Die Scherben

(E3)

Wir wissen nichts voneinander. Eigentlich: Fast nichts. Entfuhr es Röhrling an einer Stelle. Draussen begann es einzudunkeln und wieder fiel ein Lichtkegel auf die geöffnete Balkontüre, zwängte sich durch die Rahmen und fächerte das Rauchgitter an die Wand zu hellen, schlanken Schatten auf. Röhrling sag aus wie ein Toter. Wie sein eigener Tod. Diese Hose besitze ich nun schon seit beinahe dreissig Jahren, fuhr er fort. Die Cordstruktur hatte sich schon gänzlich aufgelöst in ein feines Netz aus Fäden, ein Geflecht aus weichen Fasern, das nur noch mit Mühe und Not decken, aber sicher nicht mehr wärmen konnte. Darum also die zweite Schicht, das Pyjamaunterteil, das sich auch farblich perfekt unterordnete, ihm Schutz bot und ihm die Scham nackter Haut ersparte, dachte Benedikt. Das Unpassende. Ungehörige, gegen ein anderes getauscht, das weniger schamlos schien, das sich ins eigene fügte.

Ich kann einfach nicht davon lassen. Sie war ein Geschenk. Ist immer noch etwas besonderes. Oder besser: wird immer besonders sein. Sagen wir, sie befindet sich in einem steten Prozess der Besonderung, erklärte Röhrling fast etwas entschuldigend. Ich trage sie noch an Jahrestagen, und heute ist so einer.

Benedikt wollte nun den Anlass dieses Gedenkens erfahren, da fiel sein Blick in Gegenrichtung des Lichts und blieb an der Strassenlaterne gegenüber hängen. Ein Betrunkener entleerte sich dort gerade, mit einer Schulter gegen sie gestützt. Röhrling griff hinter sich unter einen Teewagen aus Holzimitat, der ihm als Ablage für allerlei Zeitschriften diente, und zog eine Flasche Rotwein hervor, knipste eine kleine Tischlampe an und setzte sich seine Lesebrille zurecht. Ein … Er blinzelte mit den Augen, kniff sie streng zusammen, doch er konnte das Etikett nicht entziffern. Naja, lesen Sie selbst. Jedenfalls ein 1989er. Und öffnen Sie ihn. Dann gab er Benedikt die Flasche und darauf einen Schlüsselbund, der ihn bis dahin die Hose an der rechten Leistengegend ausgebeult hatte. Daran hing ein Taschenmesser mit Korkenzieher. Der Kork franste aus, als Benedikt ihn bearbeitete. Sie müssen das auch nicht wissen. Was denn? Benedikt blickte auf. Das mit der Hose. Ein anderes Mal vielleicht. Röhrling kippte etwas Wasser in beide Gläser, schwenkte sie hin und her und goss den Auswusch in eine verholzte Yuccapalme auf seinem Balkon. Dann rieb er sie mit einem Stück Stoffe aus, von dem Benedikt nicht wusste, woher es so schnell genommen wurde.

Während Benedikt die Gläser füllte, machte es sich Röhrling wieder gemütlich. Das ist nicht ungefällig, da haben Sie sicherlich recht. Erträglich. Pointiert, vielleicht. In Ordnung. Nennen Sie es, wie Sie wollen. Aber was bezwecken Sie damit? Worauf wollen Sie hinaus? Wie gesagt: wir wissen wenig voneinander. Wir beide. Was das Private angeht. Aber auch Ihre kleinen Figuren und ich. Was haben wir miteinander zu tun? Sie haben mir hier jetzt ein paar „Fälle“ vorgelegt. Wie viele waren es gleich? Vier, gab Benedikt gedämpft zurück. Vier? Schön. Vier kleine Leben, die da mit wenigen Strichen skizziert werden. Mich interessiert: wie hängen diese zusammen? Überhaupt: was haben diese mit Ihrem Thema zu tun? Sie werden mir doch nicht ernsthaft erzählen wollen, dass es sich mit einer fortlaufenden Aneinanderreihung kleiner Formen getan hätte?

