Bitte warten

(E8)

Das Imaginäre. Das Spekulative. Das Absurde. Die theoriebildenden Kanäle. Benedikt war verwirrt, als er sich noch einmal all die unterschiedlichen Ausschnitte vorgenommen hatte. Wie sehr er sich auch bemühte, er konnte keine Klarheit in die Begrifflichkeiten, in ihre Unterscheidung, in die einzelnen Ansätze bringen. Schrieb der eine Autor über dieses, meinte er aber auch jenes, unter Ausschluss wiederum eines anderen. Ein anderer sah im anderen dieses und in jenem ein Tertium, das er in eine Fussnote verdrängte. All die Konzepte theoretischer Bibliotheken also solcher, die es – nach Benedikt – nur auf den Vorstellungsflächen eines Lesers zu besichtigen gab, wurden nur mit einem mehr oder weniger starken Vielleicht, nicht nur in ihrer Umsetzbarkeit, nein, sogar in ihrer Versteh- und weiter: Vermittelbarkeit bestimmbar. All diese Gebilde hatten nur eines gemeinsam: eine sprachliche Ursprünglichkeit, an der jedes andere Medium zu knabbern hatte.

Benedikt erinnerte sich an einen kleinen Abschnitt, den er innerhalb eines Kapitels seines ersten Romans platziert hatte. Es war eine Art Miniphilosophie des Vielleicht, und er hoffte nun, dass er dieses vielleicht plündern konnte, dass er das dort einmal Gedachte, herübernehmen konnte und auf der seltsam abgesteckten Fläche, einer kaum umrissenen Karte der paar Wörter, die er bald immer weniger verstand, auswalzen konnte, als Backmasse, die einen soliden Boden abgeben würde, die er dann vielleicht mit einer selbstgefundenen Bezeichnung nur noch auszustechen hatte.

Alles Suchen war erfolglos. Weder auf seiner Festplatte fand er etwas, das ihn über den Titel zu diesem Abschnitt brachte, noch ein Retrieval mit einer Suchmaschine, die er über seine Internetseite auf die er all sein Geschriebenes spiegelte, gleiten liess, machte ihn fündig. Eine Abfrage mit dem Wort „vielleicht“ ergab ihm, schien es, dagegen eine unendliche Treffermenge, die er nicht einmal in einer Schnelldurchsicht bewältigen wollte.

Dann schaute er auf die Uhr. Schon Zwölf vorbei. Er hatte den ganzen Vormittag durchgebracht ohne auch nur einen Satz zu Papier zu bringen. Und was er in die unzähligen Formularfelder eingegeben hatte: alles vergessen. Er war an einem Punkt angelangt, an dem seine Suchhistorie, wie er sich nun vorstellte, selbst den Umfang eines Romans haben musste und belustigte sich auch sogleich über diese Vorstellung. Eine Suchhistorie zu einem Romanthema selbst als Roman auszugeben, wie es in jüngerer Zeit wohl durchaus möglich geworden war, nachdem ein Roman denn fast alles sein konnte, was eine gewisse Zeichenlänge überdauerte und die Entwicklung seines Inhalts – eine Frage der Dechiffrierungskompetenz – nun schon seit langem in die Verantwortung seines Lesers übergegangen war. Ein netter Einfall. Aber Benedikt genügte es in diesem Moment so etwas Nettes gedacht zu haben und beliess es damit und strebte nicht etwa seine Umsetzung an, nach der Abwägung kategorischer und anderer Imperative: er selbst würde dies nicht einmal lesen wollen.

Dann öffnete er eine Flasche Bier, denn es war ja schon zwölf vorbei und liess Luft in eine Dose Wasabi.

Bibliotheca caelestis war der seltsame Titel, den er dann nach weiterer, etwas lustloser Recherche im Onlinekatalog der Bibliothek fand. Er war eigentlich per Zufall auf diesen Eintrag gestossen, wie, das konnte er sich nun im Nachhinein nicht mehr erklären. Vielleicht, weil er auch den Untertitel Versuch über die Unmöglichkeit einer Ordnung enthielt, und ihm nach Ordnung, zumindest im Moment zumute war.

Das Indexat enthielt noch keine Sacherschliessung und auch im Standortfeld fand er nur die dürftige Information: in Bearbeitung.

Um weitere Auskünfte darüber zu erhalten, denn Benedikt hatte es sich nun partout in den Kopf gesetzt, darüber Näheres in Erfahrung zu bringen, und offensichtlich war auch dem gesamten Internet dieses Buch ein Fremdes, rief er auf einer Zentralnummer an, die ihn aber nur mit einer ausweichenden Antwort eines Automaten beunfriedigte. Schnell trank er noch ein weiteres Bier, dann machte er sich erneut auf den Weg in die Stadt, liess alles stehen und liegen, fertigte aber schnell noch einen Bildschirmausdruck seines Funds an. Er wollte ja nicht wieder mit leeren Händen dastehen.

Heute kam es ihm so vor, als wäre noch viel grösserer Betrieb und die Summer der Checkpointkonsolen am Eingang in pausenlosem Einsatz, die Schlangen vor den Ausgabestellen und Terminals, mit zuckenden Schwänzen, eine Geraune wie vor Vorstellungen üblich, bei denen lange nicht gesprochen werden durfte. Verbitterte, frustrierte Fassaden, schubweise Hektik, Zwischenrufe, Insultationen, Hände in Nebenhänden, das Lesen im Lesesaal verunmöglicht, ein Schild am Eingang des Katalogsaals: Entschuldigung, ein Serverausfall, man arbeite daran, danke.

Benedikt machte sich gar nicht erst die Mühe, sich in einen langen Wartepfad einzureihen, sondern ging direkt, beschwingt wie er immer noch war, wieder quer durch den Saal in Richtung des kleinen Kabuffs, worin er Hilfe hoffte.

Auf sein Klopfen erhielt er keine Rückmeldung, auch nicht auf das kunstvoll synkopierte oder war es nur in diesem Gewitter untergegangen? Er wollte es ein letztes Mal probieren, erntete aber verständnislose Blicke, dachte er, von Seiten der aber vollständig eingebundenen Bewirtschafter, die sich aber allesamt schnell wieder an das Ausfüllen von Kärtchen machten.

