Myomorpha

(E17)

Diese Art Dornröschenwunder ohne Dornröschen. Mit Weissglut zwischen den Zähnen. Kleinflächenbrände in, an, um Leib und Seele. Die Bettwäsche: Leinwand der Fleische, aussen steif, hartgefroren, innen klamm, versiegende Glut, lachsfarben. Häutungen, stellenweise. Und Furchen: Faltenzüge, Striche, Gemetzelreste, Züge. Auch an Armen und Beinen und woimmerhin der Glaskörper sich richtete. Blendungen. Risse in der Membran. Sonne – Partikelstösse durch feinste Ritzen. Digitale Botschaften?

Wie lange hatte er geschlafen? Tage? Wochen? Monate? Oder zurück, mit dem Zeitrad gegen Uhrzeigersinn: sich verjüngt? Denn da waren fehlende Stellen und solche, die auf eine unkontrollierte Poetik seiner Memexzellen, Tätigkeiten hinwiesen, die ihm jetzt nur scheinen konnten. Und nicht sein.

Es gab aber auch ausdrücklich Spuren, die dafür sprachen, dass es tatsächlich war. Gewesen war. Ganz Greifbares: Haare beispielsweise. Nicht die Seinen. Und kleine Stofffetzen, beispielsweise – nicht die Seinen. Und anderes nicht Seiniges. Vieles sprach für eine astreine Präsenz.

Wenn Sie Fragen zu einem Ausleihvorgang haben, wählen Sie bitte die EINS. Für Informationen rund um unseren Bestand und dessen Verfügbarkeit, wählen Sie bitte die ZWEI. Benötigen Sie Hilfe bei der Recherche, wählen Sie bitte die DREI. In allen anderen Fällen, wählen Sie bitte die VIER. Dieses Gespräch kann zu Schulungszwecken aufgezeichnet werden.

Benedikt legte wieder auf, weil er sich bei keiner der angebotenen Optionen beheimatet fühlte. Sicher hätte er sich der Leitung VIER, dem sogenannten Staubsauger, anvertrauen können, fand aber, dass in Wedernochsituationen Persönlichkeit gefragt war, die im besten Sinne auch vollumfänglich vorhanden sein sollte. Ausserdem: er hatte sich geduscht, rasiert, gekleidet, gestrählt und duftete: und das sollte nun doch auch bemerkt werden, von den wenigen Bezugspunkten, denen er geneigt war. Und die Überwindungshürden geringer.

Die Hausmeisterin grüsste ihn freundlich, die Haustüre klappte sanft ins Schloss, die Gehwege ebneten sich ihm zu Füssen, die Geschäfte: erst im Begriff zu öffnen, gähnend, wie die Apothekerin – noch nicht ganz in ihrem weissen Mäntelchen. In den Trendwarenläden die Mädchen aber schon und wie immer: „sexy“, wie sie zwangsgelabelt wurden, und aufgekratzt wie Springmäuse. Die rauchenden Juristchen in spe noch nicht im Kreischen ums Aschetöpfchen versammelt, noch im Kampf und Getümmel um die besten Plätze in den Lesesälen, wo man sieht, aber nicht gesehen wird, noch hochmotiviert, grossmäulig nach dem dritten Kaffee, wie man hörte: vom ersten Untergeschosse herauf.

Aus den oberen dagegen, wieder, immer noch der Klangteppich fleissiger Dieselgeneratoren und anderer Techniken, die Rohstoffe in mechanische Akte und Energie verwandelten, die den Laden, wie Benedikt aufs zweite Mal abschätzte, am zappeln hielten, holpernd und tuckernd bisweilen, aber doch stabil.

Der rote Teppich allerdings war verschwunden, oder doch zumindest zur Seite geräumt, befand sich wohl im Austausch, wurde ersetzt, geflickt, gereinigt oder sonstwie aufgepimpt, die Treppenhaut: man sollte sehen, dass hier Veränderung stattfand, dass etwas floss, zum Guten, zu was denn sonst?

So war es auch die Aufgabe freigelegter Marmorplatten, Staub zu fangen, zu verschlieren, Fussabdrücke zu sammeln und zu vernetzen, um zu zeigen: auch hier Bewegung.

Mannigfaltige Bewegung auch in den Vitrinen. Auf Augenhöhe der Zeit und Winzigkeiten darüber verrieten sie den Geburtstag eines Grossschriftstellers mit Pfeife doch Wochen zuvor, gaben Hinweise auf potentielle, künftige Nobelpreisinhaber, waren also Teil des Ganzen, was sich nannte: vor Selbstspannung zitternde, strukturelle und gepflegte Öffentlichkeit, und das beruhigte. Beruhigte auch Benedikt, der gar nicht erst die heruntergeladenen Textbausteine zu den Jubilaren lesen musste, alle waren: mit ihrer Existenz versöhnt.

Was aber war im Katalogsaal passiert? Der Raum hatte sich seit seinem letzten Besuch verlängert. Und verbreitert. Neue Farben angenommen. Neue Gänge und Nischen ausgebildet. Weniger Nischen. An Gewicht verloren. Eine optische Täuschung, wie Benedikt sogleich entlarvte: Man hatte die Regale mit den papierenen Katalogkarten samt ihren Zylindern entfernt. Aufgrund eines „technischen Zwischenfalls“, wie es hiess, waren sie in Mitleidenschaft gezogen worden und befanden sich: woanders, da in solch einer Unvollständigkeit: nahezu unbrauchbar. Stattdessen waren die Raumränder anderweilig nützlich geworden. Waren Unterflächen blinkender Interfaces geworden, die zu locken und zu rufen schienen: Kumm man röwer, ick hebb ‘ne Birn. Oder: Just do it. Oder: Touch me, feel me.. Oder: Alles so schön bunt hier. Mit ihren Standardmasken und kaum zu übersehenden Eingabefeldern und Kohorten von Menues: Hilfetasten. Hilfetabellen. Hilfenummern und Hilfeadressen. Hilfe, wohin man schaute.

