Fiebertext

(E12b)

Was aber waren diese Zeilen im Privaten? Was für eine Bedeutung wiesen sie sich selbst zu und darüber hinaus, wenn sie nicht aus ihrem ewiggleichen, traumfreien Schlaf geholt wurden – nach Jahren des Vergessenseins? Welchen Sinn verbargen sie und sprachen diesem doch heimlich zu, während sie stumm standen und ihre Zeit absassen, während sie nicht auf ein erstes oder neues Mal enteignet wurden von einer fremden Hand, von schamlosen Augen, Netzhäuten, Speichern, die ihr Innerstes ans Licht einer ungeraden Öffentlichkeit zerren wollten, noch im Bademantel vielleicht, nackt oder bei unsittlichen Beschäftigungen?

Vor, während oder nach der Genesung, die diese – noch im Schweiss auf kalter Stirn verhafteten – entstellt und noch nicht ganz auf der Höhe eigener Eigentlichkeit überraschten. Hatten die besagten Zeichen, Ketten, die oft genug nur als Verstümmeltes, Teil eines Torsos einer Idee, die lediglich auf ein Verdecktes oder Verschüttetes zeigen wollten und wieder und wieder zurechtgestaltet und einem unbegreiflichen Publikum vorgesetzt wurden, nicht ein Anrecht auf Vollständigkeit, Wärme und etwas garantierte Ruhe, wenigstens für eine absehbare und – wohlgemerkt – dezidierte Saison? Warum sich diese Fragen gerade jetzt seiner bemächtigten, konnte Benedikt nur vermuten, als er sich im Strom der Pendler den Hirschengraben hinauf treiben liess. Dieser spontane Zugriff des, ein anderes Wort war ihm gerade nicht zugegen, Unbewussten auf seine doch immer noch kontrollierten Schweifzügen, stellte er – konnte er nur in den Zusammenhang eines noch nicht verarbeiteten Fieberbildes stellen, das ihn zwar schon seit geraumer Zeit auch in nüchternen Nächten heimsuchte, aber sogar ebendort und in den darauffolgenden Halbschlafphasen, in denen er es mittlerweile schaffte, winzige Selbstdokumentationen anzufertigen, war ihm Erschienenes zu unscharf, als dass er es mit dem ihm zur Verfügung stehenden Lexikon einzufangen in der Lage war. Immerhin: die Wahrscheinlichkeit, dass seine febrilen Lektüren genau auf das Jenseits raumoffener und verstellter Körperlichkeit der – ja, so musste man wohl von ihnen sprechen – Opfer doch einen kleinen Funken nicht Wahr-, nein, Wirklichkeit besassen, waren ihnen, theoretisch zumindest, nicht nehmbar, und dieser Umstand, ein weiteres Mal klar verdeutlicht, verhalf ihm zu neuer Energie.

Baustelle. Entschleunigte Pendler, die ihre Anschlüsse zu verpassen befürchteten. Verpasstheiten unter hohem Druck an einem Nadelöhr von Übergang: ein Rohrkanal, der frisch verarztet wurde. Narben. Der ganze Bahnhofsvorplatz war grossräumig abgesperrt. Nur dünnste Adern wurden dem Pflichtverkehr zugestanden, die Stadt mit Menschen und Nährstoffen zu versorgen, die Ausscheidungen mehr oder weniger diskret zu entsorgen.

Benedikt bog schnell in eine Seitengasse ein, um dem Sog dieser Pumpe zu entrinnen. Da nahm er gerne einen kleinen Umweg in Kauf, auch wenn er diesen synästhetischen Klops zu gerne schluckte. Dieser Ort: er musste sich einmal näher mit ihm beschäftigen, nahm er sich vor, schien ihm in all seinem Getöse, Staub und Nebel, maschineller und leiblicher Durchdringung eine perfekte Metapher für … ja, für was eigentlich?

Wollte er sich mit dieser Verfassung abfinden? Zumindest meldeten sich leise Skrupel und Benedikt beschloss sein geladenes Mütchen etwas abzukühlen und nicht gleich sein ursprünglich avisiertes Ziel zu stürmen. Er bestellte sich eine Affenbrause in dem kleinen Café unter der Laube gegenüber, nahm an der Fensterfront Platz und stocherte weiter in seinem Sack traubengleicher Metaphern, die aber alle nicht dem Saft und Geschmack des von ihm gesuchten Allerweltsbildes entsprachen.

Viertel vor Zehn. Schichtwechsel der Auskunft. Teestubenzeit. Das schloss Benedikt aus dem Kommenundgehen ihm bereits bekannter Bibliothekarsgesichter. Die benachbarte Bäckerei war wohl Monopolistin in diesem Quartier und stattete sie alle mit Croissants, belegten Brötchen oder Studentenschnitten aus. Ein Kommen ohne Tütchen. Ein Gehen mit Tütchen. Unterschiedlichste Prallheiten. Ein Knistern und Knittern schon auf dem Weg zurück in die Aufenthaltsräume, hastige Köpfungen von Buttergipfeln, entkrampfte Mundwinkel – daran Blätterteigreste, bei manchen.

Als sich auch noch unerwarteterweise Anna durch die massive Holztüre schob, schnellte Benedikt empor. Was für eine günstige Gelegenheit! Er warf ein paar Münzen in die Schale mit dem Bon, eilte hinaus und konnte Anna abfangen, als diese gerade wieder die Bäckerei verliess. Ein Glöckchen klingelte.

Die Einladung ins Café wurde von Anna ausgeschlagen. Warum? Dort? Vermintes Gelände! Alles voller Wanzen! Grosser Lauschangriff – musste er wissen. Wir gehen besser an einen abhörsicheren Ort, schlug sie vor. Schweigend gingen sie eine Weile nebeneinander her, bis sie an einem kleinen Park angelangten, nicht weit von ihrem Arbeitsplatz, eher: eine heruntergekommene Strauchpassage mit zersplitterten Bänken, darauf Hündeler, Punks und dösende Penner, aber mit einem Fleckchen für die beiden auf einer Tischtennisplatte im Schatten eines Ahornbaums.

Benedikt sprudelte los, als sie beide das geteilte Zopfbrötchen zerkaut und geschluckt hatten. Der Aufsatz … Die Sendung aus der Vergangenheit … Past perfect … Überhaupt: Baustellen … elektronische Antwortsysteme … Dabei zeigte er immer wieder auf die Dokumente, die er glücklicherweise mit sich genommen hatte.

