
Marginales
(B24 zu M24)
Auf der anderen Seite dagegen sitzt, wer hätte das gedacht?: sein Gegen. Sein Anderes. Sein Feind und Feindesfreund. Ein Troll, von dem er nur die einzelnen Ziffern der sich stets verhaspelnden Benutzernummer weiss. Ein Ding ohne Namen, das nur zerstören will. Schlimmer noch: es zerstört nicht etwa nur, sondern arbeitet ausdauernd und fleissig an der Negierung der Grundlagen des Bestehenden, indem es sich dem Druckwerk hinzufügt. Jeder Verweis. Jeder Hinauswurf. Jede Rüge und jeder Tadel prallen an ihm und seinen Machenschaften ab und er verwandelt sich in drei weitere Fehlleistungen. Das Festgestellte bezweifelt er immer mit einer Zuschrift am Zeilenspiegel. Mal ist es ein nüchternes Nein. Dann wieder ein vgl. aber, unterstrichen und mit einem unleserlichen Fortsatz. Man kann auch die zeitweilige Laune des Trolls an den Keckheiten seiner Einlassung erahnen. Wenn er etwa schrreibt: Hört, hört!, So ein Unsinn! oder Was?. Am effektivsten aber erscheint seine Kritik, die es freilich stets in einer makellosen Handschrift abliefert, immer dann, wenn sie ein wenig berechtigt ist. Nicht etwa, wenn ein Denkfehler nachgewiesen wird, dazu ist dieses Wesen nicht in der Lage, aber, wenn auf ein kleine Schwäche in der Darstellung hingewiesen wird. So kann einem wahrlich grossen Gedanken, der sich mit einer winzigen Unsicherheit in der Zeichensetzung darbietet, durch dessen ätzende Korrektur am Rande, elendiglich das Genick gebrochen werden.
Menetekel / A2S1(2)
(D11)
R3
Nach Abgang Fröhlich geht in R3 das Licht an. Man sieht Weber in signalroter Generalsuniform mit vielen Abzeichen und Sternen auf den Schulterklappen. An einem Tisch sitzen Neumann und Maurer in dunklen Designeranzügen und starren gelangweilt auf ein Flip-Chart, das offensichtlich von Weber bedient wird. Eine Beamer heizt sich gerade auf und im Hintergrund zeichnet sich eine Powerpoint-Präsentation ab.
WEBER: … und das Leitsystem installiert, sowie die internen und externen Kosten neu evaluiert. Auch die Erhebung der Werte der Produktumfragen und Beurteilungen schreitet voran. Ich denke, wir haben Projektphase II ganz ordentlich über die Bühne …
NEUMANN (nun mit der Powerpointshow startend, dazu in immer schnelleren Abständen, Organigramme, Folien etc. abscrollend): Wo ist denn da nur das virtuelle Zentrum?
MAURER: Und wo sind die Detailkonzepte?
NEUMANN: Das E-Learning-Modul, beispielsweise?
MAURER: Oder nur eine Skizze der internen Umsetzung des Globalhaushaltes?
NEUMANN: Wir vermissen eine klare Wachstumsstrategie.
MAURER: Und das O.K. des Lenkungsausschusses.
NEUMANN: Vor allem einen Entwurf zur …
NEUMANN und MAURER (gemeinsam): … quantitativen und qualitativen Entwicklung des Personalbestandes.
MAURER: Wir müssen das Personal doch weiter anpassen.
In R2 währenddessen: Flugs und Flitz tauchen in neuen Uniformen auf, die etwas besser anliegen, als die der Kollegen Käs bzw. Sachwitz. Die Uniformen sind in dunklem Blau gehalten. Flugs prangt ein Stern mehr auf der Schulter als Flitz.
WEBER: Aber weiter zu reduzieren gefährdet doch letztendlich auch …
NEUMANN: Herr Dr. Weber, durch die von uns eingeleiteten Massnahmen wird es viele Möglichkeiten …
MAURER: … zur Umstrukturierung des personellen Sektors geben. Aber bei sinkenden Etats müssen wir auch an die Humanressourcen denken. So ein Betrieb kann doch nicht länger …
NEUMANN: … auf so hoher Flamme kochen.