Die Person, von der sich Benedikt Hilfe versprach, war hingegen fast schon erwarteterweise nicht vorhanden. Auch die Auskunftsecke hatte sich in etwas anderes transformiert. Ein Beratungspool. Eine vollautomatische Dienstleistungsinsel mit Schnittstellen, Sprechstelen, Shortmessage-Modulen und ortskundigen Avataren, dazu winzige Membrane, die Fragen entgegennahmen oder mit jenen verbanden, wie sie sagten, die Antworten wussten: Auf alles, was Sie wissen wollen. Und wissen wollten es einige, denn plappernd waberte hiervor eine geschlossene Benutzergruppe, in gedämpfter Aufregung – die Auskunft aber: physisch quasi unbesetzt.

Wenigstens an der Ausgabe stelle liessen sie Fleisch an den Dingen. Subordinierte und als solche gekennzeichnete – „Ich lerne noch“ – mit Vornamenkärtchen und steilem Logo, die in gebrochenen Sprachen sprachen: etwas geknickt. Benedikt stellte sich an, und fragte, als er an der Reihe war, schüchtern: Darf ich Sie etwas fragen?

Nein, eigentlich dürfe man da keine Auskunft geben. Eine Auskunft in dieser Form, wäre vielleicht noch am ehesten an dem dort eigens eingerichteten Kompetenzcenter zu erwarten, und Informationen über Interna – man könne sich nicht vorstellen, nein, man wisse wirklich nicht … Anna Wiewardenngleichdername? … Man könne auch gar nicht solch einen Eintrag finden, auch nicht in der Personaldatenbank, wenngleich es da jüngst Löschungen gegeben habe, wie man gerade sehe, aber man müsse ihn nun bitten …

Benedikt konnte aus diesem Winkel auf dem plasmierenden Screen nur wenig erkennen, aber vielleicht hiess es doch hinter diesem Datensatz in einer Tabelle: ausgeschieden.

Der Lehrling klickte das Fenster weg, als Benedikt doch verwegen und immer zielstrebiger über den Counter glitt, wurde unsicher, bitte, bitte wenden Sie sich doch … Ich darf Ihnen wirklich keine weiteren Informationen dazu … Seine Finger fuhrwerkten unter der hellblauen Platte und fanden, wonach sie suchten, ein Schrillen im Bürobereich war zu vernehmen.

Geschmeidig schwenkten sich zwei bislang unbemerkte Kameras im Hintergrund der Ausgabestelle auf ihn ein und zoomten sich surrend an. Nur wenige Megabyte später eröffnete sich ein Sesam von Schiebetürenhydraulik und ihm drei wohl Bekannte. Der Abteilungsleiter in Festmontur schnaufte mit holzgesichtigen Schergen heran. Noch im Anweg wie Vorwurf auf den Lippen: Sie! Sie kennen wir doch! Sie haben wir doch schon einmal gesehen!

Nur ein lieblicher Flor

(E16)

Die Tram war ihm vor der Nase abgefahren. Dabei hätte er sie eigentlich mühelos erreichen können, wenn ihn nicht etwa eine Irritation verstockt und verstarrt hätte. Ein Werbergag eines Möbelhauses. Die Strassenbahn war innerlich mit weissen Vorhängen und einem Sortiment von Hockern, Sesseln, Bänken und Sofas ausgestattet, das reichlich besessen war, von den kleinen Angestellten mit den dicken Überstundentaschen, die sich alle versteckten hinter Gratiszeitungen, wie es sie hier im Dutzend gab. Benedikt wusste also zunächst nicht so recht, womit er es bei diesem Gefährt zu tun hatte. Eine Sonderfahrt? Ein Dreh? Versteckte Kamera? Erst als es sich ihm von hinten präsentierte mit dem Schriftzug: Nächster Halt – Ihr Wohnzimmer, fiel bei ihm der Groschen, doch da war es schon zu spät.

Ganz und gar nicht zu spät war es aber für einen Schlummertrunk, und bedauerlich fand es Benedikt, dass Röhrling ihn schon hinausgeworfen hatte, aus bestimmt anderen Gründen, als den vorgegebenen – aber das war seine Sache.

Auf einem Bein stand sichs schlecht, und auf dem Rückweg zu Fuss, entlang der klirrenden Gleise, ausgeschert an einer Stelle und in ein Weinhaus eingekehrt, das er schon lange einmal aufgesucht haben wollte. Ein Sprichwörtliches. Ein Trauriges. Trauer gewordene Trinkhalle. Wirklich zum Weinen also, wie sich schon nach Eintritt feststellen liess. Die verschobenen und versumpften Gesichter. Pockennarbige. Aufgedunsene. Eine Männergesellschaft in vollständiger oder teilweiser Vereinzelung. Benedikt machte wieder auf dem Absatz kehrt, als er noch das Dukeboxgedudel, dass es so etwas noch gab?, im Hintergrund entzifferte. La Paloma.

Lieber noch ein kaltes Bier und etwas Klares, das zischte, dachte er sich, schlenderte er entlang der Fassaden sogenannter Welt, den Bettenhäusern, Modediscountern, Schnellimbissen heimwärts in die Küche zu etwas Reellem. Zu einer Auslage, die Einlage war. Zu Naturtrübem und seinem Pendant. Zu Ruhe und versöhnlichem Schnurren der Maschine, die auch in geschlossenem Zustand Kälte abstrahlte.