Anna schien heute weitaus ausgeglichener, schien – es war Benedikt nicht entgangen – fast wie von einem Nimbus umglänzt, an dem er sich nicht satt sehen konnte, der all seine Sprachpotenz zum erschlaffen brachte. Eins nach dem anderen, beschwichtigte sie ihn und legte dabei eine Hand auf sein Knie. Du hast das schon richtig verstanden. Ich habe einmal an so einem Text gearbeitet und das ist Jahre her. Aber das war bestimmt nicht vor so langer Zeit, oder sehe ich aus wie ein altes Weib?, lachte sie. Die Arbeit ist auch in einer Anthologie erschienen mit einem ganz ähnlichen Titel. Ich bin mir da aber nicht mehr sicher.

Nicht mehr sicher? Benedikt runzelte die Stirn. Wie konnte man so etwas vergessen. Es waren nur ein paar Seiten zur Idee einer Art Luftbibliothek nach Charles Babagge. Hast du davon schon gehört? Benedikt musste verneinen, machte sich aber fortlaufend Notizen, denn Anna, oder war es das, was sie da sagte, vermochte ihn mehr und mehr zu faszinieren. Ein geradezu esoterischer Ansatz, aber nicht von der Hand zu weisen, fuhr Anna fort. Leider war ihr der Text abhanden gekommen, war mit ihrem letzten Computer untergegangen und auch in dieser Bibliothek war er nicht mehr aufzutreiben. Wohl ein Job für die Fernleihe? – Benedikt wollte mit der Kenntnis dieses Services etwas bei ihr punkten, fügte hinzu, er sei sehr interessiert und werde gleich nach ihrer Pause diesen Auftrag erteilen. Anna seufzte. Sie hatte vor ein paar Jahren schon versucht, über diesen Weg an ihren eigenen Text zu gelangen, aber vergebens. Freilich, mit den heutigen Möglichkeiten … Man müsste es wohl einfach wieder einmal probieren. Oder … Oder was?, fragte Benedikt.

Nun, der von ihr dort durchgespielte, abstrakte Ansatz, der aber genau jener Babagge`schen Theorie entsprach und sie lange Zeit beschäftigte, müsste … dann winkte Anna ab. Alles nur Spielerei. Benedikt liess nicht locker. Müsste was?

Müsste auf sich selbst angewendet werden. Nach dieser Theorie wäre der Text auf jeden Fall erhalten und einfach – unzerstörbar. Er befand sich, Anna zeigte nun auf eine unbestimmte Stelle in Richtung Himmel, irgendwo da oder dort und man bräuchte also nur noch den geeigneten Filter, oder sagen wir: ein Medium, um diesen wieder lesbar zu machen. Benedikt schüttelte den Kopf. Vielleicht probieren wir es doch erst einmal mit der Fernleihe.

Wie du meinst, erwiderte Anna. Ich will dir aber nicht allzu grosse Hoffnungen machen. Und was den Zugriff auf diese, Anna räusperte sich, Luftbibliothek angeht … auch wenn du mich vielleicht für verrückt hältst: ich versuche mich immer noch daran, um ehrlich zu sein. Benedikt war nach einem Scherz. Das ist ja spannend! Kann ich dir dabei behilflich sein? Anna reagierte trocken. Du hilfst mir doch schon seit langem. Aber zu deiner anderen und vielleicht viel wichtigeren Frage: Nein, diesen Brief – dann zeigte sie auf den Umschlag, den er immer noch fest umklammert hielt – diesen Brief habe ich dir nicht geschickt.

Wählen Sie bitte die

(E12a)

Was alles in Zeitungen steht. Sind die Zeitungen die verwitterten Bücher von Morgen? Die Bücher gestrige Zeitungen? Das Heute: ein Meer von beidem, das um seinen Träger kämpft, das sich in alles versucht einzuschreiben, was Widerstand bietet, dachte Benedikt, als er im letzten Drittel des Hubs angekommen war.

War er da nun Stunden davor gesessen, oder waren es Tage, die er aufgewendet hatte in diese Flüchtigkeit einzutauchen? Unfähig die Grenzen zu erkennen, die nur formal angedeutet wurden. Wer sprach da?, fragte sich Benedikt, als er wieder einem langen Zeilenzug aufgesessen war. Wer kümmerte sich um den Fahrplan dieser Meinungen und Bedeutungszuschreibungen, die sich – rückwärts gelesen – alle überschrieben und ineinander verflochten und an ihrem Grund wieder aufhoben zu einer runden Sache? Die aber stets gegeneinander zu arbeiten trachteten. Wen kümmerts überhaupt, seufzte Benedikt erneut, denn der Sog, der von diesen Linien ausgelöst wurde, füllte den kahlen Raum mit angenehmer Wärme, federte von einer Aussenwelt ab: Türsummer, Klopfen, Rufe wurden zu Nebensächlichkeiten.

Auch Anrufe waren eingegangen, schwer oder kaum entgegengenommen. Das überliess er der Maschine. Sollte sie doch machen, sie wurde bezahlt. Und nur einmal kolportierte sie ihm eine Stimme mit Relevanz und starker Strahlung: Röhrling. Er erkundigte sich knapp, wie es denn nun war. Wie es stünde und ob es etwas Neues zu berichten gäbe. Der alte Mann. Was will er Neues? Das Neue lag vor ihm sichtbar, beinahe verarbeitet und liess sich einen grauen Bart wachsen. Dann gab es noch die mechanischen Anrufer der Callcenter, an denen Benedikt sein Vokabular aus der untersten Schublade testete. Ausspie. Sonst: nur weniges.

Gerade wollte Benedikt mit der siebten Woche vor seiner Zeitrechnung beginnen, nachdem er seine zwei Listen, die Tätigkeits- und Untätigkeitstabellen überprüft und abgeglichen hatte, die befanden: Zeit genug bis zur nächsten Be- und Entsorgung, körperseitiger Stoffwechsel und der der Wohnung, der Luft, die in den Zimmern stand, da hörte er ein Knirschen, wie es entsteht, wenn ein Postbote einen Umschlag durch einen Türschlitz zwängte. Zwischen Unterkante Türe und verkrustetem Parkett.

