Paare am Morgen XVII

Es sei fünf vor vier, sagt er. Sie hätten noch eine Stunde Zeit. Kein Hahn kräht. Kein Morgen graut. Kein Schlurfen von Passanten auf dem feuchten Bürgersteig durch das halbgeöffnete Fenster.

Kleine Schreie aus dem Raum nebenan. Dürftig. Versiegend. Bis die schwindende Kraft den Impuls versagt. Nicht ganz, sagt sie. Nur zehn Minuten. Denn acht gehörten dem Traum und der Rest dem Schlaf. Dem Sterben und dem Tod.

Dranmor V,1c

(So)

Und das Gefühl vor den tausend zu bewältigenden Metern eines ungeübten Schwimmers. Der Bauchdruck. Die dreissig Minuten im Wasser, das folgende Ziehen der Bahnen, das Zählen, das Fixieren der Stadionuhr, das Chlor in der Nase, das über den Rachen in den Gaumenbereich fliessen wird, die Unregelmässigkeit der Atmung. Die Taktung und Enttaktung. Ein Aufgebenwollen nach Zweidritteln der Strecke – das schon vorher wissen, dieses bekannte Gefühl, das schon lange da ist, bevor das Becken in Sichtweite ist, bevor man ins Wasser springt.

Dieses, während ich die Badewanne fülle, heisses Wasser, etwas bräunlich, die Rohre unvermindert rostig, geräuschvoll ächzend und pumpend, und zwei weisse Blätter auf dem Küchentisch, die seit Tagen gefüllt werden wollen (nur ein Entwurf, nur für Entwürfe), ganz sicher nach diesem Bad. Das Bad also ein Duschen vor dem Schreiben mit diesem seltsamen Gefühl. Und die Übermüdung.

Der Freund der Schwangeren, der Schwängerer wie ich ihn nenne, soviel wurde klar in diesem hellhörigen Haus, ist wieder ausgezogen. Nach nur zwei Tagen. Nach nur eineinhalb Nächten – meine Prophezeiung wurde bei weitem übertroffen: die veranschlagte Zeit ihrer Zweisamkeit stark unterboten. Er konnte nämlich sprechen. In der tiefen Nacht wurde sein Schweigen geläutert, platzte er, hielt er es nicht mehr aus, vermute ich: Was?

Die Begründung, unüberhörbar, das So: So habe er es sich nicht vorgestellt, wortwörtlich – und mein zaghaftes Klopfen und Bitten, fast ein Flüstern, das aber vor ihrer Tür überhört wird. So wäre es nicht erträglich. So könnte man doch nicht leben. Die Schwangere sah das nicht so. Das Schweigen und Schreien, Geben und Nehmen – ich hatte die Segel gestrichen und mich wieder zurückgezogen, nach unten, um mich weiter im Bett zu wälzen und darin Halt zu suchen – in Wellen: Ebbe und Flut der Erklärungen, der Vorwürfe und des Schweigens. Beinahe war ich eingeschlafen, heute nacht, dann knallte eine Türe, dann knarrte beherzt das Treppenhaus, die alte Holztreppe, die Stufen eine letzte Tonleiter bei seinem Abstieg, hinunter, noch eine Tür knallte. Dann Ruhe. Ein zartes Weinen einen Stock darüber. Wie es weitergeht? So nicht. Ob ich meine Hilfe anbiete? Kann ich helfen? Ein komischer Gedanke.

Doch viel dringlicher: Nach dieser Nacht mit ihren vier weniger dichten Stunden war wieder etwas da. Das Kommen und Gehen in diesem Haus. Und seinem Haus im Haus – dem Treppenhaus. Vielleicht wurde es von mir nicht rechtzeitig bemerkt. Vielleicht wucherte es auch schon seit Tagen oder Wochen. Ganz sicher beschloss es, sich heute bemerkbar zu machen. Wieder da zu sein. So.

Ich muss mich nicht verantwortlich fühlen, rede ich mir ein. Ich hatte beizeiten die Verantwortung abgegeben und das war gut. Das war ein kleines Glück. Und etwas passierte: etwas wurde von anderen übertüncht, wozu ich nicht Zeit gefunden hatte oder wovor ich mich scheute. Oder aus anderen Gründen. Aber nun war es wieder da. Denn ich öffne die Türe zum Treppenhaus, ob die Luft rein sei, während das Bad viel zu heiss eingelassen wird, und die Blätter auf dem Küchentisch rascheln, von einem kleinen Wind bewegt, der durch einen Fensterrahmen zieht, und es ist wieder da. Seine dunklen Adern sind zu sehen. Und seine schwarzen Flecken. Und das poröse Mauerwerk, an dem es sich entlangschleicht, mit dem es sich verbindet.

