“Kräuselpunkte” und “Kräusellinien”

Andrea Heinisch-Glück liest “Die Träume meiner Frau”

(Nr. 93 & 94)

(…) Die Zwei-Seiten-Dynamik – in einem Bild erklärt: Gesetzt den Fall, dass der Wind von zwei (oder mehreren) unterschiedlichen Richtungen weht auf eine Wasseroberfläche, dann ergeben sich aufeinander zulaufende Wellen (in einem schönen Muster!) und es ergeben sich „Kräuselpunkte“ oder „Kräusellinien“. Und das gibt es bei Texten auch.

Bei 93 ist eine Gegenläufigkeit im Erzählen: das „Papierene“ ist gegenlaufend zum „Textilen“ und also das ÜberDieseNächteSchreiben gegenlaufend zum InDiesenNächtenRotzUndWasserInsKissenHeulen – Ergebnis einmal: Schrift auf Papier, das andere Mal: Rotz&Wasser ins Kissen gesogen. Der vorliegende Text bildet beide Möglichkeiten ab, ohne selbst eine von ihnen zu sein (Sowas gefällt mir!).

(Nebenbeobachtung: die „frisch gereinigte Straße“ findet ihre Gegenteilsentsprechung im angeschnäuzten und also frisch verunreinigten Taschentuch.) (…)

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94

Hinter den Gardinen bewegt sich etwas müde auf und ab. Wenn ich du wäre, stände ich dahinter, und schaute auf mein fassungsloses Starren: von der frisch gereinigten Strasse auf den Vorhang. Du wärst ich und müsstest meine Hörner tragen und in diesem Moment den Mund zum Atmen öffnen. Unsere Hände griffen zu einem Taschentuch in unserem Mantel. Auf einer Ablage links neben dem Schreibtisch. Und wir schnäuzten kräftig und bliesen die Verstockung aus den Kanälen unserer Stirn. Wir schauten auf das Tuch, leicht angewidert, und legten und steckten es zurück, um es zu trocknen. Diese Geste bewegte etwas Luft und diese den Vorhang hinter dem Fenster.

93

Dann ist da dieses kleine Aufsatzthema: Über die oft unterschätzte Notwendigkeit des kleinen Kissens. Man sucht Beispiele: Man reisst die Fensterläden auf, morgens in der Winterfrühe, und herein kommt nichts als blaue Dunkelheit. Ein Kissen für diesen Tag, denkt man, ein kleines nur. Eines, das man vor die Augen drücken kann; in dem sich Rotz, Tränen und die abgelegten Bilder der vergangenen Nacht geborgen fühlen. Aus besonders saugfähigem Stoff muss es gemacht sein. Und rund oder quadratisch. Am besten mit einer roten Giraffe darauf und die Ränder gehäkelt. Am besten, man setzt es in Anführungszeichen. Dann ertönt ein Gong. Eine mindere Terz. Dann gibt man ab.

92

Dabei lese sie nur Anthologien. Die Texte von verschiedenen Autorinnen und Autoren und gerne zu einem Thema. Monothematische Sammlungen von Schriftstücken ihr völlig unbekannter Menschen. Natürlich lese sie diese im Schlaf, sonst fände sie ja keine Zeit dazu. Sie will ehrlich sein. Sie lese nicht die Texte der Autoren, sondern lediglich die biographischen Angaben. Und sie wisse auch, dass diese von Herausgebern behandelt, ja teilweise umgeschrieben und entsprechend angepasst wurden. Das störe sie überhaupt nicht.

Im Gegenteil: es seien ja auch nicht die Autorenbiographien, die interessierten, sondern das, was daraus gemacht wurde. Und ja, sie kenne die Herausgeber. Sie übernachte bei ihnen, bisweilen.

Die Träume meiner Frau (Materialien zur Manuskriptbearbeitung I)

Titel: Die Träume meiner Frau

Untertitel: 100 Stoffe

von: Hartmut Abendschein

Erste Überlegung: Einteilung/Verzeichnung des Materials in

Bearbeitungsstufen:

1 = i.O.

2 = schwach überarbeiten

3 = stark überarbeiten / streichen

Maximalwortzahl: 100?

Klassifikation:

a = Traumstoff

b = Traumtheoretisches (Über das Träumen)

c = absurde Bilder

d = Verschiebungen

e = anderes

Zuordnung zu Schlafphasen (ext. Mat.):

frei interpretiert, soll diese Abteilung Indikator für die Hypostasendichte (zunehmend I-V) werden.

I. Übergang vom Wachen zum Schlafen

a-Wellen (8-13 Hz) tauchen nicht mehr kontinuierlich auf, sondern erscheinen zunehmend gruppiert, welches den Übergang vom Wachen zum Schlafen anzeigt.

II. Einschlafstadium

Im Einschlafstadium lassen sich niedrigamplitudige flache b-Wellen-Aktivität (über 13 Hz) und Theta-Wellen (4-7 Hz) beobachten. Gegen Ende dieser Phase zeigen sich Vertexzacken, die 170-180 msec. andauern und eine Amplitude von 100 mV aufweisen. Die Vertexzacken stellen psychophysiologisch den Einschlafmoment dar.

III. Leichter Schlaf

In dieser Phase lassen sich niedrigamplitudige Wellen von 12-17 Hz sowie K-Komplexe und Spindelgruppen (11-15 Hz) nachweisen.

IV. Mitteltiefer Schlaf

In dieser Phase konnten noch gelegentlich Spindeln mit unregelmäßig auftauchenden hohen Wellen von 0,5-3 Hz und 300 mV (Delta-Wellen) aufgefunden werden.

V. Tiefschlafstadium

In diesem Stadium läßt sich eine langsame Delta-Aktivität von 0,5-4 Hz nachweisen. In dieser Phase sind fast ausschließlich Delta-Wellen zu beobachten.
quelle

Choreographie (Anordnung):

1. Kleines Vorwort zu Herausgeberfiktion, Materialklassifikation

2. Die Texte, alternierend (mit inhaltl. Anschlüssen) oder

    in Blöcken, nach:

    – Schlafphasen

    – Personalformen

    – Traumformen (klass.)

3. Schlüssel (Register?)

(vielleicht hieraus eine (dreistellige) Signatur (als jew. Texttitel?) generieren, sodass bei alternierender Darstellung die anderen Bezugssysteme sichtbar werden …)

s.a. Quellen 1, 2 und 3 zu einer Poetologie der Reihe Die Träume meiner Frau

(…)