Mythos der Wälder und Meere

„O ich sah ihre schimmernde Vulva

In allen Farben des Herbstlaubs,

Weinrot und nußbraun und rosa.

Tief bis ins innerste Fruchtfleisch.

Pfirsiche, Thunfisch und Anemonen,

Steinpilze, Austern und Feigen.

All diese Herrlichkeiten, bei Gott,

Kamen mir in den Sinn.

                                   Ficken,

Immer nur ficken, dachte ich, fickend.”

(Durs Grünbein, Der Misanthrop auf Capri, S.85, 2005)

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Fährte

Entsiegeltes Schweigen –

Aus knospender Leere

bricht ein Gesilbe hervor,

eine wetterleuchtende Ballung.

Du der Lebendigkeit

Erinnerungshelle

die sich zum Wort verwandeln will

im Tanz auf dem Abgrundseil.

Was sich hier hinübergewillt

ist eine entkörperte Geste,

einer Wirklichkeit

glühende Spur.

(Joseph Hahn, Die Doppelgebärde der Welt, S.33, 2004)

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Wer da?

Ein alter Mann tanzt alleine

zu van Morrisons „Madame George“.

Ein Sohn beobachtet ihn. Wann

ist auch er soweit?

Zwei Wildfremde umarmen einander.

Ist nicht alles, was jemals gefühlt und gedacht

worden ist, erlitten und überstanden,

auf uns gekommen? Wortlos

und ebenso plötzlich

wie sie einander umarmt,

gehen sie auseinander.

Wer da?

(Paulus Böhmer, Fuchsleuchten, S.141, 2004)

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***

die zehen des riesen sind keine hütten

& wenn er den fuß wieder aufhebt

vergangen

(Elke Erb, Gänsesommer, S.20, 2005)

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Ein Porträt Schellings

Die Locken fallen auf: treiben

wie Wellen ein Spiel;

auch die Nase:

gut geschwungen, hat Appeal.

Ein völlig losgelöster,

ewig suchend, alles

fliehend, dabei

sämtliche Register ziehend.

(Dirk von Petersdorff, Die Teufel in Arezzo, S.41, 2004)

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