In der Bibliothek

(M05)

Und richtig, fragte er mich sehr gehonigelt und dienstfertig, was der Herr General denn zu wissen wünschen. – ‘Oh, sehr vieles’ – sage ich gedehnt. ‘Ich meine, mit welcher Frage oder welchem Autor beschäftigen Sie sich? Kriegsgeschichtliches?’ sagte er. ‘Nein, gewiß nicht, eher Friedensgeschichtliches.’ ‘Historisch? Oder aktuelle pazifistische Literatur?’ Nein, sagte ich, das ließe sich durchaus nicht so einfach sagen. Zum Beispiel eine Zusammenstellung aller großen Menschheitsgedanken, ob es das gibt, frag ich ihn listig; du erinnerst dich ja, was ich auf dem Gebiet schon habe arbeiten lassen. Er schweigt. ‘Oder ein Buch über die Verwirklichung des Wichtigsten?’ sag ich. ‘Also eine theologische Ehtik?’ meint er. ‘Es kann auch eine theologische Ethik sein, aber es muß darin auch etwas über die alte österreichische Kultur und über Grillparzer vorkommen’ verlange ich. Weißt du, es muß offenbar in meinen Augen ein solcher Wissensdurst gebrannt haben, daß der Kerl plötzlich Angst bekommen hat, er könnte bis auf den Grund ausgetrunken werden; ich sage noch etwas von etwas wie Eisenbahnfahrplänen, die es gestatten müssen, zwischen den Gedanken jede beliebige Verbindung und jeden Anschluß herzustellen, da wird er geradezu unheimlich höflich und bietet mir an, mich ins Katalogzimmer zu führen und dort allein zu lassen, obgleich das eigentlich verboten ist, weil es nur von Bibliothekaren benützt werden darf. Da war ich dann also wirklich im Allerheiligsten der Bibliothek. Ich kann dir sagen, ich habe die Empfindung gehabt, in das Innere eines Schädels eingetreten zu sein; rings herum nichts wie diese Regale mit ihren Bücherzellen, und überall Leitern zum Herumsteigen, und auf den Gestellen und den Tischen nichst wie Kataloge und Bibliographien, so der ganze Succus des Wissens, und nirgends ein vernünftiges Buch zum Lesen, sondern nur Bücher über Bücher: es hat ordentlich nach Gehirnphosphor gerochen, und ich bilde mir nichts ein, wenn ich sage, daß ich den Eindruck hatte, etwas erreicht zu haben! Aber natürlich war mir, wie der Mann mich allein lassen will, auch ganz sonderbar zumute, ich möchte sagen, unheimlich; andächtig und unheimlich.

Aus dem Kapitel „In der Bibliothek“. In: Robert Musil: Der Mann ohne Eigenschaften. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 1987. Kapitel 100: S. 459-465.

Staatsbibliothek

(M04)

Staatsbibliothek

Kemma

Rumrenna

Si ned auskenna

Wo stähd des nua

Koa Signatua

Gleih hob i

Gnua

Lesesall drom

Biacha vazong

Aufsicht frong

Guad hihean

Bläd o’gredt wean

Nix vasteh

Geh

Fenzl, Fritz (1977): Da Zoaga ruckt auf Zwäife. Bairische Gedichte. München.

Julien Sariette

(M03)

Monsieur Sariette liebte seine Bibliothek. Er liebte sie mit eifersüchtiger Leidenschaft.  (…) Wer auch nur den belanglosesten Schmöker entlieh, der riss ihm das Herz aus dem Leibe. Um sogar denen, die das meiste Anrecht darauf hatten, Bücher zu entleihen, dies zu erschweren, erfand Monsieur Sariette tausend einfallsreiche oder plumpe Lügen und scheute sich nicht, seine eigene Verwaltung oder Wachsamkeit in Frage zu stellen, indem er behauptete, einen Band verlegt oder verbummelt zu haben, den er noch einen Augenblick zuvor mit den Augen verschlungen oder ans Herz gedrückt hatte. (…) Manchmal fuhr er in der Nacht schweißgebadet und mit einem Angstschrei aus dem Schlafe auf, weil er im Traum eine Lücke in einer der Reihen in seinen Schränken hatte klaffen sehen (…) Dank seinem ausdauerndem Fleiß, seiner Wachsamkeit, seinem Diensteifer, mit einem Wort, seiner Liebe war der Bibliothek d’Esparvieu während der sechzehn Jahre seiner Verwaltung, die am neunten September 1912 abgelaufen war, kein einziges Blatt abhanden gekommen.