Eine Stunde, zwei Stunden, und ein paar gelöste und nichtgelöste Fragen einer Quizshow, und etwas Zahnpasta, und ein paar Seiten eines klugen Buches. Die Lücke, die der Teufel läßt. Leben. Bestandsaufnahme in appetitlichen Portiönchen, die Hals und Atemwege verstopfte. Benedikt war ein wenig neidisch. Könnte er doch so schreiben und sammeln und verknüpfen und verschalten. So, so und so ungefähr hatte er es sich vorgenommen, musste es aussehen, so, nur so war alles auszulegen. Dann schob er das Buch zurück in die Ecke und zerstörte dabei ein Spinnennetz. Soll es doch neu gewoben werden. Soll es doch eingewoben werden. Du hast viel Zeit, Arachne. Soll es doch dort mit der Wand verschmelzen. Zog sich, am Ende dieses Gedankens, wie lange dauerte dieser? Eine Stunde? Zwei Stunden? Mehr? – ein Speichelfaden, Unterlippe, Bettkante, über die rechte Hand, die dies seltsam fand und ihn weckte.

War da ein Schatten am Fenster? War das Fenster selbst Schatten? Bewegung? Verzug? Schwer auszumachen bei dieser Beleuchtung, die gegen Null ging. Und doch hell genug war, das Fenster zu spiegeln. War es selbst aber gespiegelte Bewegung seines sich räkelnden Körpers. Wie spät war es? Die Balkontüre, den Austritt hatte er offen stehen gelassen. Liess er Luke sein zu seinem Schlag. Stand da jemand?

Das Wesen, das sich da langsam auf ihn zu bewegte, schien an den Rändern etwas ausgefranst, zumindest bildete es keine Konturen aus, umriss nichts, nur ihn, mehr und mehr, wie er anfing über es zu spekulieren: Ohne Zweifel – ein weibliches Wesen. Frau. Traumfrau – wie von seiner unzimperlichen Phantasie zurecht imaginiert, dunkle Haare, Haargold, wer – nun, es war Anna, musste es sein, oder: ihr Gegenteil, das sich mit ihr auffüllte, ihren Umriss austarierte, bald seinen Schleier verlor, sodass nicht zuletzt: sich Brüste abzeichneten unter dem Flor. Vorhöfe. Bedeutungen. Kniekehlen, die bald an ihm rieben, als sie sich auf ihn zu bewegte, oder war er es etwa, der ins Gleiten geriet? Schweigend. Atmend. Im Gegenrhythmus. Dann wieder gleichsam. Sich Häute deckten, ineinander übergingen und verschmolzen, dann wieder teilten und so fort, bis das Licht zu flackern begann, so kam es Benedikt vor, bis aller Atem verbraucht war und nur noch Vakuum in diesem Zimmer. Und keine Ecken mehr. Muscheln. Wölbungen. Rundes. Dann wieder Stockdunkelheit. Flüssigkeiten. Plätschern. Schweiss. Anderes. Undsoweiter.

Da lagen sie noch eine Weile, immer noch schweigend, immer noch auf anderen Ebenen unter diversen Decken. Immer noch hektischen Herzens. Nur beide vollständig und ganz anderes.

Das war das eine. Ein anderes: Können wir reden? Anna! Scheinanna, schwieg weiter beharrlich, aber lächelnd bei näherer Betrachtung, zumindest soweit erkennbar. Und schweigend.

Ich wollte dir noch einen Vorschlag machen. Vielleicht. Vielleicht wäre es besser, wenn es dir lieb ist, wenn dir dein Leben lieb ist, wenn du all das nicht verantworten magst, möchtest, in deinem Namen … Ich gäbe meinen. Vielleicht fühltest du dich dann sicherer.

Anna drehte sich um ihre eigene Achse, suchte nach ihrem Schleier, zog ihn an sich. Und dann möchte ich dir noch etwas zu Röhrling sagen, begann Benedikt erneut. du erinnerst dich? Der Alte, von dem ich sprach. Hat einiges an Erfahrung. Vielleicht auch in solchen Dingen. Könnte uns, könnte dir vielleicht helfen. Möchtest du, dass ich dich mit ihm bekannt mache?

Anna erhob sich. Stieg in das seidene Zelt, erst ein Bein, dann das andere. Strich es weiter an den Beinen hoch mit beiden Händen, dann über Hüfte, Gesäss und den Bauch mit der kleinen Beule. Bald den Oberkörper, sodass sie wieder nur Wesen war. Unbestimmbarkeit, mit etwas Kopf.

Was ist los mit dir, Anna? Benedikt versuchte sie festzuhalten, konnte nichts greifen, nur ein Stückchen Stoff, doch das Material glitt ihm durch die Finger. Widerstandslose Anna. Gib mir eine Antwort. Doch diese schwebte zur Tür und davon, hinaus in den Nachthimmel. Benedikt liess sich zurück ins Bett plumpsen. Stocherte, suchte blind nach einer Flasche Wasser, einen Fetzen, der ihm Handtuch sein konnte. Dann knipste er sein Nachttischlämpchen an und schaute auf die Uhr.

Ainda tem sopa

(E15)

Und? Röhrling sah in prüfend an, als er den Rest des Glases leerte. Ganz ausgezeichnet, gab Benedikt zurück, Sie hatten recht, er wird von Mal zu Mal besser. Gewichtiger. Umfangreicher. Aber auch gehaltvoller, ergänzte Röhrling nuschelnd. Ganze fünfzehn Prozent – Tendenz steigend. Schauen Sie sich meine Zunge an. Benedikt warf einen kurzen Blick auf Röhrlings zahnlose Luke. Der Rachenbereich war bei diesem Licht ein violettes Loch, dachte Benedikt. Röhrling schnalzte und setzte sich wieder die Gebisshälften ein. Entschuldigen Sie diese Angewohnheit. Aber bei so einem Tröpfchen kommen die mir immer etwas überflüssig vor. Nehmen wir noch einen?