Man müsste Sie gleichzeitig lesen können, zumindest aber müsste die Reihenfolge beliebig sein, aber das sei eine andere Frage, sagte Benedikt. Es gibt da einen Plot, der dieses Gefüge binden soll. Eine Art Kitt, doch doch. Benedikt kam langsam in Fahrt. Da ist ein Leser, der viele Bücher nur anliest, passagenweisse liest, Romane, Sachbücher, Sekundärliteratur, und versucht diese allmählich zu einem Buch zusammenzuzüchten. So etwas Frankensteinsches. Aus vielen Versatzstücken etwas Lebendiges zu schaffen. Ein Lebewesen. Ein Mensch, vielleicht, der gleichzeitig die Summe der einzelnen Teile verkörpert. Aber nicht nur das. Ist Ihnen nicht vielleicht aufgefallen, dass Frankensteins Geschöpf immer nur in Stresssituationen oder doch zumindest in Ausnahmesituationen geschildert wurde. Als hätte es da nicht auch Stunden, Tage oder Wochen gegeben, an denen nichts Schilderungswürdiges passiert wäre. Sehen Sie, so geht es den meisten Protagonisten. Dieses Geschöpf sollte nicht nur funktionieren oder nicht, und das in solchen Situationen. Es sollte sich irgendwie auch: bewähren. Sollte, hm, auch eine gewisse Normalität leben können. Ich weiss, ich bin da noch nicht sehr weit. Das kommt Ihnen vielleicht zurecht noch etwas abstrakt vor.

Röhrling nippte zufrieden an seinem Glas. Machen Sie weiter. Ich habe heute nichts mehr vor.

Was fühlt so ein Buch? Was fühlt dieses Buch? Oder dieses Lebewesen. Oder dieser aus verschiedensten Zeichenketten gemachte Mensch? Was denkt er über seine Identität? Was ist das für eine Identität? Wenn es sich nicht so präsentiert, wie es sich präsentiert. Als Einheit. was für ein Leben herrscht da zwischen den Zeilen? An den Nahtstellen?

Das ist mir jetzt aber doch etwas zu unausgegoren, was Sie mir da erzählen, unterbrach ihn Röhrling. Haben Sie nicht vielleicht auch noch etwas Handfestes?

Was die kleinen Formen angeht, so habe ich mir dafür schon etwas zurechtgelegt, holte Benedikt erneut aus. In einer ersten Beschäftigung mit spekulativen Bibliotheken bin ich über eine Passage von Gottfried Wilhelm Leibniz gestossen. Alles nur Internetrecherche, im Moment, ich muss das noch nachschlagen und prüfen. Aber am Ende eines Textes zur kombinatorischen Bibliothek kommt es bei Leibniz zu einer überraschenden Wendung. Vielleicht kennen Sie den Text? Nur die Monadologie, gab Röhrling einsilbig zurück. Jedenfalls verschiebt sich dort Leibnizens Interesse weg von gedachten, wissenschaftlichen Universalbibliotheken, hin zur Idee einer spekulativen Privatbibliothek. Einer Bibliothek, die sich aus Privatereignissen von Privatleuten zusammensetzte, und diese einen weitaus grösseren Erkenntniswert besässe, als jede andere, wie auch immer ideal gedachte Bibliothek.

Ich verstehe langsam, worauf Sie hinauswollen. Röhrling gab nun wieder seine liegende Stellung auf, brachte etwas Spannung in seinen Körper und setzte sich aufrecht. Dann nahm er die Seiten, aus denen Benedikt gelesen hatte und überflog sie. Wo war die Stelle gleich mit den Scherben? Benedikt zeigte sie ihm und Röhrling begann sie laut zu rezitieren.

