Houston, wir haben ein Promille

Die glorreichen Sieben gehn heut auf die Piste

– hicks – und ‘ne Buddel voll Rum.

Zum Vorglühen gab es zuerst mal ‘ne Kiste

mit Bud. Und der Ouzo ging um.

Countdown für die Sieben am Kennedy-Center

– hicks – und ‘ne Pulle voll Gin.

Hui-hui, der kommt heftig! Dafür jedoch brennt er

den Schiss vor dem Startschuss dahin.

Beschwingt und “Voll Schub!” geht es ab zu den Sternen

– hicks – mit ‘ner Flasche Absinth.

Wie schön, sich vom Irdischen ganz zu entfernen.

Wie froh, wer dem Elend entrinnt.

Geglückt: das Entgleiten. Prost, Umlaufbahn-Umtrunk!

Hicks – immer her mit dem Sekt!

“Klar, Houston, hier oben ist alles in Ordnung.”

Der Kühlschrank wird stündlich gecheckt.

Sie baumeln durchs All, und man scherzt miteinander

– hicks – noch ein Korn, kalt und klar,

im Auftrag der Forschung: Grad sah der Commander

‘nen Doppelstern, wo keiner war.

Ein Leben, ein Schweben inmitten von Leere

– so high – und ein Fläschchen voll Wein.

Ein Dasein, so fern jeder erdhaften Schwere.

Es könnte für immer so sein:

Ein ewiges Kreisen und Sausen und Brausen.

Ach, wäre nicht dann irgendwann

die Stimme gewesen, die da von draußen

rief: “Fliegen Sie bitte rechts ran!”

taz > (GROa)

Vorüberlegungen eines erfolgsuchenden Dichters auf statistischer Basis

(B11 zu M11)

Die Wahrscheinlichkeit, dass es sich um eine Höherwertigkeit des Dahingestellten handelt, wenn das Dargestellte als minderwertig wahrgenommen wird, liegt bei ungefähr sechzig Prozent, wenn man also dieser Ausführung glauben darf. Insgesamt jedoch sinkt dieser Wert um zwanzig Prozent, wenn alles Ausgewertete und nicht nur das Höherbewertete hinzugezogen wird. Muss es also nicht umgekehrt auch lauten: je schlechter ich das Darzustellende darstelle, das nun aber nicht ästhetischen Sinne, um so höher die Wahrscheinlichkeit, dass das Darstellende, das nun aber nicht im moralischen Sinne, als höherwertig wahrgenommen werden wird?

Und die Räume? Verwende ich einen Raum, der als solcher eindeutig dargestellt werden würde, und nicht offen liesse, sich zu verwandeln, nicht die Möglichkeit zuliesse, dass dort ein Keller wäre, bildlicherweise, ist wiederum die Wahrscheinlichkeit höher, dass das Dargestellte als minderwertiger empfunden, selbst wenn dem Darzustellenden mit hochwertigen Mitteln begegnet würde, wenn man also dieser Ausführung glauben darf.

Ähnlich verhält es sich bei der Anlage der Charaktere. Wird ein Protagonist nur mit berufstypischen Insignien, weniger aber mit gewissen Eigenheiten ausgestattet, die es erlauben, diesen als doch unabhängiges Subjekt zu sehen, ist die Wahrscheinlichkeit geringer, dass es sich hierbei um ein tragfähiges Element in einem als höherwertig zu beurteilenden Dargestellten handelt, wenn man also dieser Ausführung glauben darf.

Wenn man also dieser Ausführung glauben darf, kann man zwar nicht mit maximalem Erfolg, aber vielleicht mit einer gewissen Gunst in der Bewertung rechnen, was die Einschätzung der Rangigkeit eines Werkes anbelangt, wenn ich eine Geschichte schreibe über einen unerträglichen Zustand, an einem Ort, der überall sein könnte, mit Handlungsträgern, die nicht sind, wie der Rest der Gesellschaft. Mit anderen Worten: schreibe ich über mich und mein Schreiben.

Hir blüht Natur und Kunst / und was man seltzam nänt

(M53)

DIß ist der traute Sitz / den Themis ihr erkohren.

Da Svada sich ergetzt / der hohen Weißheit Zelt

Das aller Künste Schaar in seinen Schrancken hält,

Vnd was berühmte Leut aus ihrem Sinn gebohren!

Hir leß ich / was vorlängst Gott seinem Volck geschworen

Hir sind Gesetz und Recht’ hir wird die grosse Welt

Beschriben / ja was mehr; gebildet vorgestelt /

Hir ist die Zeit / die sich von anbegin verlohren.

Hir find ich was ich wil / hir lern’ ich was ein Geist

Hir seh ich was ein Leib / und was man Tugend heist,

Schau aller Städte Weiß’ und wie sie stehn und fallen.

