Dranmor VI,5

(Aus den Aufzeichnungen II)

1885

Neben Gottfried Keller und Ferdinand Meyer der bedeutendste unserer vaterländischen Dichter der Gegenwart … wer hätte es dem Knaben prophezeit, dass er einst der gewaltige Herold des Todes sein sollte … Neigungen, … war die Wahl des Kaufmannsberufes vorauszusehen … Dass Dranmor in Wahrheit ein Dichter und nicht ein Dichterling und Reimeschmied ist, das fühlt Zecker sofort heraus … Eine solche Leier, oft rauh, disharmonierend ist diejenige Dranmors … dessen Antlitz so verwettert von den Schicksalsschlägen und den gewaltigen Seelenkämpfen … Dranmor weiss es wohl, dass er nur wenigen lieb werden kann und wird … Nach Frieden ringt sein Herz, das Todes wurde … In des Meeres Wellen badet er seinen Geist gleichsam frei von allem Staube … Der Pessimist ist durchaus keine neue philosophische Erscheinung … Der Pessimismus ist ein krankhafter Eudaimonismus … Dennoch theilt er mit diesen Koryphäen der neuesten Philosophie genau denselben Irrthum … Es fehlt ihm die freie unbefangene Würdigung des Evangeliums … Das Ergebnis aller Weisheit lautet: Todt ist Todt … Er ist ein Verteidiger der Feuerbestattung … Aber wer sagt es dem Dichter so haarscharf und unfehlbar, dass mit der letzten Zuckung im Gehirn alles zuende, dass der Rest Schweigen sei? … Unsere Hochachtung für den grossen Dichter und tiefen Denker zu Rio; aber da müssen sich unsere Wege scheiden … Dranmor wird niemals in vielen Büchereien zu finden sein. Er bringt zu schweres Gestein … Ich hätte dem gealterten Mann gerne eine andere Weltanschauung, vielleicht zu seiner letzten Fahrt über den Ozean gewünscht …

1894

Dranmor geht das ab, was Leuthold im Ueberfluss hat – das Rhythmische, die Form … Zum Epos fehlt ihm die innere Ruhe und die Anpassungsfähigkeit an die Aussenwelt. Sein dichterisches Vermögen ist beschränkt. Er kann nicht seine Arme ausstrecken, um ein Stück Welt auf einmal zu umfassen … Darum haftet den Dichtungen Dranmors etwas mühsames an … Er ist nicht schöpferisch … Er hat nicht die innere Kraft die Vergangenheit zu überwinden … Dranmors Talent bewegt sich in abgerissenen Formen … Dranmor fehlte das Vermögen, die Welt aus ihren einzelnen Erscheinungen heraus als ein Ganzes zu erfassen … Es ist, als ob Dranmor zu den nervösen Naturen gehörte, die das helle Sonnenlicht nicht ertragen können … Dranmor hat in seinem Besitze bloss einige Klänge, die er durchfühlt und variiert, deshalb war er auch kein produktiver Dichter … Ebensowenig hat auf ihn die Trope dichterisch wirken können …

1897

Der junge Lehrling, hinter den Rechenbüchern gebannt und das Herz voll Trauer und unbefriedigter Sehnsucht … Aber viel beachtet und besprochen ward die Dichtung bei ihrem Erscheinen nicht. Dafür war sie zu fremdartig und zu kühn … Diese und andere verunglückten Versuche drückten schwer auf den alternden Mann … Man sah auf dem Bahnhof Bern eine hohe, wenig gebeugte Greisengestalt auftauchen, in einem langen, faltigen Reisemantel gehüllt und sich mit der kleinen, rundlichen Begleiterin den Transport einer ganzen Familie vier- und zweibeiniger Lieblinge teilend … Hässlische Scenen sind dem Zusammenbruch des unglücklichen Greises jedenfalls vorausgegangen … Dranmor ist vor allem eine starke Individualität. Das zeichnet ihn aus vor manch berühmteren und fruchtbareren Zeitgenossen … Er musste seine Gedichte einer strengen, ihn merklich fremden Berufsarbeit und einer literarisch mangelhaften Bildung abringen … so wahr und warm hat wohl kaum je ein reicher Gönner von einem Ballettmädchen Abschied genommen … welche Sebsttäuschung dieser Liebe zu der Unwürdigen zugrunde lag und in der letzten Lebenszeit des Dichters so schmerzlich zutage trat … kommen oft so unvermittelt zum Ausdruck, dass man Mühe hat, sich zu einem reinen Genuss durchzuarbeiten … ungezügelter Gestaltungskraft und das für Dranmor bezeichnende Unvermögen einer streng verstandesmässigen Gedankenentwicklung … Schade, Schade nur, dass auch hier wieder der Ausdruck oft so dunkel und sprunghaft ist, dass er einmal zum blossen stammeln, dann wieder unter dem Zwang der übrigens musterhaften Form zur breiten nichtssagenden Tirade wird …