Es werden nur Scherben gefunden werden, denn es werden nur Scherben produziert. ich selbst produziere nur Scherben. Auch und vor allem indem ich in dem Haufen des Vergangenen stöbere. Ich setze Teile zusammen, die vielleicht einmal ein Ganzes waren. Nur diese Tätigkeit hält alle meine Teile zusammen. Hm. das erinnert mich etwas an all die antiken Vasen, die aus Bruchstücken rekonstruiert wurden. Die Wissenschaft war einigermassen erstaunt, wie viele Sujets sich doch mit den täglichen Leben der Leute beschäftigte. Dass diese als abbildungswürdig angesehen wurden.

Das ist ein sehr interessanter Vergleich, den Sie da machen. Benedikt fühlte sich plötzlich sehr erleichtert und machte sich eine Notiz.

Er war persönlich interessiert, wie sich Benedikts Projekt weiterentwickelte, hatte er versichert. Mehr konnte er in diesem Stadium noch nicht für ihn tun. Aber Benedikt durfte mit ihm jederzeit wieder Kontakt aufnehmen. Ja, er hatte „besuchen“ gesagt. Offensichtlich hatte der Tag dem Alten Spass gemacht.

Eine Turmuhr schlug gerade Neun, als er durchs Treppenhaus auf die Strasse stiess. Auf die nächste Strassenbahn musste er zehn Minuten warten.

Maulwürfe

(E2)

Noch etwas Wasser? Benedikt bejahte gierig und fühlte auch in diesem Moment eine weitere Hitzewelle, die von der Magengegend ausstrahlte. Röhrling wälzte sich von der Couch erst in Schräglage, dann bugsierte er sich mit einem kleinen Schwung an ihr Ende, dem lehnenlosen Fussteil, stiess sich dort ab und schlurfte in Sandalen hinaus in den Gang. In die Küche. Benedikt wunderte sich. Ihm waren die Pyjamabeine unter der Cordhose nicht entgangen. Der Mann war gleichzeitig in vielen Welten zuhause. Dann hörte er das Bollern einer Wasserleitung in der Küche. Dann Klappern. Nach einer Weile kam Röhrling mit einer gefüllten, milchglasigen Karaffe zurück. Oder war das Wasser so kalkig?

Das hier. Röhrling zog mehrere Papierstapel hervor, die unter der Couch auf einer Matte lagen, und liess sich wieder in seine Kissen plumpsen. Das hier. Sie wollen das sicher gar nicht lesen, Ben. Aber das ist das Übriggebliebene. Der Ausschuss, im positivsten Sinne. Das sind die Chancenhaber. Was man eben so unter Chance versteht, bei den Verlagen. Noch nicht einmal dort, denn der Markt bestimmt das ja mit. Es ist ein System der Reflexe, aber lassen wir das.

Zwei historische Romane. Und ich meine: historische. Nicht etwa wie ihr erster Text, der sich vielleicht etwas mit Historie beschäftigte. Literaturgeschichte, präzisierte Benedikt. Sie wissen das ja selbst, fuhr Röhrling fort. Es geht da nicht nur um blosse Ideen. Das wäre nichts zum Eintauchen. Da braucht es schon auch Couleur. Diese Wort dehnte er, bis es Benedikt beinahe schwindelig wurde. Mäntel, Degen und Schlapphütte. Postkutschen, abgelegene Wirtshäuser, solche Sujets. Das soll daheim ja die Wohnungen heizen.

