Bibliothek der Gnade

(M42)

Die Bibliothek der Gnade wurde im Jahre 1997 gegründet. (…) in sämtlichen Zeitungen erschien eines Novembertages 1997 die gleiche Annonce. Es sei, hieß es dort, eine Spezialbibliothek geschaffen worden. Ihr Ziel bestünde in der Sammlung, Archivierung und dem öffentlichen Zurverfügungstellen all derjenigen Werke, die keinen Verlag gefunden hatten. Arbeiten jeder Art und jeglichen Umfangs seien willkommen. Die Bibliothek mache keine Unterschiede. Tagebücher, verschmähte Enzyklopädien, Waschzettel, Abhandlungen, Träume, Spruchsammlungen, Witze, Pamphlete, Romane – was auch immer in Schriftform vorliege und gedemütigt sei, es fände nun seinen Ort und seine Signatur. (…) Jedes eingereichte Manuskript werde mit Freuden angenommen und zugleich einer konservatorischen Behandlung unterzogen, um es für spätere Jahrhunderte und deren klügeres Urteil haltbar zu machen. Jedermann habe, Tag und Nacht, Zutritt zur Bibliothek. Auf Verlangen erhielte man eine mit neuartigen Reproduktionstechniken blitzschnell hergestellte Kopie jeder beliebigen Arbeit kostenlos ausgehändigt. Modernste Computertechnologie mit ausgeklügelten Retrievalsystemen ermöglichen den uneingeschränkten Zugriff auf die Bestände, in sämtlichen Sprachen der Welt. (…) Es ist kein Geheimnis, daß sich gerade in den Anfängen der Bibliothek die Mehrzahl der Benutzer aus Autoren rekrutierte. (…) Mit dem unaufhaltsamen Anwachsen der Gnadenbibliothek (…) spitze sich der Konflikt zwischen der althergebrachten Lese- und Schreibkultur auf der einen Seite und der anarchistischen Flut der Freien auf der anderen Seite zu. Die Beliebtheit der Gnadenbibliotheken verkleinerte die Absatzchancen des selektierenden Verlagswesens drastisch. (…) Energisch wies man auf die eigene Bedeutsamkeit hin. Die Flut einzudämmen, aus dem Strom aus Höchstem und Tiefstem, aus Geschmiere, Mittelmäßigen, Dilettantischem, Widerwärtigem (…) die wenigen Fische herauszuangeln, die der Lesemühe wert seien, müsse als undankbares und edles Geschäft hoch geachtet werden. (…) hiervon

Aus: Thomas Lehr, Zweiwasser oder die Bibliothek der Gnade, Berlin 1992, S. 347ff.

Draussen: Greyscale

(B05 zu M05)

Ein Text ist erst da, wenn er da ist. Vorher ist er ein Text, der nicht da ist. Denkt sie. Und über: Das Zuscherbenschreiben. Das gerade nicht. Am Freitag: die Wäsche. Zusatzwäsche. In den Kalender schreiben. Und anderswo: Bier und Wein für die Gäste. Und die Entwicklungszusammenhänge, denkt sie. Und: heute mach ich etwas ganz anderes, denkt sie. Und: Ach wär doch etwas mehr Wut in meinen Texten, und: ach wär ich doch wütender in meinen Texten, so wutmächtig, wie ich manchmal bin, ach, was sind das für Texte, die gar nicht wütend sind. Nicht einmal Scherben, denkt sie. Doch nicht meine Texte, denkt sie, und: Welche denn? Muss ich in meinen Schädel schaun und finde: tausend kleine Schädel. Und da ist nichts das zum aufstehn zwingt. Und nirgends auch nur ein vernünftiger Gedanke. Nur Gedanken über Gedanken. Nur solche die ordnen wollen. Nur kleine Schädelteilchen, denkt sie. Und all die schmutzigen Teller in der Küche. Und der Regen vor dem Fenster. Dauerregen. Regen. Regen. Am Fenster die Schädeltropfen. Nur Gedanken über Gedanken und kein einziger fliesst, nicht dem Glas zu Boden. Oder ist haltbar, seit er gegangen ist, denkt sie. Fast auf dem Weg zur Arbeit fällt der letzte Grund zu Boden. Regnet es. Sind nur tausend kleine Schädelstellen auf dem Balkon. In feuchten Kräutern die Gedanken um Gedanken. Bleibt nichts am Glas. Schaun sie zurück, denkt sie. Machen ganz etwas anderes, denkt sie: machen den Ofen an. Entzündet sich die Flamme nicht. Und nicht nur das, denkt sie, wenn ich nur wütend wäre, wie ich manchmal sein wollte, in meinen Texten. Wenn ichs nur ausdrücken könnte. All die kleinen Schädelchen. Wenn sie sich zeigten, denkt sie. Wenn er sie gesehen hätte, denkt sie, bevor er gegangen ist. Spülen die Teller kaum. Verklebt. Vertrocknet. Natron, muss da ran, denkt sie. Keine Flammen. Nur das kalte Glimmen kleiner Knochen. Werden ausgetrunken, heute noch, denkt sie. Und draussen alles Grau. Und draussen die Farben abgezogen, rechnerisch, denkt sie, mit einer kurzen Bewegung. Und draussen: Greyscale und auch die Plakatwerbung eine Fläche ohne Wut. Hat jemand die Wut abgezogen mit den Farben. Hat jemand die Farben rausgenommen, seit er gegangen ist, bleiben nicht einmal mehr Scherben. Bleiben Schwarz und Weiss und ein paar Töne dazwischen. Bleiben nur Gedanken über Gedanken anstelle der Gedanken. Ist da noch ein Fahrplan in der Ferne und beleuchtet und das Licht nur Grau. Und die Bahnen. Alle pünktlich.