WEBER: Man muss doch auch an anderer Stelle schauen können, ob da nicht etwa zu viele Mittel …
MAURER: Und den Trend verschlafen? Wir müssen wohl nicht erwähnen, was passiert, wenn sich herausstellt, dass hier nicht mehr …
NAUMANN: … ganz zeitgemäss gewirtschaftet wird.
WEBER: Den letzten beissen die Hunde. Jaja.
R2
Parallel dazu in R2: Flitz und Flugs umkreisen sich, liefern sich ein Duell mit von Ihnen gelesenen Aufsätzen, Büchern bzw. Artikeln. Teilweise von Papieren zitierend.
FLITZ: … dagegen in Modularisierung in Hochschulen und Bibliotheken. Materialien zur Bildungsplanung und zur Forschungsförderung. Bonn, 2002
FLUGS: Kalter Kaffee. Alles entkräftet in Auswirkungen der Empfehlungen der Strukturkommission auf den Ressourcenbedarf der Universitäten. Hannover, 2004
FLITZ: … aber rehabilitiert in der Konzeptstudie E-Archiving des Konsortiums der Hochschulbibliotheken. Zürich, 2005
FLUGS: … aber eindeutig widerlegt in dem Artikel Funktionale Einschichtigkeit in wissenschaftlichen Bibliotheken. Bern, 2006
FLITZ: Aber die Nachhaltigkeit und die Sorgfaltspflicht.
FLUGS: Aber die Kundenfreundlichkeit und Bedarfsgerechtigkeit.
FLITZ: Aber die Finanzierung.
FLUGS: Eben! Die Finanzierung! (Flitz geht entrüstet ab)
WERBETRAILER: Haben Sie einen besonderen Wunsch? Zögern Sie nicht und teilen Sie ihn uns mit. Wir sind Ihre Bibliothek.
Myomorpha
(E17)
Diese Art Dornröschenwunder ohne Dornröschen. Mit Weissglut zwischen den Zähnen. Kleinflächenbrände in, an, um Leib und Seele. Die Bettwäsche: Leinwand der Fleische, aussen steif, hartgefroren, innen klamm, versiegende Glut, lachsfarben. Häutungen, stellenweise. Und Furchen: Faltenzüge, Striche, Gemetzelreste, Züge. Auch an Armen und Beinen und woimmerhin der Glaskörper sich richtete. Blendungen. Risse in der Membran. Sonne Partikelstösse durch feinste Ritzen. Digitale Botschaften?
Wie lange hatte er geschlafen? Tage? Wochen? Monate? Oder zurück, mit dem Zeitrad gegen Uhrzeigersinn: sich verjüngt? Denn da waren fehlende Stellen und solche, die auf eine unkontrollierte Poetik seiner Memexzellen, Tätigkeiten hinwiesen, die ihm jetzt nur scheinen konnten. Und nicht sein.
Es gab aber auch ausdrücklich Spuren, die dafür sprachen, dass es tatsächlich war. Gewesen war. Ganz Greifbares: Haare beispielsweise. Nicht die Seinen. Und kleine Stofffetzen, beispielsweise nicht die Seinen. Und anderes nicht Seiniges. Vieles sprach für eine astreine Präsenz.
Wenn Sie Fragen zu einem Ausleihvorgang haben, wählen Sie bitte die EINS. Für Informationen rund um unseren Bestand und dessen Verfügbarkeit, wählen Sie bitte die ZWEI. Benötigen Sie Hilfe bei der Recherche, wählen Sie bitte die DREI. In allen anderen Fällen, wählen Sie bitte die VIER. Dieses Gespräch kann zu Schulungszwecken aufgezeichnet werden.
