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Die Frage des Moderators, wie sie sich denn ihr Traumhaus vorstellte, führte sie, wie schon oft, an die Wortwurzeln des Kompositums. Sie hätte mit Gegenfragen antworten mögen: Was er denn meinte? Die Traumhäuser, die – im Moment ihrer Vollendung – wieder in sich zusammenfallen. Intransitive Ideen einer optimalen Kombination aus Steinen, Farbe, Möbeln und der Einrichtung der Räume sowie eines gepflegten Gartens mit ansprechendem Ausblick. Oder die Orte ihres Stattfindens. Die Heimat der nicht immer kontrollierbaren Stoffe, die – sind sie für einmal verbraucht und verwoben – ein ähnlich grosses Trümmerfeld oder eine neuerliche Baugrube hinterlassen. Oder das Archiv aller möglichen oder schon von ihr durchlebten Phantasien. Am Ende dieser Überlegungen löste sie sich von allen Vorstellungen und wünschte dem Publikum einen guten Abend.

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Der Zauderer zaudert nicht ohne Grund. Was uns als Nichthandlung erscheint, ist tatsächlich eine grosse Tat. Der Zauderer antizipiert in seinen Träumen die Ereignisse, erleidet ihre Zukunft, gegenwärtig und erwacht. Der Zauderer ist der phantasievollste Mensch, den wir kennen. Wer wird ihm verdenken, die Wiederholung bestimmter Dinge nicht zu wollen?

Doch es gab Ausnahmen. Oft wurde der Zauderer von einer lieben Freundin besucht, die ihm ihr Herz ausschüttete und der er ein guter Zuhörer und gewissenhafter Ratgeber war. Ihr gegenseitiges Verständnis war blind und ihre Nähe gross. Aber wachte er auf, wachte da auch schon der immergleiche Wunsch. Wie gerne hätte er so eine liebe Freundin.

inspiriert von “Liebesschwur” auf hanging lydia.

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Warum in Träumen ein Erinnern anscheinend besser funktioniere, sei auf die Scheinbarkeit des Wachzustandes zurückzuführen. Als Antwort auf die Frage, was denn genau Erinnerung sei, bitte ich meine Frau auf die Suche nach einem Beispiel, das sich so leicht wirft wie ein gewendetes Wort: Eine Wand? Nehmen wir eine Wand und uns jeweils dahinter, scheinbar. Wenn wir einmal kurz eine Wand zwischen uns träumen könnten, schlage ich vor. Und tatsächlich kommen wir zu dem einstimmigen Ergebnis: Im Traum gibt es keine Wände, denn alles lässt sich bequem durchqueren. Das müsse dann wohl auch für das gesamte Inventar gelten, das wir entsinnen. Q.e.d.

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Und die Träume meiner Frau, die ich ab heute meine eigenen nenne. Die Unbekannten wurden mir ins Ohr geflüstert in den frühen Morgenstunden, als das Kind noch unruhig schlief.

Sie wurden leise herausgeschrieen und falsch von mir verstanden. Und die Ereignisse, Gesten, Geschmäcker und Erinnerten. Und wie plötzlich wurden sie vergossen und notiert und blieben am Ende der kleine Lack der Bilder an den Gestellen. Die winzigen Skulpturen, die nun zwischen uns stehen. Ich kann mich beinahe dahinter verstecken.

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Herr C., wie man ihn bald zu nennen begann, sitzt an den Werktagen in Anzug und Krawatte im kleinen Foyer der hiesigen Bibliothek. Oft hat er kleine Mahlzeiten dabei, die er zur Lektüre einer Tageszeitung verzehrt. Eine nicht gern gesehene Beschäftigung, die aber stillschweigend geduldet wird.

Dort kann man ihn mehrmals am Tage antreffen, obwohl er sich, man ist sich sicher, noch nie ein Buch hier ausgeliehen hatte. Man vermutet schon, er sei ein Angestellter ohne Anstellung. Ein temporär Unangestellter, der eine Anstellung vorgeben muss, um es dem geregelten Leben zuhause und auf der Strasse, wenn es gilt, sich mit einer Anstellung zu belegen, erträglich zu machen. Dort sitzt er anstelle, munkelt man, und träumt von einem guten Buch. Einem Roman, vielleicht.