Lesezeichen

(M41)

Ich saß in schmaler Reihe vor einer Glaswand, hinter der der aufsichtsführende Bibliothekar die Lesenden keine Sekunde aus den Augen ließ. Bei der geringsten Verfehlung kam er aus seinem Glashaus und wies den Benutzer mit Gesten zurecht. Man durfte das Buch beim Umblättern nicht zu sehr ans Lesepult pressen, man durfte es nicht aufgeschlagen zurücklassen, wenn man den Lesesaal verließ, und mußte ein schmales Kärtchen als Lesezeichen hineinstecken. Ließ jemand ein Buch eine Minute aufgeschlagen auf dem Lesepult, kam der Bibliothekar, steckte ein Kärtchen hinein und klappte es zu. Wortlos. Er sprach überhaupt nie. Weder Guten Tag noch Auf Wiedersehen. Hinter seiner Glaswand thronend, maß er die Lesenden mit strengen richterlichen Blicken. Einen englischen Kunsthistoriker, der mit Malerbuchkatalogen arbeitete, hat er stumm hinauskommandiert. Wahrscheinlich wurde er zum Direktor beordert. Was er falsch gemacht hat, weiß ich nicht.

Aus: Ute Treder, Die Alchemistin, 1993, S.11f.

Der Schweigen

Natascha schweigt mit Peter

Peter schweigt mit Sandra

Sandra schweigt mit Oliver

Oliver schweigt mit Beate

Beate schweigt mit Claudia

Claudia schweigt mit Matthias

Matthias schweigt mit Björn

Björn schweigt mit Dana

Dana schweigt mit Max

Max schweigt mit Natascha

Der gräßlichste Unflat

(M40)

Zwischen den Seiten der Bücher”, sagte er, “aber das können Sie sich nicht einmal vorstellen, weil Sie noch so ein windiger Neuling sind, liegt die gräßlichste Unflat jener schmutzigen und buckligen Wesen, die wir Leser nennen. Ein in seine Lektüre vertiefter Leser ist an sich schon ein lasterhaftes Wesen, übelriechend sein Atem und seine Hose, auf dem besten Weg zum Gehirnschwund mit allem, was sich daraus für die Transpiration und für die Gesundheit der Gliedmaßen im allgemeinen ergibt. In den Büchern findet man daher alles: Schuppen zum Beispiel! Sie wissen ja nicht, wie eklig das ist, eine Schuppendecke, als hätte es ins Buch geschneit, dazu die anderen Absonderungen der Kopfhaut; auch Haare! Sie wissen gar nicht, wie viele Haare, und erst die Körperbehaarung! Härchen aus Bärten, Schnurrbärten und Ohren landen in den Büchern; und bei jeder Lektüre kommen neue dazu, schichtweise, denn Lesen ist ein vandalischer Akt in jeder Hinsicht. Ich kann Ihnen die Seiten zeigen, die den Leuten gefallen und bei denen sie sich unbewußt länger aufhalten; es sind mit einer Fettschicht überzogene Seiten, Fleckchen überall und anderes Zeug, das uns ständig aus dem Gesicht fällt, ohne daß wir es wollen; Spucketröpfchen zerknittern das Papier oder werfen es auf, wenn es sich um Husten, Niesen, Auswurf oder Lachen handelt, vor allem wenn sie zwischen den Zähnen herausspritzen in Form jenes gewiß nicht hygienischen Sprühregens, der Ihnen bekannt ist. Und erst die Nase!

Aus: Ermanno Cavazioni, Mitternachtsabitur, 1991, S.61f.