1914

weil sie (Schule Platens) inhaltlich nichts Neues oder kaum etwas bedeutsam Neues zu sagen haben, nicht zugleich irgendwie sprachschöpferisch, die Überschätzung der Poesie … Pathetischer Melancholiker … nicht Elegiker, sondern Pessimist. Er lebt im Schmerz über Verlorenes und über unerfüllte Träume und zertrümmerte Ideale … Sein Gefühl ist überdies eintönig und steril … monoton wie Lethe dahinrauscht … soll vorübergehend sogar in einem Zirkus debüttiert haben …

1924

einsamer Schwärmer … träumerisches Wesen … schwermütige Anwandlungen … reifte eine monotone, fragmentarische Lyrik mit unverkennbaren Spuren der Erschöpfung … bis zu seinem Tode am Mark seines Lebens zehrende verschuldete er selber durch die in leidenschaftlicher Verblendung geschlossene Ehe … achtundzwanzig gedankenschwere Ergüsse … pantheistische Diesseitsreligion … Doppelnatur Dranmors: die Dichtergabe und der Geschäfts- und Gründungsgeist … Sein Ehrgeiz war das Weltbürgertum … Byron, Platen, Waiblinger … Die Krankheit des Jahrhunderts … die Aufrichtigkeit, der hohe Ernst seines Leidens und Ringens … Allein seine Gestaltkraft war der hohen Aufgabe nicht gewachsen … Seine Stoffwelt ist beschränkt … für welche nicht der Inhalt, das Motiv, sondern die Form, der schöne Vers die Hauptsache sei …

1963

In Dranmor lebte ein schwerblütiges, ja schwerfälliges Temperament, das es ihm nicht leicht machte, von sich selber loszukommen … schwermütige Abwandlungen … In der materiell sorglosen Pariser Zeit (1868-1874) verzettelte er sich künstlerisch als “Weltbürger” … Bei aller Aufrichtigkeit jenes Tons ist Dranmor dennoch mehr nur ein dichterisch angeregter, wenngleich tiefangeregter Geist … sich ein ganzes Versgebilde hindurch, und wie mühelos, auf dieser Höhenlage zu halten, war ihm nicht oder kaum vergönnt … mit Minderwertigkeitsgefühlen zusammenhängende Gründe. Sein Bildungsgang war ja so unvollkommen gewesen … er hat offensichtlich Mühe, zum eigenen Erleben künstlerische Distanz zu gewinnen … sind poetisch schlaffe, ja nicht einmal geschmackssichere Wortgestaltungen … Wie bleibt aber all das in autobiographischer Realistik stehen! Platt Prosaisches, von dem Einzelnes fast das Komische streift … viel Prosaisches, Ungestaltes … doch in Ansätzen nur gestaltet … Dranmor versuchte sich auch in gereimten Verserzählungen; es liegt aber auf der Hand, dass er , der lyrische, unsinnliche Pathetiker, für diese Gattung nicht geschaffen war … bleibt gänzlich im Rohmaterial stecken … zudem unanschaulich und geschwätzig vorgetragen … Das adelt auch sein nur sporadisches Gelingen …

1979

Der seltsame Mann … ein Mann des Übergangs … Als Lebensgefährtin erkor er eine junge Kabarett-Tänzerin aus Rom … Requiem … scharf antichristliche Auseinandersetzung mit dem Tod … endete 1881 in totalem Ruin. Von da an lebte Schmid hauptsächlich von eigenen journalistischen und Übersetzungsarbeiten … literarischer Naturalismus … Petropolis … Es handelt sich ohne Ausnahme um Gedichte eines Dilettanten … pathetisch-kämpferische Weltschmerz-Lyrik: Lord Byrons … Kunst als Mittel privater Daseinsbewältigung … Er hat sich selbst mehrfach mangelnde Gestaltungskraft bescheinigt … Leider lag zwischen Wollen und Vollbringen eine brückenlose Kluft … Mit dem Kult des Fragments bei den Frühromantikern, vor allem bei Hardenberg und Friedrich Schlegel, hat das nichts zu tun … durch und durch konventionelle, ja klischeehafte Metaphorik … relative Ästhetik, geistige Heimatlosigkeit, über einzelnen Gedichten stehen mehr oder weniger passende Zitate als Motti … solipsistische Entlastung durch Produktivität … Es verlangte ihn nach Ansehen und Erfolg, obwohl er mit seiner Zeit zerfallen war … was er lebte, war die harte Existenz eines vermutlich wenig zimperlichen self-made-man … und ein neues Ahashver-Schicksal wird beschworen in den – wie fast immer – sprachlich absolut hilflosen Zeilen …

Blick auf die Uhr

Blick auf die Uhr,

Das ist der Trick.

