Salzkristalle & Trüffelpilze (Auszüge, 05/2014)

Schriftsteller machen alle vier phylogenetischen Stufen der Erinnerung (brain memory, script memory, print memory und electronic memory) innert kürzerster Zeit als ontogenetischer Schritt durch und gebären so das moderne Buch …

Der Tod ist die Hymne aufs Leben.

Das patriarchalische Russland erwählt sich eine Raumflugkörpersilhouette aus, die einer Brust gleicht (oder alternativ einer Gebärmutter; einer Vagina); die Amis schießen eine Rakete ins All …

Hauptquelle aller Gewalttaten: dass man nicht weiß, wozu man da ist. – Sagt wer?

Stammbaum: Der Baum meines Menschentums wird ewig ein schmächtiger (Jünglingsstamm) sein, nicht reich verzweigt und keine Krone gebreitet.

An Orten mit verblühter großer Vergangenheit gedeiht die Fama: Gilt das auch von der Schweiz? – Kaum: Die hat sich eine große Vergangenheit nur zurechtgelogen und bezieht sich nun in Sagen auf sie. Eigentlich macht ein Schriftsteller oft dasselbe.

Wo es kein Wort für eine erlebte Wirklichkeit gibt und man sich eines erfindet – kann man als verrückt bezeichnet werden.

Was jetzt? – Weiter, weiter! – Und dann? – Schluss.

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Salzkristalle & Trüffelpilze (Auszüge, 04/2014)

Mögliche Texte 14

Eine Geschichte schreiben, in der alle meine Freunde vorkommen.

Für die XXX:

Das ist das rechte Batzenschwein

Das scheißt tagaus und scheißt tagein

Es kann kaum vorne so rasch schlingen

Wie hinten schönen Scheiß zu singen

Es zeigt der Kompass bei allen Lebewesen in dieselbe Richtung. Hin zum Tod.

Ein Mann von 58 Jahren (also 22 Jahre vor dem Tod) denkt zurück an sein Ich von 22 Jahren, also vor 36 Jahren: Wie er im Kino saß, alleine, egal, man wartete halt, auf irgendetwas, man wartete halt, auf eine Sie vielleicht, doch nur der Film kam, was machte das schon, man war jung – dies war doch das Schönste am Leben überhaupt; nur damals noch ungewohnt.

Vielleicht haben wir (Menschen) früher nur zwei-dimensional gesehen und gehört (dies lässt sich schwer vorstellen, ich weiß). Später beweist man eventuell einmal, dass es noch mehr als nur die drei Dimensionen gibt. Dann wird man beginnen, lernen zu wollen, auch diese Dimensionen wahrzunehmen.

NOTIZHAFT: Wenn mir ein interessanter Gedanke kommt, schreibe ich ihn unmittelbar in ein NOTizheft oder auf einen Zettel oder hierhin (in den Blog). Sonst dreht sich mein Hirn um und um um ihn herum und um ähnliche Überlegungen. Ich mache diese Notizen aber unterwegs so flüchtig, dass ich zuhause die Hälfte nicht mehr entziffern kann und auch vergessen habe, worum es ging. Aber mein Kopf war unbelastet, es rutschte nichts in die quälende Tiefe. Befreiung durch Niederschreiben.

Seebestattung: We are happy to sea you.

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Salzkristalle & Trüffelpilze (Auszüge, 03/2014)