Röhrling reichte ihm eine weitere Flasche und hiess ihn diese zu öffnen. Herdade das Servas. Reserva. 2003. Vinho Regional Alentejano las er auf dem Etikett. Dann streifte er das knisternde Seidenpapier vollständig von der Flasche, knüllte es zusammen und schnippte es zu der anderen Kugel aufs Tablett, wo es sich wieder geräuschvoll aufplusterte. Sprechen Sie portugiesisch? Benedikt verneinte trocken und entkorkte. Ich auch nicht, lachte Röhrling. Und sicher weiss ich auch nicht viel mehr von Weinen als Sie. Im Grunde weiss ich gar nichts. Aber, man sollte zumindest bereit sein, eine eigene Meinung zu bilden. Das fängt auch mit der Sprache an. Man muss sich da auf sich selbst verlassen können, gerade, wenn nichts greifbar ist. Darum habe ich Ihnen meine Zunge gezeigt. Ein gutes Gedächtnis schadet natürlich auch nicht. Dieser hier wird von einem winzigen Unternehmen gekeltert, das schon seit dem 17. Jahrhundert produziert, habe ich mir sagen lassen. In Eichenfässern aus Frankreich. Fragen Sie mich bitte nicht, warum das so ist. Und nun? Bemerken Sie den Hauch von Kakao?

Wenn Sie nichts davon verstehen, wie können Sie dann noch auswählen, vor allem bei so einem Rummel wie auf einer Messe.

Sie fragen nach meinen Kriterien? Ich habe gar keine. Röhrling schlug sich verschmitzt auf die Schenkel. Ich koste mich durch. Und lasse mich von lauten Vertretern aushalten. Nun ja, man muss Ihnen ein Ohr leihen, muss Ihnen das Gefühl der Wertschätzung und Bedeutung vermitteln. Dann vertröste ich sie auf einen späteren Besuch und gehe zum nächsten. Nun ist mir ein Stand aufgefallen, an dem zwei äusserst vergnügte Herren standen. Sie machten den Eindruck, als wollten sie gar nichts verkaufen. Als hätten sie das gar nicht nötig. Und schienen sich doch prächtig zu amüsieren. Ernsthaft: sie wirkten, als wollten sie einfach nur dabei sein. Ausser Konkurrenz, sozusagen. Das hat mich angezogen. Die selbstbewusste Konkurrenzlosigkeit, die von den beiden ausströmte. Sehr freundliche Herren, wie sich dann herausstellte. Haben mit mir gleich eine ganze Flasche hiervon ausgetrunken. Und ich dachte noch: das ist aber bestimmt nicht sehr professionell.

Röhrling wusste noch weiteres von seiner Begegnung zu berichten und wie es dazu kam, dass er sich letztlich zwölf Kisten dieses Jahrgangs in den Keller hatte stellen lassen, dann wurde er etwas nachdenklicher und kam auf die Textur des Weines an sich zu sprechen, auf die Zunge als einzigartige Leserin, den Geist und seine Speicher.

Wenn wir trinken, führte er weiter aus, unternehmen wir Deutungsversuche. Aber die Bedeutung? Röhrling hatte sich einen kleinen Schluckauf zugezogen, gegen den er etwas anzukämpfen hatte. Wie alles andere auch! Das tatsächlich Vorhandene, oder in diesem Falle: War diese nicht schon vor der Beere da, bevor sie zertreten wurde? Genau! Ich meine die Vorschriftlichkeit, kam Röhrling seiner Unterbrechung zuvor. Wie ist es damit? Da bräuchte man eine ganz andere Zunge. Verstehen Sie? Nein, das muss schon ein ganz anderes Organ sein, als es eine Zunge ist. Etwas, das auch noch das Kleinste durchdringen könnte, bevor es sich darüber legte und einschloss.

Benedikt vermochte den Ausführungen des Alten nicht mehr so recht folgen und befürchtete, dass das Gespräch nun einen unangenehm esoterischen Verlauf nehmen könnte.

Röhrling stellte sich einen Schemel zurecht und lagerte darauf sein rechtes Bein. Wieder fiel Benedikt die eigentümliche Bekleidungspraxis Röhrlings auf, nun ganz deutlich: lugte eine graue Cord- unter einer blauen Jogginghose hervor. Weste und Hemd dagegen wiesen sich allerdings geschmacklich und auch sonst in passablem Zustand. Im Grossen und Ganzen schien ihm Röhrling heute in einem etwas gepflegteren Zustand, auch wenn es in seiner Wohnung etwas muffelte.

Ehe Röhrling weiter referieren konnte über die Weinwelt als Sprachwelt, wobei er sich in ersterer nur als Besucher fühlte, und die Weinwelt als Sprachwelt, wobei sich erstere ihm glücklicherweise als eine nichtnationale präsentierte, wie er betonte, und er auch sonst weitere Unterscheidungen aber auch Vergleiche machen wollte, zu diesem und jenem zu einer Bemerkung imstande war und möglicherweise noch zur Transzendenz all dessen stossen sollte, konnte sich Benedikt einklinken und ihm endlich von seinem heute Erlebten, jener unerhörten Begebenheit, Auskunft geben, die ihm immer noch sehr auf dem Herzen brannte. Röhrling unterbrach ihn wider Erwarten nicht, und so verlor sich Benedikt in eine etwas unsortierte Rede über den Zusammenbruch des Bibliotheksgeschäfts, Annas Verschollensein und ihre fragwürdigen Ansichten und Theorien, die er zu seiner Überraschung aber gerne und besser und besser zu verteidigen mochte. Am Ende lag ein krummgewuchertes Gewächs von Informationen, Vermutungen und Spekulationen zwischen ihnen, sodass Benedikt kaum mehr über dessen oberen Rand zu Röhrlings Sofaecke zu schauen vermochte, also machte er hier erst einmal einen Punkt.

Das musste ja irgendwann einmal passieren. Wie bitte? So ein kleiner Büchergau, spöttelte Röhrling. Ich verstehe Sie immer noch nicht recht, entfuhr es Benedikt, der sich nicht für voll genommen fühlte.