Zeit mit Uhr,

Ewigkeit ohne Trick.

(Ynhui Park, Zerbrochene Wörter, S.20, 2004)

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Juli

3

Die Chroniken! Lauter letzte

Und keine eine Endung.

Wenn das Nicht-Ereignis uns verlässt

Fleht es um Zuwendung.

Überreicher Juli, so voll Vergangenem,

Mir entging das Gehen:

Blaue Libelle schwerelos auf dem

Schwarzen Wasser, mein Unverstehen.

(Michael Hamburger, Aus einem Tagebuch der Nicht-Ereignisse, S.111, 2004)

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Dranmor VII,3

(Perdita)

Perdita. Die Verlorene? Die Untergegangene? Das Heine-Motto des Mitleids als letzter Weihe der Liebe macht rasend. Die Kritiker haben zurecht bemerkt, dass nur die wenigsten Motti über Dranmors Gedichten Sinn machten. Sinn macht auch dieses Gedicht nur an wenigen Stellen. Als frühes Sprachkrisedokument vielleicht. Die formale Überschwenglichkeit, die sich nicht zu beschreiben zutraut, was das Herz fühlt, während sie ihre heisse Stirn kühlt – an der Fensterscheibe. Er ein Löwe, sie ein Reh, so passt das nicht zusammen. Im Rückblick ruft er Bleibe hier, sie, die wie er vorher bemerkte, ihm treu und blind liebt, sie, Glück und Leid für ihn. Er will ihr eine grüne Weide sein – sie, gebannt von seines Rosses Huf, die schlimme Welt sei schuld.

Dieser seltsame Mann, dieser Mann des Übergangs versteht nicht. Wie anders soll man ihn verstehen? Die Welt ohne Gnade, Mitleid und Verstand. Herzensgründe gegen Verstandesgründe. Ihre Bitten, ihre Thränen. Er, derjenige, der sich einfangen liess, heisse Stirn, ein gezähmter Leu. Es war ganz anders.

Armes, heimatloses Kind – nicht sie. Eine dranmorsche Projektion. Er war sie und sie war er. Späte Einsicht Bleibe hier und Gerne folgt er deiner Stimme.

Gastlich dann sein Haus und still, das leere dann. Braune Augen – schwere Perlen.

Nicht sie war die Betrogene, Verlassene, die wieder gnädig, räuig von ihm aufgenommen werden sollte. Er flog ihr entgegen, kindlich sein Ruf, bricht sich die Flügel an einer Fensterscheibe – treu und blind.

Für sein armes Kind zu sorgen / Das ist alles, was er will. Inzestuöse Väterinstinkte. Verkappte Inzucht.

Eines ist naheliegender: Die Selbstsorge. Die Sorge um sich selbst in der zweiten Generation. Sie trug ein Kind von ihm, vielleicht, und wollte sich selber durchschlagen – ein schwerer, mutiger Entschluss zu dieser Zeit. Sie hielt es nicht mehr mit ihm aus, mit seiner Jämmerlichkeit, und wollte das alleinige Sorgerecht. Er, nicht sie, treu und blind. Und schwer gekränkt. Für sein armes Kind zu sorgen. Doppelte Vaterschaft und gastlich sein Haus – doch still. Menschenmögliche Menschenpflicht? Ein Egoismus. Trauer um das wilde Reh, das er nicht zu zähmen vermochte, nun ins Gegegteil verklärt, verdrängt.

Sie hatte es irgendwie geschafft, irgendwo, ohne ihn – den seltsamen Mann. Den Mann des Übergangs.

