es ist das Beste, diese ernst zu nehmen. Zuhörenkönnen, verstehen Sie?. Aber auch Alternativen aufzeigen. Das muss man erst stark machen. Man braucht da Verbündete. Könnten Sie das umschreiben? Etwas mundgerecht machen. Bis heute Mittag? Das sollte heute Mittag raus. Spätestens. Was meinten Sie?

FLITZ: Schon gut. Da war nur die kleine Passage mit …

WEBER: Weglassen. Brauchen wir nicht. Nicht jetzt. Sie machen das schon, und, in dieser Phase lieber erst einmal weniger, als zu viel. Das muss man erst einmal verdauen. So ein Unternehmen ist ja wie ein Körper. Und die Information. Das ganze Informationswesen, verstehen Sie, der Magen. Der spielt eine grosse Rolle. Dr. Jäger hat mich auf dieses Bild gebracht. Ein schönes Bild. War noch was?

FLITZ: Äh, nein. Bis heute Mittag. Soll ich …

WEBER: Ja. Mir vorher zur Durchsicht. So um zwei.

Flitz geht ab über R2 nach R1. Währenddessen

Sammelstellen, hybride

(Nachträge I)

(…) Was als «hybride Bibliothek bezeichnet wird – eine Einrichtung, bei der eine konventionelle um eine digitale Bibliothek ergänzt ist erweist sich zunehmend als problematisch.

Eine virtuelle Bibliothek kann nämlich, inzwischen wieder ganz auf einen lokalen Server fixiert, aus urheberrechtlichen finanziellen Gründen allem technischen Brimborium zum Trotz nicht mehr die umfassenden Dienstleistungen bieten, die für konventionelle Bibliotheken Standard waren. Insbesondere die wissenschaftlichen Zeitschriften werden da Knacknuss, weil die Druckausgaben immer teurer werden und Verlage sich weigern, die elektronischen Rechte an Bibliotheken abzutreten, so dass immer nur neusten Nummern verfügbar und die Kernaufgabe einer Bibliothek, die Archivierung, in Frage gestellt ist.

Jochum macht noch auf etwas anderes aufmerksam, das für Schweiz genauso wie für Deutschland gilt. 2006 ist die «Deutsche Bibliothek » in «Deutsche Nationalbibliothek» umbenannt worden, obwohl sie bloss eine Sammelstelle der seit 1913 in Deutschland erschienenen Veröffentlichungen also «ohne die historische Bestandestiefe auskommen muss, die andere Nationalbibliotheken auszeichnet». Die Kritik gilt, ganz abgesehen von dem für die deutsche Schweiz total unglücklichen Beiklang des Wortes «national», für die kürzlich zur Schweizerischen Nationalbibliothek umgetaufte Landesbibliothek. Auch diese Bibliothek ist bloss eine Sammelstelle der seit 1895 in der Schweiz erschienenen Veröffentlichungen, auch ihr fehlt die für eine wirkliche Nationalbibliothek unabdingbare «historische Bestandestiefe» bis den ersten überlieferten schriftlichen Zeugnissen.

aus dem Artikel: „Hybride Bibliotheken“, Der Bund, 15.8.07, S.25

Wrong place, same time*

(B14 zu M14)

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∑h−∗√∝h∞∠in∧∨∩∪t∫∴∼

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*Wachsmuth ist keine proaktive Figur. Wachsmuth versteht nicht alle Sprachen der Welt. Wachsmuth versteckt sich hinter den Sonderzeichen seiner Zeit.