Mit dem Ohr an der Türe konnte er sich aber dennoch etwas Zugang verschaffen. Konnte ihre Stimme, die das gesamte Betriebsgeräusch in eine stumme Kugel zu bannen vermochte, hören, die einfach nur: lieblich war und eine andere Umschreibung ihm gerade nicht zupass – , wenn auch etwas unter Druck geraten. Er presste die Klinke nach unten, sie gab ihm gerne nach. Anna schien sein Erscheinen gar nicht zu bemerken, so intensiv kümmerte sie sich um ihre Klientel am anderen Ende der Leitung. Erst als sie diese unter vielmaligen Vertröstungen verabschieden konnte, blickte sie auf und erschrak ein wenig.

Als auch die zweite Leitung zu glühen begann und ein Wortwechsel mit ihr verunmöglicht wurde, stellte Anna mit ein, zwei entschlossenen Tastenkombinationen die penetrante Belästigung auf lautlos, sodass lediglich ein paar nervöse Lämpchen von prallgefüllten Pipelines kündeten, und wendete sich Benedikt zu, gar nicht erbost, dass er hier unerlaubt hereingeraten war, sondern fragte ihn, geschäftsmässig freundlich allerdings, wie ihm denn zu helfen sei.

Benedikt bedankte sich höflich dafür, dass sie sich ihm widmen wollte und legte ihr den Ausdruck vor, schob nach, ob er denn Einsicht in dieses rätselhafte Werk erhalten konnte, sobald es denn bearbeitet worden war.

Anna errötete schlagartig, nachdem sie den Eintrag gesehen hatte. Dann wand sie sich umständlich und versuchte ihm den komplexen Durchlauf eines Buches in dieser Institution zu schildern, wie es von seiner Bestellung bis hin es zu seinem ersten Benutzer gelangte, wie man die Leser hier nannte, worauf sie stockte, als sich hinter Benedikt die Türe öffnete und ein Vorgesetztengesicht abzeichnete. Anna, sagte es kurz und machte eine Brauenbewegung, um sich dann wieder zurückzuziehen. Es erzielt eine Wirkung. Anna versuchte sich kurz zu fassen. Ich kann jetzt wirklich nicht, und: es liegt bei diesem Fall etwas anders. Dann hielt sie erneut inne. Das Buch, das Sie da suchen, setzte wieder an, es ist tatsächlich noch nicht vorhanden, es ist vielmehr wirklich „in Bearbeitung“. Und: sie könne noch nicht einmal ungefähr sagen, wann man es denn greifen könne, ach, flüsterte sie nun beinahe: ich will zu Ihnen ehrlich sein. Ich habe es.

Aber ich kann im Moment beim besten Willen nicht mit Ihnen darüber sprechen. Nicht hier. Benedikt war unangenehm berührt, dass er mit seinen Wünschen Anna offensichtlich in Schwierigkeiten brachte. Ich kann warten, meinte er schliesslich, und: es eilt überhaupt nicht, und: es wäre nur schön, könnte man mich benachrichtigen, sobald es zugänglich wäre. Er verspräche sich doch soviel davon, fügte er hinzu, von seinem Titel, denn mehr kannte er ja noch nicht, oder noch eher: von seinem Untertitel. Und dass er eigentlich nie so unverfroren gewesen, ja, dass es seiner Persönlichkeit sehr zuwider läge, sich so in Stellung zu bringen … Dann entpackte er ein Kräuterbonbon, als er auch seinen Atem für unangemessen befand und nahm dieses ein. Und: ja, es sei ein Thema, das ihn gerade brennend beschäftigte und er war gerade: irgendwie in eine Sackgasse geraten.

Anna begann gerade etwas aufzutauen, da tauchte wieder der Kopf des kahlen Herren auf, nun mitsamt Oberköper, der in ein kariertes Jackett gefasst und von einer grünen Krawatte zusammengehalten wurde. Anna!, gab er – nun noch etwas bedrohlicher – von sich, um ebenso wiederholt, einer Kasperlpuppe nicht unähnlich, ins Jenseits des Vorhangs zurückgeholt zu werden.

Wissen Sie was?, beendete Anna nun das Gespräch und reaktivierte das Klingeln der Sprechanlagen. Wenn Sie unbedingt etwas darüber erfahren möchten, dann finden Sie mich heute Abend im Güldenen Falken. So um Sieben. Wissen Sie wo das ist?

Durchs naturhysterische Museum

(E7)

Warum grünen die Bäume so saftig, zwängen sich durch die Bögen, blinzeln zurück, neugierig, wedeln mit hölzernen Schlingen? Warum spiegeln sich Jahreszeiten, achsensymmetrisch oder drehen sich um ein geheimes Zentrum, um einhundertachtzig Grad? Gerade einmal so, dachte sich Benedikt, als er in die Laube eintauchte. Und die Arkadensteine: die grauen Blöcke gewinnen an Oberfläche, schleudern Himmel in ungewohnte Ecken und beschallen, entschatten beiläufige Hotels mit eiligen Menschen, Portiers in einladenden Kostümen nehmen ein paar Koffer in Empfang und nicken dem Vorbeischwebenden zu, wie Benedikt registrierte. Und das kleine Parkcafé, zu Unzeiten bestuhlt, füllte sich mit plappernder Masse, die sich die Lippen mit Milchschaum verzierte, dazu das nun weniger geplärrte Frühlingslocken des Federviehs, das sich gierig um Streuselkuchenreste balgte, Teichententauchen, wohligwarmes Wasser wahrscheinlich, binnen Augenblicken, Hitze, feuchte Hände, Achseln, des ungewöhnlichen Klimas oder der einigen Kilos wegen, deren Schwere aber nicht weiter ins Gewicht fielen, fragte sich Benedikt.