Hir blüht Natur und Kunst / und was man seltzam nänt

Doch als ich disen Mann / der alhir lebt erkänt /

Fandt ich durch alles ihn / und weit gezihrt vor allen.

Andreas Gryphius, In Bibliothecam Nobiliß. Amplißimique Viri GEORGII SCHONBORNERI, De & in Schönborn & Zissendorff. S. Caes. Mai. Consiliar. Comitis Palatini, Fisci per Silesiam & Lusatiam Praefecti.1643, via Projekt Gutenberg

W. selbst

(B10 zu M10)

Fernsehen? Die Projektbegleiter machen das auch so. Die Projektleiter machen das nicht aus einer Langeweile heraus. Dahinter steckt ein konkretes Kalkül und nicht etwa Selbstlosigkeit, wie man uns denken machen will. In den Fokus stellt sich die Verwaltung des Selbst. Die grossen Posen, die es zu einem Anderen machen. Diese Verwaltung ist AUFGABE. Es wird an einer Stückelung der Zeit gearbeitet. An einer Stückelung in maximal kleine Einheiten. Man bevorzugt das Modell der Intervallschachtelung. Gedacht wird, vermutet W., an eine äusserste Auslagerung des Eigenen in ein Zurverfügungstehendes. Das Zurverfügungstehende muss weitmöglichst dem Anderen, das man noch nicht selbst ist, übergestülpt werden. So wird da gedacht, bilanziert W. Das andere wird immer weniger. Schwieriger wird es auch weiterhin, das Selbst in immer kürzeren Einheiten zu denken. Die Räume werden eng. Wer kann sich vorstellen, in immer kleineren Etappen bei sich zu sein. Doch nur Projektleiter, mutmasst W. nicht ohne noch einmal nachzuschenken.

Und die Projektplaner. Und die Projektbegleiter. Oftmals ein und dieselbe Personengruppe. Oftmals ein und dieselbe Person. Oftmals, nein immer, in gewissem Sinne, die Gruppe eine Person, die sich durch den ganzen Körper gezogen hat. Schaut man auf so ein Projektreferentenleben, denkt er: was für ein Projektreferentenleben? Oder: Projektplanerleben. Denkt er unwillkürlich, muss man denken: Projektabschluss. Das Leben als eine Summe kürzester Momente zu begreifen. Eine Zigarette zu rauchen, um ein Beispiel zu nennen. Ein mittlerweile verpöntes Beispiel, aber seis drum. Ein Beispiel, das in einem bestimmten Ausland unbedingt würde wegretuschiert werden müssen wie ein halbmillimetergrosser Knabenskulpturpenis in einem Kinderbuch. In dem Anderen. Dieses als: eine Allegorie eines sehr kurzen Moments. Ausdrücken! Man hat das selbst in der Hand. Hier: hat man das Selbst in der Hand. Gedankenverloren. Die Schwaden. Die verpufften Energien. Die rauchgewordene Lebenszeit versus ewiger Nebel. Versus all der Nebel auf den Bergkämmen, die zu betrachten: in einem kurzen Moment auf einer Terasse. Auf einem Balkon. Südlage. Südblick. Süden, seufzt W. Möchte man das wirklich?

Der Hungernde

(M52)

Das ist ja das Merkmal jenes “Bruches”, von dem Jedermann als von dem Urleiden der modernen Cultur zu reden pflegt, dass der theoretische Mensch vor seinen Consequenzen erschrickt und unbefriedigt es nicht mehr wagt sich dem furchtbaren Eisstrome des Daseins anzuvertrauen: ängstlich läuft er am Ufer auf und ab. Er will nichts mehr ganz haben, ganz auch mit aller der natürlichen Grausamkeit der Dinge. Soweit hat ihn das optimistische Betrachten verzärtelt. Dazu fühlt er, wie eine Cultur, die auf dem Princip der Wissenschaft aufgebaut ist, zu Grunde gehen muss, wenn sie anfängt, unlogisch zu werden d.h. vor ihren Consequenzen zurück zu fliehen. Unsere Kunst offenbart diese allgemeine Noth: umsonst dass man sich an alle grossen productiven Perioden und Naturen imitatorisch anlehnt, umsonst dass man die ganze “Weltlitteratur” zum Troste des modernen Menschen um ihn versammelt und ihn mitten unter die Kunststile und Künstler aller Zeiten hinstellt, damit er ihnen, wie Adam den Thieren, einen Namen gebe: er bleibt doch der ewig Hungernde, der “Kritiker” ohne Lust und Kraft, der alexandrinische Mensch, der im Grunde Bibliothekar und Corrector ist und an Bücherstaub und Druckfehlern elend erblindet.

Aus: Friedrich Wilhelm Nietzsche, Die Geburt der Tragödie, Kap.18