Benedikt legte wieder auf, weil er sich bei keiner der angebotenen Optionen beheimatet fühlte. Sicher hätte er sich der Leitung VIER, dem sogenannten Staubsauger, anvertrauen können, fand aber, dass in Wedernochsituationen Persönlichkeit gefragt war, die im besten Sinne auch vollumfänglich vorhanden sein sollte. Ausserdem: er hatte sich geduscht, rasiert, gekleidet, gestrählt und duftete: und das sollte nun doch auch bemerkt werden, von den wenigen Bezugspunkten, denen er geneigt war. Und die Überwindungshürden geringer.
Die Hausmeisterin grüsste ihn freundlich, die Haustüre klappte sanft ins Schloss, die Gehwege ebneten sich ihm zu Füssen, die Geschäfte: erst im Begriff zu öffnen, gähnend, wie die Apothekerin noch nicht ganz in ihrem weissen Mäntelchen. In den Trendwarenläden die Mädchen aber schon und wie immer: sexy, wie sie zwangsgelabelt wurden, und aufgekratzt wie Springmäuse. Die rauchenden Juristchen in spe noch nicht im Kreischen ums Aschetöpfchen versammelt, noch im Kampf und Getümmel um die besten Plätze in den Lesesälen, wo man sieht, aber nicht gesehen wird, noch hochmotiviert, grossmäulig nach dem dritten Kaffee, wie man hörte: vom ersten Untergeschosse herauf.
Aus den oberen dagegen, wieder, immer noch der Klangteppich fleissiger Dieselgeneratoren und anderer Techniken, die Rohstoffe in mechanische Akte und Energie verwandelten, die den Laden, wie Benedikt aufs zweite Mal abschätzte, am zappeln hielten, holpernd und tuckernd bisweilen, aber doch stabil.
Der rote Teppich allerdings war verschwunden, oder doch zumindest zur Seite geräumt, befand sich wohl im Austausch, wurde ersetzt, geflickt, gereinigt oder sonstwie aufgepimpt, die Treppenhaut: man sollte sehen, dass hier Veränderung stattfand, dass etwas floss, zum Guten, zu was denn sonst?
So war es auch die Aufgabe freigelegter Marmorplatten, Staub zu fangen, zu verschlieren, Fussabdrücke zu sammeln und zu vernetzen, um zu zeigen: auch hier Bewegung.
Mannigfaltige Bewegung auch in den Vitrinen. Auf Augenhöhe der Zeit und Winzigkeiten darüber verrieten sie den Geburtstag eines Grossschriftstellers mit Pfeife doch Wochen zuvor, gaben Hinweise auf potentielle, künftige Nobelpreisinhaber, waren also Teil des Ganzen, was sich nannte: vor Selbstspannung zitternde, strukturelle und gepflegte Öffentlichkeit, und das beruhigte. Beruhigte auch Benedikt, der gar nicht erst die heruntergeladenen Textbausteine zu den Jubilaren lesen musste, alle waren: mit ihrer Existenz versöhnt.
Was aber war im Katalogsaal passiert? Der Raum hatte sich seit seinem letzten Besuch verlängert. Und verbreitert. Neue Farben angenommen. Neue Gänge und Nischen ausgebildet. Weniger Nischen. An Gewicht verloren. Eine optische Täuschung, wie Benedikt sogleich entlarvte: Man hatte die Regale mit den papierenen Katalogkarten samt ihren Zylindern entfernt. Aufgrund eines technischen Zwischenfalls, wie es hiess, waren sie in Mitleidenschaft gezogen worden und befanden sich: woanders, da in solch einer Unvollständigkeit: nahezu unbrauchbar. Stattdessen waren die Raumränder anderweilig nützlich geworden. Waren Unterflächen blinkender Interfaces geworden, die zu locken und zu rufen schienen: Kumm man röwer, ick hebb ‘ne Birn. Oder: Just do it. Oder: Touch me, feel me.. Oder: Alles so schön bunt hier. Mit ihren Standardmasken und kaum zu übersehenden Eingabefeldern und Kohorten von Menues: Hilfetasten. Hilfetabellen. Hilfenummern und Hilfeadressen. Hilfe, wohin man schaute.