Fünf Sekunden Ratlosigkeit. Ich trete vor die Türe in das Treppenhaus und vermute, den Meterstab nehme ich nicht zu Hilfe, ein rasantes Wachstum. Der Pilz ist wenig unterhalb seiner angestammten Stelle wieder ausgetreten und arbeitet sich, auf den ersten Blick, in alle Richtungen. Ich mache Licht und beginne zu tasten. Er ist feucht, geruchlos und etwas lehmig – scheint unbeteiligt und harmlos, als habe er es nicht auf mich abgesehen. Aber wenn es so wäre? Ein Anruf im Laufe des Tages bei der Verwaltung oder vielleicht nur eine kleine Notiz durch den Türspalt der neuen Hauswarte zu schieben – es würde sich richten. Man würde das schon wieder in den Griff bekommen.

Dann ist das Bad wieder zu kalt und heisses, braunes Wasser nachzuschiessen. Ein Bein nach dem anderen in die Wanne zu stellen. Der Körper bereitet sich vor. Und die Lunge und der Puls. Ich tauche ein und unter und alles ist warm. Der schräge Blick von unten nach aussen trifft eine Fischerhütte und einen prahlerischen Strand. Und das Rauschen der See. Und eine Fischerhütte. Und eine leuchtende Düne. Und der Wellengesang. Was soll das? Und eine vergangene Jugendluft. Und ich ziehe und ziehe gleichförmig eine Bahn um die andere. Und.

Ich verschlucke mich und huste. Die Häute an den Fingerkuppen sind aufgeschwemmt und wulstig. Und der Dampf an Kacheln und Fenster kondensiert. Genug. Hinaus. Das muffelnde Handtuch. Der Bademantel. In die Küche zu den raschelnden Blätter. Sie haben sich gefüllt, füllen sich immer noch – man kann geradezu ihre Beschriftung verfolgen. Alles nach Vorschrift, dem Diktat des raunenden Winds. Etwas giesst sich über sie aus. Lässt die Buchstaben einweichen, dann verschwimmen. Ihre Atmung wird flacher und viele sind bereit aufzugeben. Nur ein paar noch lesbare Wörter erreichen den Rand. Sie müssen abgeschrieben, transkribiert und getippt werden, vielleicht sollte ich das sofort tun:

Roman,

der Pilz ist wieder da. Der Schwängerer weg. Und ich fürchte, Dranmor hat damit zu tun. Ich bräuchte ein paar Ratschläge. Ruf mich doch bitte zuhause an. Ich werde mich gleich bei der Arbeit abmelden.

Und ich drücke auf send.

wenn sich dichterinnen treffen

Wenn zwei der talentiertesten Lyrikerinnen der jungen Generation gemeinsam durch die Münsteraner Altstadt spazieren, unterhalten sie sich nicht über Literatur, sondern über – Moose. Über Bodentypen, auf denen sie wachsen, über Flechten und Gräser, über Industriebrachen und die urbanen Ruinen, die sich die Natur zurückerobert. Die Wienerin Anja Utler (Jahrgang 1973) und die aus Essen stammende Marion Poschmann (Jahrgang 1969) entdeckten bei einem der Essen zwischen den Gedichtgängen des Lyriktreffens ihr gemeinsames Interesse für die Naturreste in der Stadtwüste. Die Voraussetzung für Gedichte ist, so konnte man im Vorbeigehen lernen, kein diffuses Gefühl, sondern eine geradezu wissenschaftliche Genauigkeit der Benennung. “Kunst heißt / das Leben mit Präzision verfehlen”, lauten programmatische Verse des früh verstorbenen Nicolas Born, an den eine Veranstaltung mit seiner Tochter (und Herausgeberin) Katharina erinnerte. (…) faz, 7.6.05

ich (jahrgang 1969) schlage herrn hediger (jahrgang 19??) anlässlich des berner dichtertreffens am kommenden samstag einen spaziergang im quartier und ein gespräch über vögel an fensterscheiben sowie pasta al pesto vor. die medien bitte ich abstand zu halten …

PARADOXON

der schöpfer sprach

es werde licht

doch immer

wenn es dunkel wird

fließt der strom

ins schwarze loch

(Norbert Mayer, WORTUNGEN, S.28, 2005)

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