VIII Und ICH?

Du sprichst von gleichzeitig existierenden, gleichberechtigten, unterschiedlich ausgeprägten Formen von Textoriginalität bzw. -authentizität. Liesse sich so eine Konstruktion auf einen – viel weiteren – Subjektbegriff übertragen? (bhfr)

Verfolgt man nun so ein Aufschreibeprojekt und akzeptiert, dass sich – wie oben angeführt – eine Aufspaltung in zwei Originalskripturen, die manifeste Schrift und jene digitale Urschrift, die eine Bewegung gespeichert hat, ereignet, kann man vielleicht feststellen, dass eine Faksimilierung solch eines Ich-Dokuments (und damit „Nichtselbsts“, da ich ICH nur im Moment meines Schreibens bin) durch die blosse Existenz jenes 2. Originals verunmöglicht ist.

Möglicherweise hat damit also solch eine Nichtfaksimilierbarkeit des Selbsts (15) auch rückwirkend Einfluss auf einen wieauchimmergearteten Subjektbegriff? Ist ein Schreibprozess dieser Art also eine bedingt subjektrekonstruierende Massnahme?

Das Thema dieser Arbeit umkreist die These, dass durch eine Medienüberspringung oder „Auslassung“ eines handschriftlichen Schreibprozesses (z.B. durch eine direkte Textprozessierung am Computer) Bedeutungsverlust am Text anfällt, was natürlich augenfällig und banal erscheinen mag. Umgekehrt, so vielleicht die unmittelbar anschliessende These, kann behauptet werden, dass durch solch eine Überspringung eine Einbusse an genereller Subjektivität (wenn man sich diese vielleicht als Teil eines Texttortendiagramms vorstellen möchte) im Text zu verzeichnen ist. Oder: Einerseits kann also dieses Verfahren bedeuten, dass Bedeutungsverlust durch (nichthandschriftliche) Textproduktion schon überhaupt vor der Niederschrift eines Textes, ein Defizitverfahren ist, andererseits wird damit eine theoretische Erhärtung jenes Selbstbegriffs (s. Fn. 15), egal wie unscharf dieser zunächst sein mag, eingeleitet, der sowohl konstituierend für Textsubjektivität ist, als auch – im Moment des Schreibens, in der Ich nur Textich ist – „reine Subjektivität“ sich als Bestandteil dessen formuliert.

Noch nicht geklärt wäre damit aber das Binnenverhältnis der Doppelschrift bezogen auf die obige Differenz. Der Frage also, ob nun manifeste Schrift auch Zeichen jenes „Ichs“ ist und das Urdigitalisat die Anteile des „Selbst“rests verkörpert, oder eine umgekehrte Speicherung oder gar wechselseitige Verkörperungen stattfinden, wäre in weiteren Überlegungen nachzugehen.

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(15) Zur Unterscheidung Ich/Selbst: gemeint sei hier in stark vereinfachter Form und auch etwas populärpsychologisch: „das Ich“ = jenes, das (nur) sich selbst bewusst ist, im Vergleich zu „das Selbst“, das die dem Ich unbewussten Teile („Es“ / „Überich“) mit einschliesst.

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2007-12-10 Ägyptisch Blau ist das

wir sassen wollten und voiles? kaum wind

ging übersetztes übersetzten sero te amavi                (so was von sanft!)

ok und kein kaudern ging und ging wollen

doch wort umwand wort mein welschgerede

in kairosprechen ihres ging wind ging

ging ging

für B. G.

Ägyptisch Blau ist das älteste künstlich hergestellte Pigment. Es ist sehr lichtecht und chemisch äusserst beständig. Nur Flusssäure vermag das Pigment aufzulösen. Selbst bei tausendjähriger Sonneneinstrahlung behält es sein kräftig leuchtendes Blau. Chemisch ist es ein Calcium-Kupfer-Silicat (CaCuSi4O10). Gelegentlich dient es auch zum Blaufärben von Töpferwaren. Die Decken von ägyptischen Tempelräumen wurden mit Ägyptisch Blau bemalt, als Symbol für das blaue Himmelsfirmament. Wie schön. Die Herstellung von Ägyptisch Blau ist vermutlich schon auf das 3. Jahrtausend vor Christus zurückzuführen. Seine Herstellung in Ägypten endete erst mit dem

index

Endlich April

Der März war Murks. In diesem Jahr

war März mehr so ein Februar,

wo alles nur mit Mütze ging.

Kein Keim-, kein Sper-, mehr Pelzfäustling.

Wo man den Kragen steiler stellte

und ächzend stapfte durch die Kälte.

Das Land hat inständig gehofft:

Komm, Erderwärmung! Ach, wie oft

saß ich am Fenster, gram und finster,

und starrte auf den toten Ginster.

Verweint. Wohl wissend, was ich will:

Ach, komm doch bitte bald, April!

Kurzum: Man hasste diesen Märzen.

Doch nun nahst Du, Monat der Herzen,

den man sonst ,wankelmütig’ schilt.

Und süße Düfte, lau und mild

durchwabern Wiesen, Wald und Nase,

bewegen Wiesel, Wild und Hase.

Auch Gattung Mensch – hormongeflutet –

wird lendenseitig gut durchblutet.

Du bist’s, April, genannt “Der Tolle”,

lockst Kraut und Krokus aus der Scholle.

Das Schlachtvieh steht schon an am Grill.

Sei mir gepriesen, Freund April!

Der Frühling kommt. Auch in Berlin,

wo Kabinett und Kanzlerin

doch sonst oftmals bis Maienzeit

(Beginn der Frühjahrsmüdigkeit)

bloß tiefschlafartig überwintern.

Den breit gebauten Aussitzhintern

bewegt sie und erhebt ihn nun

zu regem, republikem Tun.

Blüht auf, erstrahlt, steht voll im Saft,

gestaltet, steuert, macht und schafft.

Und wir bewundern sie nur still.

Zu Strophe drei: April, April!

taz > (GROa)