Suche jemand, der mich umbringt. Bezahle mit
meiner Frau.
(Aglaja Veteranyi, Vom geräumten Meer, den gemieteten Socken und Frau Butter, S.119, 2004)
|::| das sieb |::| kürzeste lyrik novitäten
Suche jemand, der mich umbringt. Bezahle mit
meiner Frau.
(Aglaja Veteranyi, Vom geräumten Meer, den gemieteten Socken und Frau Butter, S.119, 2004)
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(Aus den Aufzeichnungen III)
1883
Alles rächt sich schon in der irdischen Heimath … Was ist jetzt noch zu erhoffen? Wir sagen; Nichts, absolut nichts … Und die Tage gehen herum, und nicht immer leuchtet ein freundlicher Stern über den Saumseligen. Auf der Flucht aus dem brennenden Sodom sah Lot`s Weib hinter sich, und ward zur Salzsäule … Unbehagen überall … Überall Unbehagen, Unsicherheit und starre Gleichgültigkeit. Nur den Tagesfragen, und seien sie der frivolsten Natur, wird Aufmerksamkeit gezollt … Ein Vierteljahrhundert ist verstrichen, seitdem der Verfasser dieser Skizzen, von Geburt ein Schweizer, auf einer stillen “Nachtwache” unter den Leuchten des südlichen Himmels von “deutschen Colonien” schwärmte “wo die deutsche Flagge weht”, und sich ihm ein neues Reich offenbarte, “in dessen Grenzen nie die Sonne untergeht”. Jetzt sind seine Nachtwachen nüchterner Art, und an Visionen glaubt er nicht mehr.
I
Die Argumentenmappe. Handschuh.
Ein Anatom mit einer Säge
in Kupfer. Im Korridor. In einer Schachtel
leuchten die Falter. Ein Kaisermantel
mit Kopföffnung. Wachsende Staaten.
(Steffen Popp, Wie Alpen, S.43, 2004)
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(der bass, die wagenradgrosse trommel, mit fellen bezogen, rhythmisiert schweren gang, eine glocke schlägt ein paar mal)
01
der vorwurf
mit dem pflug als feder den acker beschreiben
fluch dem tod, mörder aller menschen
02
das hören
hört, höret und hört neue wunder, grausame, nie gehörte klagen
das gegen, gerechtfertigt
03
die identität
ihn widerstrebend, immer, der ausjätung wegen, der beraubung
des freudenreichen daseins wegen
der wind, die flut, die wogen, haltloser anker
04
das sein
bist du ein ackermann? wir haben in böhmen nichts vollbracht
ausser vielleicht
05
die liebe
hin ist sie, ach und wehe, diamant
bruch
(allein der ackermann, die trommel schlägt zwei mal – was hat der tod in der hölle zu suchen?)
06
die struktur
wer knecht, wer herr? wer?
mit spänen in den augen
07
die äusserung
die klage, leidfolge, natürlich
08
die himmel
die hölle als vernunftprinzip
des krieges aller gegen alle
09
die verlustangst
wonnenenteignung
(ein bass freut sich nicht)
10
die brunnen
weisheit versus jugend, unberührt, nicht betrunken, sein nichtsein
unterscheidet die liebste nicht
mit stumpfer klage
11
die trauer
ersatz wofür?
(rauft sich die haare – rücken an rücken der tod mit dem ackermann)
12
das glück
überall zu finden, nochmals, mehrmalig
leid und liebe im proporz
13
der schaden
das gewöhnen daran – hat der schmerz eine wohnung?
(eine glocke erklingt)
14
die reue
der streitsucher, sie werde zum besten zeitpunkt genommen
die märtyrerin genommen aus dem kurzen
glänzenden elend
15
die gegensätze
üble, des übeltäters erscheinung
(die kontrahenten nun aug in aug gegenüber)
wer seid ihr?
16
die sense
grosse verwandlerin, geht ihren weg
wir (alles und nichts) wollen dank
17
das paradies
schnitters ursprung – ist die sense gerecht?
wo sind die gerechten? die schnöden sind noch da
18
die dinge
sie zu erkennen, wettlauf des esels mit den hasen
19
das unmögliche
wiedergutmachung, schadensersatz
(die trommel)
20
die weisen
wollen im bade sterben und
beklagen die toten nicht
das leben – leihe
21
der tadel
der gerechte, kein rat, nirgends
22
das lied
freude, angst und hoffnung
diese vier verkürzen und verlängern
trauer
23
das gesprochene
süss, heiter, das begehren
gut ein – böse aus, und umgekehrt
bis ans ende – ewiges gedenken
(die trommel, die glocke)
24
der rat
fass ohne boden fürs hohle herz
neunlöcherlehren, es fliesst alles
in den rhein
25
das edle
unberührbar, der mensch, perfektes werkstück gottes
träger der vernunft?