Dranmor V,6

(Aus den Aufzeichnungen I)

1881

Es will uns scheinen, dass die Zeit gekommen war, wo sich alte Schäden nicht mehr übertünchen liessen, oder auch, dass man hie und da, schon aus Nachahmungssucht und durch freches Beispiel demoralisiert, die Gelegenheit nicht versäumte, um sich von lästig gewordenen Passivas auf wohlfeile Art loszukaufen … Denn die Lockspeise verwirrt, und der Stachel der Rivalität sitzt tief im Fleische … Auf dem Ziffernblatt der Weltuhr, deren Pendelschlägen Nationen und Individuen zu lauschen haben, rücken, dem innern Mechanismus gehorchend, die Zeiger nur langsam vor, machen aber oft capriciöse Sprünge, wenn man sie mit Gewalt zurückstellen will. Auch dann noch hat, was man im Menschendasein Jahre oder Jahrzehnte nennt, in dem Leben der Völker kaum den Werth einer Minute … In der deutschen Belletristik dämmerte allmählig die Ahnung auf, unser rauhes, materielles Jahrhundert sei einer objectiven Beurtheilung würdiger, als einer summarischen Verdammung, und man entdeckte, dass der Roman- und Novellenschreiber, ohne sich dabei etwas zu vergeben, sogar dem “Handel” eine phosphoreszierende Seite abgewinnen könnte. Seitdem haben sich gewandte, beliebte Federn mit neuen Stoffen beschäftigt, und so naiv, so kindlich sie dieselben behandelten, sie fanden ein dankbares Publikum … “So, meine Herren! nachdem ich Ihnen nun alles gezeigt: die Quellen des Lebens, die Keime des Todes – glauben Sie noch an die Existenz einer Seele?” “Ich glaube daran!” – Damit nahm er seinen Hut und lief weg … Das ist bedauerlich, und Niemand wird es uns “Eingewanderten” verargen, wenn uns gar zu subalterne Rollen nicht allzusehr gefallen. Dennoch, “in unseres Nichts durchbohrendem Gefühle”, können wir unseren tiefen Sympathien für das schöne Brasilien nicht verschweigen … Erträglicher wird das Heimweh, wenn ein freiwilliges Exil kein gänzliches Losreissen von angestammten Vorrechten, von bisherigen Lebensfäden bedingt … Vergessen wir nicht, dass wir es mit einer tropischen Constellation zu thun haben, deren Radien nach entgegengesetzten Polen hinstreben, nach productiven oder productionsfähigen Gegenden mit topographischen Abstufungen verschiedenartigster Gattung und Eigenthümlichkeit, innerlich ohne Wahlverwandtschaft, äusserlich nur durch ein immer lockerer werdendes Band zusammengehalten … Unsere Sprache mag unmelodisch sein; von Leidenschaft angehaucht, oder auf Täuschung angelegt, ist sie nicht. Was uns von Vernunft und Erfahrung zu Gebote steht, wir raffen es zusammen, um uns in keine Hallucinationen zu verlieren … Die Sklaverei ist ein Fluch, den uns vergangene Generationen überliefert haben, aber sie ist auch eine Anomalie, die nicht mehr fortbestehen kann … Wenn wir unserem bescheidenen Wochenblatte ein Verdienst zuschreiben, welches freilich auch manchen anderen Pressorganen gebührt, aber nichtsdestoweniger seine Bedeutung hat, so ist es dasjenige einer streng journalistischen Haltung … Verloren für sein Vaterland ist der Auswanderer, wohin er seine Schritte richte, es sei denn, dass er als “gemachter” Mann in späteren Jahren, und auf immer, wieder heimwärts kehre … Wie manche Existenz ist nach solchen Träumen im Elend untergegangen! … Durch die Legung des transatlantischen Kabels in 1874 hat das brasilianische Exportgeschäft zwar an Sicherheit gewonnen, weil es sich täglich Informationen frischesten Datums anlehnen kann, dagegen verlor es jenen Reiz des Geheimnisvollen und doch nicht immer Chimärischen, welchen es früher der Combinationsgabe des Speculanten bot … Das geschäftliche Leben des fremden Kaufmanns in unsern Hafenstädten ist ein harter Kampf mit stets wachsamer Rivalität, mit den Launen der Börse, wie mit den Beschwerden und Gefahren des Clima`s Zu diesen Widerwärtigkeiten gesellt sich der saure Beigeschmack des Exils … Schönes, in dem immergrünen Frühlingsgewande und mit dem funkelnden Sternen-Diademe wunderbar-schönes Brasilien! Ja, du bist gross, doch deine Grösse verdammt dich zu wechselvollen Geschicken; du bist voll innerer Kraft, doch wie vielen deiner Kinder fehlt das ungefälschte, lebenswarm durch die Adern rollende Blut! …