Aus der Ferne scheint es eine kleine, vertikale Krümmung auf dem Plateau. Die Annäherung mit kurzen Schritten lässt aber bald eine bucklige Figur entstehen, die gegen die untergehende Sonne mit den Ärmchen rudert. Noch ein paar Hundertmeter lassen sie schon ein Traktätchen wedeln, in der linken Hand, die von der rechten festgehalten das Papier zur Ruhe kommen lässt, sodass sich darum auch seine Stimme kümmern kann. Nur wenige Fusslängen trennen mich von dem Männchen auf der wackligen Kiste aus Holz.
Es ist der vollbärtige Anarchist mit seiner kunstvollschwarzen Hochfrisur aus dem zweiten Semester. Jetzt spielt er die Mundharmonika. Bald beginnt er zu tanzen, springt mir auf die Schultern, macht es sich dort gemütlich und blickt in die Ferne.
Kategorie: die träume meiner frau
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Sie seien unter dem Granatapfelbaum eingeschlafen, sagten sie dem Commissaire, und hätten was auch sonst Granatapfelträume geträumt, entschuldigten sie sich. Dann sei das Böse unter absurdem Getöse aus der Erde gestiegen und hätte sie unsanft geweckt. Den Kampf hätten sie aber mit imaginierten Schwertern und Schildern dennoch für sich entscheiden können, diktierten sie dem Commissaire in die Feder, und wollten, gleich danach, wieder in die warme, blutrote Traumwunde steigen, als sie merkten, dass da schon andere sassen.
Der Commissaire machte ein nachdenkliches Gesicht, schüttelte den Kopf und wies ihre Regressansprüche zurück.
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Der Verkehr ist nicht einfach nur zusammengebrochen. Autos fallen vom Himmel als gefrässige Insekten. Flugzeuge heben ab und knallen flammend zu Boden. Die Schiffe saufen Wasser und selbst die zuverlässigsten Trams und U-Bahnen fahren irre im Kreis. Ein Plagenbild mit Amme sucht frische, kräftige Farben und taucht ein. In Demut küssen wir die junge Mutter, loben ihre Lippen und ihr einziges, langsames Wort.
Gegenüber ist noch ein Wirtshaus geöffnet. Ein paar Damen und Herren sitzen professionell und erleichtert an der Bar und scherzen. Sie wollen Experten unserer Sehnsüchte sein. Sie trinken Milch aus hohen Gläsern und unter der Theke reibt sich ein Knie am anderen.
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Moirée. Störmuster aus Kräuselpunkten und Kräusellinien. Muster, die beim Gegeneinanderlaufen von Wellen entstehen. Interferenzen. Gerasterte Farben und textile Kontraste. Raue und feine Stoffe. Ein Leinentuch? Kratzt auf der Haut und entzündet sie. Provoziert Rötungen. Daneben weichste Seide, die bei Berührung leise zu surren beginnt. Mustergültig: Liniengewordenes oder Gedrucktes.
Ein Seil wurde über einen Platz gespannt, darüber hängt man die Wäsche. Ein Vogel setzt sich zwischen die Stücke und pfeift ein bekanntes Lied. Ein Telefon klingelt in der Ferne und der Vogel verstummt.
[zu ahgs lektüre der träume 93/94″>
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C f f a a f c. Wir kämpfen um den Hauch einer Bedeutung. Die Zeichenfolge sind wir, ein Chor, ohne weitere Dimension. C f f a a f c ist auch die Signatur unseres leisen Scheiterns. Unserer Verflüssigung in sichtbare Buchstaben in einem unsichtbaren, aber spürbaren Zelt. Wir sind das transponierte Fleisch der Erinnerung. Wir beobachten die anderen, mit uns verdrahteten, die lauthals in unser Rezitativ einstimmen wollen und bitten sie um Abstand.
Wir liegen unbeantwortet und sediert in unseren Waben. Wir wissen von einander. Auch jetzt. Auch im halb vegetativen Zustand liegen wir eingecremt und schlüpfrig aneinandergepfercht, und fühlen uns: Wie konservierte Sardinen in einer Dose.