Dranmor III,3d

(Nägel, Fleisch, Archivzeit)

Neben Fett- und Kaffeeflecken auf einigen Seiten von Dranmors gesammelten Dichtungen beobachte ich eine neuerliche Verwandlung. Zwei dunkelrote Punkte, Kleckse haben sich an einer Ecke, unten, neben ornamentalen Weidensträussen in das Leinen des Buchdeckels eingelassen. Fransen bei weiterer Berührung aus. Ein Riss ging durch die Haut, teilte Fleisch, bei wiederholtem Streichen über den Buchrücken. War das Buch genagelt? Ein kleiner, rostiger Stift jedenfalls entschliesst sich, seinen Band zu verlassen, um sich mir ins Fleisch zu bohren. Tropfen. Ein, zwei, ohne dass ich es bemerke, also, auf dem Deckel. Der Weidenstrauss erblüht. Klatschmohnartig, an einer Stelle. Blutzoll. Wird ein Naturgedicht.

Ich hätte Roman nicht um Rat fragen sollen, ihm nicht den Magaziner, ein Exzerpt, die Exposition der kleinen Novelle, wie ich es nannte, zeigen, schon gar nicht schicken, überlassen sollen.

Ich hätte es in seinem Ordner belassen sollen, seinem Archiv, dort hätte es sich wohlgefühlt, wäre vergessen worden, hätte weitergearbeitet, im Verborgenen, im Stillen, in Ärmelschonern, unverletzbar, geschützt, in den Kellern oder zuhause in der kalten Wohnung. Oder hätte es anzünden, verbrennen sollen; es hätte ein paar Sekunden Wärme geschenkt, weitergegeben, einen Scheit entzündet, in der Folge warme Minuten gestiftet, unter dem Dach. Womöglich den Dachstuhl angesteckt. Ewige Wärme.

Ist es denn wirklich nicht einleuchtend? Dranmor als Objekt des Magaziners, ein Freund Pilzens. Oder Pilz Objekt Dranmors. Oder anders herum? Was spielte Geschichte als Chronologie denn für eine Rolle? Das könne man nicht machen, war Romans Replik. Das sei keine Literatur. Das sei zutiefst unglaubwürdig. Ich notiere: Was aber mit Ransmayrs letzter Welt? Zeitlosigkeit. Das Ewige der Fiktionen. Er wird schreiben, ich sei nicht Ransmayr, und damit hat er Recht. Ich streiche die Notiz.

Aber die Idee um die Fiktionalität Dranmors. Überhaupt, um die Fiktionalität irgendeiner Autorschaftsfigur, weitgehend, die Fiktionalität jedes Archivs, jedes Magaziners darin. Er hat es als akademischen Unsinn abgetan. So etwas möchte doch niemand lesen. Wenn ich an so einem Wettbewerb teilnehmen möchte, solle ich mich doch ein bisschen an Leserbedürfnissen, nicht zuletzt an den Bedürfnissen der Jury orientieren. Sonst könne ich gleich für mein Archiv schreiben. Privatfiktion werden.

Auch die letzte Figur, die Idee einer Grabschändung, sei ihm nicht willkommen. Ich müsse das letztendlich selbst wissen, aber Magazine seien keine Gräber, morbide Vorstellung, seien durchaus lebendige Orte, wachsen, werden, verändern sich. Dort grabe niemand Leichen aus, dort öffnete man höchstens einen lebendigen Körper, Korpus, stosse durch gut durchblutetes Fleisch, auf intakte Venen, man müsse aufpassen, dass man sich nicht besudele. Es ist nichts Schlechtes dabei, es so zu sehen. Nur Wonnen werden wieder aufgefrischt / Dort in dem ungeheuren Sarkophage. Versteht er nicht? Er will nicht verstehen. Er wird es auch nicht verstehen. Ich bezweifle, dass er sich schon mit dem 19. Requiemfragment auseinandergesetzt hat. Nun. Er würde gerne weiterhin ein Lektorat der Texte von mir übernehmen, schreibt er, dasselbe hoffe er auch im Gegenzug von mir, aber bitte, es solle sich schon um eine Idee handeln, und wenn es gehe, bitte um nichts Biographisches, das sei schon seine Spielwiese.

Abschliessend. Ich solle mich doch nicht so anstellen. Schliesslich habe man noch Monate Zeit. Ich solle es mir doch auch einmal gemütlich machen, ich wirke etwas verspannt, in jüngster Zeit. Die Feiertage. Ob ich denn nicht meine Familie besuche? Das würde mir gut tun. Das würde mich etwas ablenken. Auf andere Gedanken bringen.

Wird sich der Daumen entzünden? Die Schwellung ist bestimmt eine normale, eine gesunde Körperreaktion. Ich muss sie nur beobachten. Gründlich beobachten. Die Blutung ist gestillt, die Stelle verbunden. Es ist keine weitere Verunreinigung zu erwarten. Der Urlaub eingereicht, der Koffer gepackt, konventionelle Weihnachtskarten verschickt. Es bleibt keine Frage offen, in diesem Jahr. Ich muss mich beeilen, die Bahn fährt in einer Stunde. Pünktlichkeit ist bei Familienfesten das A und O.

