Zweite Reihe (notula nova 46)

Michel Serres Merve Aufklärung die kleine idiomatische Reihe. Die Reihe Idiome … (Am Ende ist es dann soweit, dass es dann trotzdem so gekommen ist. Und: zum oft wiederholten Male wird unsere Arbeit im Bereich der Individualzeit verbucht. Wie kann man aus dieser Richtung noch Solidarität mit eigener, geschlechtsrelevanter Unzufriedenheit über arbeitsmarkttypische Schieflagen erwarten? Wenn, sobald ein gewisser gendergap da und dort überwunden scheint, ein Produkt nach dem Hierarchieschema Realwork / nice work (Hobby) in Hinblick auf das Kapital klassifiziert wird? Uns beschleicht der Verdacht, eigene Privilegien werden nur in ihrem Nichtvorhandensein erfühlt.

Und: Die banale aber wirksame Idee, endlich: Die Buchreihen auch in zweiter Reihe zu bestücken. Einen doppelten Stellraum erzeugen in einem System ohne Ordnung. Niemandem weh tun wollen.

(Die Fahrt heute morgen. Im Windschatten eines Mobitoil. (Zum Znüni reicht man Nektarinen und Hobelfleisch. Alles ist frisch und klar. Man denkt die Kinderstruktur. Man wird zur Frau Papst gekürt in unserer kleinen Präsidialaristokratie. Wir fahren mit: ins Land, das nicht sein darf.

In der Zeitung: Chef der Kriminalpolizei gestorben: als Todesursache nennt die Kantonspolizei “ein plötzliches inneres Geschehen” (Die neue Tasche mit dem Logo, darin nur 1 Bleistift, diesen hat die Reise zerbrochen. Ästhetisches Umdenken. Filzstifthalber. Freihändigkeit.

Und: der Sachbuchautor nebenan: bäckt und macht sich über Atomkraft Gedanken. Schreibt auch an seinen Memoiren. 400 Seiten hat er schon.

Und: Ann Cotten getroffen. Sympathisches Gespräch am Stand. (Wir sind uns einig: Oberfrittenbach ist ein lustiger Dorfname.)

Im Bus zum Bahnhof in Sachen Solothurn. Eine Frau übt ihr Gesicht. (Notabene: in ganz SO gibt es keinen einzigen öffentlichen Abfalleimer. Wir ermächtigen heimlich. Sehen: Armin Senser. Hören: Stakkato-Senser. Sensen-Senser, der wie immer liest. Wie schon vor vielen Jahren. Und nebenbei dasselbe. Wie lange trägt sein Text noch dieses Lesen? Wie lange dieses Lesen noch den Text? Was passierte, wenn sich, über Nacht, die Poetologie erkältete? Pitch shifting Senser.

Der Novitätenbrief

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Kryptopoetik (ist010)

I Zit. Aus Ernst, Facetten mittelalterlicher Schriftkultur: Über figurale Schaltflächen, Figurenalphabete und ikonische Elemente als rekorporalisierte Formen von Skripturalität. // Bin ich ein Bild-Text-Hybrid. Und welches [weiches] Zeichen, wenn mein Körper sich verzeichnete. Initial wird. Und ini[tia]nt. Lege ich mich auf mein Bett (Matratze – Matratzengruft …), rolle [mich] ein, die Arme um die angewinkelten Beine. Bin ich ein G. G wie Geschlecht. Genauer: zurückgewiesenes Geschlecht. Verschmähte Hälfte [Hüfte]. Nach einer nicht vollendeten Liebesnacht. II Wir sprechen hier nicht vom ersten Mal. Aber vielleicht vom zweiten [oder] dritten Mal, das aber ein „Mal“ wurde in ganz anderer Hinsicht. Wir sprechen nicht in oder von Nummern [Namen], den[n] diese teilen sich – nach fast zwanzig Jahren – fast automatisch durch sich selbst. C. war eine langjährige Freundin, Zu diesem Zeitpunkt schon. Und wir verbrachten viel Zeit unter dem Dach. Die roten Vorhänge, vor den Dachschrägen. Teezere[monien]. Selbstgezimmerte Bücherregale. Absurde Poster an den Wänden. Flecken, Brandlöcher auf Allzweckteppichböden. Und natürlich, irgendwann: das Nebeneinander nach rotem Wein. Berührungen. Zu spät. C. betrunken, wie wir [ich] selbst, und der letzte Bus schon lange in seiner Garage. Wir machten [uns] für die Nacht zurecht. Zogen uns aus. (…) Plötzlich war der Impuls weg. Ihrerseits. Und die Körper einander abgewendet. Und die Sprachen einander fremd. Nach langer Zeit danach. Vor allem das Schweigen hat sich in die Erinnerung eingeschrieben. Und ein wenig ihr weicher Körper. Weiss. Und mit kleinen Operationsnarben auf dem Rücken. Nach Jahren fanden wir wieder zueinander. Als Fr[eunde]. Erfanden eine neue Sprache für uns. Sie alterte schnell. Blieb nur räumlich stehen und nicht in der Zeit. Ihr blonder Pagenschnitt unterscheidet III sich heute nur geringfügig von damals. Man könnte es in Zentimetern ausdrücken. D[as] Damals. Und das heute auch schon drei Jahre alt. Als wir das letzte Mal miteinander sprachen. Und sich Wort und Körper [nun] meinerseits wendete. // Ist der Körper Bild und Textteil eines Ganzen. Ist er Randkommentar einer ungeschriebenen Geschichte. Ist er symbolische Kommunikation oder nicht. Und in seiner Einstelligkeit kryptisch. Leben, Erinnerung, Hervorbringung [dadurch] in Kapitel geordnet. Kapituliert. Augenscheinlich, auffällig, in seinen ikonischen Momenten. IV Als Firm salz hoch, die finne test des Buchdrucks, beten, differierendes erteilen. (komische Elemente verblaeuen, beherrscht von ilse Gingen. Und verseift ins Want. Wir spielen nicht Mimen. Absurde Röster. typisch Göde Beheizende nach toten Wein. Beinling. Plötzlich war der Engels weg. der Schergen hat sich eingeschrieben. damals in Zentimeter duschen. heute auch interne Spule. karger Bild. Radlerinnen treue ungeschriebenen Gedichte.

