Worüber schreiben?

Eine melancholische, und folglich meiner natürlichen Art sehr zu wider laufende Gemütsverfassung, welche von dem Verdrusse über die Einsamkeit herrühret, in welche ich mich seit einigen Jahren begeben habe, hat mich zuerst auf den wunderlichen Einfall gebracht, ein Buch zu schreiben. Als ich mich nachgehends völlig entblösset fand, und keine andere Materie wusste: stellete ich mich mir selbst als Gegenstand vor. Mein Buch ist also das einzige von seiner Art in der Welt, und von einem tollen und ausschweifenden Inhalte. Es ist auch an dieser Arbeit nichts Merkwürdiges, als eben dieses wunderliche Wesen.

(Montaigne, Essais II,8, S. 759f.)

Karaoke-Bars, Regelpoetiken

“Bei Bibliotheksbesuchen können Sie die absurdesten (…) Funde machen (…)”

In: Porombka, Stephan: Kritiken schreiben.  Ein Trainingsbuch. S.29. Konstanz, UVK, 2006

addendum. sie stehen in zweiter reihe. vor ihnen auf der bühne eine junge frau (oder ein junger mann) mit einem mikrophon in der hand, singend, lippen bewegend. sie sind entzückt. sie freuen sich. sie freuen sich aber nicht, weil ihnen die darbietung sonderlich gefiele oder diese gelungen wäre, sondern, weil sie den refrain wieder erinnern, den sie gleich mitgrölen werden. sie befinden sich übrigens nicht in einer karaoke-bar, sondern in einer rezension, die auf grundlage obigen buches geschrieben wurde …

There is no fiction

Man erinnert sich an einen Roman. Das heisst: man erinnert sich an Bilder, die ein Text erzeugt hat mit unserer Hilfe. Keine konkreten Ereignisse, aber Stimmungen. Situationen: ein Bahnhof, vielleicht. Im Herbstlicht. Ein Kaffeehaus in Salzburg. Ein Koffer auf einem Marktplatz in der kleinen Stadt. Nicht der Roman hat diese Bilder (die Pflastersteine, die den Koffer grundieren, den der Held vergass) erzeugt. Er gab nur Anlass. Unsere Erinnerung hat sie moduliert. Einen Roman zu lesen, ist immer auch: sich zu erinnern. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

eine alte rezeptionstheorie, eigentlich. die privaten wortaneignungsverhältnisse bestimmen das identifikatorische moment im lesen. der roman ist aber auch die summe der aneignungen. will sagen: nicht der roman ist fiktional, sondern die akte der lektüren. spricht man also vom roman, muss von der nicht zu beziffernden summe der lektüren des romans gesprochen werden.

warum? wir hatten den gleichen text, aber wir haben zwei unterschiedliche bücher gelesen. wirklich. und die wahrheit lag nicht dazwischen.

Frühkindliche Rhetorik

4h30: Die Sprache des Säuglings als einzig lautgewordenes Bedürfnis, das sich nicht rhetorisch artikuliert.

[4h30a: Und die Sprache der Greise“>

[4h30b: Und die Sprache des Wahnsinns“>

[4h30c: Und die Sprache der Trunkenen“>

[4h30d: …“>

zettelwirtschaft: auch so eine angefangene liste, die nun endlich entsorgt ist.