Salzkristalle & Trüffelpilze (Auszüge, 12/2013)

»Man muss das Leben wegwerfen, um es zu gewinnen.« Die Kafka-Schnecke hat gut reden, ein Wunsch-Käferchen erträgt das.

Die Baumschau: Wer findet den besten Ort, von wo man in einer Baumgruppe etwas Bestimmtes sehen kann: Schlangen in den Haaren von Meerjungfrauen? Männer, die sich mit Hüten der Welt verschließen? Urteil des Paris.

Die Stutzer kriechen herum wie nimmergeschlüpfte Schmetterlinge; und einer gleicht dem anderen.

Lautstärke in Texten anzugeben mit den entsprechenden Schallwellen: ( oder (( oder ((( oder ((([ oder ((([[ oder ((([[[ oder ((([[[{ ((([[[{{ ((([[[{{{ oder ((((( …

Der Essschlund riecht nach Klopstock. Faulig.

Wie bei Joyce und seinem A E I O U, so auch hier: Austria Erit In Orbe Ultima oder Am End is olles umasonst.

Grünere (bessere Erde): Vielleicht hat in 40 Jahren jeder ein Arschputztier im Klo, das sich von den Fäkalien ernährt. Vorteile: kein WC-Papier-Verschleiß, mehr Spaß beim Scheißen.

Neues Institut der ›Todeswahrheit‹ gründen: Immer – wenn es möglich ist – gehen sie ans Sterbebett und fragen, was sie oder er nie lautheraus gesagt habe, obwohl es doch völliger Blödsinn sei. Bei genügend gleichen Aussagen wird dagegen angegangen, mit allen Mitteln.

Das Gummiband, fallengelassen, bildet eine Lemniskate.

Der Metamorf, er geht um und wandelt.

Kroatien und seine Abstimmung auf Bellfehl der Kirche und im sogenannten ›Namen der Familie‹ –: – Ich dachte, es wäre alles im Namen des Pfatters!

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Salzkristalle & Trüffelpilze (Auszüge, 11/2013)

»Xxx«, sagte sie, halt etwas, was weiß ich, was. Das sollte man überhaupt einführen in Texten, dass man schreiben kann: Xxx, kam es aus der Küche. Er sah fern. Was kümmerte ihn ihr Geschwätz.

[Doktor Fausto Frederico Tedesco Wagner stellt uns folgenden Beitrag zur Verfügung:]

DER SCHLÜSSEL ZUM WAKE

Dieses Schnäuzchen, wie er da am Platzspitz steht, sieht er nicht aus wie einer, der möchte Deutscher sein (der Teufel zur Faust)? Immerhin die deutsche Sprache liebte er, wollte in ihr schreiben, zweifellos. Sein einziges Theaterstück wurde zu seinem Entzücken auf Deutsch uraufgeführt. Im Ulysses kommen Wortschöpfungen vor, wie sie nur im Deutschen üblich sind: bullockbefriending, zum Beispiel. Und wo hat er lange gewohnt: Im K-und-K-Reich, der Monarchie. Und in der Schweiz. In Italien hat er Ettore Schmitz (sic!) gefördert. In der Schweiz sich gegen England gesträubt.

Der Prozess des immer tiefer vorhandenen Wunsches, seine Werke in Deutsch zu schreiben, liefert der Wake, ein Werk im Prozess: Wenn es zu Beginnn an einer Stelle noch hieß: over and over, so wird das bald einmal zu ufer and ufer. Ja, Joyce weist auf seine Deutsch-Affinität schon mit dem ersten Wort hin: Meint riverrun nicht deutlich Erinnerung?

Eine solche Deutung sei strengly forebidden? Geh, versteck Dich hinter dem Riesengeborg, sag Gutenmorg zu all den anderen Osti-Fostis dort und erlaube mir zassnoch: Nicht alles scheint auf der oberflake liegen zu kommen, viele Gedankjen schlummern unter dem Feigenbaumblatt wonnerful unterdrugged.

Dass is it duss oder auch: Es ist eine Hundesleben!

Kartoffeln zum Raclette kommen ursprünglich nicht aus der Schweiz, Geranien auch nicht – die obendrein eigentlich ›Grummligen‹ heißen sollten. Aber so nennt man im Innland schon jedes zweite Dorf der Schweiz. Der Insider weiß warum.