Wozu auch Absender? Mit dieser Mode kommunikativen Verhaltens konnte sich Benedikt durchaus anfreunden. Wieder enthielt der Umschlag nur einen Ausdruck, dessen einzige Referenz ein samtenes Mäntelchen war, innen, das ihn umschloss und liebevoll schützte. Ausdrücklich: ein Digitalisat eines Katalogisats. Maschinenschrift eines Zahlenzeichenklons an der Seite links oben, etwas darunter: Natürlichsprachiges, Zisch- und Sprühlaute, vokalarme Baustellen anderer Planeten. Gleich daneben: ein Häufchen Wörter, aus dem er durchaus etwas zu bilden in der Lage war. Ein fast leserlich invertierter Name mit Herausgeberkürzel eines: ja, was war es denn nun?, grübelte Benedikt. Jedenfalls stand dahinter: Geschichte machen. Quantenphysikalische Thesen zu einer allmählichen Fiktionalisierung unseres Seins.

Ein Aufsatz in diesem Sammelband. Nun konnte er sich beinahe denken, wer hinter dieser Depesche steckte. Einen Zusammenhang, einen Ort, Schnittpunkt oder Radianten, kurz: einen präzisen Auftrag konnte Benedikt sich daraus leider nicht zusammenreimen. Dabei begann er aber leichte, kognitive Verbindungen mit dieser Information zu verspüren, bis er stutzig wurde. Der Eintrag war von einem Sachbearbeiter schon vor mehr als vierzig Jahren angelegt worden. Das war ein Jahr nach Erscheinen der Schrift, deren Autorschaft aber ganz zweifelsfrei auf Anna verwies. Freilich musste es sich hierbei um einen Tippfehler handeln. Anna wäre demzufolge noch lange nicht einmal Säugling. Noch bemerkenswerter allerdings war ihm das Datum des Poststempel. Dieses lag ebenfalls um die vier Jahrzehnte zurück, und der Umschlag – wie Benedikt fachmännisch aus seiner Grösse, der Papierbeschaffenheit und Schreibmaschinentypographie der Anschrift herauslas – deutet auf ein Relikt dieser Zeit. Die Briefmarke, die nur eine mathematische Funktion, oder war es eher der Grundriss eines Raumes?, zierte, schien dagegen aus einem Land, von dem er noch nie gehört hatte. Und Währung und Sprache … das alles war mehr als mysteriös. Benedikt befiel eine Mulmigkeit, von der er sich nicht so schnell erholen konnte und auch die unberichteten Tatsachen, die bald in der Küche zu lärmen begannen, konnten dieses nicht sedieren.

Wenn Sie Fragen zu einem Ausleihvorgang haben, wählen Sie bitte die EINS. Für Informationen rund um unseren Bestand und dessen Verfügbarkeit, wählen Sie bitte die ZWEI. Benötigen Sie Hilfe bei der Recherche, wählen Sie bitte die DREI. In allen anderen Fällen, wählen Sie bitte die VIER. Dieses Gespräch kann zu Schulungszwecken aufgezeichnet werden.

Als Benedikt alle Nummern in vier Anläufen gewählt, dabei aber jeweils nur einen Hinweis auf die Besetztheit des anderen Endes der Leitung erhalten hatte, und stattdessen mit der Topten der aktuellen Hitparade verbunden wurde, wie er vermutete, warf er den Hörere wütend in die Matratzengruft, rasierte und duschte sich nicht, griff nach seiner muffelnden Öljacke und einem Schirm und verliess stinkend seine Wohnung.

Chloride

(E11)

Seine Haut war immer noch aufgedunsen. Besonders die Faltenwürfe der Fingerkuppen widerstanden der Ausbeulung der Zeit, der Teint, illuster, rote Flecken wichen nur langsam dem edelkranken Grundzustand in weiss und weich, die Poren noch geweitet, wie er bei schwachem Licht erkennen konnte im Rückspiegel eines geparkten Autos am Ende seiner Strasse. Die rollte Benedikt weiter von hinten auf.

Die Wadenkrämpfe, die er kurz nach dem Ausstieg aus dem Thermalbecken bekommen hatte und nur mithilfe eines herbeigeeilten Bademeisterassistenten unter Kontrolle gebracht werden konnten, waren augenblicklich mit einer hohen Magnesiumdosis zu bekämpfen. War das Wasser noch sein Element?

Die Strecke, die er früher einmal noch spielend zurücklegen konnte, ja, die er gerade einmal zur Aufwärmung genommen hatte, bereitete ihm heute – nach so langer Zeit körperlicher Passivität – grösste Schwierigkeiten, und geblieben war nur die Hartnäckigkeit sein vordefiniertes Minimalziel zu erreichen. Mit diesen Konsequenzen. Der Fehler dann: sich sofort ins überheisse Brausewasser zu begeben. Anfängerfehler. Benedikt war klar, dass er beim nächsten Mal, wenn es überhaupt ein solches gab, so eine überdrehte Sache gemächlicher anzugehen hatte. Verschwommen dagegen: sein gerade noch, wie er einschätzte, genialischer Vergleich, oder besser: die Assoziation, ein Schwimmbad, seine unterschiedlich grossen und funktional divergierenden Becken, seine Umkleidekabinen, Passagen, Ein- und Ausgänge, Ein- und Ausstiege, Schichten, Nasszellen, Verbindungen, kurzum: die ganze Aussen- und Innenstruktur ins feste und ephemere Gebäude einer Bibliothek zu übersetzen.

Im Whirlpool hatte er noch für jeden Ort, da wie dort eine Entsprechung gefunden, und besonders sein Hauptmedium: Wasser – schien sich von dort in dieses als wirklich geschmeidige Metapher zu transferieren. Mit der spezifischen Zugabe, augenrötende Essenzen, auch für diese hatte er ein passendes Pendant gefunden.

Theoretisch war ihm das eine wie das andere – gemeinsamer Nenner – Heterotopie, Spielplatz entkleideter Gedanken, beweglicher, fast schwerkraftloser Modelle in lockerem Medium, undsoweiter.

Wie gerne hätte er das alles festgehalten, was ihm da durch den Kopf geflossen war, aber Papier und Wasser, das weiss jedes Kind: Erzfeinde, und je schneller er seine Schreibstube ansteuerte, umso mehr schien sich das, was sich da unter dem Druck massierender Düsen gebildet hatte, wieder zu verflüchtigen.

Die endlose Strasse. In Sichtweite seiner Haustüre waren Vorplatz und umschliessendes Heckengelände schon fast eingedunkelt, nur noch trübe Verklumpungen, die der vollautomatischen, bewegungsempfindlichen Hauszugangslampe Grund zu strahlen gab – just in diesem Moment.

