Ich möchte wieder hören können. Also insistiere ich und bitte sie noch einmal von ihrem Appartement zu erzählen, das sie wegen mir verliess. Es sei kein grosser Verlust gewesen. Nur ein seltenes Nachhängen eines Zustands dessen Unerträglichkeit ihr manchmal fehle, mache ihr dann zu schaffen. Beim letzten Besuch, erst gestern wieder: das Wohnzimmer, ein kleiner einfacher Raum, immer noch nicht aufgeräumt, nicht Staub gewischt.
In der Küche fand einmal eine Party statt. Die leeren Flaschen weisen darauf hin, nicht mehr die Neigen, die sind verdunstet. Das Klo sei immer noch verstopft, und ein Plakat hänge schief neben einem Fenster. Oder das Fenster. Alles in allem sehr ungelüftet, was es da noch zu sehen gäbe. Einen Ort, den man gerne besuche, aber nicht darüber spreche. Etwas, das man niemandem vermieten würde.
Kategorie: die träume meiner frau
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So würden sich die Dinge ändern, sich dann aber bei nächster Gelegenheit wieder treffen. Zusammenhängen, sagst du. Und fragst, warum ein Traum denn etwas mit dem Unterbewussten zu tun haben sollte. Dass er doch eher ein sich aufdrängendes Bewusstsein habe, ein richtiger Aufdränger sei und nur zu kleinsten Teilen von uns. Und nicht in unserem Steuerungsvermögen, nein, nicht einmal in uns.
Die Dinge führten Zwiegespräche über unseren Köpfen. Und manchmal gäbe es auch Beschlüsse: Dass ein Traum gar kein Traum sei, dort unten, sagen sie einhellig. Mit dem Begriff der Verschiebung könnten sie aber leben, sagen sie. Aber sonst mischen sie sich nicht sonderlich in unsere Vorstellungen ein. Wir sind ihnen einfach egal.
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Und gestern Abend hat sich ein kleiner Junge an einem Streichholz gerieben. Ein Mädchen blickt heute nur halb erfreut auf die weihnachtlichen Tage. Auf die Geschenke. Die unerfüllten Wünsche, die wieder ansprechend verpackt liegen werden unter einem kahlen Zweig. Und die dochtlosen Kerzen. Der Schatten einer Tanne vom letzten Jahr; der stand noch in einer Garage. Die Kerzen würden in diesem Jahr voraussichtlich zünden, prophezeite man in den Nachrichten. Allein an Feuer zu kommen, sei ein kleines Problem.
Und ein kleiner Junge, der eine Schachtel zu ersetzen versprach, wird befürchtet, komme bestimmt nicht mehr wieder.
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Warum ich Ihnen die Träume meiner Frau schildere? Damit sie im Gedächtnis bleiben. Gleich einem Onnagata, der einmal in unvorstellbarer Weise Lady Macbeth verkörperte und sie damit ein weiteres Mal ins Unsterbliche rückte. Diese einmalige Verkörperung.
Es muss uns natürlich bewusst sein, dass es diese Träume niemals gab. Ich habe sie alle erfunden. Aber war Dantons Tod nicht auch eine Fiktion, bis er tatsächlich auf der Bühne starb? Und eben auch nicht, sobald sie gelesen wird. So lesen Sie sich bitte die Träume vor. Auf den Marktplätzen der Städte. In den Wohnzimmern ihrer Freunde und Feinde. Dort, wo die Bretter am dünnsten scheinen. Langsam und laut. Und stellen Sie sich dabei vor, ich träumte von meiner Frau.
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Eine sogenannte Floorshow. Wir haben nicht nur zu einem Lied getanzt, in dem dieser Begriff vorkam, gesungen von einem, der sich “Der Schauerliche” nannte, oder “Nicht von dieser Welt”. Wir haben um den Begriff selbst getanzt und ihn angewendet, woimmer und wofür er uns richtig schien. In einem spontanen Überschwang vielleicht, oder auf die im Schlaf und eigenen Erbrochenen Liegenden auf dem zertanzten Boden des damals düstersten Clubs der Stadt.
Den Begriff gibt es immer noch, gerade heute taucht er wieder auf. Diejenigen, die er betraf, allerdings, sind die Toten und Ausgewanderten, überhaupt: solche, über die nicht mehr gesprochen werden kann.