Die Person, von der sich Benedikt Hilfe versprach, war hingegen fast schon erwarteterweise nicht vorhanden. Auch die Auskunftsecke hatte sich in etwas anderes transformiert. Ein Beratungspool. Eine vollautomatische Dienstleistungsinsel mit Schnittstellen, Sprechstelen, Shortmessage-Modulen und ortskundigen Avataren, dazu winzige Membrane, die Fragen entgegennahmen oder mit jenen verbanden, wie sie sagten, die Antworten wussten: Auf alles, was Sie wissen wollen. Und wissen wollten es einige, denn plappernd waberte hiervor eine geschlossene Benutzergruppe, in gedämpfter Aufregung die Auskunft aber: physisch quasi unbesetzt.
Wenigstens an der Ausgabe stelle liessen sie Fleisch an den Dingen. Subordinierte und als solche gekennzeichnete Ich lerne noch mit Vornamenkärtchen und steilem Logo, die in gebrochenen Sprachen sprachen: etwas geknickt. Benedikt stellte sich an, und fragte, als er an der Reihe war, schüchtern: Darf ich Sie etwas fragen?
Nein, eigentlich dürfe man da keine Auskunft geben. Eine Auskunft in dieser Form, wäre vielleicht noch am ehesten an dem dort eigens eingerichteten Kompetenzcenter zu erwarten, und Informationen über Interna man könne sich nicht vorstellen, nein, man wisse wirklich nicht … Anna Wiewardenngleichdername? … Man könne auch gar nicht solch einen Eintrag finden, auch nicht in der Personaldatenbank, wenngleich es da jüngst Löschungen gegeben habe, wie man gerade sehe, aber man müsse ihn nun bitten …
Benedikt konnte aus diesem Winkel auf dem plasmierenden Screen nur wenig erkennen, aber vielleicht hiess es doch hinter diesem Datensatz in einer Tabelle: ausgeschieden.
Der Lehrling klickte das Fenster weg, als Benedikt doch verwegen und immer zielstrebiger über den Counter glitt, wurde unsicher, bitte, bitte wenden Sie sich doch … Ich darf Ihnen wirklich keine weiteren Informationen dazu … Seine Finger fuhrwerkten unter der hellblauen Platte und fanden, wonach sie suchten, ein Schrillen im Bürobereich war zu vernehmen.
Geschmeidig schwenkten sich zwei bislang unbemerkte Kameras im Hintergrund der Ausgabestelle auf ihn ein und zoomten sich surrend an. Nur wenige Megabyte später eröffnete sich ein Sesam von Schiebetürenhydraulik und ihm drei wohl Bekannte. Der Abteilungsleiter in Festmontur schnaufte mit holzgesichtigen Schergen heran. Noch im Anweg wie Vorwurf auf den Lippen: Sie! Sie kennen wir doch! Sie haben wir doch schon einmal gesehen!
Noch ein Quotient
(B23 zu M23)
Hiesse das etwa?: Je mehr wir davon sprechen und je länger, umso besser? Im Umkehrschluss: Je weniger wir davon sprechen und je kürzer, umso schlechter? Und in aller Konsequenz: gar nicht davon zu sprechen und mit keinem Wort: ganz schlecht, nein, schlechtestmöglichst? Andererseits: Nur davon zu sprechen und mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln: supermaximal?
Aber wenn letzteres der Fall wäre, wer bräuchte es dann noch? Das, worüber dann gesprochen würde? Die Ablösung des einen durch die blosse Rede darüber, die nur zu seinem Besten war, schüfe das eine in sich selbst und wäre nur noch Rede. Sprache. Mit dieser Forderung zu seinem Besten löste man es in sich selbst wieder auf, in schieren Diskurs. Mit anderen Worten: Die Dinge werden gezwungen, sich in eine Doublette ihrer selbst zu verwandeln in ein Reales ohne Realität, das aus autistischen Modifikationen resultiert. Baudrillards berühmter Ausspruch, dass das Reale im Hyperrealen verschwindet, meint dieses: (…)