Selektion! Natürliche Selektion! Oder glauben Sie etwa, sie könnten so einen aufgemotzten Zustand auf ewig halten? Nichts ist da ewig. Fast nichts. Wie sollte man denn das alles auch tradieren. Am Ende wäre man nur noch mit dem Durchreichen beschäftigt. Das Leben geht weiter. Nicht? Tradieren. Radieren. Verstehen Sie? Und zum anderen: Wie hätten Sie denn gehandelt, wenn da ein Wildfremder in so einer unübersichtlichen Situation sich verdächtig verhielte? Am Ende gar ein Saboteur. Nein, versteifte sich Röhrling, das ist mir doch alles sehr nachvollziehbar. Die Gedanken ihrer kleinen Freundin allerdings … Röhrling wurde nun etwas despektierlich, fand Benedikt. Das Hirngespinst ihrer Bekannten, korrigierte sich Röhrling, als hätte er Benedikts Gedanken erraten, und lehnte sich etwas zurück, zog auch das andere Bein auf den Schemel. Nun ja. Vielleicht mag da etwas dran sein. Theoretisch, meine ich. Aber überlegen Sie mal: Wäre es denn wirklich gesund, alles, alles sichtbar zu machen. Schon so eine Willensäusserung ist da vielleicht nicht ungefährlich.

Ich bin etwas hungrig. Mögen Sie auch etwas Suppe? Kürbissuppe? Die Zutaten habe ich mir gestern auf dem Markt gekauft. Es ist noch genug da. Benedikt war mit den Brotscheiben, von denen er sich zwischen den Gläsern reichlich bedient hatte, sehr zufrieden, und weil er vom Wohnungsgeruch auf die Suppe rückzuschliessen begann, verzichtete er freundlich aber bestimmt und liess Röhrling in die Küche schlurfen.

Wie sehr oder wie weit hatte er sich schon mit Anna, nein, mit ihrer Arbeit vermengt? Wie stark hatte sich schon seine Perspektive auf die Dinge verengt, sodass er eine Grundlage, oder wie er es nennen würde: den Ausgangspunkt seiner Beobachtungen, einer Art mitfühlenden Objektivität, mittlerweile verlassen hatte. Hatte Röhrling vielleicht Recht und er spielte mit dem Feuer ohne dies zu ahnen? Als sich Röhrling wieder zu ihm gesellte und zu schlürfen begann, versuchte er die Diskussion in eine eher harmlose Richtung zu verschieben, sprach über seine Fortschritte bei der Materialsammlung, improvisierte ein paar Lesarten des letzteren und wurde auch sonst nicht müde, weitergehende Schreibversuche anzusprechen, sodass Röhrling an manchen Stellen zu glucksen begann, an anderen wiederum die Stirn runzelte, ihn immer aber mit Interesse begleitete. Als nur noch Suppenstreifen ein bizarres Muster an Rand und Boden des Schälchens zeichneten, brach sich Röhrling ein Stückchen Brot ab und strich den Rest zusammen, ass den Brocken mit einem schnellen Haps und liess den Löffel mit lautem Geklapper ins Gefäss fallen.

Ihre Arbeit in Ehren, lieber Benedikt, ich sehe, wie hier einiges langsam Gestalt annimmt und bin fast versucht zu sagen: Sie sind auf dem richtigen Weg. Aber: Haben Sie das auch schriftlich? Haben Sie das dabei? Vielleicht lassen Sie mir ein paar Seiten da, damit ich in aller Ruhe …

Nichts hatte Benedikt dabei. Und das bereute er jetzt doch sehr. Ich kann gerne und jederzeit etwas vorbeibringen. Es wäre mir eine grosse Ehre … Na, es ist wohl doch etwas spät geworden, bremste ihn Röhrling mit einem Fingerzeig auf die Wanduhr. Haben Sie nächste Woche um diese Zeit etwas vor? Ich kann zwar noch nicht versprechen, dass ich tatsächlich da sein werde, aber fassen wir das mal ins Auge: Rufen Sie mich noch einmal vorher an, Benedikt.

Als sich Benedikt im dunklen Flur seine Jacke an der Garderobe ertastete und sich anschickte die Wohnung zu verlassen, hielt ihn Röhrling am Ärmel fest. Ich habe das vorhin übrigens sehr ernst gemeint. Ihre Suche nach einem Feinstoffdecodierer, oder wie immer Sie das nennen mögen: Lassen Sie da die Finger davon. Daran haben sich schon ganz andere die Zähne ausgebissen. Wer? Wer war das? Wer zum Beispiel? Haben Sie da Hinweise? Benedikt spürte seinen Puls in die Höhe schnellen. Sie sind alle wahnsinnig geworden, entgegnete Röhrling und senkte seine Stimme. Und denken Sie noch einmal scharf darüber nach: Nur einmal angenommen, solch ein Medium würde gefunden werden – würde seine Entdeckung nicht sofort eine Erschütterung mit einer Sprengkraft katastrophalen Ausmasses freisetzen? Gehen Sie jetzt, raunte Röhrling, dann machte er im Treppenhaus Licht, schob Benedikt hinaus und verschloss hinter ihm die Türe.

Im Schatten des Körpers des Kaders

(E14)

Röhrling konnte ihn ein wenig beruhigen. Nieder mit der Aufregung, war eine seiner Ansagen. Es gab tausend Gründe für das plötzliche Verschwinden Annas. Und tausend mehr, sich deswegen nicht ins Bockshorn jagen zu lassen. Denn, was wollte er eigentlich?: eine geschätzte Verbindung, die auf keinerlei Verpflichtungen, denn auf theoretischen Austausch beruhte, die sich nicht aber auch praktisch in Luft auflösen konnte – das wäre wohl doch des Guten zuviel und sehr wahrscheinlich für Benedikts Vorankommen denn auch eher schädlich als nützlich. Er sollte es einfach als etwas Gegebenes hinnehmen. Nun war bei ihm sicherlich kein Handlungsbedarf, geschweige denn Schuld für dieses Verhalten, wenn es denn überhaupt ihr eigenes war, zu suchen. Regen Sie sich also bitte wieder ab! Kommen Sie doch lieber wieder einmal bei mir vorbei und erzählen Sie mir etwas Neues. Gerade ist mir ein feiner Portugiese angeliefert worden. Ein Messeschnäppchen. Den sollten wir unbedingt zusammen verkosten.

