Salzkristalle & Trüffelpilze (Auszüge, 03/2015)

ZENSUR? …:

Diese Antwort ist für mich blanker Hohn. Da wendet sich jemand Hilfe suchend an einen und man ›dankt‹ zuerst einmal für den Brief; damit spurt man gewissermaßen auf der Geschäftsbriefschiene ein: ›Wir danken für Ihren letzten Brief vom soundsovielten …‹ (Darauf weist auch das »Ihr Brief vom …« hin.) Dann aber wechselt die Sprache im gleichen Satz noch und es ist die Rede vom ›Schicksal erzählen‹. Ja, gilt es ihn denn dafür zu belobigen? Hat er sein Leben denn erfunden? Oder geht es darum, es bestmöglich zu präsentieren? Und vermutlich bereits wenn dann die ans ›Dritte Reich‹ gemahnenden ›Durchhalteparolen‹ auftauchen, die nach der perversen Logik funktionieren: Sie haben es bis hierhin geschafft, also schaffen sie es auch noch weiter, und die den Leser zusammen mit den guten Wünschen an ein Berufszeugnis erinnern (»Mut und Kraft für Ihren weiteren Lebensweg«), es ist anzunehmen, um den Brief schön abzurunden, oder aber spätestens als man dem Empfänger, Sprachfehler im Brief inbegriffen, »alles Gute« wünscht, tschüssi, ciao … spätestens dann durfte mein Vater zu Recht geräuschvoll feststellen, was er mündlich etliche Mal tat: ›Hilfe‹ werde dort und an anderen ähnlichen Stellen wohl nur ›geboten‹, um das eigene schlechte Gewissen zu beruhigen.

 

 

Warum suchte er so extrem weiter nach der ›Ursache‹ oder der ›Wahrheit‹? – Er konnte Verstand und Gefühl, einem Einsteinschen Aperçu gerechtwerdend, nicht übereinbringen: Der Verstand weiß es, aber das Herz will es nicht annehmen.

      Ist das nicht oft ihm Leben so? – Ja, aber was sagt das?

 

 

Flecht- und Ranzmeister.

 

 

Uns trügt das Angezwungene.

 

 

Wird es leichter sein, zu sterben, weil er schon vorausgegangen ist? – Ich weiss es noch nicht. Was ich weiss, seit ich die Unterlagen habe: Sein Grossvater starb mit 76 oder 75 Jahren, sein Vater starb mit 73 Jahren. Er starb mit 71 Jahren. Wann sterbe ich?

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Salzkristalle & Trüffelpilze (Auszüge, 02/2015)

SELBST-AUFGABE

Die Selbstaufgabe ist die Abschaffung der Wirklichkeit – die Abschaffung der Wirklichkeit aber ist nicht die Selbstaufgabe.

Das einfache Schweizer Volk: Was soll denn das nun wieder?

Ich: … das nun wieder?

 

 

ROTTÄTSCHCHEN UND DER FLEISCHWOLF

Kommt ein Mädchen daher, langsam im Wald. Es hat ein schönes Stück Fleisch mit dabei. Vom Metzger gerade eben tapfer getätscht, bis es rot war, leuchtend. Wie die Kappe sein muss, denkt das kleine Mädchen und leuchtet auch innerlich … aber fragt sich, ob sie etwa noch immer beim Fleischer sei: Denn da steht mitten auf dem Weg –: ein Fleischwolf. … Was tut der da?, denkt die Rote. Das kann doch nicht sein. Schon verschwindet ihre Kappe im Kreisenden, sie wird angezogen und mag sich nicht wehren. Es dreht, sie sieht den Wald nicht mehr, es dreht und dreht, es wird ihr schlecht, aber es dreht immer noch und weiter und weiter …

 

 

Warum mag ich Vergangenheiten? – Weil ich den Moment mag und wie er aufgelöst wird.

 

 

Welt aus Büchern: Stoffsammlung in Lexika, Wörterbüchern und Chroniken. Was andere festhielten, von dem ging er aus. Und baute seine Welt aus ihrer Welt. (EIN GRÖSSERES KOMPLIMENT KANN ES NICHT GEBEN [SOLLTE MAN DENEN MAL SAGEN, DIE IMMER VON ›NESTBESCHMUTZERN‹ REDEN: DIESE SCHEISSEN HEUTE HÖCHSTENS AUS, WAS ZUVOR VON JENEN GEKOCHT WORDEN IST; ZUDEM BESTEHT DIE WELT AUS SCHEISSE.])

 

 

Erst gab es die Ewigkeit. Und die Ewigkeit ist ziemlich lang. Also hat man sie aufgeteilt: in den Teil ›ewig‹ und den Teil ›nicht ganz ewig‹. Wenn man aber einen Teil von der Ewigkeit abzieht, ist sie weniger als die Ewigkeit. Also nicht mehr ewig. Dafür kann man unendlich viele Teile von ihr abziehen. Alle zusammen ergeben fast eine Ewigkeit. Summiert man sie und den Rest der Ewigkeit, der verblieben ist, hat man zum Beispiel viele Menschenleben und ein bisschen Restewigkeit. Warum sehnen wir uns nach Resten?

 

 

Erfinde die Versuchung der Verlorenheit.

 

 

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Salzkristalle & Trüffelpilze (Auszüge, 01/2015)

Die Nachtigellen kreischen.