Nachdem er sich über Jahre hin immer mehr zurückgezogen hatte, hat er seit Anfang Jahr die Wohnung, seit dem 15. April sein Schlafzimmer nicht mehr verlassen. Zu Beginn urinierte er da in eine Flasche, was ihn aber schnell mal unbeliebt machte, da er den Inhalt jeweils auf die Straße schüttete. Die Nachbarn schrien hinauf und begannen, ihm Steine gegen das Fenster zu werfen. So wählte er eine Ecke des Einbauschrankes zur ›Urinierzelle‹ aus: Er legte ein Kissen hinein und hat seither auf das Kissen gepinkelt. Dass es stark roch, störte ihn nur zu Beginn ein wenig. Schlimmer war der Kot. Was sollte er damit tun? Er entschied sich dafür, jeweils kurz die Zimmertür zu öffnen und die Fäkalien mit der bloßen Hand in die Stube zu schleudern. Immerhin hatte er kurioserweise ein Lavabo im Schlafzimmer. Das in auch vom Verdursten bewahrte. Doch nicht vor schweren Hungerattacken. Denn die Lebensmittel waren ihm im Zimmer schnell mal ausgegangen. Seitdem ernährte er sich von Wasser und etwas Eipulver. Und wurde doch von Woche zu Woche dünner. Da entschied er sich zu Beginn des Herbsts, sich in das Bett zu legen, die Decke hochzuziehen und so zu verharren. Mit ein wenig Wasser in einer Flasche neben dem Bett. Aber ohne zum Pinkeln aufzustehen. Was machte das schon? Er würde, das erkannte er völlig richtig, sowieso bald nicht mehr leben. Und als Leiche auch nicht mehr stinken als all die Exkremente in der guten Stube.

Ewig will der Tod dein Bein.

Die Sirenen: Sie haben vermutlich nicht gesungen, sondern gestöhnt wie beim Sex: Was die Seeleute (Seamen, Semen) unweigerlich anzog.

Sie: Mach die Angst aus, wenn du gehst!

Er: Wer ist da?!

Gespenstischer Ort, Auschwitz: Tote sitzen auf den Bänken. Und Gott klagt den Spatz an, er sei zu früh vom Dach gefallen.

Dann allerdings wird er gesteinigt von Raben. Immer wieder.

Da geschah es: Eines Morgens wachte ich auf und sah das ›Ding an sich‹. Irgendwie hatte es sich hineingeschlichen und saß nun auf dem Stuhl, auf dem sonst meine säuberlich zusammengefalteten Kleider lagen. Traurig sah es aus und doch hell. Schwarz, heiter und fest. Oder doch schwabbelig. So saß es also da und glotzte mich an.

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Salzkristalle & Trüffelpilze (Auszüge, 02/2014)

Mein Name sei Katzenbein (mein Halbkater gibt vor, nichts mehr zu hören, dabei …).

Seltsam: Am Tisch gingen sie nie mit dem Messer aufeinander los. Und sie vergaßen auch nie das Gebet. Tischlein deck dich. Dann fraßen sie. Vielleicht deswegen. Sie konnten sich auf sich konzentrieren. Aber auch im Bett geschah nichts. Sogar als sonst auch nichts mehr geschah. Da ertrugen sie einander. Selbst wenn sie kurz zuvor, zum Beispiel vor dem Fernseher, wie Wahnsinnige aufeinander losgegangen waren. Laut und heftig. Sie stritten sich mit Wutgeschrei und Hass, Hass auf das Leben und Hass auf ihr speziell beschissenes Leben. Sie stritten sich beim Einkaufen. Sie stritten sich beim Autofahren. Sie stritten sich beim Sonntagsspaziergang. Sie stritten sich in den Ferien. Sie stritten sich an Familientreffen. Sie stritten sich zu Beginn vor den Kindern. Sie stritten sich vor den Großkindern. Sie stritten sich beim Arzt, im Spital. Laut und heftig. Und sie hatten immer recht. Immer.

Der Phrasenbär, da, schau her, es geht ins Meer, der Text ist leer. ( ᴜ – ᴜ – / – ᴜ – / ᴜ – ᴜ – / ᴜ – ᴜ – )

Kaum ein Inhalt, viel eher die Form erzeugt den Eindruck von Neuheit.

Nach dem Regen die Beruhigung: Keine Tausend Augen haben den Boden bereits wieder abgelutscht. Schön.

