Dranmor I,5

(Ventilation)

Ein ohrenbetäubendes Geräusch weckt mich aus einem Blättertraum. Pilzpaare tanzten, feierten Hochzeit unter einem Baum. Keine Tanne. Nadeln zwischen meinen Zehen, aber eine Birke. Birkenblätter umschmeicheln Keulenpilze und andere Fungi. Rara. Das Summen, das bei solcherlei Anlässen entsteht, hob an, immer lauter. In der Ecke des Baum-Cafés, furnierte Tische wohin man blickte, darüber ein Herrgottswinkel, am Kreuz baumelte eine Uhr, darunter die obligatorische Bildersammlung, heilig: Ein Marktplatz, Pflastersteine als Schwämme in einer frühen Morgenstunde, ein anderes: Roman, sie – wir drei auf der Terrasse eines Restaurants. Ein Langneseschirm, Heute frische Morchelsuppe auf einer Tafel. Adam und Eva wurden beim Vögeln erwischt, ein weiteres Bild. Ein Apfel kann das bezeugen, auch eine Schlangenfrau. Die Schlange als Postbotin mit gelber Schildmütze. Sie schlängelte sich nach ihrer Zeugenschaft durch das Unterholz und verendete auf einem Stapel Altpapier.

Spannende Lektüre. Ein Summen wird motorisch. War da Benzin? Ich schlafe schlecht zur Zeit – ob man das untersuchen müsste …? Die roten Schuppenflechten an meinen Oberarmen kann ich problemlos verstecken.

Warum habe ich den Rucksack noch nicht verstaut? Er liegt wie ein trauriger Hund unter der Heizung. Auch das Geräusch ist nicht das einer Kettensäge, aber ähnlich. Ich winde mich aus meiner Decke, erhebe mich von der Matratze und gehe zum Fenster. Punkt acht Uhr. Ende der Nachtruhe. Städtische Angestellte blasen mit grossen Ventilatoren Blätter von den Gehsteigen der Strasse. Warum an einem Samstag?

titel 2004

quartal 4/04

Weber, Andreas: Lanz. Roman. 2004. ISBN 3-7013-1079-3 – Müller (Otto), Salzburg –

Gumbrecht, Hans U.: Diesseits der Hermeneutik. Die Produktion von Präsenz. 2004. ISBN 3-518-12364-5 – Suhrkamp –

Bärfuss, Lukas: Die toten Männer. Novelle, 2002. ISBN 3-518-12306-8 – Suhrkamp –

Haas, Wolf: Silentium, 3 Audio-CDs. Gekürzte Fassung. Gelesen vom Autor. 2004. ISBN 3-455-30387-0 -Hoffmann & Campe-

Reiche, Volker: Strizz, das erste Jahr. Kein Problem Chef! Comicstrip 2004. Beck’sche Reihe Bd.1573. 2004. 185 S. ISBN: 3-406-51075-2 -BECK-

Krausser, Helmut: Die wilden Hunde von Pompeii. Eine Geschichte. 2004. 269 S.  ISBN: 3-498-03520-7 -ROWOHLT, REINBEK-

Benn, Gottfried: Hörwerke 1928-56. 11 Stunden. 1 MP3-CD -ZWEITAUSENDEINS-

Kosztolanyi, Dezsö: Ein Held seiner Zeit. Die Bekenntnisse des Kornel Esti. 2004. ISBN: 3-87134-489-3 -ROWOHLT, BERLIN-

Fellini, Federico / Simenon, Georges: Briefwechsel. Beiträge von Adorf, Mario / Sander, Otto. 2 Audio-CDs. Kein & Aber, 2001. ISBN :  3-0369-1104-9

Herbst, Alban Nikolai: Meere. Marebuchverl., 2003. ISBN: 3-936384-09-6

Flaubert, Gustave / Goncourt, Edmond de / Goncourt, Jules de: Der Briefwechsel mit den Brüdern Edmond und Jules de Goncourt (ZWEITAUSENDEINS) ISBN 3-86150-529-0

Genazino, Wilhelm: Der gedehnte Blick. 2004. 189 S. ISBN: 3-446-20528-4 -HANSER-

Regener, Sven: Neue Vahr Süd. Roman. 2004. 581 S. ISBN: 3-8218-0743-1 -EICHBORN-

quartal 3/04

Ransmayr, Christoph: Geständnisse eines Touristen. Ein Verhör. 2004. 136 S. ISBN: 3-10-062927-2, -FISCHER (S.), FRANKFURT-

Klein, Georg: Die Sonne scheint uns. Roman. 2004. 218 S. ISBN: 3-498-03522-3, -ROWOHLT, REINBEK-

Widmer, Urs: Der Geliebte der Mutter, 4 Audio-CDs. Gelesen vom Autor. Ungek. Ausgabe. 240 Min.. 2000.  ISBN: 3-8291-1062-6, -UNIVERSAL MUSIC-

