Freu Dich!

(B19 zu M19)

Sie geht Deiner Unterbrechung nach

Sie hat ein Geheimnis

Und einen männlichen Blick

Sie ist Beginn und Ende

längeren Wartens

Ist sekundenkurzer Spot

Und Hohn deines Abends

Von gewisser Erlesenheit

Folie deiner einsamen Nacht

Ist typisch untypisch

Problemlos nett doch

Stets oder meist ohne Knopf

Pronuptia

(B18 zu M18)

Unter diesem Kreuz werden wir ja sagen wollen. Will ich? Will sie? Sie will. Sie hat es gesagt. Sie hat es vielleicht nicht so gesagt. Nicht explizit. Nicht direkt. Aber immer angedeutet. War offen bei diesen Gesprächen. Hat nicht Nein gesagt. Nichts Gegenteiliges. Nichts dergleichen. Liebt sie mich. Liebt sie mich nicht. Hat sie mich. Habe ich sie nicht. In den Gängen geht sie mir manchmal aus dem Weg. Wird sie dünner und dünner. Wird sie transparenter. Wenn sie einmal so dünn sein sollte, dass man beinahe durch sie hindurchgreifen könnte, hat sie gesagt, würde sie mich nehmen. Nichts anderes kann sie gemeint haben, als wir beide unter dem Kreuz. Als wir beide: vereint im Glauben. Als wir beide: an einem Ort. Wir: sie und ich, werden Heimat, egal wo.

Sie spricht nicht mehr mit mir, aber sie ist. Immer noch. Beinahe so dünn, dass man durch sie hindurchgreifen könnte. Wenn sie nicht spricht, wie jetzt, wie in jüngster und jüngerer Zeit, meint sie Ja. Was sollte sie sonst meinen? Stellt sie Fragen. Stellt sie sich bereit. Unterstellt sie bereits meine Liebe zu ihr. Meinen Ort, an dem sie ist, glaube ich. Will ich sie fragen, ob wir uns vermählen wie Narren. Als Narren schenken wir uns nichts. Probieren wir nichts. Fliessen wir ineinander von heute auf morgen. Überkreuzen wir uns. Verschränken wir uns ineinander. Werden wir Luft. Besser heute als morgen. Werden wir Welt, Welten in den kleinen Schlafräumen verblassender Zeit. Werden wir: ich, aus Fleisch und Blut, und sie: aus meinem Gegenteil. Aus meinem Abfall. Zeilen, Holz und Pergament. Und ich: aus ihrem Abfall, Zellen, Säfte und Kanäle. Sind wir eins. Sind wir wieder Baum. Aus grünem Holz. Wie dieses Kreuz.

Ein Meister

(B17)

Nach acht Uhr gehört es ihm allein. Wenn sich die letzten Wellen gelegt haben und die Oberfläche sich entkräuselt hat, steigt er hinauf und macht es sich bäuchlings auf dem Brett zurecht. Nur sein Kopf ragt dabei über den Steg, denn er ist nicht schwindelfrei. Erst sucht er nach seinem Schädelumriss, der ihm dort unten als erster Anhalts- und Ausgangspunkt bei der Augenfahrt dienen soll. Mit diesen fährt er dann seine Rahmung ab, dann die acht dunkelblauen Zellen, die von der untergründigen Lineatur als abstraktes Gebilde und in strenger Anordnung hologrammatisch durch die durchsichtige aber liquidstraffe, bläuliche Wand geworfen wird. Von dort oben sind kaum mehr Details erkennbar. Hereingewehte Blätter, die an diesem Gebilde mitwirken. Körper, die sich in der Scheinschwebe halten. Oder eben eine Oberflächenbewegung, die dem ganzen einen öligen Anstrich zu geben vermag. Wenn Umfeld eindringt: Mensch. Natur. Oder ein Fallwind. Wenn er sich daran satt gesehen hat und seine Wanderung wieder zu ihrem Ausgangspunkt zurückkehrt, blendet er kurz das Umfeld ein. Sieht hinaus durch die Glasscheiben auf den ausgestorbenen Parkplatz und ein paar wenige, die noch einen späten Bus erreichen. Dann ist es endlich Zeit. Er erhebt sich, tritt ein, zwei Schritte zurück, nimmt etwas Anlauf und läuft, aber nur wenig schneller, zum Rand des Bretts. Noch bevor er dieses springend verlässt, schliesst er seine Augen.

Wie er nun mit diesem Bild im kürzesten Moment zusammenfällt, kann er nur vermuten. Er spürt die Härte des Materials, das ihn aber auch gleich zu umschliessen imstande ist. Denkt sich die Oberfläche, die spritzend in den Raum eingreift, was auch sehr gut zu hören ist, und also die feuchte Wunde, die er mit seinem nackten Leib geschlagen hat. Die sich unverzüglich über ihm schliesst. Dann steigt er aus dem Becken, nimmt eine Dusche und trocknet sich langsam ab.

