Marginales

(B24 zu M24)

Auf der anderen Seite dagegen sitzt, wer hätte das gedacht?: sein Gegen. Sein Anderes. Sein Feind und Feindesfreund. Ein Troll, von dem er nur die einzelnen Ziffern der sich stets verhaspelnden Benutzernummer weiss. Ein Ding ohne Namen, das nur zerstören will. Schlimmer noch: es zerstört nicht etwa nur, sondern arbeitet ausdauernd und fleissig an der Negierung der Grundlagen des Bestehenden, indem es sich dem Druckwerk hinzufügt. Jeder Verweis. Jeder Hinauswurf. Jede Rüge und jeder Tadel prallen an ihm und seinen Machenschaften ab und er verwandelt sich in drei weitere Fehlleistungen. Das Festgestellte bezweifelt er immer mit einer Zuschrift am Zeilenspiegel. Mal ist es ein nüchternes Nein. Dann wieder ein vgl. aber, unterstrichen und mit einem unleserlichen Fortsatz. Man kann auch die zeitweilige Laune des Trolls an den Keckheiten seiner Einlassung erahnen. Wenn er etwa schrreibt: Hört, hört!, So ein Unsinn! oder Was?. Am effektivsten aber erscheint seine Kritik, die es freilich stets in einer makellosen Handschrift abliefert, immer dann, wenn sie ein wenig berechtigt ist. Nicht etwa, wenn ein Denkfehler nachgewiesen wird, dazu ist dieses Wesen nicht in der Lage, aber, wenn auf ein kleine Schwäche in der Darstellung hingewiesen wird. So kann einem wahrlich grossen Gedanken, der sich mit einer winzigen Unsicherheit in der Zeichensetzung darbietet, durch dessen ätzende Korrektur am Rande, elendiglich das Genick gebrochen werden.

Noch ein Quotient

(B23 zu M23)

Hiesse das etwa?: Je mehr wir davon sprechen und je länger, umso besser? Im Umkehrschluss: Je weniger wir davon sprechen und je kürzer, umso schlechter? Und in aller Konsequenz: gar nicht davon zu sprechen und mit keinem Wort: ganz schlecht, nein, schlechtestmöglichst? Andererseits: Nur davon zu sprechen und mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln: supermaximal?

Aber wenn letzteres der Fall wäre, wer bräuchte es dann noch? Das, worüber dann gesprochen würde? Die Ablösung des einen durch die blosse Rede darüber, die nur zu seinem Besten war, schüfe das eine in sich selbst und wäre nur noch Rede. Sprache. Mit dieser Forderung zu seinem Besten löste man es in sich selbst wieder auf, in schieren Diskurs. Mit anderen Worten: Die Dinge werden gezwungen, sich in eine Doublette ihrer selbst zu verwandeln – in ein Reales ohne Realität, das aus autistischen Modifikationen resultiert. Baudrillards berühmter Ausspruch, dass das Reale im Hyperrealen verschwindet, meint dieses: (…)

Zeugen

(B22 zu M22)

Auf seinem Geburtsstein stand:

Als Schriftsteller: bedeutungslos

Als Rezensent: harmlos

Als Verleger: erfolglos

Als Mensch: selbstlos

Was also konnte er anderes tun, als dieses Vorurteil widerlegen zu wollen, um am Ende doch gewesen zu sein?

hair splitter

(B21 zu M21)

Nehmen wir es beim Wort als Wort. Sprechen wir über Frisuren. Haben wir massiges Haar: Romane. Denken wir über sehr langes Haar nach. Über Behaarungen unterschiedlichster Körperteile: Kopf, Gesicht, Geschlecht, Achseln, Rücken, Gliedmassen. Verschweigen wir nicht die Haare auf den Zähnen. Führen wir Begriffe und Einheiten ein. Dichten. Scheitel. Sprechen wir über ihr Schneiden.

Nennen wir den Friseur: einen Autor. Die Bibliothek: ein Archiv der Frisurenkataloge. Konsequent: Waschen, Schneiden, Legen, Lesen. Fragen wir uns: Was ist ein Bart? Was eine Perücke? Was eine Verlängerung? Gehen wir mit den Moden. Färben wir oder lassen färben. Kämmen und desinfizieren wir und geben dem ganzen Halt mit etwas Spray. Streiten wir über Redewendungen. Prophetenbärte. Glatzen. Haarlosigkeiten. Augenbrauen. Bescheinigen wir den Dingen Zöpfe. Ist das eine das andere, ist von beidem eine Probe zu nehmen. Visualisieren wir sein Erbgut. Prüfen wir Konsistenzen. Halten wir wieder fest: Lockungen und Kräuselungen. Und zufällige Anordnungen out of bed.

I’m not dead

(B20 zu M20)

Am Rand der Gesellschaft Singletons sitzt zu unserer Freude: Singleton selbst. Wie hat er überlebt? Vielleicht, weil er noch nicht bei den Toten gelandet war. Im massgeblichen Recherchemittel, dem World Biographical Information System Online, kurz: WBIS, ist er nicht verzeichnet. Zumindest nach einer komplexen Suche, die im Berufsfeld „librarian“ mit seinem Namen im entsprechenden Feld verknüpft. „Librarians“ sind dagegen in grosser Zahl nachgewiesen. Heute zählen wir eine Ergebnismenge von 33411 Stück. Ganz anders sieht es aus, wenn wir den Begriff „Bibliothekar“ ins Berufsfeld einfügen und die Datenbank abfragen. Tauchen da nur noch 5326 Kandidaten auf. Suchen wir solche, die man zusätzlich auch noch als „Schriftsteller“ bezeichnete, kommen wir immerhin noch zu einer Treffermenge von 332. Das ist viel Holz, will man alle biographischen Informationen dieser Leute sichten. Interessant hierbei: suchen wir stattdessen Menschen dieser Kategorie weiblichen Geschlechts, müssen wir also umständlich „Schriftstellerin“ und „Bibliothekarin“ miteinander verquicken und auf die Reise schicken, erhalten wir lediglich 40 Namen zurück. Wir berechnen uns also einen Genderquotienden von 8 zu 1, was Bücherschreibende und gleichzeitig –aufräumende Personen angeht. Unabhängig davon ist Singleton aber auch nicht unter Zuhilfenahme anderer Findestrategien aufzuspüren. Wohin man auch fragt: Es wurde kein Dokument gefunden, das Ihren Suchkriterien entspricht. Bitte ändern Sie Ihre Suchfrage ab und versuchen Sie es erneut.