Die helle Aussendung wies aber nicht nur in diesem Moment die restliche Trennschärfe der Umgebung zurück, sondern gab auch noch die Konturen von etwas anderem frei: über drei Stufen gefläzt lag dort ein Körper, der schnell darauf zu vibrieren begann, was Benedikt dazu brachte, innezuhalten.

Immer feinere Umrisse zeichneten sich ab, bald war ein Rock zu erahnen, bald festes Schuhwerk, das nun Halt suchte und gleich darauf dem sich erhebenden Rest unterstand. Aus einem dunkelblauen Mantel ragte oben der Kopf Annas, wie Benedikt nun endgültig an der Pagenfrisur ausmachen konnte. Nieselregen setzte wieder ein, und das Gebüsch: erneut in Stimmung zu plaudern. Ich hoffe, ich komme nicht ungelegen, begrüsste ihn Anna.

Dabei rang sie immer noch um Luft, als Benedikt sie hereinbat. Eben war sie erst angekommen, behauptete sie, und wollte auch gleich wieder weiter. Auch war sie rein zufällig in dieser Gegend, wie sie sagte: Ich war nicht sicher, ob du da bist.

Sind wir also schon beim Du?, fragte sich Benedikt. Das ging ihm doch alles etwas schnell, aber er unternahm nichts gegen diese weitere Vereinnahmung, nahm ihr stattdessen den Mantel ab und klopfte diesem den Sprühregen von der Schulter. Dann warf er ihn über einen Küchenstuhl.

Hast du meinen Brief erhalten? Benedikt zog entschuldigend die Achseln nach oben. Er hatte noch keine Möglichkeit gehabt, seinen Briefkasten zu leeren. Fürchtete sich auch ein wenig davor, denn immer befand sich darin alles, nur nichts von Belang. Was ihn immer sehr ärgerte, und diesbezüglicher Verärgerung stets zu befürchten. Froh war er, wenn sich darin immer nichts oder fast nichts befand, und eigentlich sollte sich darin auch immer fast nichts befinden, nach den unmissverständlichen Anweisungen, die er an die Zulieferungsindustrie richtete, die diese aber immer wieder aufs Neue geschickt uminterpretierten, um seine Fach weiter und ungestrafterweise zurotzen zu können. Also ärgerte er sich nur noch alle paar Tage.

Ich habe noch nicht nachgeschaut, antwortete Benedikt also, und fügte hinzu, dass er den ganzen Tag unterwegs gewesen sei. Als er mit seiner Aversion gegen Briefkastenspam nachlegen wollte, unterbrach ihn Anna, wie schade das doch sei, denn sie hatte ihm darin Wichtiges mitgeteilt.

Benedikt war nicht eingerichtet, Gäste zu empfangen. Aber Anna war sehr zufrieden mit dem Vorhandenen, freute sich über kühles Sparbier und sogar den alten Jägermeister, von dem sich Benedikt nach vielfachen Erwägungen doch nicht getrennt hatte bei seinem Umzug, wie sich herausstellte. Mit viel Eis und etwas Zitronensaftkonzentrat war die braune Brühe sogar durchaus geniessbar. Lecker, schmatzte Anna, dann schoben sich wieder Sorgen in ihr Lächeln.

Sie waren auch schon in ihrer Wohnung, legte Anna unvermittelt los. Sie gaben sich grösstmögliche Mühe, nicht bemerkt zu werden, hatten aber ihren Scharfsinn und ihre Aufmerksamkeit unterschätzt, sprach sie weiter. Wer, unterbrach sie Benedikt, von wem spreche sie da? Anna blickte zur Wand und spielte am Verschluss einer Bierdose. Ich spreche von den Leuten, die immer wieder versuchen, mich von meiner Arbeit abzuhalten, die mich behindern! Benedikt wurde nun etwas ungehalten. Er hatte genug Erfahrungen von Annas Ausweichmanövern gesammelt und wollte: Jetzt aber bitte Fleisch an die Dinge. Wer bitteschön sind diese Leute? Von wem sprichst du da die ganze Zeit? Sind es Kollegen von dir? Polizei? Hast du Feinde? Warum?

Anna war den Tränen nahe. Du glaubst mir also nicht? Wenn sie es nicht selbst besser wüsste … aber … nein … das war unmöglich … Sie hatte das Gefühl, sie habe das alles schon einmal erlebt … was heisst erlebt? … zumindest gelesen! Anna machte die Flasche leer und gab noch drei Eiswürfel hinzu. Den Rest des Gläschens füllte sie mit Zitronensaft auf, sodass das Getränk die Farbe eines abgestandenen Eiskaffees annahm. Vitamine, kommentierte sie ihre Aktion trocken. Immer gut: Vitamine.

Obwohl Benedikt fest entschlossen war, nicht aufzugeben und nun endlich mehr über ihre Verfolger oder ihre Verfolgung, an die er schon fast nicht mehr glauben konnte, herauszubekommen, probierte er es, angesichts ihres Zustandes mit Güte und fügte dem wiederum nur ein neutrales: Soso hinzu, das – ohne aber intendiert worden zu sein – doch eine ordentliche Portion Mitleid enthielt.

Anna hatte das herausgehört und fasste sich wieder. Hast du zufällig die Zeitung vom letzten Samstag da? Muss ich mal nachschauen, antwortete Benedikt und war schon auf halber Strecke zu einem Altpapierstapel, der gleich neben dem Kühlschrank seinen Platz gefunden hatte. Sie wollte ihm etwas zeigen, das für sich selbst spräche.

Der Stapel wuchs dort fast ungelesen zu einem wilden Haufen, durchsetzt mit Inseratemagazinen und Gratiszeitungen, und eine gezielte Suche gestaltete sich sehr schwierig und auch das Vorhaben, obwohl die Anhäufung numerus currens, dozierte Benedikt, dort zum besagten Zeitpunkt zu gelangen, ohne dass das peinliche Konstrukt in sich zusammenbrach.

Als er sich immer mehr dem Wochenende näherte und Fündigkeit zumindest in greifbare Nähe gerückt war, hörte er ein schematisches Hupen, gefolgt vom Signal des Lichtbewegungsmelders.