Selbst den verlotterten Damen am Strassenstrich war er wohlgesonnen und beschleunigte nicht, sondern tanzte seitlich an ihnen vorüber, grüsste die gesichtslosen Mütter auf einem Spielplatz ganz in der Nähe, schob Förmchen zurück in den Sand, liess sich beschnüffeln von einem herrenlosen Hund, das vorher Gekotete weitgehend ignorierend.

Etwas war anders, aber Benedikt noch nicht bereit diesem Zustand einen Namen zu geben, obwohl er ihn doch einigermassen genoss. Insgeheim wusste Benedikt natürlich, was geschehen war, aber das war nichts Neues, das heisst: das Sogeschehene war ihm vertraut und konnte etwas bedeuten oder auch nicht.

Schon die Wahrscheinlichkeit der Bedeutungsfähigkeit des Ereignisses zu berechnen, unterliess er aber, weil er dies desöfteren schon unternommen hatte, nie aber, ohne dieses Ergebnis wieder revidieren zu müssen.

Also blieb ihm: kein Name und auch nicht ein vager Anhaltspunkt, um nicht zu sagen: Beweis, dass hier etwas nicht ganz Geheures vorlag, das dieses noch Namenlose einmal charakterisieren könnte, und das war nicht viel.

Es blieb also bei diesem Gefühl, ein Wort, das Benedikt nicht besonders schätzte, und auch nicht das, was es mehrheitlich zu bezeichnen meinte, aber er beschloss, es dennoch irgendwie positiv zu akzeptieren.

Wenn, ja wenn es nicht weiter seine Arbeit behinderte, denn diese fortzusetzen und abzuschliessen, so schärfte er sich ein, hatte im Moment oberste Priorität, bis er sich wieder einmal etwas anderem zuwenden wollte. Und das sollte noch warten können.

Da gab es noch Einkäufe zu tätigen. Obwohl seine materielle Versorgtheit für einige Jahre abgesichert schien, entsagte sich Benedikt den Griff ins Feinkostregal, ja überhaupt: die Besorgung ökologisch wertvollerer Produkte der Marke „naturaplan“, um hier und da einen Rappen zu sparen. Gewohnheit? Sozialisierung? Vielleicht, und Benedikt gedachte einen Moment seines gotthabihnseligen Vaters, der auch immer nur Instantkaffee aus der untersten Abteilung getrunken hatte, aus denselben Gründen vielleicht, weil dessen Vater, Kriegsgeneration, Russland undsoweiter … er also dieses Vaterverhalten nicht abschütteln konnte, jener wie dieser.

Aber er machte Ausnahmen: Da waren diese leckeren Nüsschen in indischer Gewürzkruste, vakuumverpackt in einer Aluminiumdose, die auch gut als Aschenbecher taugte: bei diesen musste er immer zugreifen. Und bei den Tütensuppen machte er eine Ausnahme und kaufte sich immer einen mittelgrossen Vorrat einer höherpreisigen Sorte. Einer, bei der im nicht immer schlecht wurde.

Und an der Kasse, zusätzlich: zwei Päckchen „Parisienne orange soft“, denn er war vor kurzem auf Leichtzigaretten umgestiegen. Die Verkäuferin kannte diesen letzten Wunsch am Band schon und liess, wenn er mit seinem schütterbestückten Wagen in der Schlange auftauchte, sogleich die automatische Zigarettenorgel herunter.

Heute schwenkte Benedikt noch einmal aus. Hatte er etwas vergessen? Sicher war diese Ungewissheit mit diesem Gefühl in Zusammenhang zu bringen, das er aber auch nicht hier weiter analysieren wollte. Ah ja, verrückte Idee, er hatte einen mächtigen Appetit auf ein Eis und schob noch einmal zurück zu den Gefriertruhen, einer bunten Eiswand, vor der er zunächst nicht in der Lage war, irgendetwas auszuwählen, weil das kollektive Farbgeschrei die Trennschärfe der einzelnen Produkte unterlief.

Einen Waldmeisterfinger. Wie lange hatte er den nicht gegessen? Er war erstaunt, dass es dieses Eis immer noch gab, erstaunt auch, dass er es noch wiedererkannt hatte in diesem Gemetzel und stellte dann fest, dass an ihm verpackungsmässig die Zeit scheinbar spurlos vorübergegangen war. Nur in der Preisklasse wurde nach oben angepasst, wie er sich nun erinnerte, aber das war ihm heute egal, denn: da war dieses Gefühl, das alle weiteren Kriterien verdrängen konnte, und er griff zu.

Mit dieser Wahl hatte er die Kassiererin etwas aus der Fassung gebracht, zumindest kam sie kurz ins stocken, als sie das Eis über den Scanner zog. Sie blickte ihm tief und verschwörerisch in die Augen, dachte Benedikt. Dann wurde alles andere wieder zur Nebensache.

Vielleicht hatte dieses Gefühl aber doch auch nur mit dem etwas ungewohnten Wetter zu tun, das ihn und seine Umgebung in einen durch und durch hormonellen Zustand beförderte, wie er nun überlegte. Das wäre gut, denn auf Sonnenschein folgte bekanntlich Regen, und dieser war wiederum gut für den Rasen, wie sein gotthabihnseliger Vater immer zu sagen pflegte, wenn ihm nichts weiter dazu einfiel, erinnerte sich Benedikt, als er den Schlüssel ins Schloss schob.

Wo war er stehengeblieben? Ah, richtig: Vor seinem Schreibtisch. Benedikt packte seine beiden Plastiktüten aus und vergewisserte sich noch einmal. Mit Anna war er jeden einzelnen Titel durchgegangen und die Richtigkeit dieser Herausgabe stand völlig ausser Zweifel, aber dennoch hoffte es in ihm irgendwo, dass es noch etwas zu beanstanden gab. Gab es aber nicht, und er wurde wieder zurückgeworfen in die Rolle des Entscheiders: was primär werden sollte aus dem Bereich des Sekundären, überhaupt: was nun, aber das hatte man ja schon einmal, wie ihm jetzt einfiel, zuerst begutachtet werden würde, also fasste Benedikt sich schnell und griff – dieses Mal mit geschlossenen Augen und nachdem von ihm ordentlich gemischt worden war – zu.

