Salzkristalle & Trüffelpilze (Auszüge, 07/2013)

Eigentlich lebe ich nur noch, weil ich manchmal das Gefühl habe, ich werde am Morgen aufwachen und wieder ein Kind sein – in einer Familie, die besser ist als die in meiner Kindheit.

Der Vogel heute, der sich verirrt hatte und klagend-schön schrie, immer wieder, viel zu oft: Er lebt in der falschen Welt; wie ích, wie ích.

Die Härte des Lebens, was man nun Wirklichkeit nennt, Lebenskampf oder soziale Eingliederung, die nicht gelingende Anpassung an die Umwelt, was für ein blödes Wort, und all das bedeutet doch nur, dass es meist ein schlechtes Leben ist und eine verfluchte Welt.

Die Lust am Blick bezwingt das acherontische Grauen.

Karl May hat beim Schreiben natürlich nie an etwas anderes gedacht als an das, was wortwörtlich dasteht, sicher. Hier ein Beispiel: Als ich ihr die Hand gegeben hatte und mich nun von ihr wendete, erblickte ich den Bläser der Signalpfeife. Er winkte mir und ging davon, indem er sich einige Male umsah, ob ich ihm folge. Leider verstand er weder meine, noch ich seine Sprache. Dennoch hörte und begriff ich auf das Deutlichste, weshalb er mir gewinkt hatte. Er griff nämlich sein Rieseninstrument, welches in der Ecke lehnte, spitzte den Mund, formte ihn zu einem weiten, runden Schlauch, legte ihn an das Loch der Pfeife und begann zu blasen, dass sein Gesicht blau, mir es aber rot und violett vor den Augen wurde. Er wollte, ehe wir auf Nimmerwiedersehen voneinander gingen, mir noch einmal den Genuss bereiten, den er für den höchsten des Erdenlebens hielt. Ich hörte ihm zu, bis ich glaubte, Einhalt tun zu müssen, da er sonst unbedingt zerplatzen werde, und gab ihm einige Stücke kleiner Münzen, über welche er so erfreut war, dass er die Pfeife sofort wieder an den Mund setzte. Ich aber machte mich mit der Gänsehaut, welche er mir angeblasen hatte, auf das Schleunigste von dannen.

Die Sprache könnte theoretisch das Absolute vermitteln: mit den Zwischenräumen; es ginge um die richtige Anordnung von Wörtern, auf dass die Wortabstände sagten, was kein Wort sagen kann …

Die Schriftis: Wir glauben an die heilige Dreieinigkeit von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.

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Salzkristalle & Trüffelpilze (Auszüge, 06/2013)

Ein Haar aus meinem Bart, eingegossen in einen Ring, verleiht magische Kräfte: Man mag danach mindestens doppelt so viel fressen wie zuvor.

Man müsste populär sein, damit man kritisieren dürfte, ohne dass andere immer schreien: »Das ist nur der Neid! Der Neid!!«

Der mächtige Meteoch spricht: Schlechtes Wetter morgen. O Meteoch, großer Plott.

Ich bin ein Fisch: Nur meine Unterseite blinkt …

Das Gelächter kugelt sich, es eilt von Mund zu Mund – und ist doch nur eine Kapitulation der Sprache vor der unaussprechlichen Wirklichkeit; das Gelächter belauert den Schrei.

Katzen haben keine genaue Vorstellung von sich und den Menschen: Sie wissen nicht, dass sie eine Katze sind. Aber sehen sie denn nicht, dass eine andere Katze etwas anderes ist als ein Mensch? Doch, in der Größe, aber sonst? – Umgekehrt darf man sich auch nicht täuschen lassen: Nur weil man seiner Katze alles Leid erzählt, wird sie nicht zum menschlichen Kameraden. Depressiv wird sie, weil sie die Gefühle spürt, nicht, weil sie die Worte als solche versteht. Aber das alles ist ja schon furchtbar oft gesagt worden …

Ich besitze keinen pond

Tocharisch verwitzle ich mir selber

Stich und Nadel gewohnt

Für die jungen Lämmer bin ich

Zu schwerhörig, zu alt

Um den Blocksberg zu umreiten

Für leichteren Dienst aber

Darf man sich mich kaufen: Ich würde

Oft vor Wut schäumen

Die Metaphern zerhacken

Die Münder füllen

Über Ferienzulage und

Freizeit kann man reden

Allerdings

Nicht mit mir

»– – ! – – – ! – – – ?? – !! – – – !!!!« – Arno Schmidt? – Nein, Kurt Tucholsky.

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Salzkristalle & Trüffelpilze (Auszüge, 05/2013)

Schuld und Söhne.

Oh Du meine Zeit

Wie kann ich dich fangen?

Schnell mein Rösschen, reit

Es bleibt sonst an mir hangen!

Ich möchte den Brei der Kindheit essen. Wer soll ihn kochen? Der Vater versucht es. Aber da fehlt noch viel. Ich hole die ehemalige Lehrerin zu Hilfe. Aber auch so fehlt viel zu viel. Es kommt der Junggruppenleiter. Ja, ein wenig riecht es nach damals, aber wer soll das essen, so wie es aussieht? Ich kenne einen anderen Brei. Also zeigt sich die Tante. Sie kocht gut. Aber auch mit ihren Kochkünsten wird der Brei nicht wie damals. Als fast schon letzte Möglichkeit zeigt sich die tote Großmutter. Aber ach, ihr brennt wie immer der Brei ein wenig an. Nunja, vielleicht gehört das dazu; aber es passt noch nicht. Also finde ich endlich den Pfarrer, der grad seine Kirche begutachtet; auch er schon lange nicht mehr von dieser Welt. Was also kann er ausrichten? Er kann den Chefkoch holen. Er kommt, der wahnsinnige, der tolle Mensch. Und wie sieht der Brei aus? Man muss ihn mit dem Presslufthammer zerkleinern. – Und mir reicht’s. Es geht einfach nicht. Dabei sehne ich mich so danach. Brei der Kindheit, wie hast Du geschmeckt?