Das muss für mich sein. Anna sprang auf und zerrte ihren Mantel vom Stuhl. Eine Freundin Die wollte sie abholen. Unbeweglicher Benedikt: in der Hocke gelähmt, spürte er eine langsame aber eindringlich zunehmende Verkrampfung seines Oberschenkels, die im Moment der Entlastung gegenwertig seine Wade befiel. Nur mit äusserster Anstrengung fand er eine Position, die beide Schmerzherde gleichzeitig entlasten und Auflösen konnte. Und noch anstrengender fand er es, von seinem Schmerz und seiner Schwäche abzulenken und so zu tun, als könnte seine Konzentration vor dem Zeitungshaufen kein Wässerchen trüben. Als Anna sich an ihm vorbeischob, sich bedankte und ihm einem flüchtigen Kuss an die Wange hauchte, konnte er sein Gesicht nur zu einem halbidiotischen Grinsen entstellen, wie es ihm vorkam. Etwas Regenwasser blieb zurück an dem Stuhl, als sie ging, und er zog sich an ihm hoch um sich bald darauf wieder zu Boden zu werfen, sich flach abzulegen und mit aller Kraft seine Beine gegen die Wand zu drücken.

Nach einiger Zeit, die sich wie Stunden gebärdete, hatte das Blut wieder seine natürliche Viskosität erreicht und seine Gesamtkonstitution war einigermassen passabel, sodass er sich auf seine Beine verlassen konnte und zum Briefkasten humpelte. Fast hätte er darauf gewettet: es befand sich nichts darin bis auf eine Broschur, die zu einem Besuch eines abschüssigen Gartencenters einlud. Keine Hinweise, auf einen Brief. Kein Garnichts, das ihm die jüngste Erscheinung erklärte. Blieben ihm nur die vermischten Meldungen eines Samstags einer alten Zeitung.

Wechsel

(E10)

Erst am nächsten Morgen, ein früher Morgen, kam es ihm vor, weit früher als die vergangenen Morgende, kam es ihm vor, begann Benedikt aufzustehen und gleich darauf sich seiner Kleider zu entledigen. Er hatte sich vor dem Einschlafen nicht ausgezogen, wieder einmal, und auch sonst verliess er den gestrigen Abend unverrichteter Dinge. Noch bevor er sich aufmachte in Richtung Dusche, empfand er die dahingeworfene Jacke nebst der Tasche als derartige Störung, dass er den Inhalt letzterer entleerte und notgedrungen versorgte. Die Jacke unterzog er einer Säuberungsaktion. Seltsam. Da tauchte ein Durchschlag eines Wechsels vom Goldenen Falken auf – an diesen konnte er sich gerade noch erinnern. Es war aber doch ein erstaunlicher Betrag, der da nun zuunterst stand. Dieser blanke Briefumschlag ohne Adressierung oder Absender jedoch, war ihm völlig unbekannt. Wie kam er dort hinein?

Schon etwas klamm, beförderte er seinen Inhalt ans Licht. Zwei zweimal und ineinander gefaltete, dichtbefüllte Seiten, von denen er just den Anfang erwischte.

Die Schrift war, gelinde gesprochen, flüchtig dahingewischt und ihre Entzifferung bereiteten Benedikts lemyatischen Augen reichlich Mühe, aber er war nun neugierig geworden.

Lieber Benedikt, ich darf Sie doch hoffentlich so nennen? Ich möchte mich bei Ihnen bedanken, dass Sie gekommen sind und mich gleichzeitig bei Ihnen entschuldigen. Sicher haben Sie bemerkt, dass ich mich gestern Abend etwas verhalten habe, dass ich nicht sprechen konnte, das heisst öffnen, wie es üblicherweise meine Art ist. Aber unsere Bekantschaft hat wohl auch noch nicht das Stadium der Üblichkeit erreicht. Ich möchte Sie wirklich versichern, dass es nicht an Ihnen lag. Dass ich Ihrer Person durchaus zugeneigt bin. Aber es lag an den Umständen. Ich möchte da ganz offen mit Ihnen sein, denn ich habe das Gefühl, Ihnen vertrauen zu können. Ich glaube, ich werde beobachtet. Ich will nicht so weit gehen zu sagen, ich würde verfolgt werden, aber es gibt da Indizien, dass man mich ins Visier genommen hat. Es gäbe da auch einige Gründe, warum diese Vermutung Berechtigung hat, aber in der Eile – ich möchte nicht allzusehr ins Detail gehen …

Man habe sie also im Blick, schrieb sie da weiter, und ihre Schrift zeugte von einer zunehmenden Nervosität. Sehr wahrscheinlich handelte es sich dabei um ihre Arbeit, die von gewissen Seiten beargwöhnt wurde, wie sie stark annahm. Und das war zum einen oder doch hauptsächlich: die der Wahrnehmung. Sie halte also Ereignisse fest, so gut sie konnte, so bemühte sie sich etwas umständlich auszudrücken, musste diese aber dementsprechend verkleiden, ständig, das hiesse: diese bis zur Kenntlichkeit entstellen, wie sie ihm gegenüber wohl schon einmal bemerkt hatte. Und: ob ihm vielleicht aufgefallen war, dass sie sich manchmal wiederhole? Aber gerade das war ein Effekt ihrer Camouflage. Es blieben da nicht immer viele Möglichkeiten etwas Anderes anders zu beschreiben, als in der Wiederholung, schrieb sie da. Nun wollte sie ja auch von dem Stück, an dem sie gerade arbeitete berichten, aber eben Zeitpunkt und Ort: ungeeignet. Und doch hatte alles mit ihrer, nein “unserer”, wie Benedikt nach nochmaliger Lektüre herauslas, Sachlage zu tun. Alles.

Benedikt musste das ja bemerkt haben. Hatte er das? Wer denn in diesem Lokal anwesend war, in das sie bald nicht mehr gehen konnte, was sie sehr bedauerte, denn eigentlich entspräche es ganz ihren Wünschen.

Ich schlage also vor, lieber Benedikt, wenn ich Sie denn so nennen darf, dass wir uns einmal an einer anderen Stelle treffen. Natürlich nur, wenn Sie noch Interesse haben. Das muss Ihnen doch sehr ungeheuerlich vorkommen. Nun muss ich Schluss machen und ich hoffe, dass Sie alles weitere werden vertraulich behandeln können. Vielleicht bis bald, A.

Das alles hatte sie auf zwei Seiten makuliertem Papier untergebracht. Benedikt rätselte immer noch, wann sie das alles geschrieben haben konnte. Etwa auf der Toilette? – doch so lange war sie gar nicht abwesend gewesen. Er konnte das nicht mehr rekonstruieren. Und wie hatte sie es fertiggebracht, ihm diesen Umschlag unterzujubeln? Auch bei diesem Punkt vermochte Benedikt nicht genau zu erkennen, ihr irgendwann eine Gelegenheit gegeben zu haben. Als er das Schreiben ablegen und endlich zur Dusche gehen wollte, nicht ohne die leichte Befürchtung, sich eine Irre angelacht zu haben, fiel ihm die Rückseite der Papiere auf. Dabei handelte es sich um Ausdrucke oder Kopien eines dramatischen Entwurfs, dieser allerdings grosszügig gestrichen.