Weiter unten wollte er sich Notizen machen, denn genau diese Fragen, wenn nicht sogar diese Fragestellungen mussten dokumentiert und verfolgt werden. Und er versuchte sich Fragen zu stellen und bekam sich nicht gefragt. Und verwarf, eine Frage zu stellen, denn bald hätte er sich auch mit nur ein paar wenigen Wörtern begnügt. Ohne Fragezeichen. Die Passagen betreffend, beispielsweise, und ihre Korrespondenz mit den „kargen Leben“. Es wollte keine Frage werden, nicht einmal ein halber Satz. Nicht einmal eine Halbsatzhälfte. Und dies alles mit Leibniz zu verknüpfen. Etwa eine Leibnizthese darin zu finden, war ihm im Moment unmöglich. Schliesslich handelte es sich hierbei um eine Grossthese, die gar nicht daran dachte, in etwas allzu Konkretes überführt werden zu wollen. Benedikt hielt in diesem Moment inne, denn er fühlte sich plötzlich sehr seltsam, fühlte sich – er wusste gar nicht wie anders zu beschreiben – als einfach nur: hier. Für ihn noch abseitiger: er hatte plötzlich ein ganz präzise Lust auf den Waldmeisterfinger, den er auch alsbald öffnete.

Trost

(E6)

Benedikt ärgerte sich. Er war mit seinem veranschlagten Zeitplan für diesen Tag schon weit hinterher, hatte sich ablenken lassen, hatte an Fenstern gehangen und das Treiben auf dem Spielplatz auf der gegenüberliegenden Seite verfolgt, hatte sich von vielversprechenden Titeln seiner Tageszeitung einfangen lassen, die alle nicht hielten, was sie versprachen, und hatte zuviel Kaffee getrunken, sodass er nun kaum still sitzen konnte und die Schreibhand zitternd, aber nicht aus Gründen eines Überdrucks etwa, der bald eine Blase zum platzen brächte und das leere Blatt vor ihm füllen würde, sondern aus dem naheliegenden Grund, der nun völligen Nervenüberreizung.

Natürlich war ihm auch der Bücherberg, der sich vor ihm aufbaute und den er nicht weiter bewegt hatte, seit er ihn gestern hier zwischenlagerte, ein Graus, eine kaum zu überwinden scheinende Herausforderung, für die er noch nicht einmal angemessen ausgerüstet schien, wie er nun dachte. Die einfachste Möglichkeit wäre sicher, es so zu machen, wie er es immer zu tun pflegte, also ein beliebiges Buch zu nehmen und es zu öffnen, an einer beliebigen Stelle.

Ein Verfahren oder eine Zugangsweise, die ihm schon oft nützlich und zupass kam, wenn er sich in einem unübersichtlichen Meer von Aussenständen bewegte, die alle gleichermassen aufdringlich um seine Aufmerksamkeit warben.

Gerade wollte er sich ein Bändchen vornehmen, das ganz zuunterst des Gewächses lag und etwas dünn geraten war, und vielleicht gerade deswegen verlockend oder auch: wegen einer etwas Beifall heischenden Symmetrie der Signatur am Buchrücken, da stockte er in der Bewegung, wie es uns im Moment eines plötzlichen Dejavues geschehen kann, das uns ein Wiedererkennen vorspielt und uns gänzlich und für eine kurze Zeit aus allen Räumen und Zusammenhängen entfernt.

Und es war eher ein Gefühl als konkretes Bild, das sich da auftat, aber sogleich von Benedikt einem Ereignis zugeordnet werden konnte, was wiederum von ihm als eher seltenes Phänomen gewertet wurde. Dieses Gefühl, das zwar allmählich ein Bild, aber allerhöchstens ein Schriftbild erzeugte, war von ihm, wie ihm allmählich dämmerte, in einer ebensolchen Lage schon einmal untergekommen und gespeichert, und es hatte mit seiner ersten längeren Arbeit zu tun. Seinem Roman, wie er sie nun selbstbewusst nannte.

Auch dort hatte er sich mit dem Zugriff auf geschlossene Bücher beschäftigt, oder war das zu einem Zeitpunkt, als er sich in Gefangenschaft eines solchen befand?

Er ging wieder hinüber in sein Arbeitszimmer und holte sich das Exemplar mit den Korrekturen letzter Hand. Wie dankbar war er nun sich und dem Text, dass er damals ein ausführliches Register angelegt hatte. Mehr noch: dass eigentlich das Register den Kern des Buches darstellte. Die meisten Leser seines Buches hatten sich vor allem auf das Register gestürzt und nicht wenige gaben zu, nur dieses gelesen zu haben, was ihnen aber vollauf zu genügen schien, wie stets versichert wurde, und der Haupttext, was nicht weiter schlimm wäre, weil nun einmal notwendig, für sie mit dem Charakter einer Fussnote.

Benedikt fand die Registerstelle sehr schnell, denn diese war auch nach dem Erscheinen des Romans eine wieder und wieder konsultierte Seite, die weiter mit Stichworten und handschriftlichen Eintragungen versorgt und ergänzt worden war. Mit immer neuen Ideen und Gedanken, die im Falle einer Neuauflage dort hätten einfliessen können.

Es handelte sich um eine sehr kleine Passage aus dem fünften Kapitel, die er Kleine Theorie des Exzerpts genannt hatte, von dieser aber allerdings nur noch, zumindest in der von ihm überschriebenen Fassung, der Titel übriggeblieben war. Benedikt las:

Während der Lektüre der alten Dokumente kommen ICH Zweifel an der Sinnhaftigkeit seines Tuns. Vor allem die Texte zu exzerpieren bereitet Mühe, da auch dieses Verfahren eine subjektive Schnittsetzung bedeutet und damit nun weder wissenschaftlich sauber, noch fiktional originär wäre. ICH arbeitet dennoch weiter.

Eine nicht mehr besonders aussagekräftige Eintragung nach all den Überarbeitungen, dachte Benedikt, und fragte sich kurz, ob das denn nun der Sinn seines vielfachen Überarbeitens sein konnte, doch dann, und vielleicht war es gerade das, was hier als Sinn entwickelt wurde, blätterte er über einen Verweis zu der hier so zusammengefassten Passage zur Originalstelle und machte es sich mit ihr gemütlich.

