Schöftland: Der Schein trügt

Es bleibt offen, wen oder was dieses Publikum da taxiert, beobachtet, ablichtet, im Hintergrund Zitate einer malerischen Altstadt. Geschichte. Auf dem Bild von Floh von Grünigen, Sänger und Musiker der Berner Gruppe Schöftland, ist dieses Hauptakteur und damit werkgewordene Rezeptions- und Systemtheorie schlechthin.

Musikalisch, kann man sagen, liedtextlich nehmen Schöftland ebensolche Konstruktionen auf und spielen sie an und durch, wie etwa in “Der Schein trügt”, das auch Titelpate für das jüngste Release wurde.

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doch der schein trügt

und der freund lügt

und trotzdem

und trotzdem

wollen alle auf die bühne

Das Kunstwerk (die Band, die Musik, das Ereignis, der Rahmen) formiert also ein Gegenüber und erhebt dieses selbst zum Sujet. Das zu erinnernde, festzuhaltende Ereignis ist sein Stattfinden und Dabeisein. Die Bühne wird, aus dieser Perspektive, so zur Scheinbühne, erlogen, und ihr Gegenpart, die Gegenbühne, auf die alle wollen, ist wahr und reell.

Doch auch so trügt der Schein, denn der Ansatz setzt für den Betrachter dieser Situation eine Dialektik in Gang, die in Blickwechseln auf die Bühnen, die Frage nach eigener Bühnenhaftigkeit und Inszenierung stellt.

Objektivierung könnte man diesen Vorgang nennen, und die Frage, ob man nun auf diese Bühnen wollte, wird prekär und zum Thema von Identität … Zu solchen Überlegungen laden Schöftlandlieder ein.

“Element of Blumfeld” wurden sie in Foren und bei Twitter genannt, und sicherlich nicht zu unrecht. Tatsächlich müsste man noch Namen wie Fink und Kante hinzuaddieren, alles Bands, die sich gewissermassen in Beobachtungen 2. Ordnung ausgewiesen haben, um das Koordinatensystem zu vervollständigen.

Kaum zu glauben, dass dieses Projekt ein Bernerisches ist. Auf den Tracks sind solche Spuren musikalisch verwischt. Auf der Bühne jedoch kommen sie wieder klar zum Tragen. Die Publikumsadresse, live und in Mundart, gibt der Musik wieder einen konkreten Ort, und verleiht ihr eher Authentizität, als dass sie genommen wird.

In jedem Fall hörens-, sehens-, empfehlenswert:

http://www.schoeftland.com/

http://www.myspace.com/schoeftland

http://www.chop.ch/

Veranstaltungshinweis: “Die Träume meiner Frau” (Uraufführung)

Christina C. Messner:  Die Träume meiner Frau; choreographierte Komposition für diverse Soloinstrumente in variabler Besetzung, Licht, Gegenstände und Bewegungen. Text: Hartmut Abendschein. Uraufführung.

Konzert am 1. Oktober 2009

20.30 Uhr, Klaviere Then

Wormser Strasse 41-43 (Nähe Chlodwigplatz)

Köln

Mitwirkende:

Christina C. Messner: Violine, Komposition

Irene Kurka: Gesang

Dorrit Bauerecker: Klavier

Annette Maye: Klarinette

Milena Kipfmüller: Szenische Einrichtung, Licht- und Tonregie

Zum Konzept “Szenisches Konzert mit Licht- und Tonregie”: In der Zusammenarbeit der fünf Künstlerinnen liegt der Schwerpunkt zum Einen darauf, die Musik durch gezielte Licht-, Ton- und Raumgestaltung zu intensivieren. Zum Anderen ist der Fokus auf die solistische Präsentation zeitgenössischer Musik gerichtet. Die Musik wird dem konventionellen Rahmen enthoben und dem Publikum mehrdimensional nahegebracht. Die szenische Einrichtung des Konzertes fungiert als künstlerisches Bindeglied zwischen den Akteurinnen. Weiter im Programm: Carola Bauckholt, Adriana Hölszky, Dorothee Eberhardt …

Lieferbar: Gestell und Ungestalt

ab sofort lieferbar ist der Titel:

Rainer Hoffmann

Gestell und Ungestalt


Fassung erster Hand

September 2009, 84 S., 19 x 12 cm, Klebebindung

ISBN: 978-3-905846-07-2, €10 / 16 SFr

Stw: Experimentelle Prosa / Erinnerung / Lesbos

Mehr …

“Nennen wir es augenblickliches, erstes Schreiben, erste Sprache der Erinnerung – ihre grünen Früchte … Momentum: das Noch-Nicht-Geronnene – als suche, beginne das Schreiben, gerade jetzt eine Form zu finden, oder als dürfe, könne es selbst bleiben, verharren, einen Augenblick in der unendlichen Fülle, in der Brüchigkeit und Flüchtigkeit seines Stoffs: sich fremd in dessen Ungestalt. … Die Zeit – kurz nach dem Ereignis, den Zwischenfällen, Begebenheiten, nahe ihrer Wahrnehmung, ihrer Beobachtung. Die Zeit – kurz vor der Ablagerung, Verschüttung oder gar ihrem Verschwinden. Die Zeit vielleicht noch vor der Skizze. …Nicht der Stoff im Hinblick auf ein Thema, Motiv. Belanglose Folge. Ohne Absicht, ohne Zweck, ohne Linie – sein Eigensinniges und Eigentätiges: sein Zufälliges, Unbändiges, Diffuses. … Nicht der Glaube an die Freiheit (oder gar Unschuld) dieses Augenblicks – der Wille zum Unmittelbaren erliegt zuerst dem Zwang. Das Unmittelbare – seltsames Begehren, merkwürdig fixe Idee – flieht unserem Bewußtsein immer schon voraus in die Unendlichkeit …  Der Glaube aber an die Neugier der Sprache – auf die Leichtigkeit der Ordnung, die dunkle Organisation des Erinnerns, die Ästhetik seiner Augenblicklichkeit. … Ich berichte nicht. Ich analysiere nicht. Ich eigne mir nichts an. Ich liefere mich aus … – einer unmöglichen Erzählung des Erinnerten. (Ihre Unmöglichkeit ließe sich definieren, über folgenden Ort: eines Schreibens ausschließlich von innen her.) … Vor diesen wenigen Pfählen am Abgrund beginnen. Den wahnwitzigen, den paradoxen Versuch, inmitten eines jungen Erinnerns teilnehmend nachzubilden, wie dort verwandelt geschieht, was geschah. Und daher niemals so geschehen ist. Jede Erinnerung vergeht, bleibt einmalig, im Nu.” (Klappentext)

Rainer Hoffmann, Köln (*1963) Ilshofen, Baden-Württemberg. Studium der Afrikanistik, Philosophie und Ethnologie in Köln und Wien. Forschungsaufenthalt in Bamako und Sikasso, Mali. 2001-2003: Kurzgeschichten für Mädchen. Work in Progress: “Hackfleischkörper oder Feiningers Schwierigkeiten mit der Liebe”. Wohnt und arbeitet als freischaffender Künstler und Barkeeper in Köln.

Rezensionswünsche bitte per E-Mail …

Leseproben