Benedikt wollte protestieren. Tauchübungen dieser Art, wollte er sagen, doch Röhrling schnitt ihm wieder das Wort ab. Geschenkt! Mich müssen Sie ja nicht zu überzeugen versuchen. Und hier: ein Fräuleinwunder. Eigentlich schon wieder tot. Aber ein kleines Wunder pro Jahr kann sich ein grösserer Verlag noch leisten. Und da ein Lyrikbändchen. Geradezu unverkäuflich. Aber schauen Sie mal auf den Absender. Da staunen Sie, was? Könnte vielleicht klappen. Es gibt da ja noch die Sammler, obwohl dieser sich eigentlich auch schon auf dem absteigenden Ast befindet. Wir werden sehen. Und hier: ein Zeitthema. Die Neunzigerjahre. Benedikt verzog dabei etwas das Gesicht. Sicher, etwas früh für Diagnosen, aber ebenso von einem nicht ganz Unbekannten geschrieben, und – sie werden lachen – aus der Sicht eines Maulwurfs. Benedikt lachte nun tatsächlich. Das ist doch nicht Ihr Ernst?

Aber sicher! Das läuft, von Zeit zu Zeit. Vielleicht kennen Sie sogar den Autoren. Hat bei einem Fernsehwettlesen mitgemacht. Unter ferner liefen, allerdings. Auch so ein Faktor. Ich fand die Idee nun aber wirklich nicht so schlecht. Etwas langatmig vielleicht, die vielen Reflexionen in den dunklen Gängen.

Das also ist die Spitze des Eisbergs der vergangenen Monate. Und wo ist der Rest?, fragte Benedikt. Im Keller. Ich sehe das immer sofort, wenn etwas reinkommt. Röhrling machte wieder Anstalten sich zu erheben. Neunzig Prozent trage ich schon kurz nach dem Öffnen vom Briefkasten direkt in den Keller und bereite aus den Anschreiben einen freundlichen Brief vor, den ich um zwei Monate vordatiere und ihn dann zu gegebener Zeit abschicke. Das ist eine meiner Hauptarbeiten. Wollen Sie mal den Keller sehen? Benedikt schüttelte den Kopf und bat Röhrling, sich wieder hinzulegen. Ein paar Wenige schaffen es auf meinen Schreibtisch und die tatsächlichen Kandidaten räume ich unters Sofa und studiere sie genauer. So läuft das. Bei mir zumindest. Aber ich könnte Ihnen auch von Kollegen erzählen, die da noch einiges rigoroser vorgehen. Sie würden Augen machen. Ich bin ja schon so gut wie aus dem Geschäft.

Hätte Röhrling das nicht alles in seinem ihm eigenen ironischen Ton erzählt, Benedikt hätte ihm sicher geglaubt und beinahe Mitleid mit ihm bekommen. Röhrling goss wieder nach und Benedikt sagte dieses Mal nicht Nein zu einer Zigarette. Also reden Sie, gab ihm Röhrling das Wort, als sie erneut angestossen hatten. Was haben Sie dabei?

Nichts. Nicht viel. Kaum Schriftliches, erwiderte Benedikt. Eine Idee, und der Rest, das meiste liegt zuhause. Materialien. Aber noch lange nicht genug. Und ich bin mir nun eigentlich gar nicht mehr sicher, ob das alles noch Sinn ergibt. Oder ob ich darüber schon sprechen kann. Diese Frage kommt allerdings, warf Röhrling ein, schon entschieden zu früh. Da muss sich doch erst einmal ein Druck aufbauen. Wissen Sie, fuhr Benedikt fort, ich glaube, ich schreibe an einem immergleichen Text. Ich plane gerade ein etwas umfangreicheres Werk im, sagen wir: Spannungsfeld von Bibliotheken und Fiktion. Etwas in diese Richtung.

Haben Sie eine Ahnung, wie viel in diese Richtung schon gerabeitet wurde? Sie glauben ja gar nicht, wie viel davon allein schon in meinem Keller schlummert, geschlummert hat, bemerkte Röhrling, denn ich lasse ihn mittlerweile ein Mal im Jahr räumen. Das unter uns, ergänzte Röhrling verschwörerisch. Benedikt wurde etwas nervös.