Das Wasser war eiskalt. Er hatte vergessen den Boiler wieder anzustellen. Das: vor zwei Tagen schon, als dieses von den Handwerkern kurzfristig und aus ihm undurchsichtigen Gründen gefordert worden war. Die Erwärmung würde eine gewisse Zeit in Anspruch nehmen, also schlurfte er in die Küche, bereitet ein Kännchen Kaffee vor und machte sich an die Arbeit.

Was sollte man davon halten? Benedikt war sich seiner Sache nicht mehr so sicher. Je mehr er las und fand, und das waren einerseits wissenschaftliche Texte, zumindest sahen diese nach dem ersten Augenschein so aus, solche, die sich aus einer direkten Zeitgenossenschaft erhoben und dabei gleichzeitig auf der Augenhöher des Alltags sprachen, dann wieder: seltsame Theorien unfassbarer Ideen, die von seinem Gegenstand als einem Gebäude sprachen, ohne Anschein auf eine molekulare Struktur, oder etwas, das beliebig viel und gleichzeitig keinen Raum in Anspruch zu nehmen imstande war. Ein abstraktes Etwas, das auch an einzelnen Stellen auf Punktgrösse reduziert wurde. Dann wiederum pflückte er Prosaflocken aus Romanen oder Erzählungen, die diese lediglich als Gestaltungsraum möblierte. Fluides Material, alles in allem, und in dieser losen Unordnung, durchscheinen, instabil und jederzeit bereit, sich schnell in etwas anderes zu verwandeln, wenn es denn wie jetzt auf dem Küchenboden verschoben wurde. Benedikt plante, als der Kaffee zu sprudeln begann, dieses bald zumindest einer kleinen Nummerierung zu unterziehen, damit wenigstens eine Winzigkeit an Orientierung entstehen konnte, durch die er später, wie sich langsam abzeichnete, wohl oder übel geduldig, navigieren konnte.

Gerade, als er sich eine einfache und handhabbare Möglichkeit der Triagierung ausgedacht hatte, und er damit begann, die Erscheinungsdaten seiner Fundstücke mit einem Leuchtstift zu markieren, drängte sich der Verdacht auf: je weiter sich die Passagen in seine Richtung entlang einer Zeitachse bewegten, desto stärker schien sich eine vorgebliche Realität jener Untersuchungen neuerer Zeit den Grossentwürfen sogenannter Spekulativer Bibliotheken anzunähern. Er versuchte diesen ihm fremden Gedanken noch einmal genauer zu fassen. Folgerichtig musste es dann wohl heissen, dass sich jüngere oder jüngste Zeit jenen absurden, oder vielleicht sollte er sagen: realitätsalternativen Entwürfen annäherte, die allgemein aber als “Realität” anerkannt waren, oder und: diese Realität sollte – nach Ansicht der dominierenden Kommentatoren – weiter so betrieben und ausgeführt werden … Benedikt nahm sich nun einen Stift zur Hand, denn der Gedanke war kurz davor, ihm zu entgleiten. Noch einmal versuchte er seine Beobachtung in einer Frage einzufangen, reduzierte weiter und hielt fest: könnte es sein, würde man all diese einzelnen Ausschnitte zusammenlesen, dass sich allmählich sogenannte Wirklichkeit, was nun das Verständnis der Bibliothek anging, auch – und das war von den meisten unbestritten – als Spiegel der Welt aufzufassen, deren Sein und Status sich allmählich in eine Grossfiktion verwandelte? Was ihre fortschreitende Entmaterialisierung anginge, wie es nun häufig genannte wurde, musste Realität also als irreales, oder war es umgekehrt?, Ereignis, oder eher: unmöglichmöglicher, aber gleichberechtigter Zustand bezeichnet werden. Wenn eine Bibliothek denn Spiegel der Welt zu sein hatte … Das war ein phantastische These! Benedikt freute sich, dass es ihm doch noch gelungen war aus all diesem Wirrwarr zumindest eine kleine Provokation zu formulieren. Es war ihm natürlich klar, dass dieser Gedanke fast so alt war, wie die Menschheitsgeschichte. Aber vielleicht hatte er einen weiteren kleinen Weg gefunden, dieser Form des Konstruktivismus, den er an sich nicht unsympathisch fand, wieder etwas Wasser auf die Mühlen schaufeln zu können. Er würde es weiter verfolgen müssen, und sicher: einige empirische Daten mussten hinzugezogen werden, nur so bliebe dieser Ansatz auch in grösseren Kreisen haltbar. So musste sich Dirac gefühlt haben, kurz nach seiner Entdeckung eines quantentheoretischen Novums, dachte sich Benedikt. Doch das war noch zu zementieren.

Mit lautem Getöse schoss nun der Rest des Kaffees durch die kleine Bricca. Benedikt war nun bester Dinge und goss ihn in eine übergrosse Tasse, worin er noch im selben Moment erkaltete. Dann steckte er sich eine Zigarette an.

Benedikt ordnete immer noch das schon vorhandene Material, zufrieden, die einzelnen Passagen benannt, d.h.: zur besseren Austauschbarkeit identifiziert zu haben. Beinahe dreissig solcher Funde waren schon gemacht, übertragen und vermerkt, und mit diesem neuen Schlüssel, wovon Benedikt nun überzeugt war, konnte er vielleicht etwas zeigen, etwas, das für sich sprechen und stehen konnte, etwas, das im besten Falle auch belehrte und erheiterte, etwas, Benedikts Puls war ihm nun halsseitig spürbar und er so etwas wie einem kleinen Rausch nahe, was aber nur ein kleiner Schwindel sein konnte, auf Kaffee und Nikotin und leeren Magen zurückzuführen … etwas … da klingelte das Telefon, was ihn flugs aus seiner Bekiffung riss.

Wer konnte ihn da anrufen? Er hatte doch niemandem seine Nummer gegeben.

