Paare am Morgen XIV

Seit einigen Stunden hat er nichts mehr gesagt. Geatmet hat er. Langsam. Aus. Ein. Auf eine Bemerkung von ihr hat er keine angemessene Replik gefunden und sich dann für ein gleichmässiges Atmen entschlossen. Auf der Suche nach einer Antwort, einem ausweichenden Satz, einem Ausweg.

Das Atmen war es dann, jene vermeintliche Nichtreaktivität, die er als Entspannungsübung vorstellte, die den eigentlichen Grund ihrer Bemerkung erst verdrängte, dann verschüttete, und sich grober Zorn nun nicht mehr auf eine vorschnelle Sprachhandlung, sondern auf seine Passivität bezog, wie bemerkt wurde. Zerrissen zwischen dem Wunsch atemloser Entschuldigungen und reaktionslosem Atmen hört er auf.

Kopfzerbrechen

Ein Webmaster liest nun nicht mehr die Mails der ahnungslosen Mitarbeiter des Betriebes. Vor kurzem hatte er selber angefangen, Mails zu schreiben und nun gar keine Zeit mehr, sich um anderes zu kümmern. Ja, der Klausen hat sich aus dem Staub gemacht, ist ins Ausland gegangen und mit Gabi Schluss. Einfach so. Der Webmaster hat das kommen sehen. Immerhin sind ihm die vielen Bewerbungsschreiben Klausens nicht unentdeckt geblieben. Auch sein Briefverkehr mit Gabi wurde immer seltener und kühler, und er hatte sich immer mehr gewunden sie zu treffen. Am Telefon war er, so Gabi, auch nicht mehr zu greifen. Arme Gabi. Die letzte Mail, nein nicht die Kündigungsmail. Doch, in dieser Form eine Art Kündigungsmail, die allerdings das Verhältnis zu Gabi seitens Klausen beenden sollte, konnte er aber gerade noch abfangen. Das Konto von Klausen hat er auch nicht gelöscht. Stattdessen wieder alles zurechtgebogen. Mit Gabi. Postalisch, in Klausens Namen. Sie liebte den neuen Ton Klausens sehr, und fragte sich und ihn oft, was denn in ihn gefahren sei. Sie wolle ihn unbedingt bald wieder sehen. Wie er ihr klarmachen könnte, dass er nun Klausen sei, darüber zerbricht sich der Webmaster gerade seinen Kopf. 

Paare am Morgen XIII

„Was wäre, wenn ich dich jetzt ohrfeigen würde? Dich schütteln würde. Dich anschreien würde. Dir einen Arm auf dem Rücken verdrehen würde. Nachdem du mir Dinge gesagt hast, die ich anders nicht mehr beantworten kann.”

“Was wäre, wenn ich dir etwas in dein Wasserglas schüttete? Ein spitzes Messer aus der Schublade zöge und dich damit an deinen Armen, deinem Oberkörper traktierte. Dir frischgebrühten Kaffee ins Gesicht spritzte. Nachdem du mir Dinge gesagt hast, die ich anders nicht mehr beantworten kann.”

Eine Hand, ein paar Augen, ein Messer, Arme, Oberkörper würden angestarrt werden. Ein Schweigen würde folgen, in den meisten Fällen. Ein paar Statistiken würden sich unerheblich verändern.

in schlafräumen schreiben

vielleicht ziehe ich bald um. vielleicht werde ich mein arbeitszimmer verlieren, oder es wird nicht mehr so sein, wie es einmal war. vielleicht werde ich die hälfte meiner bücher abstossen, vielleicht noch mehr. vielleicht werde ich bald kein zimmer mehr haben. aber schlafen werde ich müssen – irgendwo. dort werde ich dann auch schreiben.

Paare am Morgen XII

Sie ist im Begriff nach einem Filter zu suchen. Ihm gegenüber, von ihm durch eine Mauer getrennt – würde sie durch die Schranktüre, vorbei an Töpfen, durch Rückwand, Tapete, Stein, die Holztäfelung, Bücherregal, vorbei an den Büchern schauen können, der Blick sich winden und durchdringen können, sie würde sehen, dass er sich in diesem Moment über seinen Schreibtisch beugt. Sie würde sehen, wie sich sein Rücken krümmt und seine rechte Hand nach einem Stift, die linke nach einem kleinen Stück Papier greift, würde vermuten, er wolle etwas aufschreiben, etwas, das ihm gerade in den Sinn gekommen war, was er nicht vergessen, womit er sich später noch beschäftigen will. Was es wohl wäre, würde sie sich fragen.

Buch, Regal, Verkleidung, Stein, Tapete, Schrankwand, Topf und Türe – diese Dinge puffern den Verdacht der Frage. Der, die Last des ungeraden Blicks an seinem Rücken dennoch Spürende, diesen Blick in einem Spiegel knapp verfehlend, der, zurückgeworfen, jene Frage falsch verstände, atmet ein.