Da steht ein Herr; und ich in ihm: Wer aber ist dieser?

Bevor ein Hinweis gedeutet werden kann, muss er als Hinweis erkannt werden.

Ich schreie und brülle gekonnt meine Zeichen – bin aber umgeben von Blinden. Komm Hundi, komm!

Die Lohnschere geht immer mehr auf, die Parzen können nicht mehr knipseln; es leben Direktoren wie Putzfrauen munter auf ewig weiter.

Dominik Riedo: Ero di Minidok.

Zwist unter Zauderern.

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Salzkristalle & Trüffelpilze (Auszüge, 10/2013)

Im Namen des Fetten, des Lohnes und des Holocaust.

Die Phrenologie ist nicht mehr Sache unseres Jahrtausends. Trotzdem meinen wir zu wissen, wann wir einen ›Charakterkopf‹ vor uns haben. Auf Eduard von Keyserling (1855–1918) trifft dies aus Sicht der meisten Menschen kaum zu: Als derart hässlich und im direktesten Wortsinn ›dekadent‹ gilt der Schriftsteller durch das Porträt von Lovis Corinth, das ihn als Mittvierziger zeigt. Doch vielleicht liegt diese Wirkung hier vornehmlich darin, dass der nobel aufrechten und stolzen Haltung des Grafen das Gesicht quasi widerspricht: Eingefallen und bleich scheint es, dazu kommen eine proportional zu große Nase, wüste Tränensäcke und ein praktisch nicht vorhandenes Kinn. Die Augen schauen wie ›entgeistert‹ ins Leere.

Wer liebt einen Schwabbel-Schwamm?

Ich schmeiss alles hin und werde Operettenprinz.

Das Christentum in seinem Jetzt-Zustand und seiner Herkunft kann gut für alle Religionen stehen: Seine verderblichen Funktionen offenbaren die Negativität religiöser Vorstellungen und kirchlicher Systeme an sich. Diese Herrschaftssysteme dienen objektiv weder Befreiung noch Erlösung (das tut zwar Literatur auch selten, aber:) … sondern Unterdrückung und Desorientierung.

Jean Pauls Prinzip der Traum-Literatur: leichter als Luft. Das Konstrukt der Techniker: schwerer als Luft.

Widerstreit zwischen der Welt, wie sie (fast) alle wahrnehmen können und der Art, wie sie mein Körper noch wahrnimmt.

All diese kleinen Wohnlebgelegenheiten: Jedes Mal ein herbeigesehnter, mechanischer Uterus?

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Salzkristalle & Trüffelpilze (Auszüge, 09/2013)

DRs ungeschriebene Bücher: Ich möchte mal ein Buch schreiben mit dem Titel: ».«. Das wär nett. Wie soll der Inhalt aussehen? Egal.

Wann ist

Es so

Weit

Gekommen,

Dass man

Irgendwo

Zeilen trennen

Kann und

Das Gebilde

Dann

Gedicht nennen?

 

 

NIEBELSCHÜTZ

Ein feiner Hörsinn:

Aus jeder Wunde

Wurden Ohren.

Mit solchen Ohren

Hörte er

Die Welt.

Zu viel

Getöse für

Diese Ohren.

 

 

Auch die Distanzen waren beängstigend. Warum ist die Welt, warum ist das Universum so eingerichtet, wie wir es erfassen? Du hast das schon als Kind aufgeschrieben und erst später bei Joyce gesehen, dass er dasselbe gemacht hat: »Ich wohne in Littau, Kanton Luzern, Schweiz, Europa, auf der Erde, im Sonnensystem, in der Milchstraße, im bekannten Universum …« Also erstens einmal mehr: Alles schon gedacht, alles schon getan, alles schon aufgeschrieben. Wieder hast du etwas abgebrochen. Und zweitens, eben: diese Distanzen! Oder diese Wege. Du wirst nie die ganze Schweiz sehen, geschweige denn ganz Europa. Wann aber hatte man genug gesehen, um über die Welt reden zu dürfen. Und wie weit waren die Besuche austauschbar: Konnte man New York schon mit siebzehn sehen oder erst mit siebenundvierzig? Und was musste man vorher gesehen haben, damit man bei nur einem Besuch alles mitbekam, was wichtig war. Soziologisch, architektonisch, kulturell, zeitgeschichtlich, kulinarisch et cetera. Man sieht nur, was man weiß …

