(Väterkisten. Reverse, ödipale.)

Die beiden Männer erfahren wenig über Inhalt der mehrfach mit Paketklebeband versiegelten Pappschachtel im Kofferraum des VW-Busses. Auf eine zaghafte Anfrage Angelos hin murmelt Liz, geheuchelt verschlafen, dass es sich um Sentimentalkram handele, den man unterwegs irgendwo loswerden wolle. Angelo bohrt nicht nach.

Sentimentalkram – das Wort nötigt ihm Respekt ab, Neid – dergleichen möchte er auch gern besitzen. Geschweige denn loswerden müssen. Und Jonas schweigt, konzentriert sich auf den Verkehr.

Aus: Helmut Krausser, Kartongeschichte, S. 90

hierzu

Du bist Dichtung (ddIII)

(zu ddI, ddII)

alles kürzen. alles umstellen. alles verwerfen. alles grosszügig streichen. auch die zwischenschritte. ein paar bilder, die unzertrennlichen, behalten. (etwas bleibt immer: ein partizip, bspw.). die reste verhökern. unmotiviert weiter: nach scharnieren suchen, am boden zwischen stumpfen splittern. in glasformen. die anderen suchen lassen. so tun, als wäre es gar nicht

dein aufschub

in kurzen hosen sitzt

in tiefer abstraktion

in langmut später

aufschub ist dein name nicht

lässt dich nicht fahren in

geschlossnen räumen und nicht

im ichverbot vielleicht

einmal in einem lift

mit dir allein

freut sich dagegen an der

feuchten haut sehr kleinen seins

in grossen gruppen

trinkend – literweise buch und

beispielsweise bühnenwörter

saufend fressen

dick ist der der dick sich denkt

verkündend grappa schlürfend oder

schmeiss die alte katze raus

die hat hier keinen platz

im chor

am lederjackenabend im

programmkino den kinoschirm

sich fest ans bein gedrückt

wenns regnet

bleibt doch alles trocken und

das ewige hingegen

deiner wörter stumm

bleibt deine sprachbox sauber

verkrusten tage

rasten an der oberfläche

bleibt wenig übrig nach

der reinigung des teppichs deiner

schaufabrik von wunden sätzen hinten

zwischen faulem zahn und mund

und später stund

Das Dichte (ddII)

Streichen, Rhythmisieren, Dynamisieren; vgl. ddI

Zieltitel (immer noch, verhandelbar) / Atmosphäre; (Lesarten: Verlust der Sinnlichkeit, Altersdemenz, Negation der Biographie etc.)

weniger. langsamer.

schöner. besser.

II. Material entschlackt, Bilder verflüssigt & dynamisiert, Übergänge & Zäsuren eingeleitet, Bilder verworfen (wie versprochen, gehen diese an dirk schröder …)

stehts da in offnen hosen

in schlanken lettern

in einer carte de cuisine

fällt da in tiefe abstraktion

in langmut

später mehr denn

aufschub ist dein name

parkt kurz im ichverbot

lässt einen fahren

in geschlossnen räumen

gerne auch in einem lift

mit dir allein

isst gerne

wenig langsam

schöner besser

und freut sich an der feuchtigkeit

der haut des eigenen seins

in grossen gruppen

dort trinken

dort literweise buch

und bühnenwörter saufen

dort hoch die tassen

hoch kultur so

hoch wies einem selbst mit hut

dort saufen fressen

dick ist der der dick sich denkt

dort grappa schlürfen

nur vom feinsten schmeiss

die alte katze raus die

hat hier keinen platz

die spitzen stiefel

nicht von c und a und

dieses wissen

das andere wissen

das eigene wissen weg

den hintergrund versoffen

die katze auch

das geld geht ganz weit weg reicht

für nen daumen nach berlin und

noch ein schlückchen ingwertee

auf der a10

wildlederjackenabend

im programmkino ist

motto zugleich requisit

ist kinolächeln

regnets

mit dem kinoschirm

am bein

ein fremder kinofussel

bleibt alles trocken

bleibt auch noch

das hingegen dieser

wörter sätze stumm

hält deine sprachbox sauber

sind kinoschirme

vollgefressen und feigen doch wie

siebzehn jahre lagerhaft

verkrusten tage

verbleiben an der oberfläche

kein volumen

kein missfallen dessen

das nicht interessiert

bleibt wenig übrig nach

der reinigung des teppichs

deiner schaufabrik

von wörtern

die zur späten stund

Das ist Dichtung (ddI)

Vom Material und Fundstück zu wortgewordener Schönheit

Zieltitel / Atmosphäre

weniger. langsamer.

schöner. besser.

I. Material, numerus currens

steht da, mit offener hose, liest aus der menuekarte vor

sie fiel plötzlich in eine tiefe abstraktion

ich heisse aufschub, doch dazu später

kurzparker im ich-verbot

ein furz im aufzug

des teufels avocado

rollenmobilität

wir wollten nur saufen – schon wieder kultur

wenn du denkst, du bist zu dick, dann bist du auch zu dick

schmeiss die katze endlich raus

grappa (mit link auf ein grappa-gedicht):

grappa als restverwertetes, verdichtetes, veredeltes

und ich dachte immer, diese art spitzer stiefel

wurde als code von alleinlebenden produktmanagerinnen annektiert

verzichtsplanung

das hintergrundwissen versaufen

ingwertee auf der autobahn

das programmkinolächeln

programmkinoschirme

ein programmkinofussel

das hingegen der wörter und sätze

halte deine sprachbox sauber

vollgefressen und doch ein gesicht wie zehn jahre lagerhaft

das verkrusten der tage

oberfläche allein hat noch kein volumen

verschenk ein knusperlos

interesseloses missfallen

die gedichte reinigen von wörtern,

die bevorzugt nach 23 uhr in suchmaschinen eingegeben werden

(…)