Was Benedikt an Röhrling so schätzte, war sein Sinn fürs Praktische, der ihm zugegebenermassen selbst des öfteren abging. Er tat also, wie von ihm vorgeschlagen, wartete noch zwanzig Minuten und war dann bereit, die Reste des Picknicks und alles andere, was sich mittlerweile über die Bank verstreut hatte, zusammenzupacken. Der Augenblick war auch von der Rückkehr der Gassenküchler begünstigt, die nun wieder genährt und voller Tatendrang an das Örtchen zurückkehrten, sodass die Szene alsbald wieder unübersichtlich wurde.

Annas Sandbuch, wie er hoffte, war tatsächlich nicht in der Tasche, stellte er fest, als er diese ein weiteres Mal auf den Kopf gestellt hatte. Und auch beim zweiten Blick in den Ordner wurde er nicht besonders schlau aus seinem Inhalt, den er aber doch noch einmal etwas genauer unter die Lupe nehmen wollte. Ausdrucke von E-Mails, ganzen Konversationssträngen, Sitzungsprotokollen, Dokumente eines Unternehmensstrukturwandels, wie es hiess, aber kaum zuzuordnen, um welches es denn da ging. In fast allem herrschte ein aseptischer Ton vor, der jedwede Konkretion verunmöglichte, so zumindest für ihn als Aussenstehenden. Allerdings gab es bisweilen wie eingestreute Korrespondenzen, die mit dem Gesamt der Unterlagen kaum etwas zu tun haben konnten. Eine rührige Absenzmeldung. Ein privater Rücklauf, der den Fund eines Geldbeutels auf einer Damentoilette annoncierte. Ein komisch gedachtes Schreiben, das auf eine Fussballwette verwies. Eine Entrüstungsnotiz, die forderte, mit persönlichen Anliegen sollte doch nicht eine ganze Division behelligt werden. Meldungen und Abmeldungen von Unbotmässigkeiten der Systeme. Kaputte Telefone. Abzugebende oder zu verschenkende Materialien. Es war für ihn ein unsortiertes Gros, ein durcheinander von Geräuschen zweier Welten, die sich da wechselseitig, nolensvolens durchdrangen in dieser Räumlichkeit, aber kaum dieselbe Sprache sprachen, Parallelgesellschaften, die nur ab und zu aufeinander zeigten, und dieses: nicht völlig frei von ironischen Kadenzen, wie Benedikt zu spüren meinte.

Vereinzelt jedoch waren Abschnitte und kleinere Elemente der einen wie anderen Welt mit Leuchtstift markiert worden. Und diese betrafen Stellen, so las Benedikt bald heraus, die seltsamerweise nie der Kern einer Aussage betonten, sodass man in deren Bearbeitung wohl weniger eine rationalisierende Massnahme erkennen durfte, sondern die höchstens in einer phrasalen Art und Weise auffällig waren, die den sie umkreissenden Gegenstand lediglich zu wittern verstanden, diesen aber niemals zu benennen gedachten. Was war mit so einer Arbeit bezweckt worden. Worauf hatte man hier geachtet? Was hatte sich Anna dabei gedacht, wenn es sich hierbei überhaupt um ihre Blattsammlung handelte?

Seis drum. Benedikt hatte gelernt, sich nicht allzu lange an solchen Steinbrüchen aufzuhalten – sie konnten alles bedeuten. Und nichts. Er würde sich dieser, um sich von der Last der Hinterlassenschaft zu befreien, wie angeraten an Annas Arbeitsplatz entledigen und dann, worauf er sich nun doch etwas freute, mit Röhrling einen heben.

Schon von weitem konnte er erkennen, dass etwas nicht in Ordnung war. Benutzer verliessen mit hängenden Köpfen das Haus durch das Portal. Die Rauchergruppe stand verdoppelt und wild gestikulierend um einen Mülleimer, und verstopfte wie ein Gerinnsel den Laubendurchgang vollends, sodass Benedikt diese umgehen und von einem anderen Flügel her angreifen musste. Es war beinahe unmöglich gegen den Strom der Abgänger anzukommen – die Besucher wurden von einem irritierten Personal hinausgebeten und geleitet, und er durfte auch nur zurück ins Gebäude, weil er auf die Frage, wie er seinen Zugang rechtfertigen wollte, mit dem richtigen Passwort bestätigte.

Noch einige wenige kamen ihm im Treppenhaus entgegen, gestützt, tastend an den Handläufen – dunkel war es, und die elektrische Versorgung offenbar unterbrochen. Von den höhergelegenen Stockwerken brummten und tuckerten die Notstromaggregate. Diesel lag in der Luft, meinte Benedikt zu riechen, und zog sich sogleich ein Taschentuch und hielt es vorsorglich vor die Nase. Im Katalogsaal herrschte dagegen Hochbetrieb. Die Angestellten flitzten, wie von unsichtbaren Mächten gesteuert, mit Mundschutz durch den Raum und machten sich an den Terminals zu schaffen oder versuchten die Übriggebliebenen, die sich krampfhaft an Zettelkästen festklammerten erst freundlich, dann unter Einsatz sanfter Gewalt das Haus zu verlassen zu bewegen.

Bitte kommen Sie morgen wieder oder in den nächsten Tagen. Wir haben hier ein Problem. Dabei fühlte sich Benedikt scharf von hinten unter die Achseln gefasst und so zur Umkehr bewogen – von zwei kräftigen, jungen Männern in Securitymontur. Sein Ansinnen prallte an dieser Firewall sang- und klanglos ab und nur die Versicherung, eine Angehörige halte sich hier auf und war zu retten, lockerte den komplexen Griff, aus dem er sich schnell winden und in Richtung Backoffice stürmen konnte. Die Kerle liessen von ihm ab und gingen auf ein anderes, nähergelegenes Ziel über.

