Lotusesser

Mehr noch als das mitleid macht uns

Die liebe zu narren die blinde

Verehrung der amputation die

Pathologische lust auf die schönheit

Eines meerjungfrauschwarms zappelnde

Silberbäuche im schleppnetz die nichts

Von ihrer gefangenschaft ahnen nichts

Von ihrer beinlosigkeit von den

Zum garen entzündeten herden wir sehen

Glühend was schon erloschen

Selbst du gott kannst nicht lieben nicht

Sterben ohne deinen leib preiszugeben

(Michael Roes, Kain, S.89, 2004)

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Dranmor III,1e

(Debe mara pa)

Wo anfangen und nicht über die Berge vor meinem Fenster schreiben? Über die Berge Österreichs? KuK-Berge als Alternative? Dramors Dichtungen zerfleddern leise auf dem Küchentisch. Es sind schon ein paar Flecken auf dem Cover zu sehen. Spuren der letzten Tage. Halbherzige Lektüreflecken. Undefinierbare Sossenreste sind einfach mit einem Fingernagel von einer Prägung zu kratzen. Die Texte geben nichts her. Ich könnte über Brasilien schreiben, dem Ort wo sie entstanden waren, nur in dieser Umgebung machten sie vielleicht Sinn, aber ich weiss nichts von Brasilien. Dem historischen Brasilien des 19. Jahrhunderts. Es interessiert mich auch nicht besonders. Nicht so sehr, dass ich mich ernsthaft damit auseinandersetzen wollte.

Roman hatte heute Morgen am Telefon über mein Vorhaben gelacht. Und woher solle er denn etwas über Brasilien wissen? Er würde es gerade mal noch auf einer Karte finden. Ob sie dort immer noch Menschen fräsen? Ich war verwundert, hakte nach, wie er denn darauf komme. Es sei ein Spass gewesen. Er wollte einen ethnologischen Klassiker zitieren. Hans Staden. Sechzehntes Jahrhundert, allerdings – das sei noch immer nicht meine gesuchte Zeit.

Ich habe darauf die „wahrhaftige Historie der wilden, nackten, grimmigen Menschenfresser-Leute“ Stadens nach einiger Mühe als Mikroficheausgabe in der Bibliothek gefunden und mir einige Passagen ausgedruckt. Das Frontispiz dieser alten Ausgabe mit dem bärtigen Gesicht Stadens: ich fühlte mich dort kurz an das Dranmor-Porträt erinnert. Nun liegen sie nebeneinander, schauen in gegensätzliche Richtungen. Frappierend ähnliche Haltungen und Blicke. Dranmor etwas feiner gezeichnet. Staden wesentlich unterhaltsamer.

Fünfundzwanzigstes Kapitel. Warum sie ihre Feinde essen.

Sie essen ihre Feinde nicht, weil sie Hunger haben, sondern aus Haß und großer Feindseligkeit, und wenn sie im Krieg miteinander kämpfen, so rufen sie sich haßerfüllt zu: „Debe mara pa, xe remiu ram begue“ – über dich komme alles Unglück, du bist mein Essen, meine Kost. Nde akanga juka aipota kuri ne – ich will dir heute deinen Kopfe einschlagen. Xe anama poepika re xe aju – um den Tod meiner Freunde an dir zu rächen bin ich hier. Nde roo, xe mokaen sera kuarasy ar eyma rire usw. – noch ehe heute die Sonne untergeht, werde ich dein Fleisch gebraten haben.“ Das alles tun sie aus großer Feindschaft.

Schlimme Dinge, die Staden dort erlebte und zu notieren wusste. Die Trinkgelage. Das Einkochen der Gefangenen. Die minutiöse Beschreibung der Rasur der Augenbrauen des Mahles, des herausquellenden Gehirns nach Knüppelung, der Häutung – der illustrative Holzschnitt der Indio-Frauen mit ihren Zeremonial-Keulen. Eine saftige, barocke Sprache. Es sind Bilder, die nur wenig durch die Übertragung einbüssten. Ich erschrecke über meine Begeisterung.

Ist dann die Haut abgemacht, so nimmt ihn ein Mann und schneidet ihm die Beine über dem Knie und die Arme am Leib ab, worauf die Frauen kommen, diese vier Teile nehmen und unter großem Freudengeschrei damit um die Hütte laufen. Daraufhin trennen sie den Rücken mit dem Hintern vom Vorderteil ab. Dieses teilen sie unter sich auf. Die Eingeweide aber behalten die Frauen, die sie kochen und aus der Brühe einen Brei, Mingáu genannt, herstellen. Den trinken sie und die Kinder. Sie essen die Eingeweide und auch das Fleisch vom Kopf; das Hirn, die Zunge und was sonst noch daran genießbar ist, bekommen die Kinder. Ist das alles geschehen, geht jeder wieder heim und nimmt seinen Anteil mit.

Ich kann mich kaum von diesem Text lösen. Das Fremde. Das Selbstverständliche. Das Verständliche vielleicht sogar. Das: die ewige Kette wahrer Vergeltung. Dranmor dagegen eine weinerliche Milchsuppe. Leicht verdauliche, reibungslose Naturlyrik. Ich tue ihm sicher Unrecht, aber, wenn ich ihn und seine Verse zum Gegenstand machen will, muss der Tod hinein.