Es steht ein Mann

Und singt sein Lied

Ruck zuck zack zack

Er ist nicht mehr

Ich und die Welt: Mit einer Energie aufgeladen, die nur den Schluss zulässt auf eine libidinöse Beziehung zum Hassobjekt der Fremdheit. Die Kakophonien der Ekelbeschwörungen als verkappte Liebeslieder. Oder der Versuch, das Gleichgültige auszufüllen, und sei es mit Abwehr. Das Unheimatliche als heimliche Lockung: Ich will in den Abgrund des Tabuisierten stürzen. Es werde mir (und meinen Leserinnen und Lesern) ganz anders.

So muss man sich wohl auch ›Gott‹ vorstellen: Kreiert als ein Monstrum, damit überhaupt etwas ›da‹ sei, das man und auf das man zeigen kann.

Literaturen und Litaneien demnach sehr ähnlich: Sie psalmodieren das Allerintimste, in einer ganz eigenen – phonetisch ritualisierten – Geheimsprache.

Dies fliegende Schnapp. Sie muss es greifen, herabhangeln, dann zubeißen. Das fliegende … Es kommt immer, wenn der Fleischberg dasteht. Ihm tut das alles nichts. Verheißung. Und fein.

Der Fischnickel ist aus seinem Element: Tönen seine Laute wie das Ächzen eines Sterbenden? (ICH-thyosis) Eines Wieder-Eintauchenden in den Hades?

Die Kälte kriecht in mir hoch; bis zum Mund reicht das Weiß. Nur beim Niesen fliegt der Schnee weg.

Er hatte sein Leben lang mit keiner Frau geschlafen. Aber an seiner Beerdigung war die Kirche brechend voll. Dicht an dicht hockten sie und waren untröstlich. Aus den Handtaschen kamen massenweise Schnupftüchlein hervor.

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Salzkristalle & Trüffelpilze (Auszüge, 04/2013)

Aus Furcht, er sei ein Stümper. Keine Sätze zu Ende. Aber jetzt wird er gefeiert. Tote können sich nicht umstülpen. Er liegt in seinem Namen wie in Formalin.

Die Tubas von früher, alle, die ich gespielt habe, treffen sich als Orchester in meinem Kopf.

Am Nullstern der Photographie: Ein Salzkorn ändert sich.

Vergeblichkeit ist immerhin, was nicht vergeht. Darin liegt auch das Scheitern, dem die Kunst entspringt. Denn Nicht-Scheitern hieße, dass da kein Widerstand mehr wäre und alles aufgehoben.

Du mit der Plombe im Zahn
Und dem schmerzenden Gesichtsnerv
Fuselnd im Therapie-Chemiegemisch
Von nachgewonnenem Ruhm
Wen haut die ausgefranste Fanfare
In der fliegenden Kamera
Noch aus den Socken?

Arabeske: Die unendliche Fülle in der privaten Einheit.

BALD BINDEN SIE MIR DIE SCHNAUZE ZU

Und ich war da und du warst da
Und wir hörten uns schreien
Bis wir taub wurden
Und ich war doch noch da
Und du warst auch da noch

Und du bist da und ich bin hier
Wir sehen einander
Bis wir blind werden
Ich bin da und du bist da
Aber wir sind füreinander
Nur dort

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Salzkristalle & Trüffelpilze (Auszüge, 03/2013)

Irre werden daran, dass alles verschlungen werden wird, irgendwann. Aber wenn man dem großen Schlund einen hübschen Namen gibt, kann man ihm schon gegenübersitzen und seinen kleinen Eiskaffee schlemmern: Nennen wir ihn ›Kätzchen mit den spitzen Zähnen‹. Und im kleinen Büro gegen Mitternacht noch am Text sitzen, das kann man gerade im Angesicht des Kätzchens für einen sehr konkreten Anlass oder einfach weil man muss, von der eigenen Konstitution her.

Mögliche Texte 6

Streitgespräch zwischen dem Wein und dem Wasser.

Mögliche Texte 4

Geschichte: Er stellt sich immer vor, wenn er jeweils im Nachtzug fährt, wie er stirbt. Macht ihn auf eine unbestimmte Art glücklich. Nun lernt er eine Frau kennen, große Liebe, in dieser Nacht. Der Zug verunglückt jetzt aber für einmal tatsächlich. Er stirbt. Sie nicht. Hat Kind mit einem anderen. Als sie am Friedhof vorbeigeht, wo er liegt, denkt sie nicht einmal mehr an ihn.

Was wirklich eine Lebensaufgabe sein könnte, wäre das Vorausschreiben für einen täglichen Blogeintrag zehntausend Jahre lang; ein Programm würde nach dem Tod dann zuverläßig die Aufgabe erfüllen, Eintrag für Eintrag upzuloaden. Aber würden die Einträge nach spätestens 500 Jahren nicht unverständlich, antiquiert? – Ein Problem jeder Kunst.

»Wir sollten Sex nicht zu einem Ziel, zu einer Belohnung degradieren«, spricht die Schnecke – und verwandelt sich in eine Rübe.

Scheugierig.

Artmannschlenker, Artmannschmankerl, Artmannschlecker und wie sie alle heißen …

Der Mond setzt dem Tümpel ein Beispiel und der Nacht einen Höhepunkt.

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