Annas Türe war verschlossen, und auf sein Pochen: keine Reaktion. Resigniert überlegte sich Benedikt, wo er denn nun die Fundsache loswerden oder absondern konnte. Wie kann ich Ihnen helfen? Der Abteilungsleiter war aus einem Schatten an ihn herangetreten. Sie sollten doch eigentlich gar nicht hier sein. Wir müssen sofort das Gebäude räumen. Kommen Sie! Wir haben hier eine Störung. Überrascht versuchte Benedikt Annas Tasche hinter seinem Rücken zu verbergen. Das ist doch! Diese Tasche kenne ich doch! Das Abteilungsleitergesicht verzog sich zu einem finsteren Fletschen. Geben Sie das sofort heraus! Hallo!

Die Uniformierten wurden auf die Szene aufmerksam. Ein Dieb!, hallte es. Dann wurde ihm die Tasche von hinten entrissen.

Es tut uns leid. Wir müssen diese Angelegenheit melden. Wenn Sie sich bitte ausweisen. Benedikt machte Anstalten in seiner Jackentasche zu suchen, holte aber dabei mit aller Kraft aus, stiess dem einen in die Magengrube und setzte ihn ausser Gefecht. Als der andere eingreifen wollte, aber in ungünstigem Winkel und durch die Körper des darniederliegenden Kollegen und Kaders schwer beeinträchtigt war, nahm Benedikt die Beine in die Hand und bahnte sich den Weg durch das fiebernde und wimmernde Getümmel. Vielleicht hörte er auch noch hinter seinem Rücken: Lasst ihn laufen.

Tesla

(E13)

Und noch einmal liess er sich die Sätze auf der Zunge zergehen – The pulsations of the air, once set in motion by the human voice, cease not to exist with the sounds to which they gave rise. (…) The waves of air thus raised, perambulate the earth and ocean’s surface, and in less than twenty hours every atom of its atmosphere takes up the altered movement due to that infinitesimal portion of the primitive motion which has been conveyed to it through countless channels, and which must continue to influence its path throughout its future existence. (…) Thus considered, what a strange chaos is this wide atmosphere we breathe! Every atom, impressed with good and with ill, retains at once the motions which philosophers and sages have imparted to it, mixed and combined in ten thousand ways with all that is worthless and base. The air itself is one vast library, on whose pages are for ever written all that man has ever said or woman whispered. (…) – sah die Luft mit ganz anderen Augen, sah, wie sie sich allmählich versteifte und Spuren ausbildete, Kratzer bekam, Gravuren, sich langsam überlappende Meinungsstriche und Knötchen formten. Je mehr er sich allerdings auf diesen Vordergrund kaprizierte, umso vager, durchlässiger, dünner und kontrastarmer wurde das Interface. Versuchte er stattdessen dieses für kurze Zeit zu fixieren, nahm jenes an Kenntlichkeit ab, wurde Kaltnadelstich, dieser – im schnellen Widerschein – wie eine Lehrbuchabbildung eines chaotischen, doch aber leicht magnetisierten Feldes, ein Naturgemälde, wie er es aus dem lange zurückliegenden Physikunterricht in Erinnerung hatte: kleine Eisenfeilspäne, die sich halbentschlossen in einem schwachen Feld richteten.

Dass es sich dabei noch um Text handelte, ging subito verloren, und die Abbildung, die noch eine gewisse Zeit auf seiner Netzhaut nachtrübte, verblasste endlich zu einer Darstellung reiner Richtung, Vektoren, die – ein Experte würde vielleicht sagen – ein bestimmtes ästhetisches Desiderat offen legten, aber sonst wenig.

Die Verkrustung im Schlemmkanal. Zu benetzende Hornhaut. Benedikt konnte nicht mehr und musste schliesslich blinzeln und schob damit, ebenso plötzlich, das Phänomen wie ein Scheibenwischer in den blinden Winkel seiner Leinwand, wusste aber noch im Nu seines Verschwindens: das war es. Er hatte es auch gesehen.

The air itself is one vast library und die Aufdunstung dieser auf seine Hornhaut, beispielsweise, konnte jene sichtbar machen. Wenn auch nicht gerade lesbar. Die Luftstarre seines Oculars war also ein Weg, diese zumindest nachzuweisen. Aber wie wurde sie haltbar? Wie liess sie sich abziehen? Zitieren? Und wer mochte das entziffern? Benedikt folgerte daraus, dass er sich mit dieser Erkenntnis nun auch über ganz andere Dinge den Kopf zerbrechen musste. Begriffe, die sich in Luft auflösten, zerfallende molekulare Vielheiten, die unbekannte Entitäten, scheinbare, freigaben. Ein beispielloses Protokoll begann sich hinter seinem Rücken zusammenzuballen und zu sammeln. Machte sich bereit zum Angriff. „Eins nach dem anderen“, hatte Anna gesagt.

Nun hatte er also diesen nicht schmerzlosen Selbsttest unternommen und dieser war in der A-Probe: positiv. Es wurde irgendetwas bewiesen, er hatte es ja selbst erlebt, dass es da etwas gab, und folgerichtig musste er nun, wenn er ehrlich zu sich und Anna sein wollte: ein paar Konsequenzen akzeptieren. Und er freute sich darüber, als er sich eine weitere Zigarette anzündete und auf seinen kleinen Balkon hinaustrat wie ein frischgewählter Bürgermeister. Eigentlich konnte er es kaum erwarten, ihr davon zu berichten: dass es funktioniert hatte. Zweifelsfrei. Und dass er also – wie versprochen – nach diesem Ereignis mit ihr zusammenarbeiten würde.