Dranmor III,1c

(Über Berge schreiben)

Woran schreiben, wenn der starre Blick aus dem Fenster fällt? Die Fensterrahmen etwa, die blätternden Simse, die bei windiger Bise knarren und sich in hölzerne Instrumente verwandeln. Entlaubte Bäume geben die Sicht auf eine Bergkette frei: Über Berge schreiben, immer, auch wenn dabei über ganz anderes geschrieben wird. Woran ich schreibe ist fast vergessen. Wofür ich schreibe, weiss ich nicht. Dagegen nicht, wogegen ich schreibe. Ich schreibe gegen Berge. Gegen diese Berge. Generell.

Die ständigen Berge, die ich sehe, sind Prellwände und leiten um. Nicht trockene Hitze, wären sie sonst vereist? Sie verleiten Kälte aus allen Richtungen in diese Region. Auch aus der Heimat. Umgeleitete Heimatkälte. Heimat, die sich auflöst, um langsam nirgends zu sein; um überall sein zu können. Die Heimat ist auch im Flachland ein Berg. In der Ferne – verzweifelte Schreibübungen, um das Zittern der Hände in den Griff zu bekommen. Und: die Gleichgültigkeit des Themas. Dabei ist die Form das Thema. Eine förmliche Nichtvollendung des Schreibens, ein ewiges Baustellengelände jedes einzelnen Wortes. Dessen Summe: höchstens Fragment.

Passiert das Schreiben beispielsweise in einer Giesserei; ist das Schreiben giessen. Das Umfüllen, Verfüllen von Flüssigem, Flüssigkeiten, Molekularem in eine feste Form. Einen Berg zu beschreiben: das lässt ihn erröten. Das Hoffen auf Erkaltung, auf eine Formgebung nach Entfernung des Mantels. Die Nahtstellen und Ränder: an diesen muss gefeilt werden. Vielleicht wird es eine Büste. Ein Lächeln oder eine grimmige Fratze. Vielleicht auch Torso oder abstraktes Gebilde, das für das Weiche oder Harte stünde – oder für beides.

Die kleinen Formen, Förmchen, mit denen ich im Sandkasten spielte, als ich Kind war. Ich hatte mit Sand geworfen. Etwas ging in die Augen der Mitspielerin, die zu weinen begann und aus dem Sandkasten geholt wurde. Böse Blick wurden von unverständlichen Wörtern begleitet. Wie ich dann von diesem Spielplatz entfernt wurde: Man wurde hart an die Hand genommen, ich weiss nicht mehr von wem, und nach Hause geschleppt. Die Tante. Die rotgequetschte Hand liess das Förmchen nicht los, aber kein Sand mehr darin, daheim angekommen. Immerhin die Erkenntnis: trockener Sand bleibt nicht haften und hängen. Mit ihm ist keine eigenständige, überdauernde Figur zu backen. Zerflossen, in Schuhe und Haare gewandert. Überall und nicht mehr los zu bekommen.

Kein Sand auf den Bergen auf den ersten Blick. Denn Sand liegt im Flachland, nur nicht der Dünensand der Sandberge einer Wüste. Und dort keine Kettenbildung. Hier dagegen? Wandern, Unrast, Ruhelosigkeiten. Die Berge vor den entlaubten Bäumen meines Fensters sind starr. Starren zurück, sobald sie mein Starren bemerken. Wundern sich, lachen, feixen über das morsche Haus, in dem ich dahinlebe, seine quietschenden Simse, seine Pilze, die leise auftauchen und wieder verschwinden. Schauen unverschämt herein. Fluchen über mich und das Haus, die keine Ahnung von Bergen haben, und nicht die leiseste, worüber Berge sprechen und sich amüsieren, wenn sie Ketten bilden. Derjenige, der sich erdreistet über sie zu schreiben, ist in ihren Augen ein dummer Ignorant. Derjenige hält ihren Blicken nicht stand, weicht ihnen geradezu aus, zielt an ihnen vorbei und durch sie hindurch. Die Undurchschaubaren. Sie sind nicht zu sehen. Das Eis, der Sand höchster Höhen, reflektiert; wirft zurück, bricht oder leitet um. Berge sind völlig unbegreiflich – sie rutschten sofort aus zitternden Händen, wollte man nach ihnen greifen.

Zu persönlich, zu intim wäre diese Geste. Die Annäherung an einen Berg muss immer scheitern. Zu Fuss oder mit dem Kopf voraus. Erst recht, wenn er in der Vergangenheit liegt und so flach ist, dass er kaum von den ihn umgebenden Tälern zu unterscheiden ist. Ein Berg ist erhaben. Eine Bergkette des Guten zuviel.

Dann bricht der Bleistift.  Zuviel der ersten Gedanken, dann die Worte über den Sand der Berge und deren grosse Hitze, wenn es soweit wäre. Zuviel, und bei Hitze – was tun? Die Alpen sind lebendig geworden und tauchen ihre Stirnen unter fabelhaften Bewegungen ins Wasser, finde ich an einer Stelle, als ich nicht mehr weiter weiss und nachschlagen muss. Eine Vorstellung, die ich gleich wieder verwerfe. Wo habe ich nachgeschlagen?

Der Bleistift bricht. Er ist in ein Gebiet vorgestossen, dem er nicht gewachsen ist. So spät ist es schon. Zwei Tage später und die Tür des Kühlschranks ist fast verschlossen. Er ist erstaunlich gut gefüllt, damit ich nicht mehr aus dem Haus gehen muss, um wichtigste Besorgungen zu machen. Um mich für weitere zwei, drei Tage zurückziehen zu können. Um ungestört am Fenster sitzen zu können. Um seinen Rahmen zu kritisieren. Um mir Gedanken zu machen, wie es wäre, würde ich einmal einen Berg fest ins Visier nehmen. Einen Dialog aufzubauen und ihm meine Meinung sagen. Es zieht ein wenig. Und bricht dann ab.