Abdichtungen, Entschwörungsformeln: Dichte nicht, dichte nicht, dichte nicht, mein Dichterling, mein Fichterling, mein Schmächterling; dichte nicht, dichte nicht, mein Pflögelchen, mein Pöbelchen; dichte nicht mein Hanswurst. Lass es bleiben, lass uns bleiben, bleib doch hier, nimm ein Bier und werd schön kirr‘.

Bundesrat Schneider-Ammann: Meine Glaubwürdigkeit ist im Takt.

Die Dämlichen: Gláube, Wúerde, kéit kíet kéit!

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Salzkristalle & Trüffelpilze (Auszüge, 01/2014)

Der zum Tode verurteilte in Polen: Er wählt den Schnaps. Sein Körper, der das zum ersten Mal trinkt, genießt es so, dass er nach dem medizinisch eingetretenen Tode gewissermaßen aufersteht, als riesige Alkoholverarbeitungsmaschine, die hinabsteigt in die Erde und von innen heraus die Welt zerreißt.

Kurze Botschaften, Flaschenpost, Gravur im Ring: Was wollt Ihr denn?

Oder ist etwas ganz anderes im Gange: Wenn wir in einer Welt n leben und einen Atemzug tun, so ist die Welt n und wir mit ihr zerstört worden, ins Nichts, aber in der gleichen ›Zeit‹ eine Welt n+1 kreiert worden, die bis und mit dem Atemzug mit der alten Welt n alles gemein hat, um dann gerade mal einen Atemzug länger zu dauern, worauf die Welt n+2 folgt etc.? (Original-Kopie plus einen Hauch mehr / wo n-1 endete, macht n alles bis dahin mit, dann eine Atemgeneration länger etc.)

Thomas Pychons Beschrieb des widerwärtigsten Runterwürgens von Gummifressen (»Die Enden der Parabel«, ca. Seite 190) versus das Marmeladenessen bei Hans Henny Jahnn (in seiner Erzählungen-Sammlung »Dreizehn nicht geheure Geschichten«). Wie tickt die Zunge?

ZWEIHALBJAHRHUNDERT

Nein, ein Genie war unser Schmidt nicht. Unser? Ja, unser: Denn wir erkennen ihn immer, egal ob in Briefen an Heinz Jerofsky, ob im Frühwerk, den mittleren Jahren oder dem Spätwerk: Immer ist da dieser Rhythmus, der Sprachrhythmus, das, was nur bei ihm so zwischen den Wörtern (als quasi ›betonter‹ Zwischenraum) mitschwingt, zwischen den Sätzen: Da war ich hin!: Von dem herrlich ausgewogenen Prosatakt!

Sowieso, Schmidts Werk: ein Hin- und Her – auch der Lebensstimmungen – oder eben Auf und Ab der ›GegenSätze‹: Ganze Geistestreppen besteigt er so, selbstgebaute oder vorgeplante, Hauptsache: hoch hinaus. Und von oben trotzdem noch das kleine Leben mitstenographiert, tief unten.

Eben ›auf und ab‹: Im eigenen kleinen Leben wollte der Lagerbuchhalter der deutschen Literatur in Gedankenwolkenwelten alle überschweben können – und da oben gibt sich das Barometer nicht zu störrisch. Dazu: Wer braucht schon New York, wenn er bei Poe nachlesen kann, wie das früher war: Dieses Bild wollte er sich nicht von der Realität überblenden lassen.

Und tief innen nicht die Angst nähren, dass die ganze Kultur nächstens vor die Säue geht. So liegt in seinem Sprachgefühl auch der Mut und die Wut gegen eine wie auch immer geartete Obrigkeit verborgen oder besser gesagt: eigentlich offen zutage. Die unerhörte Geschmeidigkeit und Vokalharmonie seiner Sprache als Wundmale …

Ah, meine Dame, Sie sind subeffizient.

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