 

 

Ich: Die Nachtigall, die Nachtigall, die singt vom schönen Ultraschall.

Das einfache Schweizer Volk: Hast du da nicht was falsch verstanden?

Ich: Fiep, fiep.

 

 

Das Dasein ist nicht trübbar …

 

 

Die Jungfrau werde immer mehr beschmutzt vom grossen Tourismus. Nunja, dass ihr da der Mönch einmal mehr nicht hilft, ist einleuchtend klar. So sind die ja.

 

 

Sterne am Nachthimmel, wie Asteriske, die auf unauffindbare Fußnoten verweisen …

 

 

Die Suche nach Absatzmärkten: Die Firmen rechneten mit neuen Welten, mit neuem Land im Himmel. Kolonisation. Kontakt mit einer Vielfalt von Rassen. Handel. Austausch von Bodenschätzen und kulturellen Errungenschaften. Tourismus. Entdeckerlust. Stattdessen hat man nichts gefunden. Und die Aktien fielen und fielen und fielen undﬧ

 

 

Das Wesen fand in der Garage einen alten Käfig, in dem es früher einmal Space-Ratten gehalten hatte. Es säuberte ihn und trug ihn hinauf in sein Zimmer. Es legte Zeitungspapier auf dem Käfigboden aus und richtete ihn mit einer Miniaturwelt© notdürftig etwas ein. – Es verging einige Zeit, bis die Menschlein so weit waren, dass sie Symbole als Schriftzeichen erkennen konnten. Die Klügsten stiegen aber schon früh auf die höchste Bergspitze und lasen so die Schriftzeichen auf dem Grund ihrer Welt. Die Halbschlauen faselten einige Jahrtausende später von göttlichen Zeichen. Die Klugen aber hatten die Schrift schon lange entziffert, stiegen in die Höhlen und überlebten den Angriff der Space-Katzen, der in den Zeitungen der Wesen zufällig an einer sichtbaren Stelle der Zeitung angekündigt war. – Danach lebten sie glücklich für eine unbestimmte Zeit weiter.

 

 

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Salzkristalle & Trüffelpilze (Auszüge, 12/2014)

»Für ihre barbusige Protestaktion auf dem Petersplatz in Rom ist eine Aktivistin der ukrainischen Frauenprotestgruppe Femen festgenommen worden. Die Frau sei am ersten Weihnachtstag in die Krippe eingebrochen und habe die Statue des Jesuskindes stehlen wollen, teilte der Vatikan am Freitag mit. Sie wurde demnach sofort verhaftet und soll einem Richter vorgeführt werden. Es ist die bislang schärfste Reaktion des Vatikans auf Femen-Proteste. Mit der Aktion seien die religiösen Gefühle unzähliger Menschen verletzt worden, sagte Vatikansprecher Federico Lombardi. Es sei richtig, dies mit angemessener Härte zu bestrafen, sagte er.« – Mit dem Läuten von Kirchenglocken werden die areligiösen Gefühle unzähliger Menschen verletzt und die Ohren der ruhsamen Stille beraubt. Das ist mit angemessener Härte zu bestrafen: Die Kirchen und ihre Anführer sind als kriminelle Institutionen bzw. Drahtzieher vor den Weltgerichtshof zu bringen.

Das einfache Schweizer Volk: Das ist doch nicht das Gleiche.

Gott: Nein, die Kirchen haben auch noch Millionen von Menschen umgebracht, in den Kreuzzügen, im Zweiten Weltkrieg …

 

 

 

Lautlos flennen meine Krieger.

 

 

 

Ein Roman, der nur geschrieben wird, wegen einer einzigen Zeile/eines einzigen Satzes: eine Botschaft an den ehemaligen Klassenlehrer, dass er dumme Wurstfinger gehabt habe.

 

 

 

Ach ja, das Leben als kleine Oase, der Tod als die Wüste ringsum. Aber war denn die Wüste nicht eigentlich eindrücklicher, in ihrer Unbekümmertheit, ihrem langen Atem, auch die brütendste Hitze auszuhalten, irgendwie? War es denn so sicher, dass das Leben besser sei als der Tod? Ohne Leben zwar kein Bewusstsein, und ohne Bewusstsein … ohne Bewusstsein auch keine Zweifel, keine nagenden, die aber bewiesen, immerhin bewiesen, dass man war, dass Oase und Wüste existierten, dass es sie gab.

 

 

 

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Salzkristalle & Trüffelpilze (Auszüge, 11/2014)

Unten, die Schamhaare völlig wegrasiert, hatte das erste Playmate im September 2001. Die erste Miss Schweiz mit (oben) kurzen Haaren wurde erst 2013 gewählt!

Die Summe aller Phrasen in den Töpfen der Schröpfer.

Mein feuerverbranntes Hirn, im Kolumbarium des Kopfes.

 

 

 

OUVERTÜRE

Warum eigentlich gibt es mich?

     Man sprach mit mir und ich musste verschiedene psychologische Tests über mich ergehen lassen. Aber auch meine Frau wurde mit psychologischen Tests geprüft. Als es dann hieß, sie sei asexuell veranlagt, wurde sie wütend.

     Und mein Vater …

 

 

 

Prunkstille.

Melanch-o-logie.

Die Rettungskräfte entsorgten den Mann.

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