Paare am Morgen XVII

Es sei fünf vor vier, sagt er. Sie hätten noch eine Stunde Zeit. Kein Hahn kräht. Kein Morgen graut. Kein Schlurfen von Passanten auf dem feuchten Bürgersteig durch das halbgeöffnete Fenster.

Kleine Schreie aus dem Raum nebenan. Dürftig. Versiegend. Bis die schwindende Kraft den Impuls versagt. Nicht ganz, sagt sie. Nur zehn Minuten. Denn acht gehörten dem Traum und der Rest dem Schlaf. Dem Sterben und dem Tod.

Kontakt (Alternativtitel: “Regen auf der BuchBasel“)

Bevor ich das Areal verlasse: Das Schlimmste, das Erschreckendste, Traurigste – um gar nicht den Begriff der Würde ins Spiel zu bringen – dieser Messe, wie schon letztes Jahr, ist der Stand des S.H. Schiffer Druckkostenzuschussverlages (Name geändert). Dort ist ein liebloses Rednerpult aufgebaut, hinter dem allerhand Autoren aus ihren Memoiren vorzulesen haben. Er – der Autor dieser Minuten, des Pultes – ist beinahe nicht zu erkennen, denn der Besucherstrom, der auch vor diesem unverstärkten Fluss an gedruckten, nun ausgesprochen kleinlauten Wörtern, nur einen kleinen Bogen macht und gar nicht wahrnehmen kann, verstellt die Sicht, wie auch die halbdistanzierten Vertreterinnen und Vertreter dieses Verlages, die Publikum simulieren und doch nicht dazugehören wollen, untereinander, mit etwas Abstand zum Pult, einen interessierten Dialog zu haben scheinen.

Wir peinlichen zwei: Der Vorlesende. Der Autor hinter dem Pult vor dem Stand. Er (man darf vermuten) muss aus seinem Buch lesen, ist dazu verpflichtet. Sturzbäche Schweiss auf der Stirn, bald an Hals und Kragen. Das Hemd ist ihm zu gross geraten, so steht er am Schwitzpunkt seines Lebens.

Ich nähere mich ihm weiter, möchte zuhören. Wäre es nicht so laut, wäre eine Annäherung vielleicht tatsächlich möglich. Zwei weitere Schritte. Die Verleger, Repräsentanten bemerken diese Bewegung, rücken ab, distanzieren sich weiter. Er läuft aus, schnell und ergiebig. Er flutet, jetzt, da er einsehen muss, dass es einen Zuhörer gibt, dass er, der Lesende, mit einem möglichen Leser in Kontakt getreten wird. Der doch nur Salzwasser hört und sieht. Ob diese Zeilen jemals wieder trocknen? Das Verständlichste: sein vermutlicher Ärger. Er ist verängstigt, versteckt sich, sinkt weiter hinter Pult und Text. Den Text, den er nicht wiedererkennen mag, der im Moment seiner Veröffentlichung verhallt. Unfassbar – hatte er doch einmal Schlafkammern, Küchen, Kellerräume gefüllt, die Lieben in weiche Sofas gedrückt, dort vor der Biedermeieranrichte.

Um weiteren Kontakt auszuschliessen, um nicht auch noch sehen zu müssen, wer da schaut und hört, versenkt sich der Blick in den sich auflösenden Leim des Falzes. Dort lässt es sich verweilen, während sich die Zeilen, rechts und links davon verselbständigen. Bald wieder unsichere Neugierde. Vergewisserung: Ja, ich bin noch da. Wir sind beide noch da. Nur er und ich. Wir zwei sind in dieser Sekunde ganz allein. Er, mein Lesender, mein Autor dieser Minuten. Ich, sein grösster Feind, gehasster Gegner, Zuhörer. Es ist zu laut, ringsum. Nichts kommt so an, wie es gesagt wurde. Ich würde sowieso nicht verstehen. Er hat vermutlich recht – ich verstehe kein Wort. Der Besucherstrom schwillt an, schwemmt mich weg, schwappt über den magischen Moment. Ich kann uns nur bedauern.

ZNS

Er hatte diese sehr hohe Nummer auf dem Rücken seines Hemdes. Das würde auffallen, das würde nicht gut gehen. Die anderen Neunzehn, so sah es aus, sassen an diesen Tischen und Bänken inmitten des Feldes auf verkotzter und verpisster Erde, einem braungrünen, einem gelben Ackerstück, und soffen Bier bis sie spien, dann soffen sie weiter, denn so hatte man sie geheissen und es hatte dazu nicht viel Überzeugungsarbeit gebraucht.

Das Tor schloss sich hinter ihm und er sah das Gelage der Wahnsinnigen auf dem Acker, sah gleichzeitig die Mauern, die ihn und sie umgaben, die vielen Kameras und Mikrophone in den Ecken und oben auf den Mauerabsätzen, sah den grauen, konzentrierten Himmel, der zu platzen drohte. Fühlte die Schwüle und die Augen hinter den Linsen der Kameras, die ihn, die alles beobachteten.

Die saufenden Tische wurden immer lauter. Ein paar derbe Kerle prügelten sich darum, wer der Wertvollere sei – sie hatten einstellige Zahlen, Zweien, auch Dreien auf ihrem Rücken. Das hiess: so und so viele hatte jeder auf dem Gewissen.

Ihre irren Blicke, ihr Lachen. Sie wurden auf ihn aufmerksam, neugierig, verlangten, dass er sich an einen ihrer Tische setzte und mit ihnen tränke. Er solle saufen, ob er denn nicht verstünde! Er würde ihnen nicht erzählen, dass er Arzt sei. Mengele bekam zum ersten Mal Angst.

Titelverteidigung

Rohre, Linien, Drähte, Kanten – Ein kleiner Halbzeitbericht als Scharnier zu Bilderserien, Essaytiteln und Erzählstrategien im Besonderen

(…) II. Zu den Erzählstrategien bei Dranmor

Wie sehr ich es drehte und wendete, es funktionierte nicht. Die Rubrizierung. Die verschiedenen Wahrnehmungsschleifen des Ich-Erzählers bei Dranmor einzuordnen, der immer noch, oder jetzt gerade erst recht vorangetrieben wird, weiterspinnt und sich verliert. Die Anker, die er auswirft, im Vergangenen, im Erinnerten – ich wollte es ursprünglich das anorganische Prinzip nennen, das nicht mehr natürliche, das denaturierte, schon von der Reflexion verbogene, und auf der anderen Seite: die Wahrnehmung der Echtzeit, Gerade-Zeit des Erzählens und Wahrnehmens, also des noch eher ungefilterten, organischen Prinzips. Die Reminiszenzen also in eher loser, fragmentarischer Folge, wie die Rohre, Drähte, Schienen, Räder, wie beispielsweise Maschinenteile, die alle zu einem spezifischen Verbund gehörten, vielleicht alle miteinander verbunden sind, als Teile eines maroden Systems – mit Patina überzogen, anachronistisch – aus sich nicht mehr regenerierenden Materialien, die aber immer noch Dinge bewirken konnten (man weiss nicht genau welche), in ästhetischer, wahnsinniger Sicherheit wiegten, zumindest, was das Nachdenken darüber angeht. (…)

… den ganzen Aufsatz im readerbereich