In: „Aufruhr der Engel“ von Anatol France.

Dazu auch: Bibliographie mit librarians in fiction (engl.)

The Song of the Library Staff

(M02)

Oh, joy! to see the Library staff perpetually jogging

And to see the Cataloger in the act of cataloging

(…)

All the ologies of the colleges, all the isms of the schools,

All the unassorted knowledges she assorts by Cutter’s rules;

Or tags upon each author in large labels that are gluey

Their place in Thought’s great Pantheon in decimals of Dewey;

Oh, joy! to see the Library staff perpetually jogging,

And to see the Cataloger in the act of cataloging.

By Sam Walter Foss, Librarian of Somerville (Mass.) Public Library

Read at the 1906 ALA Annual Conference (Auszug, mehr …)

Mathematik und Kunst

(M01)

Die Erwartungen an Rationalität und Effektivität bibliothekarischer Verwaltung sind wesentlich von jener Mythologisierung geprägt, die – wie obenstehend belegt – den Sammlungen vorrangig als Affektträgern, als objects of pathos begegnet. Für Errol war die Bibliothek ein Stück Schönheit schlechthin, eine Vermählung von Mathematik und Kunst. Zu viele Leute sahen sie lediglich als Gebrauchsgegenstand (…)

Daß diesem Missverständnis nicht allein die dem Pittoresken schon von berufswegen verpflichteten Literaten aufsitzen, hat noch jüngst Christa von Brauns Fernsehbericht über die Bayerische Staatsbibliothek vorgeführt (…).

Dem Kultobjekt Bibliothek wird organisatorische Ineffizienz nicht allein nachgewiesen, selbst schriftstellernde Insider verweisen kokett auf eine fiktive Eigengesetzlichkeit bibliothekarischen Verwaltens: Sofern Sie unsere Arbeitsweise so gut kennen wie ich, dann können Sie sich vorstellen, wie überrascht ich war, als Mr. MacFinster, der Abteilungsleiter, mich in sein Büro kommen ließ, um mir die bevorstehende Ankunft eines Experten für Arbeitseffizienz anzukündigen (…).

Es ist bezeichnend, daß in den ausgewerteten Texten moderne technische Hilfsmittel, deren Gebrauch in der Bibliothekspraxis längst zur Routine geworden ist, mit drei Ausnahmen (…) nicht vorkommen. Dies, obwohl von einigen Autoren die konventionellen Verwaltungsdetails durchaus mit einiger Sachkenntnis beschrieben werden.

In: Döhmer, Klaus. – Merkwürdige Leute : Bibliothek und Bibliothekar in der Schönen Literatur. Würzburg : Königshausen und Neumann, 1982 (S.31)

Hier beginnt eine Materialsammlung zu einem Projekt mit dem Arbeitstitel Wie sie vielleicht wissen* und dem Themengebiet (eigentlich nur einem Aspekt) „Bibliotheken/Bibliothekare in der Literatur“.

edit, 19.4.07: auf die frage, wozu das ganze, die vor kurzem kam. von der potentiellen ausbeutung der texte abgesehen, soll hier auch ein – sagen wir mal – resonanzraum für einen etwas längeren text hergestellt werden.

edit, 31.05.07: der projekttitel (und damit die kategorie) wurde in bibliotheca caelestis* geändert. erklärungen werden nach und nach folgen. einstimmung und hinweis kann aber schon die luftbibliothek sein.