Warum alles speichert und nicht vielmehr Nichts

(B44 zu M44)

Ein Ding der Unmöglichkeit? Wo es heute schon möglich ist, einen frühneuzeitlichen, sonoren Zustand zu rekonstruieren. Denken Sie an die Schallwellen, die sich in das Medium eines archaischen Töpfers eingegraben haben und die wir gerade transkribieren. Denken Sie noch etwas kühner und Sie werden ahnen, was wir mit Druckwellenarchiven meinen. Mit ewigen Lichtbildarchiven und am Ende einer Luftliteratur. Die Instrumente werden noch viel feiner und präziser werden, auf unserer Suche nach einem Schicksal. Man wird schon bald aus Bäumen, aus kleinen Borketeilchen sinnliche Vollspektren einer Vergangenheit heraufbeschwören, wie es sie nie gegeben hat. Und schon jetzt experimentieren wir mit künstlichen Netzhäuten, die uns aus den Schraffuren eines Himmels vor zig vergangenen Jahrhunderten vorlesen sollen. Es ist alles mehr als das. Es ist das Faktum der Machbarkeit, das sich stets erfüllt. Aber Sie werden schon sehen. Sie werden sich noch ins Angesicht blicken.

Armes Hascherl

(B43 zu M43)

Hat man dich etwa zu klein kopiert? Bist ja fast unlesbar. Hat man da etwa sparen wollen. Waren wieder Rappenspalter und Seitenverdoppler am Werk? Armes Hascherl. Rascherlmetapherl. Und doch schon so Knotenpunkt und Kulturgestaltung. So etwas! In diesen Erfahrungsräumen. Eine so liebe, kleine Abstraktur so niederzumachen. Du Armes, du. Mit wenig Titelchen und so und kaum einem Vorspann. Und wie heisst es da? Kollektive Gewichtigkeit? Übergewichtigkeit? Du armes Kleines. In Allsprechersprache Verfasstes. Suppengrünes, granweise Armes du, wer hat das nur mit dir gemacht? Jetzt komm doch erst mal rein. Wirst ja schon unmittelbar. Wirst schon noch erfassbar, wenn du gross bist. Versprochen. Greifbar und sexy und so. Eine stattliche Tauschanlage. Versprochen. Wir donnern das schon auf. Sprachwarenwertig und wiederholbar. Bist du doch, nicht wahr? Wiederholungsbedürftig. Und bis in die Jahrtausende: Brennstoff und Zelle. Gell? Versprochen, Ehrenwort! Wenn du wieder gross bist. Und jetzt leg dich erst mal hin.

Lemia

(B42 zu M42)

Als nichts anderes war die gängige Form des Internets zu bewerten: als Bibliothek der Gnade. Die Lehrsche Vision war bereits fünfzehn Jahre nach ihrer Formulierung zu einer handfesten Realie ausgewachsen. Ähnliches schwebte auch den Erfindern der Bibliotheca Caelestis vor. Sie suchten dieser eine Entsprechung im Diesseits zu verschaffen. Bis zuletzt entwickelten und arbeiteten sie an einer gallertartigen Substanz, einer Art Augenbutter, die ein Austrocknen der Augäpfel verhindern konnte, bei der Anwendung des ewigen, durchdringenden Blicks auf die Gedanken, die noch kein Gefäss gefunden hatten, oder diesem entwichen waren.

Nospeak

(B41 zu M41)

Der Stumme hat wieder nichts falsch gemacht. Berufgewordene Wortlosigkeit. Gestenleistung und Regestendienste. Körperzeichensprache der Don’ts. Verweissysteme. Massnahmenfinale: Lässt die Luft aus den Dingen. Undsoweiter.

Diätetik

(B40 zu M40)

Lesewut. Hinterlassenschaften. Jede Einnahme fordert Ausscheidung. Quotienten. Konstante Verhältnisse. Der Leser und die Leserin. Sie nehmen und geben. Körper. Bestandteile. Eigenschaften. DNA. Aus all ihren Poren und Öffnungen. Zweitleser lesen Erstleser und die Reste des Textes. Entzünden sich daran. An Erstleserschuppen und Nasenwasser. Das ist die eigentliche Warnung. Die Pest steckt im verwandelten Text. In den Reliquien. In den Mutationen, die sich mit eingespeichert haben. Die lange Zeiten im Verborgenen überdauern. Haare. Mehr Haar als Text. Moorleichen. Ötzismen. Die Lesewut der Frauenzimmer. Das Massenpublikum. Die Spuren. Einmal wird man denken, was da steht, war einmal, und ist nur der fiebernde Körper einer konservierten Spur. Zur Aktivität verdammt, nur noch, zumeist: die gefrorenen Säfte der Einlassungen, die auf dem öligen Film weiter Warten. Das Warten der Meinungen. Das Warten.