Neinnein. Nicht in diese Richtung. Und wieder doch. Mit einem anderen Ansatz, aber die Idee ist noch sehr vage. Mit dem einzig richtigen, nein wahren Ansatz. Benedikt erschrak über seinen Scherz, dann begann er zu stottern. Nicht unähnlich dem ersten Roman um den vergessenen Dichter, was das technische anging. Und was die Ausgangslage anging. Die Struktur. Die Arbeit mit literaturgeschichtlichen Referenzen, Sie können mir folgen? Aber etwas, wie soll man sagen: Partikuläreres? Vielleicht noch etwas verschrobener, was die Form angeht. Aber umfassend soll es sein. Das ganze Spektrum. Wenigstens in Ansätzen. Röhrling berührte ihn etwas am Arm, als wollte er ihn beruhigen. Sie wollen uns doch nicht wieder ein unlesbares Experiment vorlegen, warnte Röhrling. Die Leute wollen unterhalten werden. Punkt. Und nicht belehrt. Oder anders: Eine Belehrung darf da allerhöchstens über die Hintertüre, also wenn es schon zu spät ist, Sie können mir folgen? Dann hakte er nach: Details? Wie soll das im Detail aussehen. Und bitte verschonen Sie mich mit umfassenden und unhandlichen Theorien, die dann doch nur an der Oberfläche ausgeführt werden.

Nun war Benedikt beleidigt, wandte sich Röhrling ab und den Manuskripten, den Chancenträgern, die es bei ihm unters Sofa geschafft hatten, zu, und blätterte und tat, als läse er mit zunehmender Konzentration darin. Und mit zunehmendem Ekel. Also schön, Röhrling riss ihm den Stapel aus der Hand, ich lasse Sie ausreden, aber fassen Sie sich bitte etwas zusammen.

Es ist alles noch sehr vage, begann Benedikt erneut, und es ist der Versuch Bibliothek auf einen neuen Begriff zu bringen. Auf einen zeitgemässen. Und zu unterhalten, ja. Ich fühle mich sehr unterhalten, wenn ich mich diesem Thema nähere, und da kann eine Menge zutage gefördert werden. Ich versuche dem eine neue Form zu geben. Eine andere Ordnung. Ich sehe ja selbst, dass diesbezüglich nichts wirklich Neues geschrieben werden kann. Dass überhaupt nichts mehr Neues geschrieben werden kann. Also werfe ich einen neuen Blick. Ein Bündel von Blicken als Blick. Einen Blickbündelblick darauf, wollte er noch sagen, doch dieses Wort schien ihm zu gewagt.

Gibt das denn nun auch eine Maulwurfsgeschichte? Sie sehen selbst, auch damit bin ich versorgt. Ja. Nein. Vielleicht kann man es so betrachten. Was das Sehen anginge, wäre ich aber mit der Vorstellung eines Insekts, einer Libelle vielleicht und ihrer komplexen Wahrnehmung über ihre Facettenaugen, etwas glücklicher. Ihrem Facettenblick. Die Kleinteiligkeit. In diese Richtung. Auch was die Beweglichkeit angeht. Die möglichen Positionen. Das Überfliegen eines grossen Areals. Das ganze Gefüge. Vielleicht ist das doch eine etwas zu kühne Metapher.

Das kommt mir doch alles sehr bekannt vor. Röhrling kratzte sich an seinem lange ausgewachsenen Dreitagebart. Ein Libellenroman. Höchste Zeit, dass der geschrieben wird, und höchste Zeit, dass ich verrentet werde. Nun nahm auch er sich etwas Wasser aus der Karaffe und verdünnte damit sein Getränk. Also gut, fuhr er fort, nachdem er sich seine Lippen mit seinem Taschentuch abgetupft hatte. Dann bitte Fleisch an die Dinge. Geben Sie mir eine Kostprobe. Lesen Sie mir etwas vor. Unterhalten Sie mich. Kleinteilig. Kommen wir zur Sache. Benedikt nestelte umständlich an seiner Tasche herum und förderte endlich eine ausgeleierte Mappe zutage. Ihr Inhalt war sehr überschaubar. Wenige Seiten, die zu kleinen Stössen mit Büroklammern zusammengehalten wurden, lagen wohl geordnet darin. Benedikt griff sich entschlossen den zuunterst liegenden Block heraus und wollte gerade ausholen, etwas dazu zu sagen, als Röhrling einen Bleistift zur Hand nahm und damit gegen sein Glas tippte. Lesen Sie mir etwas vor!

