Dranmor IV,1c

(Die Nähte)

Wann ist das letzte Mal so etwas Unerhörtes geschehen? Entzug eines Weisheitszahnes. Extraktion eines Molars. Lokalanästhesie und das Rucken im Kiefer: war mehr ein Hören als Spüren. Plötzliche Offenheit, ein kleiner Schwall Blut, die gelähmte Zunge ahnte nur. Das heilt nicht von alleine. Da müssen wir etwas nachhelfen. Auch das Eindringen der dünnen Nadel war nur ein Geräusch, kein Gefühl. Das Geräusch wurde dann Gefühl, erzeugte jenes Gefühl einer Verklammerung und allmählichen Schliessung des Offenen.

Ob ich denn keine starken Schmerzen gehabt hätte? Das sei ja schwer entzündet, man müsse es aufschneiden und Flüssigkeiten absaugen. So viel Flüssigkeit, so viel Menge in diesem kleinen blauen Daumen. So eine Gedunsenheit. Eine kleine, böse Infektion, aber ich sei ja gerade noch rechtzeitig gekommen. Ein Stich, dann nichts mehr, was auf Hand hindeutet, dort, aber Hand an anderer Stelle, am Magen, im unteren Bauchbereich ein Knurren, aber zu vernachlässigen.

Ich zwinge mich dazu, wegzuschauen. Eine Assistentin lächelt mich an, während sie meinen Arm fixiert. Der Arzt ist konzentriert, gut so, schwitzt ein wenig, auch der Raum, ganz Äther, ist aufgeladen, überhitzt. Niemand öffnet ein Fenster. Spüren Sie noch etwas? Ich will mit Nein antworten, merke dann aber, dass sich etwas aufdrängt, in mich hineindringt. Ich schüttele meinen Kopf in unbestimmte Richtungen. Das Glatte und das Kalte, etwas Brutales ist nicht zu spüren, aber deutlich hörbar. Es ist den Gesichtsausdrücken des Arztes und seiner Assistentin abzusehen: ein leichter, abgeklärter Ekel, ein professionelles Erbarmen. Da ist doch etwas drin. Stochern. Wir müssen das herausholen. Stochern, Millimeterarbeit. Ein Spreissel? Ein Span? Schon fast Knochen. Haben Sie mit Holz gearbeitet? Ich antworte, dass es mir beim Umräumen unterm Dach passiert sei. Dass es alles Mögliche sein könne. Wir haben es! Es kann alles Mögliche sein. Immer noch das Unverständnis, wie ich es damit nur so lange ausgehalten habe.

Sie legen es auf etwas Mull in eine Schale. Der dunkle, abgebrochene Stift, daneben rotes, gelbes Sekret. Ein Miniaturbild. Leinwand, Farbe, Fremdkörper. Sehr modern: Buchbruch und Körperzutat ergeben ein schönes Gemälde. Wir schliessen jetzt. Ein. Zwei. Drei. Vier Stiche, die ich wiederum nicht spüren kann, die aber durch den langen Arm, über Schulter, Hals, Kiefer ins Ohr dringen, die auch sichtbar werden, in den Augen der Näher.

Das Ziehen: ruckartig, wie nasse Seile, Takelage, die sich nur schwer manövrieren lässt, im Sturm. Ich knirsche mit den Zähnen, bin ganz Mast, das Ziehen verstärkt sich. Der Sturm lässt etwas nach, bündelt sich, ein Paket wird geschnürt. Wieder Scheren, Säuberungen, Salbe. So, fertig. Ich verschreibe Ihnen noch eine Creme. Nehmen Sie sie … und der Verbandswechsel. Ein Vortrag: Es ist von Sterilität die Rede. Eine kleine Einführung, ein weiterer Assistent werde mich hierüber noch genauer aufklären. Und, man müsse es genauestens beobachten. Dann Fäden ziehen …. Aber erst die Beruhigung der Hand, des ganzen Armes.

Draussen scheint mir die kalte Sonne. Draussen schliesst die Sonne die offenen Stellen der Stadt. Salbt, deckt den grauen Schmutz der Strassen. Blendet. Ein blauer Himmel wurde genäht. Flugverkehr fand statt. Die Mobilität der Welt wurde also von niemanden eingeschränkt. Und: alles passt, wenn es passiert. Wer sagte das? Die Verklammerung unfühlbarer Teile ist kein Eklektizismus: es ist alles von einem Fleisch.

bemerkungen (I) zu “die stadt – kein zyklus”

(…)

die wahrheit der stadt ist keine stabile grösse. sie dehnt sich aus, wie sich das weltall ausdehnt, woran wir glauben. so dehnt sich auch die stadt aus.

(…)

die in der stadt leben, glauben. die an die stadt glauben, leben. die stadt ist fiktion. fiktion ist leben.

(…)

die stadt ist kein aseptisches gebilde. sie ist produktive fäulnis. sie hat ihren eigenen geruch, ist hörbar, fühlbar. selbst in der nacht ist aus weiter ferne ein dunkles rauschen zu vernehmen. zugvögel machen einen weiten bogen um sie.

