ir offenlîchiu maere
mit den si wunder kunden,
diu begunden sunder stunden
mit clebeworten underweben.
man sach dicke in ir maeren cleben
der minnen werc von worten
als golt in dem borten.
in: Gottfried von Straßburg, Tristan
ir offenlîchiu maere
mit den si wunder kunden,
diu begunden sunder stunden
mit clebeworten underweben.
man sach dicke in ir maeren cleben
der minnen werc von worten
als golt in dem borten.
in: Gottfried von Straßburg, Tristan
(M47)
Der Nebel hatte den Raum überflutet: nicht der wirkliche Nebel, der sich schon längst aufgelöst hatte der andere, von dem die Straßen noch erfüllt waren, der aus den Mauern, aus dem Pflaster kroch. Eine Art unbestädnigkeit der Dinge. Die Bücher waren immer noch da, natürlich, alphabetisch in den Regalen geordnet, mit ihren schwarzen oder braunen Rücken und ihren Etiketten ÖB fl. 7996 (Öffentliche Benutzung – Französische Literatur) oder ÖB nw (Öffentliche Benutzung – Naturwissenschaften). Aber … wie soll ich sagen? Gewöhnlich bilden sie, mächtig und gedrungen, zusammen mit dem Ofen, den grünen Lampen, den großen Fenstern, den Leitern, einen Damm gegen die Zukunft. Solange man in diesen Mauern weilt, muß alles, was ankommt, rechts oder links vom Ofen ankommen (…) So dienen diese Gegenstände wenigstens dazu, die Grenzen des Wahrscheinlichen festzulegen. Heute allerdings legten sie überhaupt nichts mehr fest: es schien, als wäre ihre Existenz selber in Frage gestellt, als hätten sie die größte Mühe, von einem Augenblick zum nächsten zu gelangen.
Aus: Jean-Paul Sartre, Der Ekel. Reinbeck, 1938. S.90f.
In Lyon mit George, rauchend. In: Der Dreischneuß. Zeitschrift für Literatur – Nr. 19 (8/2007). Marien-Blatt Verlag, Lübeck

(B08 zu M08)
Verwundungen: ein Riss in der Seite. Leistenschaden, behelfsmässig getaped. Ein anderer: neben ihr in einem schmutzigen Verband, die Adern sichtbar, halboffen.
Auch ihr Blick ist ein Schnitt in den Raum. Ist kurzfristige Hebung und Senkung von Raum mit halbgehobenen Kopf, bis dieser wieder zurückfällt auf ein Brett, das vor langer Zeit einmal Kissen war. Wo liegt sie? In einem Untergeschoss, sagt man ihr knapp. Im Getümmel zwischen ehrbaren Latzhosenherren und einer Gegenströmung, die sich immer noch wie eine wildgewordene Herde Clowns gebärdet. Ihrem Wunsch nach Wasser wird entsprochen: Wasser gäbe es aus einem kleinen Rinnsal, das sich aus einer nie versiegenden Pfütze speiste, direkt unterhalb eines Regals. Man reicht es ihr in einer Kelle, denn bewegen kann sie sich nicht.
Immer wieder Hektik und Beatmung. Immer wieder das Abklemmen der Venen, der ins Kreuzfeuer Geratenen. Der Opfer der friends of the friendly fire. Immer wieder Aufregung um einen zerborstenen Rücken. Wie jetzt. Wie um denjenigen neben ihr.
Ohne Narkose, erzählt er ihr Wochen später in einer kühlen Kammer, oder mit nur unzureichender Dosierung habe man sich an ihm zuschaffen gemacht und er alles registriert. Erst war es ein Grüner. Der habe an ihm gerungen. Der habe ihn wieder zurückschicken wollen ins Feld. Für den lag er noch im brauchbaren Bereich. Man habe sich um ihn geprügelt, denn für die Clowns war der Fall klar: Lazarett. Amputationen. Das volle Programm. Die schwerste Beeinträchtigung, die ihm zugefügt worden war, sei aber eben nicht während eines Einsatzes als Beobachter, sondern hier, im Streit um seinen Körper entstanden. Es würde wohl nie wieder so werden, wie es einmal war. Er würde wohl nie wieder so werden, wie er einmal war.
Dann beginnt er ihr von einer Maschine zu berichten, in die man ihn gesteckt hatte. Ihm habe es zu diesem Zeitpunkt eigentlich an nichts gefehlt, weswegen er sich selbst aus dem Verkehr gezogen hätte. Eine leichte Schürfung an einer Stelle. An einer anderen eine Instabilität. Die Untersuchungen dieser haben aber für eine Vertiefung, eine Intensivierung gesorgt. Dann will er ihr noch ganz genau und in allen Einzelheiten die Behandlungen, die er über sich ergehen lassen musste, schildern, doch sie wird mit einem Male von einer Erschöpfung überschattet.
Und er ist noch nicht zu Ende gekommen mit seiner Krankengeschichte, als sie wieder an ihr teilnehmen muss. Bald spricht er von vielen Pinzetten und Stäbchen, die in ihn eingeführt wurden, und auch von einem ganzen Arsenal von Flüssigkeiten und Tinkturen, das man über ihn ausgeleert hatte. An deren Gerüchen wäre sie nun allerdings sehr interessiert gewesen. Aber die Nase. Ihre Nase. Die fehle ihr doch sehr, wie sie ihm zu verstehen gibt.
Er kann nicht weiter ihre Aufmerksamkeit binden. Ihr diese Gerüche nicht zu beschreiben, liegt aber nicht etwa an seinem Unwillen, sondern seinen unzureichenden Möglichkeiten, für diese eine Sprache zu finden oder erfinden. Wenn sie wieder aufwachen wird, wird sie schon neben einem anderen liegen und den vorigen, der in eine andere Abteilung gebracht oder entsorgt worden war, hat sie dann schon vergessen.
(M46)
In diesem Fall handelt es sich freilich um eine sehr fatale Wette, denn es geht um nichts weniger als um den Erhalt der Überlieferung, der eben genau durch die Totaldigitalisierung in seinem Kern in Frage gestellt wird. Dann nämlich, wenn die empirische Vielfalt der Speichermedien und Speicherformate überwunden wäre, um in ihrer Überwindung zu einer echten Totalität und Ubiquität der Überlieferung zu führen, würde eine einzige unvorhergesehene Störung genügen, um das gesamte System zum Absturz zu bringen und die digitale Totalüberlieferung in digitales Totalrauschen zu transformieren. Es wäre dann auf kulturellem Gebiet das erreicht, was man auf dem Gebiet der Agrikultur seit Jahrzehnten beobachten kann: die Ausweitung der Monokulturen verspricht zunächst eine günstigere und nährstoffreichere Versorgung auch abgelegener Teile der Weltbevölkerung, um ab einem gewissen Punkt die planetaren Grundlagen der Agrikultur insgesamt zu erodieren und die Versorgung in Verarmung zu verkehren. Dagegen hilft nur die Suspension der Logik des Vernünftig-Allgemeinen, um in dieser Suspension die ins Technische gewendete totale Monokultur zu überwinden und zur Totalität einer empirischen Vielfalt zurückzufinden, die als Vielfalt unser aller kulturelles Kapital ausmacht. Es hieße, bibliothekarisch gesprochen, Bestandspflege zu betreiben.
Aus Uwe Jochum: Vernichten durch Verwalten. Der bibliothekarische Umgang mit Büchern. In: Körte, Mona. – Verbergen – Überschreiben – Zerreissen : Formen der Bücherzerstörung in Literatur, Kunst und Religion : Schmidt, Erich, 2007