Weiter gefragt: Wie weit waren die Erlebnisse im Leben austauschbar, damit man am Ende doch ungefähr gleich über eine Sache denken würde wie jetzt? Oder würde die kleinste Vertauschung schon einen ganz anderen Menschen aus einem machen? Du dachtest, ganz am Ende wüsstest du vielleicht darüber etwas Bescheid. Aber das weißt du weniger als zuvor. Der Kopf voll Äther.

Im Traum bin ich von bösen Bikes vergewaltigt worden: Soll ich abtreiben? Kleine Fahrrädchen rollen schon in meinem Uterus herum …

Wie mein Hirn funktioniert: Sehe ich Militär, denke ich: PENG!

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Salzkristalle & Trüffelpilze (Auszüge, 08/2013)

…

Aber jetzt bist du auf der kleinen Insel. Egal, wer du bist. Du stehst da und das Wasser leckt an den Füßen.

Es ist wie damals, als du einmal ernsthaft versucht hast, das Wasser aus dem voll aufgedrehten Wasserhahn mit den Händen aufzuhalten: also absichtlich voll aufgedreht, kaltes Wasser, und dann die Hände rangepresst; es schoss in alle Richtungen davon, das hast du im Voraus gewusst, aber dennoch, du dachtest, es wäre vielleicht zu schaffen. Du hast es wohl gut zwanzig Minuten versucht. Das Badezimmer sah danach aus wie nach einer Wasserballonschlacht.

Du hast dich geschämt, dass es nicht gegangen ist.

Kann auch das Auge zu viel trinken? Schon ist der Glanz des Himmels durch die Lüfte ergossen. Ich trinke aus dem Blau der Riesen, tauche mein Auge ins Grün der Wiesen. Alles vergleitet.

Das einfache Schweizer Volk: Mann, diese Männerphantasien. Noch nie was von Rollenspiel gehört?

Ich: Urgl?

Fuck-Röschen: Ja, dann wäre ICH der Dorn.

Wie mein Hi-hi-Hirn funktioniert …

Ach, das meiste wird furchtbarer Scheiß gewesen sein, wir alle vollgedröhnt vom Alk und den Joints. Einmal hat Schüll sogar einen Sechser-Joint-Apparat gebaut. Man sog allein an einem Rohr, wo der Rauch aus einer kleinen Kugelkammer kam, in die die sechs Joints führten. Die zündete man dann alle an und sog und sog aus Leibeskräften. Dann noch Bier und Schnaps und Musik. The Cure oder Floyd, meine Güte. Also zumindest mit der Musik hörten wir etwas, das massentauglich war.

Nunja, auch das ›Ich-bau-den-größeren-Joint‹ wurde praktiziert. Fast wie eine Schwanzparade. Alle fleißig am bauen. Wer den längsten hatte, durfte zuerst anzünden. Und reden. Dann der korrekten Reihenfolge nach der weiteren Länge der gedrehten Joints. Bla bla. Was wir da alles wohl gesprochen haben?

Aber es ist halt so: Auch die Bilder sind verschwommen. Was hat zum Beispiel der Blick gesehen, wenn er zum Zimmerfenster der Kindheit hinausblickte? Du hättest irgendwo noch eine Fotografie, aber das ist doch nicht dasselbe. Du versuchst dir all die Szenen deines Lebens als eine wiedererstandene Vergangenheit vorzustellen, zwingst deine Augen, die Gehenden nach einstiger Mode zu kleiden, fast gelingt es dir, in dem einen Auto das kraftlose, irgendwie Armselige zu erblicken, das dich beim Anblick einer Kutsche im historischen Museum befällt. Aber die Zukunft und der Blick von ihr zurück ist nicht übertragbar. Ein vergebliches Experiment, das einen Schwindel auslöst, seltsame Verkehrungen, wie wenn man mit dem Kopf im Sand stecken und von unten beobachten würde, wie die Leute gehen: Das Knie beugt sich, der Fuß scheint den Erdboden zurückzustoßen.

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