Überhaupt: Die Stille. Die Arbeit am Exzerpt ist eine methodische und deshalb unbefriedigende Frage und quält mich. Ist das, was da von mir ausgeschnitten wurde und wird, was da von mir als wichtig oder irgendwie bedeutend wofür auch immer von mir erkannt und isoliert wird, was da also von mir möglicherweise auch physisch herausgelöst wird, vorsichtig, sicherlich, aber sich dann, nachdem es vorne und hinten und oben und unten gekappt wurde oder auch aus einem ganz anderen Medium in dieses überführt wurde, noch originär? Und: Wozu es gut sei ohne Hinblick? Oder ist es nicht etwa Etwas, das man schon mit seinen Schnitten gestempelt hatte? Und würde es dann nicht ganz etwas anderes bedeuten? Vor allem einen Missbrauch? Etwas in etwas anderes einzubetten.

Ja selbst wenn es sich noch nicht in seiner neuen Heimat befände, wenn es sich also auf dem Weg, aus dem langen Schlaf der Geschichte gerissen und mit noch verklebten Augen herausgezerrt fühlt, fast nackt, durch den Kopf des wieder ersten Lesers, also mir, dann in der Luft, dann durch Tastenschläge malträtiert, auch wenn nichts darauf hindeutete, dass etwas in so einer langen Kette verloren ginge oder geändert würde: wenn es sich also daraus formiert, digitalisiert und nun nicht mehr auf halbsaurem, gelblichem Untergrund sauber dahingeblättert liegt, sondern auf blütenweiss glänzender Leinwand, einer Plasmaschicht, die nach der Auslöschung des Lichts mich spiegeln will? Was wäre dabei passiert?

Einige Momente der Entauratisierung, oder, muss man sagen: der Transautorisation wären dann verstrichen und der exakte Ort nicht mehr lokalisierbar, notiere ich darunter.

Und: Dass all dies nur zur Fussnote taugte, die nur im Zweifelsfall etwas sagen und bestätigen oder widerlegen soll, was nur beiläufig zu erwähnen ist und dann aber nur vielleicht irgendetwas erhärtet. Dabei, scheint es mir, ist es unerheblich, wie lange das Gesagte, wie klein zerstückelt, wie – wieder miteinander verschachtelt und verkettet – das Erscheinungsbild des Entnommenen, nur diesem einen Zweck, so die Vermutung: dort konkret zu werden im Moment des Sinnlichkeitsverlusts. Und mich etwas zu stärken auf Kosten besagten Missbrauchs in einer Fussnote, die von niemanden gelesen wird. Das ist der Trost.

Benedikt kam wieder zu sich. In nicht wenigen Fällen eines solchen Lektüreschlafs blieb nicht etwa nichts von der durchschlafenen Passage in ihm übrig, sondern manchmal ein, zwei reisserische Sätze, die um Verwebung baten, in diesem Falle: Der Trostblock. Nur dieses Wort schon zu lesen, hinterliess in ihm ein Gefühl des Trostes und der Versöhntheit, sodass er den Nachgeschmack eines weiteren Überbleibsels seiner dort fortgeführten Theorie des Abschriebs von sich selbst, die allerdings etwas naserümpfend vorgetragen wurde, überwand und diese positiv besetzte. Er notierte: „Der Selbstabschrieb“. Und begann sich dafür innerlich zu preisen, auch wenn dieser nur andeutungsweise und keineswegs stark umrissen oder verworfen worden war von seinem damaligen Ich, so nun: poetisch und als legitime Verfahrensweise empfunden, mit der er sich, wie er gleich darauf beschloss, noch einmal näher beschäftigen würde.

Alles zu seiner Zeit, murmelte Benedikt, denn dieser Komplex, wie er sich nun weiszumachen versuchte, und das musste er strengstens, wollte ihm heute noch etwas anderes gelingen als eine Überdenkung dieses Gedankens, hatte nur mittelbar mit seiner jetzigen Arbeit zu tun. Also: Alles zu seiner Zeit, murmelte Benedikt noch einmal, während er sich wieder dem Buch mit der auffälligen Buchrückennummer zuwenden wollte, da fiel sein Blick auf den Buchrückentitel.

„Eine kleine Geschichte der Ökonomie“, stand da. Und auf der Vorderseite: „Eine kleine Geschichte der Ökonomie“. Benedikt war auf einmal ratlos, dann überflog er die anderen Buchtitel seines Apparats. „Unternehmensethik und globale Märkte“, fand er da, und: „Denkanstösse zu einer anderen Geographie der Wirtschaft“. Undsoweiter.

All das, was er unter grossem Aufwand nach Hause getragen hatte, war nichts, womit er nur irgend etwas anfangen konnte. Lange grübelte er, wie und warum da etwas schief gelaufen war, dann erkannte er den Fehler.

Nur ein kleiner Unterschied in der Schreibweise seines Namens, eine phonetische Namensvetterschaft, musste wohl für dieses Versehen gesorgt haben.

Seltsamerweise trat er den Weg in die Stadt in sehr beschwingter Laune an.

An der Ausleihe herrschte Hochbetrieb. Als Benedikt an die Reihe kam, seine schweren Tüten über den Tisch schob und versuchte, sein Problem zu erklären, erfuhr er der Grund der ungewöhnlichen Betriebsamkeit. Ein Netzwerkfehler, hiess es, der zu andauernden Abstürzen im Zentralsystem der Verwaltung führte. Der Auszubildende wollte ihm noch weitere Details verraten, da griff ein Kollege ein. Eine Kollegin würde sich gleich seiner annehmen, vertröstete man ihn. Im Moment müsste alles händisch festgehalten werden, damit später die Buchungen korrekt nachgetragen werden könnten. In seinem besonderen Anliegen … Dann wurde er zu einem Zimmer geleitet, vor dem er kurz warten sollte, man würde sich gleich um ihn kümmern.