Röhrling

(E1)

Das Treppenhaus verströmte noch den gleichen Geruch, wie schon vor Jahren. Auch die einzelnen Stufen zeigten sich sorgfältig gewachst und gebohnert, und Handläufe und Wände in mehr als passablem Zustand. Man hatte dem Haus weiterhin eine gewisse Pflege angedeihen lassen, was immer seltener wurde, bei den in die Jahre gekommenen Dingen. Lediglich die Bildmotive in den halbedlen Rahmen über den Absätzen zwischen den Stockwerken waren ausgetauscht.

Als Benedikt das letzte Mal hier zu Gast war, so erinnerte er sich, hingen dort noch Portraits ihm unbekannter Personen aus einem vergangenen Jahrhundert, die diesem Gebäude auch im Innern den Schein einer Bewohntheit bescherten. Nun fand er abstrakte Landschaften vor. Stille Seen. Berge. Einzeldarstellungen wie Fallstudien von Kräutern und Pflanzen, die ihm dennoch vertraut vorkamen. Die sich in ihren Symmetrien an Urpflanzen orientierten.

Auch an das Knarzen der letzten Stufe erinnerte er sich. Man hatte es ihr nicht ausgetrieben, sondern dieses wohlwollend übernommen ins angenehme Dunkel des jetzigen Aufstiegs.

Noch dieselbe in Porzellan gefasste Klingel befand sich links neben der Eingangstüre, und eine nur kleine Veränderung am Türschild liess Aufschlüsse zu über ein verwehtes Jahrzehnt. Über „Röhrling & Partner“, wie da stand, und der Partner, den er allerdings nie zu Gesicht bekommen hatte, durchstrichen aber umso präsenter, was Benedikt allerdings darauf zurückführte, dass wohl alles Durchstrichene, das uns unter seinen Strichen anzublicken sucht, ein grosses Mehr an Aufmerksamkeit abrang.

Die Klingel gab nur einen einzelnen, behaglichen Ton von sich. Eine Idee zu lang und verunsichernd, ob man denn nun nachfassen musste, so liess er ein paar Momente verstreichen und lauschte, ob denn noch einmal nachzufassen wäre und ob sich etwas in der Wohnung tat. Gerade als er sich anschickte, sie noch einmal zu betätigen, hörte er ein Herein! und Die Türe ist offen!

Röhrling lag ausgefächert auf einer abgewetzten Couch in seinem Arbeitszimmer und hielt einen Cognacschwenker in der Hand. Der Qualm einer vor sich hin schmauchenden Zigarette verband sich mit dem durch einen Vorhangsspalt eintretenden Licht zu einem Schleier aus wabernden Kreisen und Figuren, die Benedikt mit ein paar schnellen Handbewegungen auflöste, um sich dann auf einem Sessel neben Röhrling niederzulassen.

Die Geschäfte. Die Geschäftegeschäftegeschäfte, wiederholte er. Und: Arbeit. Arbeit ohne Ende. Alle hätten Arbeit. Ohne Ende. Und einige ein Einkommen. Die wenigsten aber ein Auskommen. Dann räusperte er sich über den misslungenen Scherz. Er zeigte auf die Manuskriptstapel auf und unter seinem massiven Schreibtisch. Ben, so nannte er ihn schon wenige Tage nach ihrer ersten Begegnung, und so nannte er ihn wieder. Ben. Was kann ich für Sie tun? Was treiben Sie denn so? Um Sie ist es still geworden.