2007-11-08 und dann doch immer

dabei 105 minuten salata baladi

jemals irgendwann immer er

starrte kasus form denn je ist ver

oder familie ist und wir rufen

tor schleier velum die signalstärke

ist gut verschleierte seidenfäden des

je morgens je morgens eine mehr

falt falt

und dann doch immer hervorhebend gegen meine Oblomowhaftigkeit Musse im Kühlen damals leidenschaftlich dort gern abendlang gewiegt von Wasser hier wiege auf Sprechwellen ENTSCHEIDEN? UNTERSCHEIDEN. Versuche SMS. Erste SMS Lieber Urs habe grad deinen Brief mit Hilfe der Taschenlampe noch einmal gelesen. Sitze im Dunkel. Stromunterbruch Johlen von Gasse Glück gehabt nach einem weiten Gang zu Handwerkern etc. mit 1 Künstler M.H., der das liebt, schlaf gut. Kein Licht in Wohnung Haus und ein dunkles Draussen. Zweite SMS hatte 1 lange SMS nicht senden können jetzt wieder Licht Gruss. Noch eine SMS Test und Gruss. Senden möglich noch immer nicht

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einer unbekannten Schwitterschen Klammer entsprungen. (GuU05)

Gestern Abend im “Le Grand Bleu” gegessen (ein blauer Delphin auf weißem Grund über dem Eingang). Ich wähle einen Tisch am Fenster, mit Blick auf den Hafen. Menü: Mousaka, Oktopus in Rotwein – die winzigen Zähnchen in der gallertigen Soße (kurz an Feininger gedacht: seine Panik nach dem Knirschen, die akribische Untersuchung der harten Tatsachen …) – ein Glas Nemea, Ouzo, griechischer Kaffee, Ouzo, Ouzo …  An zusammengeschobenen Tischen, mir gegenüber, gut 15 deutsche Touristinnen umringen einen Mann. Soziologisch mit großer Wahrscheinlichkeit Grundschullehrerinnen (ein Heilpflanzen- oder Märchenseminar auf Lesbos?). Er, Gatte von Roswitha mit Hornbrille, napoleoneskem Strohhut, orangenem Strickpullover und einem Sonnenbrand, erträgt alles rektorenhaft. Weitere Namen, die geblieben sind: Beate, Marlies, Irene und Ottilie. Alle Mitte fünfzig, Anfang sechzig, viele bunte Seidenschals.

Nach der offiziellen Anmeldung zum Stuhlgang (der Schlüssel wird vom Wirt überreicht – “parakalo!“), endlich auf dem Klo. Dort, auf einem Holzschild, umrahmt von blauen Blümchen und Ranken, handgemalt (jede Wette, von Ottilie) die vertraute Lektüre: “Please don’t throw the toilet paper into the toilet. Thank you.” Dieser Satz erscheint nun dadahaft, aus einer unbekannten Schwitterschen Klammer entsprungen.

Aus “Gestell und Ungestalt. Fassung erster Hand” von Rainer Hoffmann. Gestell und Ungestalt erscheint im September 09 bei etkbooks.