Nach einer kurzen Weile öffnete sich die Türe und die Auskunftsbibliothekarin von gestern bat ihn herein. Benedikt hatte von diesem Moment den Eindruck, dass er sich Ewigkeiten in die Länge zog: der Tritt über die Schwelle in ihr Büro. Unsicher tastete sein Blick die Regale und Veranstaltungsposter in diesem winzigen Raum ab, dann blieb er an dem Namensschild auf ihrem T-Shirt hängen. Ihr Name war Anna.

Wort & Vita

(E5)

Diesen Ort zu skizzieren, der in so grosser Zahl schon skizziert worden war, in seiner Allgemeinheit, mit Worten, wie er sie besser nicht erfinden konnte und es also nur eine Frage der Aneinanderreihung und Menge dieser war, ein halbwegs korrektes Abbild, besser vielleicht: eine Ahnung zu produzieren, wohin er sich jetzt begeben wollte, dachte Benedikt, war paradoxerweise selbst ein Ort, der im Kern nur aus Wörtern bestand.

Einige Studenten standen dicht gedrängt um einen Aschenbecher herum und machten erst Anstalten den Weg durch die Arkaden freizumachen, als er seinerseits mit mehrmaligen Hinweisen auf seine Person und Absichten hinweisen musste. Dann machten sie Platz und liessen ihn stummfeixend passieren. Noch bevor er sich durch die elektromagnetische Sicherheitsanlage schleussen konnte, eilte ihm eine junge Frau mit dunkler Fliegenbrille entgegen, scherte sich nicht um das plötzlich anschwellende Piepsen und Blinken der Kontrollstelen und verliess den Vorraum hastig in Richtung Ausgang.

Der Diensthabende in der Nähe der Installation merkte wohl, dass hier gerade eine Entführung stattgefunden hatte, doch was sollte er dagegen unternehmen? Vor ihm drängelte sich eine Benutzerschlange und er war allein und schmächtig, so schmächtig, das Schulterzucken geriet ihm zu nicht mehr als einem leichten Zittern. Dann setzte er seine Arbeit fort.

Zum Katalogsaal ging es in den ersten Stock über eine spiralförmige, ausladende Steintreppe, die mit einem roten Läufer überzogen war. Noch auf der Hälfte des Weges hing ihm die Mischung aus Cafeteriagerüchen und Männertoilette nach. Eine kleine Vitrine vor dem Eingang des Saals machte auf runde Autorengeburts- und Todestage aufmerksam. Diese Woche feierte Ludwig Harig seinen achtzigsten Geburtstag. Als kleine, bibliophile Delikatesse wurde eine jüngere Publikation des Autors aufgelegt. Ein mit grünem Samtmaterial ausgestattetes Bändchen mit Fussballsonetten, in das auf der Vorderseite ein Fussballplatz hineingearbeitet war.

Etwas davon in Bann gezogen, stiess Benedikt gegen die Glastüre und fühlte sogleich Blicke auf sich gezogen, die sich aber augenblicklich wieder in Bücher oder Bildschirme versenkten. Die übermalten Holzwände schmückten noch Regale mit den Kapseln des sogenannten „Alten Katalogs“, ein papiergewordener Schnappschuss eine Bestandes zu einem bestimmten Zeitpunkt, sortiert und geordnet nach einem ihm unbekannten, dunklen System, in das er sich gar nicht erst hineindenken mochte. Gottlob, es gibt nun die virtuellen Kataloge und ein paar Geheimnisse weniger, dachte Benedikt.

An den Ausleihtresen kam es zu einer ersten, kleinen Enttäuschung.  Die Bücher, die er gestern bestellt hatte, befanden sich in einem Magazin ausserhalb der Stadt. Da musste er sich wohl vertan haben. Aber, wenn er denn noch etwas Zeit hätte: in einer Stunde würden sie mit einem Kurier angeliefert werden, informierte ihn ein Auszubildender. Benedikt kam schnell über seine Enttäuschung hinweg. Er werde einfach noch ein wenig weiter in den Katalogen stöbern, in der Zwischenzeit. Den Auszubildenden schien dies nicht besonders zu interessieren, aber er versicherte ihm, dass man ihn direkt nach dem Eintreffen der Lieferung informierte. Wo er denn sässe? Benedikt zeigte etwas unbestimmt in eine Ecke, in der es noch freie Plätze gab, dann steuerte er einen Rechercheplatz an und justierte sich einen Sessel auf seine Ergonomie zurecht.

Dabei war es gar nicht so, dass er an diesem Platz eine andere Tätigkeit ausführen wollte, als eben die des Suchens und Findens von Büchern und Texten und deren Bestellung. Er hatte nur diese kleine Idee, wie er beteuerte, die ihn bei der Durchsicht der Unterlagen, die ihn zu weiteren, ähnlichen Materialien führen sollte, die ihn also folglich erst eine Idee liefern konnte, von dem, was er suchte, wobei es noch nicht einmal gesagt war, dass er sich denn auch schnell in die ihm hier zur Verfügung stehenden Instrumente einarbeiten konnte und diese beherrschte, aber soweit war es noch gar nicht, denn er, sagte Benedikt, habe sich wie gesagt etwas in die Unterlagen verfressen und wollte nur schnell, ganz zügig also, ein paar Zeilen notieren, er hatte also nicht die Absicht, so lange … Benedikt merkte nun, dass er sich verheddert hatte. Es tue ihm also leid. Dabei, das war von ihm überhört worden, ist ihm nur die Frage gestellt worden, ob man ihm denn helfen könne.

Die Bibliothekarin beschwichtigte ihn und fragte noch einmal. Benedikt errötete. Nein, nein, das ist doch nicht nötig, ich komme schon zurecht, danke, und ja, wenn ich nicht mehr weiterkomme. wende ich mich gerne an Sie. Herzlichen Dank!

Sie sässe dort drüben, und zeigte ihm ihren Arbeitsplatz schräg durch den Raum. Dort. Einfach nur fragen. Und nichts für ungut. Dann verschwand sie wieder so plötzlich hinter seinem Rücken, wie sie aufgetaucht war.