Benedikt erzählte ihm in aller Kürze, was er die letzten Jahre getrieben hatte. Privatier?, lachte Röhrling. Sie Glücklicher. Und nun ist es verbraucht? Das Erbe, meine ich. Nein, gab Benedikt zu, obwohl es schon etwas übersichtlicher geworden war auf seinen Konti. Doch an eine Erwerbsarbeit, wie man es überall so nannte, müsste noch nicht gedacht werden. Er wäre also nicht des Geldes wegen da. Sehen Sie sich um, unterbrach ihn Röhrling, hier schauts auch nicht aus, als gäbe es etwas zu holen. Tatsächlich bemerkte er jetzt erst, dass sich Röhrlings Inventar in bedauernswertem Zustand befand. Als könnte ich Ihnen etwas anbieten? Oder sind Sie nur hier, um mit mir auf die alten Tage anzustossen? Nun hustete Röhrling, zerrte ein Stofftaschentuch an einem Zipfel aus seiner Hosentasche hervor und spie dort den Auswurf wenig dezent hinein. Dann schob er das Taschentuch wieder an seinen Ort zurück.

Ein weiteres Buchprojekt? Einen Zweitling? Sie haben ja Nerven! Hören Sie, Ben. Ich mag Sie. Und ich habe Sie lange unterstützt, sagen wir: Wir haben es miteinander versucht. Und eigentlich erfolgreich, wenn man eine potentielle Vermittlung schon als Erfolg verbuchen möchte. Benedikt unterbrach ihn. Er wusste, was jetzt kommen würde, und er wollte nicht noch einmal die ganze Geschichte des Romans, seines ersten Romans wiederkäuen. Ich habe es damals verpatzt, ich weiss. Aber die Bedingungen! Es gab da Grenzen. Vielleicht sehe ich das heute etwas anders.

Wegen eines kleinen Kapitels, Mensch Ben! Röhrling ächzte, als er sich langsam erhob, dann nahm er einen grossen Schluck aus seinem Glas und zündete sich eine weitere Zigarette an.  Den Filterstumpf der ersten schnippte er beiläufig in den Bauch des Aschenbechers und schlug in der gleichen Bewegung mit seiner flachen Hand auf den Tisch. Zum Donner noch mal! Ich könnte mich heute noch …, dann strich er sich durch sein gelbgraues Haar.

Es ging einfach nicht. Hätte ich es so umgeschrieben, wie von mir verlangt, sie hätten es mit Kusshand genommen und wir beide sässen heute ganz woanders. Aber es ging nicht.

Ihren Idealismus, junger Mann, ich kann ihn mir einfach nicht mehr leisten. Idealismus? Benedikt nahm das Angebot eines Glases an und schwieg. Eine Zigarette lehnte er jedoch ab. Es hätte sein Gegenteil bedeutet. Es hätte dafür gestanden, wogegen ich geschrieben hätte, fügte er nach einer Weile hinzu. Um Geld zu machen, hätten Sie’s unter Pseudonym verkaufen müssen. Und Sie hätten mich nicht wieder gesehen.

Nun sind Sie aber wieder hier, schmunzelte Röhrling, und sicher wollen Sie mir von einem neuen Vorhaben berichten. Oder ist es etwa nicht so? Sie haben da also wieder eine Idee. Heraus mit der Sprache! Dann schenkte er sich und seinem Gegenüber die Gläser unanständig voll und liess etwas Luft durch die Balkontüre herein.

Benedikt glitt langsam, unschlüssig suchend mit seinen Augen über die gefüllten Regalreihen, die wie verblichene Streben fast vollständig die Wände des Zimmers überlagerten. Zum ersten Mal während ihrer Unterhaltung lehnte er sich etwas zurück.