Einsamer Weg

Du denkst, du wirst verfolgt

und drehst dich um,

aber es ist nur das Herbstlaub,

das dir nachläuft

(Rainer Malkowski, Die Herkunft der Uhr, S.23, 2004)

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Imbiss der Vorstädte

(9°22’/48°68’)

Das Schupfnudelritual ist

eine Sauerkrautgeschichte

die überhängt –

hinein aus

der kleinen Gemeinde

in einen landeshauptstädtischen

Bahnhof

Das Jenseits der

Aufenthaltsamkeiten wird lauwarm

in der Hektik des Ausstiegs

aus grossen Pfannen

genossen und

erzeugt wieder die Illusion

wir wären beinahe daheim

Dranmor III,3b

(Pilzgeschichten)

Ein Blättchen. Ein Album. Zeitungspapier. Ein Blick auf einen Veilchenmeister im Feuilleton. Das Retabel des Heiligen Antonius Abbas – das Mittelbild. Aura um den Heiligen. Das doppelgestrebte Kreuz und ein Buch auf dem Schoss. Allegorie für Gedächtnis und Glaube. Eine Magazingabe eines Archivs, das noch vor Schrift strotzte, auch wenn es gemalt, mit Farbe gezeugt wurde. Kräftige Farbe: Ein Schwein zur Fusslinken des Heiligen, in Bewegung, eine Glocke am Ohr, mit einer Knoblauchzehe spielend. Knollenwesen. Ich stelle mir ein Läuten als Grundierung vor. Im Hintergrund in der Ferne: Festungen, Ortschaften, romantische Natur. Ein kleiner, lockiger, kniender Knirps zu seiner Rechten. Seine Feuerhand will das Buch entzünden, vielleicht. Oder gar den ganzen Heiligen. Könnte ich es doch beschreiben. Es will nicht. Aber ich. Ein feuerrot knorpeliger Kerl, daneben, mit Hörnern an Kopf und After. Schlangen aus Ohren und After – blickt nach vorne und nach hinten und hat, obwohl er lächelt, nichts Gutes im Sinn.

Die Schlangenzunge als Darmfortsatz scheint einen unbescholtenen Fischer in der Ferne zu lecken. Glocken. Symbole und Allegorien überall.

Ich versuche es zu beschreiben, mir eine Beschreibung auszumalen. Sehe aber Glocken, wo Pflanzen sind, sehe gaffende Beobachter in Baumreihen, sehe einen Vorhang, wo ein langer, grauer Bart ist, vermute einen Narren, wo der Teufel sitzt. Ein Veilchen unter einem anderen Schwein ist kein Veilchen, nicht einmal eine Blume, sondern ein Pilz.

Seit langem das Gefühl, die Wahrnehmung der Dinge stimme nicht. Das Aufnehmen als Mykoseprozess. Das Erinnern wird zum Pilzverfahren. Lieblose Legendenbildung aus entschraubten, zerfledderten Realien einer verlassenen Natur. Gottverlassen.

Blumengeranke um das Bild. Ein weiteres Objekt einer Zurschaustellung darunter. Rapunzel aus dem Kiefernwald. Stahl. Gips mit blonden Haaren und einer Strickleiter. Die Leiter führt direkt in ein imaginiertes Himmelsareal, so der Begleittext. Ich kann keine Leiter erkennen – die Unschärfe und Körnung der Abbildung lässt es nicht zu – kein langes, blondes Haar über ein Brautkleid geworfen. Ich glaube einen geölten Trichter im Kopfstand zu erkennen, eine Wohnzimmerlampe, ein Megaphon, das auf Schreie wartet – im Hintergrund, eine Zäsur, Kante, Farbkontrast – nicht mehr. Aber auch nicht weniger.

Ist es eigene Schuld, wenn zu Dranmor nichts einfällt? Dann wiederum ist es eigene Schuld, wenn nicht das an- und aufgenommen wird, was ich sehe und es so festhalte, wie ich es sagen würde, wie ich es nehme: als Pilzfigur. Etwas Kaffee schwappt über den Faszikel, Buchstaben zerfliessen, Unlesbarkeit – kurze Zeit – dann nachdrückliches Wiedererscheinen. Im Bund, in seinem Falz wird er abgeleitet, abgeführt, aufgesogen. War das Waldleben? Geheimes Leben der Pflanzen, Tannhäuser, Frauen der Antike, Erinyen, tausend blühende Blumen weinen braune Tränen. Berenice. Alles Pilze. Verwandelte Formen des Einen. Ein Schlagwort.

Ich nähere mich vorsichtig meinem Regal, hätte es umrundet, stünde es im Zentrum des Raumes. Ein Ordner ist etwas, das Ordnung garantieren sollte, dabei ist es nur Gehäuse, Haut weiterer Unordnung. Und so weiter. In diesem Ordner vielleicht.

Die alte Magazingeschichte ist eine Pilzgeschichte. Ob ich sie noch finde? Vielleicht liesse sie sich umschreiben. Nicht paraphrasieren. Beispielsweise einen Namen austauschen. Ein verstellter Satz ergibt oft einen ganz anderen Roman – wie die Negierung einer Aussage ein Leben auslöschen kann oder ein verstelltes Buch in einem Magazin die Geschichte neu schreiben will. Ein altes Verfahren, noch älter als das Magazin. Wirkungsvoll wie der Kaffee auf einer Zeitung, der Buchstaben verblassen lässt, dann neu befüllt.

Ich erhebe mich, meine Knie knacksen dabei geräuschvoll, und ziehe meine Hose aus, werfe sie durch die halbgeöffnete Badezimmertür – warum brennt da noch Licht? – suche nach einer anderen. Es ist keine zu finden, also gehe ich halbnackt zurück in das Zimmer mit dem Sofa und blättere in dem Hefter mit der Aufschrift: Albumblätter, Miszellen IV.