Am Apparat war Anna. Sofort fragte er sie, mit ihm ungebührlich strenger Stimme, was ihm aber augenblicklich leid tat, woher sie denn seine Nummer hatte; doch sie konterte geschmeidig: schliesslich sei er ein Benutzer. Eine Bibliothek wisse viel, wenn nicht sogar alles über ihre Benutzer. Dann: ob er denn nun einmal Zeit habe, die nächsten Tage. Benedikt bejahte. Schön, antwortete sie. Sie käme dann vorbei. Benedikt wollte noch nachfragen, wann das denn nun genau sein sollte, da war die Leitung schon unterbrochen.

In der gleichen Bewegung

(E9)

Als sich Benedikt durch den Windfang schob, sah er zunächst einmal: nichts. Zur stark war der Kontrast zwischen Aussen und Innen, das Gefälle der Lichtteilchendichte dieser zwei Räume, bis sich die Augen an die neue Umgebung gewöhnt hatten. Also nahm er den nächstgelegenen Gang mit einer Tischreihe zur Rechten, sporadisch besetzt mit Alleinstehenden oder flüsternden Pärchen, zur Linken eine Holzbar mit grossem Zapfhahn, dahinter ein Zapfer bei der Arbeit, wahr. Von Anna dagegen: keine Spur. Erst als das Hintere Konturen gewann und überhaupt eine abgeschlossene Fläche sichtbar wurde, das Ende des Lichttunnels, wurde ihm klar, dass dort auch noch Nischenplätze waren, mit kleinen Kerzen beleuchtet.

Benedikt steuerte in diese Richtung und bald zeichnete sich auch Annas Umriss ab, über ein Buch gebeugt oder war es ein Notizheft, indem sie blätterte?, vor sich ein Karäffchen Wein und zwei Gläser, das andere gefüllt mit etwas Wasser.

Benedikt war erleichtert, sie zu sehen. Bis jetzt hatte er die Möglichkeit in Betracht gezogen, versetzt zu werden. Das wäre nicht das erste Mal gewesen, und die Umstände ihrer Verabredung durchaus mit dieser Neigung. Einen kleinen Ruck musste er sich dennoch geben, entschlossen an den Tisch treten zu wollen, motivierte sich noch einmal, denn souveränes Auftreten, dachte er, konnte so eine Situation durchaus begünstigen und machte es auch dem anderen leichter, entsprechend seine Rolle zu finden.

Als er auf den letzten Metern noch überlegte, welche Wörter er denn für den Einstand verwenden wollte, denn auch das, dachte er, konnte mitunter entscheidend sein in solcherlei Situationen, entschied er sich dann aber – es waren bald nur mehr zwei Schritte und ihm noch nichts Brauchbares untergekommen – für ein einfaches Räuspern und zog eine dementsprechende Menge Speichel nach hinten in den Luftkanal, damit dieses auch einigermassen glaubhaft geäussert werden konnte, nahm sich Anna blitzschnell ein Zigarillo aus einem Etui, zündete dieses in einer eleganten Bewegung an, erkannte ihn noch während dieser Bewegung und nickte ihm zu, rückte einen Stuhl an ihrer Seite zurecht, strich über das Metalltischchen und beseitigte auf diese Weise ein paar unsichtbare Schmutzpartikel, klappte ihr Buch – oder war es ein Katalog?, das vermochte Benedikt immer noch nicht bestimmen – zu, exhalierte und begrüsste wie selbstverständlich mit einem vertrauten: Hallo. Worauf sich Benedikt etwas verschluckte.

Er würde sich wohl eher als Biertrinker bezeichnen, getraute sich aber nicht einzuschreiten, als Anna dem griesgrämigen Zapfer ein Handzeichen gab, das auf ein nochmaliges Karäffchen hindeutete und die Frage, ob auch er ein Glas wolle und ein weiteres Handzeichen aber nur kurz darauf noch einmal gegeben wurde. In einer grösseren Ausführung, allerdings.

Um das klarzustellen, begann Anna, ich freue mich, dass Sie da sind und sich mit mir über Ihr Projekt unterhalten möchten, aber: bitte schauen Sie mich dabei nicht so benutzermässig an.

Damit wollte sie ihm lediglich sagen, wie sie präzisierte: sie arbeitete vielleicht in einer Bibliothek und erledigte damit naturgemäss bibliothekarische Dinge, aber in der Zeit, jenseits dieser Zeit, der Zeit also, die sie als Possessivzeit bezeichnen würde, sei sie eigentlich das Gegenteil von dem, was sie in jener Zeit möglicherweise darstellte, und worüber sie eigentlich nicht so gerne spräche.

Benedikt wollte natürlich mehr erfahren, bekam aber kaum eine Gelegenheit, den Verlauf ihrer immer angeregteren Rede zu durchkreuzen und dieses etwas mitzugestalten.

Auf dem Papier war sie wohl eine Halbtagsbibliothekarin, dabei wehrte sie sich immer gegen derlei Vereinnahmungen, denn vielmehr war sie, Benedikt sollte dieses hässliche Wort doch entschuldigen: Halbtagsschreiberin. Und vielmehr noch ein Halbtagsdichterin. Vielmehr noch eine … Aber das führte jetzt etwas zu weit, unterbrach sich Anna. Jedenfalls ernährte das eine das andere, notgedrungen, und nicht umgekehrt.

Sie schreiben also Gedichte?, fragte Benedikt noch einmal nach, wie um sich wieder ins Spiel zu bringen, verfluchte sich aber noch im selben Moment, denn er wusste, dass er etwas Dummes gesagt hatte.

Anna schaute ihn milde an, und ihr verzeihenden Augen, schien es, deren Aufschlag ihn nun bannten und verzauberten, für einen kurzen Moment, entspannten sich ein wenig. Da bliess sie ihm in einer Beiläufigkeit ihren Rauch ins Gesicht, dass er nun wirklich nicht wusste, ob dies mit Absicht geschehen war, oder nicht.

Er musste gegenrauchen. Im Begriff, seine Parisiennepackung hervorzukramen, schob Anna ihm ihr Etui hin und forderte beinahe: Bedienen Sie sich bitte, sodass Benedikt zugriff, er wollte ja nicht als Drückeberger dastehen, dachte er sich.

Er kam nicht zum Zug. Immer, wenn er auf seine eigene Arbeit zu sprechen kommen wollte, schaffte sie es, das Thema umzulenken, ihm den Boden unter den Füssen wegzuziehen, ihn regelrecht in eine Fragehaltung zu zwingen, die ihm selbst auch noch ein ehrliches Interesse an ihrer Person und deren Possessivzeitgestaltung, suggerierte.