Werner, Markus: Am Hang. Roman. 2004. 189 S. ISBN: 3-10-091066-4 – FISCHER (S.), FRANKFURT-

Roes, Michael: Haut des Südens. Eine Mississippi-Reise. 2002. 259 S. ISBN: 3-442-76073-9, -BVT BERLINER TASCHENBUCH VERLAG-

Kurzeck, Peter: Ein Kirschkern im März. Roman. 2004. 282 S. ISBN: 3-87877-935-6, -STROEMFELD; ROTER STERN, FR.-

Musil, Robert: Der Mann ohne Eigenschaften. Hörbuch auf 2 MP3-CDs. Beiträge von Corino, Karl / Weinmann, Martin / Theml, Katharina / Stäblein, Ruthard. Regie: Drawe, Hans. Sprecher: Berger, Wolfram. 3-86150-652-1 -ZWEITAUSENDEINS-

quartal 2/04

Ransmayr, Christoph: Die Schrecken des Eises und der Finsternis, Autorenlesung. Deutsche Grammophon, Literatur. 2004. ISBN: 3-8291-1389-7 -UNIVERSAL MUSIC; DEUTSCHE GRAMMOPHON-

Baker, Nicholson: A Box of Matches. 2003. 178 p. ISBN: 0-7011-7402-1 -CHATTO & WINDUS-

Röggla, Kathrin: Wir schlafen nicht. Roman. 2004. 219 S. Gebunden. ISBN: 3-10-066055-2 -FISCHER (S.), FRANKFURT-

Drink & Drive with Dylan Thomas, 1 Audio-CD: 50 Min.. Musik: Michael Hansonis. Text: Dylan Thomas. 2004. ISBN: 3-89830-706-9 -RANDOM HOUSE AUDIO-

Batberger, Reinhold: Blutvergiftung. Edition Suhrkamp Nr.2372. 2004. 221 S. ISBN: 3-518-12372-6, -SUHRKAMP-

Thomas, Dylan: Abenteuer in Sachen Haut. Aus dem Englischen v. Alexander Schmitz. München Hanser. 99 S. 1971.

Schmidt, Arno: Nachrichten von Büchern und Menschen, 12 Audio-CDs. Elf originale Radio-Essays. 748 Min.. cpo-ton. 2003. In Box. SWR 1955-1961. ISBN: 3-935840-02-0 -LITRATON –

Hildesheimer, Wolfgang: Herrn Walsers Raben. CD. 65 Min. NDR/BR 1960

Mann, Thomas: Buddenbrooks, 7 CDs. 480 Min. Sprecher: Gert Westphal, Horst Tappert, Dieter Borsche u. a. Neuaufl. 2003. Radio Bremen 1965. ISBN: 3-89940-264-2, -DHV DER HÖRVERLAG-

quartal 1/04

Stangl, Thomas: Der einzige Ort. Roman. 2004. 405 S. ISBN: 3-85420-649-6 -LITERATURVERLAG DROSCHL-

Anselm Kiefer. Die sieben Himmelspaläste 1973-2001. Katalog zur Sonderausstellung in Basel/ Fondation Beyeler. Mit einem Essay von Christoph Ransmayr. 112 Seiten mit 66 farbigen Abbildungen, broschiert, 2001

Francis Bacon und die Bildtradition. Katalog zur Sonderausstellung in Basel/ Fondation Beyeler. Ca. 380 Seiten mit ca. 210 Farbabbildungen, 2004

Thelen, Albert V.: Die Insel des zweiten Gesichts, 3 Audio-CDs. Hörspiel. Ausgezeichnet als Hörbuch des Monats September 2003. 161 Min.. 2003. NDR. ISBN: 3-550-09082-X, -ULLSTEIN HÖRVERLAG-

Peters, Christoph: Das Tuch aus Nacht. Roman. 2003. 316 S. ISBN: 3-442-75090-3 -BTB BEI GOLDMANN-

Hotz, Frits B.: Die Chaussee. Roman in Erzählungen. Ausgew. u. aus d. Niederländ. v. Sibylle Mulot. Mit e. Nachw. v. Maarten’t Hart. 2003. 284 S. ISBN: 3-7160-2319-1, -ARCHE VERLAG-

Puschkin, Alexander: Jewgeni Onegin. 2CDs. ISBN: 3-89584-590-6, Der Hörverlag

Wallner, Michael: Finale. Roman. 2003. 187 S. ISBN: 3-87134-472-9, -ROWOHLT, BERLIN-

Schleef, Einar: Mooskammer. Erzählungen. Edition Suhrkamp Nr.2356. 2003. 184 S. ISBN: 3-518-12356-4, -SUHRKAMP-

Weber, Anne: Ida erfindet das Schießpulver. Geschichten. 1999. es 2108. 91 Seiten. 3-518-12108-1, -SUHRKAMP-

Strauß, Botho: Unerwartete Rückkehr. Theaterstück. 2002. 60 S. ISBN: 3-446-20254-4, -HANSER-