26
die worte
des menschen
grammatik, rhetorik, logik, geometrie
helfen nicht
27
die geduld
wohin zu wenden?
weltlichgeistlichkeit
28
die gnade
des nehmens
(der bass)
29
die frauen
gehen vor
(die glocke)
30
die sünde
nichtigkeiten begreifen
als wahrheiten, alle dahin und
alle ihnen nach
31
das etwas, das nichts
wohin geht
der tod nach seinem tod?
in die hölle?
32
das ende
das vergängliche, ewige schöpfung, was
ist das alles?
eitel, krankheit, seele, wahn, vanitatis
und tue das gute
(eine glocke)
33
gott
gleichnis klagende jahreszeiten wer herrsche
klagen und herrschen, sibyllinisch
dem kläger ehre, dem tod sieg
34
das amen
lichtendes licht, ursprünglichstes, superlative
nova, gnadentau
(der bass, die trommel, die glocke)
die gnade
(In der Bibliothek I)
In der Bibliothek. Durch ein Bücherregal hindurchschauen. Zwischen Buchoberkanten und Regalunterseiten ist etwas Raum und dahinter der um diese Tageszeit nicht stark belegte Lesesaal gut überschaubar, und ein günstiger Platz schnell gefunden. Ich vergrabe mich hinter einer breiten Betonsäule und klappe meinen Laptop auf, schliesse ihn an der Steckdose an. Mache mich zu schaffen. Das schlechte Gewissen bei der Exzerpierung. Erst die Freude gestern, doch noch ein paar persönlichere Texte aus Dranmors Leben gefunden zu haben. Vermeintlich autobiographische Spuren, die sich in seinen Auslandsjahren angesammelt hatten, die sich mit in seine journalistischen Skizzen hineingeschrieben hatten, etwa in seiner Abhandlung über den “Handel und Wandel in Brasilien” – später dann in den weitaus resignativeren “Rückblick auf verunglückte Colonisationsversuche”, wie ich vermutete, in einem auf seine Persönlichkeit lesbares Wirtschaftsjournal, das ich gehoben hatte, wie ich denke, und dessen Existenz ich um jeden Preis verbergen will, ausschlachten will ohne Romans Wissen darüber, ohne selbst zu wissen, ob dies tatsächlich möglich war. Die Freude über diesen Fund und nun ein Gefühl der Inkriminierung, der flaue Magen, als stünde ich kurz vor einem Ladendiebstahl.
Ich weiss, Roman hatte mir schon viele Dinge verschwiegen, verschweigt mir immer wieder Dinge und hat dabei nicht die Spur eines schlechten Gewissens, sah in der Zurückhaltung von Dingen keine Beugung seiner Ethik der Sportlichkeit, wie er es einmal nannte. Und meine Wut darüber, nicht so sein zu können wie er, nicht aus meiner Sicht Unrechtmässiges ausblenden zu können, schon immer. Mit der Wimper zu zucken, zucken zu müssen wie bei einem Tick. Sagen zu müssen, das wäre immer schon so gewesen und dies als einzigen Trost gelten zu lassen.
Ich ziehe den Kopf ein, schrumpfe, denke ich, als das Bibliothekspersonal an mir vorbeigeht und in irgendwelchen Schubladen Zeitschriften sortiert und wieder an mir, hinter mir vorbeihuscht und mir über den Rücken schauen will. Ich beuge mich über den Tisch, über Bücher und Blätter. Und mich neugierig mustert, was ich wohl mit diesen alten Heften wolle, die auseinanderzufallen drohen, die auf speziellen Schaumgummiblöcken ruhen sollten, damit der Buchrücken nicht bräche, man würde sie mir an den Tisch bringen. Was ich mit diesen Schriften, die seit langer Zeit nicht mehr gelesen wurden und denen auch seit langer Zeit kein Forschungsinteresse entgegengebracht wurde, die ausgeforscht waren, die nutzlos seien, was ich mit diesen wohl anstellte, würden sie wohl denken.
(…)