Wie hatte er nur umhergewirbelt? Benedikt versuchte wieder Ordnung in den in Unordnung geratenen Zettelhaufen zu bringen, fand dabei Fassungen von Texten, die er noch mit Namen getitelt hatte. Walter hiess einer. Und MacFinster ein anderer. Und legte sie mit den entsprechenden Vorlagen ab. Dann zweifelte er wieder daran, ob das denn ein günstiges, das beste Verfahren war, oder ob nicht vielleicht eine alphabetische Reihung geschickter wäre, wenn sich die Seiten mehren würden. Doch im jetzigen Rohzustand der Texte schien ihm ein Miteinander der Geschichtchen mit ihren Auslösern am geeignetsten. Weitere Aufstellungs- und Anordnungsstrategien, so machte er es sich noch einmal klar, würden sich vielleicht zu gegebener Zeit schon von selbst einstellen. Und natürlich: all das musste auch noch abgetippt werden. Wäre dies einmal geschehen, vielleicht fände sich dann ja alles noch einmal anders, und doch von selbst, hoffte Benedikt.

Vielleicht war es auch die Unterschiedlichkeit all der bislang entstandenen, kleinen Formen. Keine einzige schien einer anderen zu gleichen. Das musste figurenmässig so sein, aber war das stilistisch auch angemessen? Oder die Ausschnittgrösse der „kargen Leben“: er ahnte schon jetzt, da er kaum zehn solcher Viten geschaffen hatte, das heisst: Ausschnitte von Viten, Vitenschnittchen, dass diese bestimmt zeitlich zwischen Sekundenbruchteilen und Jahren sich bewegten. War dies theoretisch noch vertretbar? War dies noch zulässig bei einer Idee, die doch mehr auf Konstruktion denn auf irgendetwas anderes beruhte. Dann wiederum, besann sich Benedikt, handelte es sich dabei ja wohl um eine Idee, die selbst noch zu Ende gedacht werden musste. Eine Idee also, die sich noch im Stadium ihres Vorvorhandenseins befand. Auch diese Vorstellung konnte Benedikt weiter beruhigen und er räkelte sich und bog sein Kreuz durch, das allmählich etwas zu schmerzen begann. Schliesslich war er der Autor und konnte diesbezüglich schalten und walten, wie er wollte: er hatte da keine Vorgaben. Er war derjenige, der diese lieferte. Als er sich wieder daran machen wollte, die komplizierte, virtuelle Mechanik des elektronischen Katalogs kennenzulernen, rief man seinen Namen aus.

Wie bitte? Das alles soll ich bestellt haben? Benedikt war peinlich berührt, wollte gleichzeitig aber nicht als unerfahren abgestempelt werden und schloss darauf gleich ein: Aha und Ach so, natürlich an. Tatsächlich: mehrere, ganze Werkreihen waren von ihm da vermerkt worden. Benedikt tat weiter so, als wäre dies alles rechtens und beabsichtigt und packte wortlos einen Teil des Stapels, so gut es ging, in seinen Rucksack, war dann aber doch sehr dankbar, dass man ihm mit einigen Taschen aushalf, in die er den Rest seiner Bestellung verstauen konnte.

Weitere Nachforschungen musste er wohl zu einem späteren Zeitpunkt ausführen, dachte er sich da und machte sich, stark beladen, auf den Weg hinaus und wieder die Treppe hinunter. Als es hinter ihm zu Piepsen begann, fragte er sich noch, ob das ein freundliches Nicken der Auskunft war, das ihn da verfolgt hatte, wie er glaubte. Oder etwa ein spöttisches?

Ablegen

(E4)

Gerade als er dachte beinahe einen Standort für sich, nein wohl eher: für sein Schreiben und dessen Ergebnisse bestimmt, das heisst: gefunden zu haben glaubte, kam er an und die Maschinenstimme riss ihn aus einem besonders verrätselten Satz. Monbijou. Sagte sie. Das war die Haltestelle an der er neuerdings auszusteigen hatte. Kleinod, dachte er, da war er nun hingewachsen, und dass es sich nach Kurzatmigkeit anhörte. Und Kleinod wieder: Bijou. Mit den semantischen Restbeständen eines freimaurerischen Logenzusammenhangs, wie die wenigsten noch wussten und er nur deshalb, weil er es eher zufällig in einem Wörterbuch fand, wie das meiste seines Findens eher auf Zufall beruhte, hier passend: nur wenige Schritte bergab und er befand sich in der Gutenbergstrasse mit den grossen Wohnhäusern aus der Gründerzeit.

Das einzige, was ihm an seinem neuen Domizil störte, war das Wissen, dass es nur Übergang war. Aber er war dankbar, dass er es doch so gut getroffen hatte. Nachdem sich herausgestellt hatte, dass niemand der ehemaligen Anwohner seiner damaligen Wohnung an dem gewaltigen Hausbrand schuld war, wie verschiedene Experten bestätigten, versprach die Versicherung, die Schäden vollumfänglich zu übernehmen. Man sorgte gut dafür, dass die Hinausgebrannten bald und mehr als erträglich unterkamen, in frisch renovierten Altbauten nicht unweit des vollzusanierenden Wracks, als Interim, allerdings.

Benedikt sah das als Chance, wieder bei Null anzufangen. Sicher, es schien vorerst alles verloren: die Bücher, das Persönliche, kurz: all das – wie man sagte – Hab und Gut, das bestimmt die meisten Menschen als massgeblichen Anteil ihrer Identität ausmachten. Ihm dagegen gefiel der Gedanke, sich wieder neu beschriften zu können, und einmal überlegte er sich sogar kurz, sich vielleicht auch noch einen neuen Namen zuzulegen, verwarf ihn aber schnell wieder.  Die Formalitäten schienen ihm zu widrig.

Warum er Röhrling nur die halbe Wahrheit erzählt hatte? Benedikt vermutete, er tat gut daran, nicht allzu viele Fragen aufzuwerfen.