Schmidt, Arno: Zettels Traum. Frankfurt am Main : Fischer Taschenbuch Verlag, 2002

Gottfried Benn “Gesammelte Werke”. Hg. v. Dieter Wellershoff. 3 Bände. 2.295 Seiten. Dünndruck. Fadenheftung. Leinen. zweitausendeins

Stadler, Arnold: Eines Tages, vielleicht auch nachts. Roman. 2003. 188 S. ISBN: 3-902144-60-2, -JUNG UND JUNG-

Tuschick, Jamal: Bis zum Ende der B-Seite. Roman. Edition Suhrkamp Nr.2333. 2003. 185 S. ISBN: 3-518-12333-5 -SUHRKAMP-

Dranmor I,3a

(Selbst ein Vielgereister)

Warum ich also in den Regalen Staub wische, den Boden erst mit dem Staubsauger, dann mit einem feuchten Tuch aufnehme? – Es gibt doch andere, wichtigere Dinge zu tun … Ich kümmere mich um mich selbst, wenn ich abends von der Arbeit komme. Mein Selbst, das, was man vielleicht als solches bezeichnen möchte, das sind die Dinge, die ich bewohne, in zweiter Linie sind das auch der Boden, die Regale, die ich bald mit Büchern befüllen werde, sind dann auch die Schränke in der Küche, die gereinigt wurden, soviel ist zu erkennen, aber dennoch Gilb, dünne Schichten öligen Films über der Kochstelle zeitigen. Reste, Geschichten unbekannter vorgängiger Zutaten, die ich nicht sehen, hören oder riechen will, die einzeln vielleicht einmal bekömmlich waren, jetzt aber fremde Folie sind, stinkend und klebrig.

Meine zwei Henkeltassen, ein paar Teller, tiefe und weniger tiefe, stehen bereit auf dem Küchentisch, warten einsortiert zu werden, nun: Nur noch dieser eine Wandschrank – letzter Tresor, der meiner Aneignung harrt, der Säuberung mit einem fremden Papiertuch. Altes angeschimmeltes Zeitungspapier liegt auf dem Schrankwandboden als möchte es etwas verstecken, verbirgt aber nichts und ich bin bereit, dieses zu beseitigen.

Eine Quartiersschrift aus den Sechzigerjahren, etwas ist unterstrichen, schwer leserlich, ein Name, Strassenname – Schönsteinweg entziffere ich, formerly known as Junkerngasse, spreche ich zu mir selbst, übersetze ich flapsig, das also meine Strasse – aha, sie hat also Geschichte, meine Strasse, und ich stelle mir den kleinen Stolz des vorletzten Lesers dieser Schrift vor, der diese Unterstreichung veranlasste. Der Vielgereiste, so der Titel der Kolumne Anstösser. Hier hatte also einer gewohnt, auf den die Nachbarschaft stolz war, ihn zumindest bemerkenswert fand, obwohl die Strasse nicht seinen Namen trug. Eine kursive Einlassung – Ein vergilbtes, verfallenes Gedicht, ich rekonstruiere zwei Zeilen:

Dort wo die Tannen stehn,

Da möcht`ich schlafen gehn.

Ich gähne und breche die Lektüre ab, überspringe die Verse. Ein Blatt aus irgendeiner Knabenzeit, denke ich. Hier sei einer letztlich gelandet, nach einer Odyssee behauptet der Autor dieses Artikels. In dieser Strasse. Eine ruhige Strasse. Strasse der, seiner letzten Ruhe. Weltfahrerstrasse, Endstück.

Man könne sein – nun allerdings verwahrlostes – Grab immer noch auf dem Ostermundiger Friedhof besichtigen. Tragisch, seine letzten Tage hier in dieser Strasse, man habe nicht viele Informationen darüber, aber ein Zeitgenosse habe viele Fragen gestellt und unbeantwortet gelassen. Anrüchigkeit. Ein Herzschlag wurde als Todesursache in einen Totenschein eingetragen, aber es habe hässliche Szenen gegeben im Schönsteinweg, formerly known as Junkerngasse 41, so die genaue Adresse vor ihrer Umbenennung. Warum Umbenennungen? Ungerade Dinge. Man habe Reitpeitschenstriemen an seinem Körper gefunden. Weitere gruselige Details möchte man hier nicht nennen.

Ich lege die Seite auf den Altpapierstapel und mache mich mit einem Putztuch an dem Schrankboden zu schaffen. Der Film, der Geruch lässt sich nur schwer vom Boden lösen – ich brauche Stunden, so kommt es mir vor, bis ich mit dem Ergebnis einigermassen zufrieden bin, und räume dann das Geschirr ein.

Es ist nicht das Letzte, was ich heute zu tun gedenke, noch weitere Arbeiten sind zu erledigen, nun, nicht mehr so sehr in der eigenen Wohnung, diese sollte vorerst einen bewohnbaren Zustand erreicht haben. Aber: das Treppenhaus. Der Garten. Die Pflichten. Ich öffne den Bücherkarton mit den Lexika.