Einen durch und durch absurden Job hatte sie da, den sie nur durchs Schreiben ertrage, oder besser: schreibend, aber eher war es ein eigentliches Schreiben, das sie über das andere finanzierte, wobei ersteres aber doch wieder auf eine gewisse Weise zurückgab, konnte sie denn sonst noch arbeiten, vielleicht aber befinde sie sich auch irgendwo dazwischen, das könnte sie manchmal selbst nicht so genau sagen, das war so eine Tagesformangelegenheit, da widersprach sie sich manchmal selbst, wie sie von sich wisse, und überhaupt: wiederholte sie sich auch manchmal, aber ihre Einsicht: alles sei Wiederholung und die Tatsache, dass diese nur in anderen Worten verkleidet war, war für sie noch kein hinreichender Grund, dies zu beschweigen, was sie aber auch manchmal bedauerte, wie sie nun sagte und noch einmal nachgoss und ihren Zigarillo ausdrückte. Dann entschuldigte sie sich und ging auf die Toilette.

Es handelte sich um kein richtiges Buch, eines also, das von einem ordentlichen Verlag vertrieben wurde, eines, das in einer festgegossenen, unabänderlichen Form hergestellt worden war und diese in einer gewissen Exemplarzahl einer gewissen Exemplarzahl an möglichen Lesenden zugänglich gemacht worden war. Da gab es wohl viele bedruckte Seiten und sogar der gesamte Druckblock schien fein durchnummeriert. Aber die Zeichen der Titelei und des Impressums waren merkwürdig durchscheinend und auch das Papier darunter in hoher Opazität, dass sie eigentlich gar nicht erst gelesen werden konnten. Einband und dessen Innenteil waren in schlichtem Schwarz gehalten und was darauf stand, war ebenfalls schwarz und nur schwach erhaben, sodass Benedikt bei diesen Lichtverhältnissen denn auch gar keine Anhaltspunkte zu dessen Herkunft oder Inhalt ausmachen konnte.

Allerdings waren, wie er beim Durchblättern feststellen konnte, die Seiten durchgängig und aufsteigend nummeriert. Oder waren sie es nicht, denn immer wieder schien eine Seite aus einer natürlichen Nummernfolge zu tanzen und auch die Letztnummerierte konnte sich nicht auf eine konkrete Zahl einigen? Er blieb an einer für ihn lesbaren Stelle hängen.

am schreibtisch // versucht mich die sprache zu / doppeln zu doppelter führung zu / zwingen die zeichen in ordnung zu / bringen die / einmal sehr ordentlich aufgestellt waren bevor / wir uns kannten und / nun eher tropfend als fliessend ein / nachmals umschreiben ein / vormals und damals und mehrmals in hauch / dünnen lettern den blättern / aufdrängen und diese zu / türmen bald anschwellen / lassen ich kann sie nur / fassen indem ich sie / binde in grosser verknappung sie fortschicken möchte zu / einem der möge sie horten für / eine die das einmal lese zur / strasse hinaus in die richtige richtung den / schienen entlang im begriff zu versenden am / häuschen im regen da / wartest schon du //

Noch weitere solcher Texthäufchen, manche flatternd, andere wiederum blockmässig, alternierend, einem ihm unbekannten System gehorchend, schienen sich in dieser Art lose auf das Buch zu verteilen, und Benedikt hätte gerne weiter darin geblättert, als er beobachtete, wie sich die Toilettentüre öffnete. Er klappte es hastig zu und versuchte es wieder in die rechte Position auf dem Tisch anzurichten, doch an diese konnte er sich plötzlich nicht mehr erinnern. Er spielte den Unschuldigen. Anna war wohl aufgefallen, dass etwas dejustiert worden war, doch auch auf einmal in Eile, denn sie schaute allzu betont auf die Uhr. So spät schon? Um Himmels Willen! Nun haben wir uns wohl etwas verschwatzt, tat sie aufgebracht.

Benedikt wollte gar nicht darauf eingehen und sie lieber weiter ins Gespräch verwickeln, egal, wie einseitig es gewesen war. Bekomme ich denn einmal ein paar Gedichte von Ihnen zu lesen? Ungern, sagte Anna, alles unhaltbares Zeug. Das meiste schmisse sie wieder weg, und: da war im Moment gar nichts Repräsentatives vorhanden und in letzter Zeit beschäftigte sie sich ohnehin mit eher dramatischen Texte.

Wie interessant, gab Benedikt zurück, schon wieder war er entsetzt über seine langweilige Replik, darf man … Dürfen Sie. Es geht natürlich um, Sie haben es sicher geahnt, eine Handlung, die in einer Bibliothek spielt. Ein kleines Bibliotheksstückchen. Jetzt aber nichts, was Sie denken, denn es könnte im übertragenen Sinne auch irgendwo ganz anders spielen.

Aha, räusperte sich Benedikt, nun endlich etwas zufriedengestellter: eine Allegorie also?

Naja, ergänzte Anna, eine Art beispielhaftreale Bibliothek in einer völlig absurden Situation. Das Absurde darin ist allerdings, dass die Situation völlig der Realität entspricht. Soso, mit so einem Lifeisstrangerthanfiction- Ansatz?, hakte Benedikt nach. Ich kann jetzt wirklich noch nicht weiter darüber sprechen. Es ist alles noch ein wenig zu früh.

Benedikt fasste sich ein Herz und zeigte auf den schwarzen Wälzer. Das Buch da! Und was hat es mit diesem Buch auf sich? Anna nahm es an sich und packte es ein, um in der gleichen Bewegung eine Geldbörse hervorzukramen. Sie müsste nun wirklich los, bedauerte sie, sie habe noch einen wichtigen Termin. Und die bibliotheca caelestis? Was ist nun damit? Erst jetzt kam Benedikt auf den eigentlichen Grund ihres Treffens zu sprechen. Ein anderes Mal, sagte Anna. Wirklich, Sie wissen ja, wo Sie mich finden. Dann ging Sie zur Theke und wollte dort bezahlen, doch Benedikt rief ihr nach, dass er dies gerne übernehmen würde.

Als sich der Windfang hinter ihr schloss. rief Benedikt den Wirt herbei, um zu zahlen. Noch auf dessen Anweg zerbrach er sich den Kopf, ob er denn etwas falsch gemacht hatte und wie es denn nun weiter ginge, da stand dieser schon vor ihm. Benedikt bemerkte jetzt erst, dass er seinen Geldbeutel nicht mit sich führte.