Atmet er noch?

(B16 zu M16)

Denke ich mir die Welt zuende, zurecht, denkt sie sich, blickt durch die Füsse, das Regalende, die Streben, Verschraubungen im Visier, die Dübel, von Spiralen penetrierte, wieder zurück in die eigene Rahmung, verschiebe ich, verrücke ich sie innerhalb lotbarer Grenzen, ist sie Welt. Bediene ich mich daran, ist sie freizügig, lese aus ihren Reihen, Verwandte, Freunde, umarme ich den, der da neben mir schnarcht, schlafen kann trotz der vordämmrigen Helle, ist er mehr oder weniger als das, was er ist: Mensch.

Und sein unkluger Spruch auf den er beharrte: einmal Mensch, immer Mensch – ihr jetzt noch viel widerwärtiger, weil noch präzisionsloser nach seiner Bewegung. Ist er vielleicht Mensch, aber nicht nur. In diesem Spiegel. Ist er auch Einzelteil seiner Summe. Pars pro toto. Weiter: Zentrum seines Fortsatzes. Seine Körperverlängerung. Ist er: Buch. Sie beschliesst diese Strecke “Nachruf” zu nennen, formt: “War nicht nur Mensch, sondern auch Buch”. War manchmal in erster Linie Buch, mit etwas Mensch dran. War Papier und eigener Umschlag. Manchmal hart und manchmal dehn- und biegbar weich.

Rückschau: In solchen Momenten ist sie immer selbst Papier geworden. Gegenpapier. Unterlage, wie alles andere auch, alle anderen, die da rechts und links von ihm standen. Sein Schnarchen wird leiser, verstockt sich, Unregelmässigkeiten, etwas gelbliche Flüssigkeit tritt zum Mundwinkel aus. Waren wir eingezwängt, Seite an Seite, unsere Vorne und Hinten undurchlässig und der Druck mit den Jahren: zunehmend. Keilung. Sein Kopf dreht sich zur Seite, wendet sich von ihr ab, herrenlos, die Augäpfel zittern unter den Lidern. Waren Hüllungen, in uns tanzendes Chaos, Schwärze, Vor- und Zurückweisungen. Wurden immer elementarer. Auch Bücher können sich auseinanderleben. Können sich überholen. Gemeinsam, wie für sich. Lieber Getrenntlebendes sein, denkt sie sich. Am Ende für sich stehen mit der freien Sicht auf die Aussen, Vorne und Hinten, ganz hinten und das Äusserste, das man immer noch hat, resümmiert sie, und er lässt still von seinem Atem los.

P. tut nur so

(B15 zu M15)

P. tut nur so. Betrachtet sein Sein als Tun zum Sein. Nicht immer, aber zuweilen. Heute, zum Beispiel, ist es wieder so, will heissen: es tut so, also er: ebenso. Gibt es da ein System, möchte man fragen? Nicht wirklich, würde man vielleicht zur Antwort bekommen. Nichts Beobachtbares, Schliessbares oder Universalisierbares. Möglicherweise eine kleine, statistische Auffälligkeit: Dienstags, beispielsweise. Dienstags ist er voll und ganz. Da kann er gar nicht anders: da sind die Kanäle gestaut bis oben und die Haufen überspannt. Und das Geklapper ohrenbetäubend, sodass es für ihn und auch alle anderen wohl das Beste ist: bei sich zu sein. In so hoher Konzentration, wie irgend möglich, damit die so gegebenen Zustände gegen Abend dank seines immens fokussierenden Seinseins gerne gegen Nichts, das will heissen: sich ins Wohlgefallen auflösen.

Am Mittwoch, da nun alle Pendenzen verschwunden sind, die Bemühungen, besser gesprochen: die Seinshaltung seines Vortags aber noch nicht abgeklungen – man ist ja keine Maschine – und infolgedessen eine Asymmetrie, Gefälle zwischen Angefallenem und Anfallendem, auch im Bezug seiner An- und damit Einstellung, gegeben, haben jahrelange Beobachtungen gezeigt – und P. sieht sich dabei sicher nicht als Einzelfall -, dass eine Störung der Aussenwirkung symmetrischen Scheins eher ungünstig verlaufen kann und die Haltung seines Seinseins in der Form darstellenden Tuns, geeignet, dies zumindest gut simulieren zu können. Dann, ja dann ist auch schon bald Donnerstag und für ihn Wochenende, und ein ganz anderes Tun in einem ganz anderen Sein.