Der gräßlichste Unflat

(M40)

Zwischen den Seiten der Bücher”, sagte er, “aber das können Sie sich nicht einmal vorstellen, weil Sie noch so ein windiger Neuling sind, liegt die gräßlichste Unflat jener schmutzigen und buckligen Wesen, die wir Leser nennen. Ein in seine Lektüre vertiefter Leser ist an sich schon ein lasterhaftes Wesen, übelriechend sein Atem und seine Hose, auf dem besten Weg zum Gehirnschwund mit allem, was sich daraus für die Transpiration und für die Gesundheit der Gliedmaßen im allgemeinen ergibt. In den Büchern findet man daher alles: Schuppen zum Beispiel! Sie wissen ja nicht, wie eklig das ist, eine Schuppendecke, als hätte es ins Buch geschneit, dazu die anderen Absonderungen der Kopfhaut; auch Haare! Sie wissen gar nicht, wie viele Haare, und erst die Körperbehaarung! Härchen aus Bärten, Schnurrbärten und Ohren landen in den Büchern; und bei jeder Lektüre kommen neue dazu, schichtweise, denn Lesen ist ein vandalischer Akt in jeder Hinsicht. Ich kann Ihnen die Seiten zeigen, die den Leuten gefallen und bei denen sie sich unbewußt länger aufhalten; es sind mit einer Fettschicht überzogene Seiten, Fleckchen überall und anderes Zeug, das uns ständig aus dem Gesicht fällt, ohne daß wir es wollen; Spucketröpfchen zerknittern das Papier oder werfen es auf, wenn es sich um Husten, Niesen, Auswurf oder Lachen handelt, vor allem wenn sie zwischen den Zähnen herausspritzen in Form jenes gewiß nicht hygienischen Sprühregens, der Ihnen bekannt ist. Und erst die Nase!

Aus: Ermanno Cavazioni, Mitternachtsabitur, 1991, S.61f.

Fruchtbarkeitsgötter, Knabenliebe

(M39)

Das Buch war dick, schwarz und völlig verstaubt. Sein Einband war verbogen und knarrte; es hatte einiges durchgemacht. Der Buchrücken fehlte, das heißt, er ragte wie ein unförmiges Lesezeichen zwischen den Seiten hervor. Wie eine Mumie war das Buch um und um mit schmutzigen, einst weißem Band verschnürt, dessen Enden eine ordentliche Schleife bildeten. Der Bibliothekar händigte es Roland Mitchell aus, der im Lesesaal der London Library wartete. Es war aus dem Sperrfach Nr. 5 exhumiert worden, wo es ansonsten zwischen De priapo und Die griechische Knabenliebe stand. Es war zehn Uhr vormittags an einem Septembertag im Jahr 1986. Roland saß an seinem Lieblingsplatz, dem kleinen Tisch mit einem Stuhl hinter einem viereckigen Pfeiler, aber mit Sicht auf die Uhr über dem Kamin. Zu seiner Rechten fiel Sonnenlicht durch ein hohes Fenster, aus dem man die grünen Wipfel der Bäume am St. James Square sah.

Aus: Antonia Byatt, Besessen (1990, dt. 1993, übersetzt von Melanie Waltz), S.9

Aufstellungen

(M38)

Auf die Frage an den Fachinspektor, einen glatzköpfigen, unruhigen Mann, wie man sich in diesem – um es mit Musil auszudrücken – „Tollhaus von Büchern“ zurechtfinden könne, erhielt ich eine ausufernde Antwort, die in der Erklärung gipfelte: „Das Prinzip der Bücherauftsellung ist folgendermaßen: Rechts oben san immer A-Formate und links unten D-Formate…..ja?

Und nachdem a Christbaum unten auseinander geht, nennen mir das “Christbaumaufstellung”. So kriegen mir das in den Griff!

Wenn die Signatur auf dem Abgabezettel nicht stimmt, is des oft sehr sinnesverwirrt… dafür is dann wieder gut, wenn man Verfasser und Titel richtig dazuschreibt.

Aber heutzutage geht olles nach der “Numerus currens“-Aufstellung, des hot mit´n Inhalt überhaupt nix zu tun”.

Aus: Gerhard Roth, Die zweite Stadt, Hamburg, 1994

Beispiele

(M37)

Machen Sie einen Besuch in der Bibliothek; Bücher haben die unendliche Annehmlichkeit, daß man sie an beliebiger Stelle zuklappen kann, ohne daß man je eine Klage von ihnen hört. Nehmen sie sich ein Beispiel.

Aus: Ingomar von Kieseritzky, Obsession, Ein Liebesfall. Stuttgart, 1984. S.77

Das Imaginäre

(M36)

„Das Imaginäre konstituiert sich nicht mehr im Gegensatz zum Realen […] es dehnt sich von Buch zu Buch zwischen den Schriftzeichen aus, im Spielraum des Nocheinmal-Gesagten und der Kommentare; es entsteht und bildet sich heraus im Zwischenraum der Texte. Es ist ein Bibliotheksphänomen.”

Michel Foucault, Die Phantasmen der Bibliothek, in: Michel Foucault, Botschaften der Macht. Der Foucault-Reader Diskurs und Medien, hrsg. von Jan Engelmann, Stuttgart 1999, S. 85-91, hier: S. 87