Das war also ein Teil des von ihr Bibliotheca caelestis genannten Projektes. Und sie war sich nicht zu schade, ihn da noch mit hineinzunehmen, obwohl er doch fast nichts mitbringen konnte. Er dagegen sah, wie seine Arbeit in Windeseile ganz neue Dimensionen annahm, sah in dieser eine wichtige, vielleicht sogar noch wichtigere Grundlegung des Phänomens, strich diesen berauschten Fortsatz aber sogleich … soweit wollte er denn doch nicht vorgreifen.

Zwei Tage waren verstrichen und Anna hatte sich nicht bei ihm gemeldet, hatte nicht das Ergebnis seines Selbstversuchs abgerufen oder abrufen wollen. Oder abrufen können? Benedikt war etwas gereizt zwischen all den Kartons und Schachteln der Fertiggerichte, Dosensäcken und Kleiderhaufen. Letztere hatte er immer noch nicht in die Waschküche getragen, in dieses fremde System, zu dem ihm der Schlüssel fehlte, aber nur halb so fremd wie die Nachbarschaft, die er vielleicht um Rat hätte fragen können. Waschküchengeschichten. Für solche Dinge hatte es später noch Zeit genug, also zog er sie weiter und weiter mit sich. Setzte er dabei andere Ziele. Formulierte Zielvorgaben. War er auf der Suche nach einem – wie Anna zu sagen pflegte – praktischen Filter. Oder Medium. Und kam doch nicht voran. In der Tat: nur sie konnte ihm da helfen. Nur im weiteren Gespräch war da etwas fortzusetzen.

Die Blätter hingen schlaff und trocken wie eingeschlafene Hände an den Ästen herunter. Der Blattbestand der Bäume hatte sich in der Zwischenzeit um mehr als die Hälfte reduziert, bildete auf dem Kiesweg und verwilderten Rasenstück einen dumpfen Teppich, und der noch übrige, hängige war bei genauer Betrachtung grossenteils von einer obskuren Patina überzogen. Ein Virus? Ein Bakterium? Oder Käfer? Benedikt hatte die Nachrichten lange nicht verfolgt und war nicht auf dem Laufenden, was den landesweit grassierenden Baumbefall durch Schädlinge betraf. Der Grund, warum er sogleich ein Bänkchen für sich allein fand, ja, warum das Pärkchen fast gänzlich ohne Besucherschaft war, sah er aber eher in der Tageszeit – die Gassenküche hatte ihre Pforten geöffnet, gut einige hundert Meter entfernt, und aus dieser Ecke unsichtbar für Benedikt, aber wohl zu hören: das Gejohle der Bedürftigen, die sich noch einmal für heute eine ordentliche Grundlage beschafften.

Er war ein Meister des Wartens – niemand konnte ihm da so schnell etwas vormachen, denn er war stets gut mit Lektüren bestückt, und – wenn doch einmal nicht – so war ihm alles, was ihm vors Angesicht trat ein Buch, ein ordentlicher Laib nur zu zerschneidender und zu verzehrender Zusammenhänge, die in ihm dieses und jenes auslösten, gerade so, als würde er auch einer selbstgewählten Schriftrille folgen.

Er machte es sich also gemütlich, sah bald einen lieblichen Ort, dachte sich einen Ahorn im Urzustand, hörte die Sangeslust und –kunst im Gekrächze der Spatzen, spielte mit den Fussspitzen in einer rostenden Pfütze, Labsal eines frischen Quells, und beinahe überzog sich auch ein trüber Busch mit fussigem Fell, wurde rotbraunes Rehlein, zahm, erotisch aufgeladen aber soweit zufrieden.

Diskussionen. Gratwanderungen. Umruderungen von Positionen. Sprachliche Rücknahmen, aber doch: das Beharren auf jeweilige Positionen. Besprechungen werden länger und länger. Ergebnisse, Outcomes, dürftiger und dürftiger, fügte Anna hinzu, nicht ohne ironisch eine Braue zu heben, werden immer unbefriedigender, unwahrscheinlicher, undurchsichtiger. Jetzt haben wir schon die Zeit der Entscheidungen, ergänzte Anna weiter, deren Historisierung schon im Moment der Fällungen angelegt seien. Darum ihr Zuspätsein, und ausserdem: Die Luft wird dünner. Es gab Beweise, dass jeder Tastendruck, jedes Wort protokolliert wurde. Und kommentiert, wie sie denke, aber: Damit möchte ich dich heute nicht belästigen, lieber Benedikt. Schön, dass du da bist, begrüsste ihn Anna noch einmal herzlich und gab ihm einen Kuss auf einen Teil der Wange, der schon beinahe Mund war. Dass du hier bist, sagt wohl alles! Du hast es also getan, oder nicht? Anna breitete sich neben Benedikt auf dem Bänkchen aus, legte ab: Ihren Mantel, eine Tasche.

Beide hatten schon trockene Schleimhäute vom vielen Reden. Diskutieren. Annäherungen. Abmachungen. Entwürfe. Zielformulierungen. Vereinbarungen. Wollen wir es so machen? Benedikt war überglücklich. Ich hohle uns schnell etwas zu trinken, darauf müssen wir doch anstossen. Anna nickte. Für mich nur etwas Wasser, ja? Er entfernte sich leichtfüssig in Richtung Gulaschkanone, in deren Nähe er auch etwas Trinkbares vermutete. Als er beidhändig bepackt wieder an ihren Platz zurückkehrte, war Anna nicht mehr da. Nur noch Jacke und Tasche zeugte von ihren Anwesenheit. Sie war wohl auf dem Weg sich etwas frisch zu machen.

Bestimmt war eine halbe Stunde vergangen, als Benedikt beschloss zu handeln. In der Jacke fand er nichts Persönliches und auch in dem Ordner, dem einzigen Gegenstand in der Tasche, war nichts Brauchbares zu entdecken. Dann fühlte er eine leichte Beklemmung. Auf der Karte seines Mobiltelefons waren nur drei Nummern gespeichert. Benedikt wählte und nach einigem Läuten meldete sich ein sehr verschlafener Röhrling.