Das neue Herz war bald gezimmert. Eigentlich bewohnte er nur zwei Räume dieser Vierzimmerwohnung im Hochparterre. Die anderen liess er Raum sein. Mit was sollten sie denn auch befüllt werden? Die Bücher und Regale: die Lungenflügel seiner Wohnprojekte: Rauch und Asche, und das meiste „ehemaliger Ballast“, wie er es jetzt bezeichnete. Und die noch zu beschaffenden Bücher in den noch zu beschaffenden Regalen: nicht viel mehr als eine vage Vorstellung. Doch auch so: es entstand schnell wieder ein kleiner, lebensfähiger Organismus. Ein Schreibtisch, ein Computer und die üblichen kommunikationstechnischen Ergänzungen, und nicht unwichtig für seine Arbeit: eine grosse Registratur aus einer Brockenstube, mit Schienen, auf die schon etliche, leere Mappen aufgegleist waren. Ein Ablagesystem, das im Moment noch mehr als System aussah, im Moment, den es war noch fast hohle Struktur.

Hohl: denn noch immer war ihm die „neue Sicht“ auf das, was er zu bearbeiten und ergo zu schaffen plante, kaum mehr als eine Phrase, die um Bedeutung rang und schwer zwischen ihren Einzelteilen taumelte. Bearbeitungen. Verwandlungen. Metamorphosen ausgedachter Ordnungen und ihrer Konkretionen sollten entstehen und hatten sich hie und da auch schon materialisiert, nicht zuletzt, weil ihm dieses Buch geblieben war. Merkwürdige Leute. Bibliothek und Bibliothekar in der Schönen Literatur. Eine wahre Fundgrube, wie sich bald herausstellte. Mit grossem Genuss blätterte er darin, auch oder vielleicht gerade weil er wusste, dass es sich nicht mehr unbedingt auf der Höhe der Zeit bewegte. Aber ein durchaus oft zitierter Text in der einschlägigen Wissenschaft. Doch was kümmerte diese ihn? Ging es ihm doch zunächst und vor allem um seine Ausschlachtung. Um das eine oder andere Elment, in das er seine Haken schlagen konnte. Das und in dem er sich verwandeln konnte. Das ihn erzeugte, wie er es einmal notierte. Das: was ihn ausmachte, wenn er es und sich damit befasste. Das: war die Ortsbestimmung, so zumindest ihr Prozess, für den er Worte gesucht hatte vor wenigen Minuten, bevor ihm die Stimme diese Schleife zerschnitt. Es war doch so oder so: ein Schlachtfest. Was man üblicherweise als Literatur bezeichnete, und die Zubereitung der Fleischfetzen, oder ihre Grösse, oder die Art und Weise ihrer Verbratung oder Würze, kurzum: der ganze Vorgang vom Mord bis zum Auftisch – eine Frage der Modellierung, und diese wiederum: historisch ziemlich instabil, dachte Benedikt.

Nachdem also alles zu Bruch gegangen war, und damit war nicht nur das jüngste Ereignis, das ihn an diesen Ort versetzte, gemeint, sondern eine lange Kette von Ereignissen, die aber in dieses jüngste Ereignis kulminierte, sodass Benedikt dieses und den ganzen Vorlauf der Einfachkeit halber als ein Ereignis betrachtete, das sich allerdings in einem langen Zeitraum ausbreitete und das er einmal ICH nannte, wovon er nun aber – neues Konzept – stets nachdrücklich und völlig bewusst Abstand nahm, sah er sich kurz darauf nur wenigen Möglichkeiten der Fortexistenz gegenübergestellt. Es waren, um genau zu sein: zwei. Einer Schreibenden. Und einer Nichtschreibenden.

Hierbei handelte es sich um eine der wenigen Kontinuitäten. Denn heute wie schon damals, als das Ich, wenn er es sagte, nach diesem anderen Leben klang, war ihm ein Nichtschreibendsein begrifflich gar nicht vorgesehen, also zur Existenz gehörend, also seiend. So konnte man gar nicht sein, also war man nicht so. Was wiederum seinen Begriff des Schreibens oftmals dehnte. Selbstverständlich galt ihm das auch für den Rest der Menschheit, doch über diesen zerbrach er sich herzlich wenig den Kopf in dem einen Leben. Vielleicht auch darum, weil eine grösser angelegte Betrachtung dieses Phänomens ihn zu Revisionen genötigt hätte. Und er war dann doch auch, zweite Kontinuität, etwas bequem.

Nachdem Benedikt die Türe hinter sich geschlossen und sich aus dem Kühlschrank mit kaltem Bier versorgt hatte, setzte er sich an seinen Schreibtisch und startete seinen Computer. Während dieser hochgefahren wurde, nahm er – wie er es nun regelmässig tat – diese Zeitspanne von genau drei Minuten zum Anlass, weiter an der Liste wiederzubeschaffender Bücher zu grübeln, und ergänzte und strich und schrieb wieder darüber und verwarf erneut, sodass sich die Liste nur unwesentlich, im besten Falle um sehr wenige Titel verlängerte. Es bestand auch keine Eile, diese anzufertigen. Bis der Grossteil der Versicherungssumme dieses Schadens freigegeben wurde, würde noch einiges an Zeit vergehen. Zudem waren die nun zu beackernden Texte nicht gerade diejenigen, die er zu kaufen bereit war. Es waren Texte, die sich ohnehin nur noch in Antiquariaten oder ausgezeichneten Bibliotheken befanden und eine dieser konnte er mit nur wenigen Mausklicks, zumindest an der Oberfläche bereisen.

Das Interface war nun bereit. Er blätterte noch einmal in den „Merkwürdigen Leuten“, die er, wie er befand, nun zur Genüge zerlegt und gefleddert hatte, glitt dann mit dem Zeigefinger über die Bibliographie.

Der Einstiegspunkt der Bibliothek bestand aus einem grosszügigem Suchfeld, in das er nun Kombinationen aus Autorennachnamen und Titelstichworten füllte. Viele gesuchte Titel waren dort nachgewiesen und zu seiner Freude auch vorhanden, und nicht etwa ausgeliehen. Diese würde er morgen schon einsehen können, wenn er wollte. Das heisst: man hatte seine Anfrage registriert. Man verhielt sich ihm gegenüber prinzipiell wohlwollend.