(…)

die vollständige thesenschrift zur serie jetzt im -bereich (miszellen)

Dranmor IV,1b

(Man müsse)

Es täte ihm sehr leid. Dass es immer so weit kommen müsse. Es sei ja nichts Ungewöhnliches, habe er gelesen. Die Erwartungen. Das Unausgesprochene. Das Angestaute. Dann die plötzliche Lösung. Man müsse das nächste Mal eine andere Lösung finden. Vorher darüber sprechen, habe er gelesen; man müsse den Möglichkeiten von Eskalationen aktiv begegnen, einer Situation den Wind aus den Segeln nehmen. Man müsse Bedürfnisse artikulieren, ganz frei. Man müsse dem anderen Raum geben, ihn nicht zu manipulieren versuchen. Man müsse auch versuchen, nicht alles besprechen zu wollen, das könne man auch gar nicht. Besonders in Familien mit schwierigen Charakteren. Eine gehörige Portion bewusster Verdrängung gehöre auch dazu. So könne es gelingen. Wenn nur jeder seinen Teil dazu beitragen würde – sei dort gestanden. In vielen Artikeln: in der Hörzu, im Tagblatt, überall. Es sei absolut verständlich. Man müsse es das nächste Mal vielleicht so versuchen. Ja, das müsse man, antworte ich, dann lege ich bald den Hörer auf.

Den ganzen Tag war die Wohnung nicht zu heizen. War es so, als würde ins Nichts geheizt werden, ein ständiges Brennen, nun auch im Magen, zerlodert, gleichförmig, klamm.

Die andauernde Entzündung des Daumens, die offene Stelle, Fehlen der Haut – es ist nicht besser geworden.

Kruste, darunter einmal gelbe, dann wieder rote, gräuliche Flüssigkeit, sämig, ein Bakterienmeer, wahrscheinlich, es hört nicht auf. Es will sich nicht schliessen, verschliesst sich nur einer Heilung. Bewegungen machen Mühe, eine Abwinkelung ist ausgeschlossen.

Die Notizen, die entstehen, ich kann sie nicht mehr in meinen Laptop übertragen. Die Handschrift, Erstellung von Manuskripten ist möglich, viele, ein Berg Manuskripte, ein loser Blätterhaufen, erst die Maschine, eine Überführung ins Digitale würde Ordnung schaffen, eine eigene Ordnung nach eigenen Gesetzen.

Der Berg also auf dem Küchentisch – ein anderer im Wohnzimmer auf einem Stuhl. Notate. Kurzschlüsse. Exzerpte von Dranmorgedichten. Eigenes. Unverwertbares. Dazwischen eine Lage mit Namen, die ich meinem Vater gab. Gesetzestafeln, die damit erstellt wurden. Auch etwas Eiter, auf dem einen oder anderen Zettel, weil sich das Wundprodukt einschreiben will, weil eine Wunde sprechen kann.

Ich bin nicht unglücklich über den anhaltenden Schmerz, die steigende Intensität, ausgehend von dem Daumen, die sich nun langsam der ganzen Hand bemächtigt, auf den linken Unterarm zuzuwandern scheint. Der wandernde Schmerz, der sich ausbreitende als stabiler Bezugspunkt. Als Referenz. Tröstend. Etwas, worauf ich mich konzentrieren kann, immer wieder, wenn der Haufen, der Stapel Papier unter seiner Höhe zusammenbricht, der ganze Sinn aus der Nichtordnung fährt, dann meldet sich der Daumen. Eine faule Daumenordnung, die Aufmerksamkeit – sie wird abgezogen, wird gebündelt, konzentriert sich, macht mich begreifbar.

Die Kontrolle dann, bis an ein weiteres Aushalten nicht mehr zu denken ist, bis ich zur Arznei greife, um mich wieder zerstreuen zu können; bis die Langeweile des Schmerzes entsteht und wieder vergehen muss, eine andere Unterhaltung gewünscht ist. Das Medikament wirkt langsam. Dann aber, wenn schon gar nicht mehr an Wirkung geglaubt wird.

Dann wird auch wieder der Hunger wahrgenommen. Sie müssen mehr essen und Sie müssen sich dazu zwingen und Das vergrössert auch die Chancen Ihrer Genesung und Ich gebe Ihnen etwas hiervon, das wird Ihren Appetit anregen. Das eine mit dem anderen nehmen. Die Steuerbarkeit. Es so kontrollieren zu können, erleichtert mich.

Ich wähle eine Nummer, die ich auswendig kann. Eine Pizza Napoli, kleiner gemischter Salat, Flasche Montepulciano, Casa d`Italia dankt. Man könne es in fünfundzwanzig Minuten abholen.

Grauer Schwarzpulvertag. Ein beissender Geruch. Rotes zerfetztes Papier auf den Strassen, die kleinen schwarzen Löcher in den grauen Schneebergen der Ränder. Wäre nicht der Schmerz, wäre andere Langeweile. Müsste ich Roman anrufen oder schreiben, würde ich ihn nicht treffen, weil er keine Zeit hätte. Könnte ich mich aber mit dem Nichttreffen auseinandersetzen. Was passiert wäre. Und dem Hunger und der Langeweile. Es riecht nach Krieg. Nach einer jungen Schlacht, die noch nicht zuende ist. Ich halte mir ein Taschentuch vor die Nase. Beschleunige.

Roman nicht da. Nicht vor nächster Woche. Bis dahin: Der Daumen. Der Schmerz. Die Arznei. Der Hunger.

Raketen am gestrigen Himmel im heutigen Film, zerschossene Hüllen auf gedecktem Asphalt. Das Öde. Nichts Öderes als ein Bild eines Neujahrstages der kleinen Strasse. Man müsse das verbieten.

Morgen werde ich zum Arzt gehen. Spätestens übermorgen. Ich muss den Daumen in Ordnung bringen lassen. Er muss mich in Ordnung bringen.