Vorarbeiten zu einer Beschreibung binärer Verhältnisse

(B06 zu M06)

Denn sie wissen nicht, dass sie es beide schon in der Hand hatten. D.h.: Manchmal sitzen sie beide nur so am Fenster. Ohne auch nur das geringste voneinander zu wissen.  Bzw.: Eine Zwischenfall. Der XY-Zwischenfall? Der sogenannte XY-Zwischenfall? Das Geben und Nehmen, beider. Der Austausch, auch: Zyklus. Ein Double-bind? Reziprozität. Materialaustausch. Vielleicht kann man sogar sagen: sie haben sich mittelbar die Hand gegeben. Vielleicht auch, aber das wäre ein etwas anderer Ansatz: sie, die zwei Hände eines Körpers, rechte und linke, gebende, nehmende, eines Körpers, der noch näher zu beschreiben wäre.

Oder: Klammern einer Gleichung, satzzeichenmässig: Schrei und exclamation mark. Zwei: wie Hund und Katz, nein: das doppelte Lottchen. Max und Moritz. Teufel und Beelzebub. Zwei: wie Tag und Nacht. Durch dick und dünn, oder: Dick und doof. Vier Fäuste für ein Hallelujah. Vier: Augen, sehen besser als zwei.

Vielleicht auch: Gast und Gastgeber, wobei die Frage: wer Geber? Zwei Monokel: Brillenräder. Körper des Königs. Ausser Rand und Band. Bild und Spiegelbild. Wie: Licht und Schatten.

Noch einmal: Topf und Deckel, Hase und Igel, Stadt und Land. Oder: Liebhaber und Geliebte. Freund und Feind. Geliebter Feind. Himmel und Hölle. Kaffee mit Schuss. (Kaffee fertig). Dann wieder: Vater und Sohn. Mutter und Sohn. Freud und Leid. Rose: mit oder ohne Dornen. Apfel und Ei. Fünfer und Weckli. Wind und Wetter.

Vielleicht aber oder: Narziss oder Goldmund. Pat oder Pattachon. Don Quichotte oder Sancho Pansa. Cindi oder Bert. Hamlet oder Macbeth. Pech oder Schwefel. Sodom oder Gomorrha. Lack oder Leder. Mit anderen Worten: petals on a wet, black bough.

Oder aber und: Stock und Hut. Feuer und Flamme oder Kind und Kegel. Andererseits auch: Leib und Seele, Haus und Hof, Haut und Haar oder laut und Luise.

Mit anderen Worten, zwei wie: Kopf oder Zahl. Geld oder Leben. Sekt oder Selters. Beatles oder Stones. List und Tücke. Maus und Mann. Das heisst: Zimt und Zucker. Dichtung und Wahrheit oder Raum und Zeit. Nicht aber oder: Samt und sonders. Monarchie und Alltag. Rand und Band. Jacke wie Hose. Auch nicht: Jauche und Levkojen. Teer und Feder. Land und Leute. Wum und Wendelin. Wenndelin. Auch nicht ohne: wenn und aber.

Dagegen: Form und Inhalt. Gestell und Ungestalt. Rang und Namen. Sonne und Regen. Oder: Ross und Reiter oder Paul und Paula oder Zeit und Geld oder Geld oder Liebe oder Ratz und Rübe oder Sein oder Nichtsein oder Sein und Zeit oder Kimme und Korn oder Wahnsinn und Gesellschaft oder und oder oder und oder entweder oder. Ff.

Diskurse

(M43)

Aus: Stocker, Günther. – Schrift, Wissen und Gedächtnis : das Motiv der Bibliothek als Spiegel des Medienwandels im 20. Jahrhundert / Günther Stocker. – Würzburg : Königshausen und Neumann, 1997

Ablegen

(E4)

Gerade als er dachte beinahe einen Standort für sich, nein wohl eher: für sein Schreiben und dessen Ergebnisse bestimmt, das heisst: gefunden zu haben glaubte, kam er an und die Maschinenstimme riss ihn aus einem besonders verrätselten Satz. Monbijou. Sagte sie. Das war die Haltestelle an der er neuerdings auszusteigen hatte. Kleinod, dachte er, da war er nun hingewachsen, und dass es sich nach Kurzatmigkeit anhörte. Und Kleinod wieder: Bijou. Mit den semantischen Restbeständen eines freimaurerischen Logenzusammenhangs, wie die wenigsten noch wussten und er nur deshalb, weil er es eher zufällig in einem Wörterbuch fand, wie das meiste seines Findens eher auf Zufall beruhte, hier passend: nur wenige Schritte bergab und er befand sich in der Gutenbergstrasse mit den grossen Wohnhäusern aus der Gründerzeit.

Das einzige, was ihm an seinem neuen Domizil störte, war das Wissen, dass es nur Übergang war. Aber er war dankbar, dass er es doch so gut getroffen hatte. Nachdem sich herausgestellt hatte, dass niemand der ehemaligen Anwohner seiner damaligen Wohnung an dem gewaltigen Hausbrand schuld war, wie verschiedene Experten bestätigten, versprach die Versicherung, die Schäden vollumfänglich zu übernehmen. Man sorgte gut dafür, dass die Hinausgebrannten bald und mehr als erträglich unterkamen, in frisch renovierten Altbauten nicht unweit des vollzusanierenden Wracks, als Interim, allerdings.

Benedikt sah das als Chance, wieder bei Null anzufangen. Sicher, es schien vorerst alles verloren: die Bücher, das Persönliche, kurz: all das – wie man sagte – Hab und Gut, das bestimmt die meisten Menschen als massgeblichen Anteil ihrer Identität ausmachten. Ihm dagegen gefiel der Gedanke, sich wieder neu beschriften zu können, und einmal überlegte er sich sogar kurz, sich vielleicht auch noch einen neuen Namen zuzulegen, verwarf ihn aber schnell wieder.  Die Formalitäten schienen ihm zu widrig.

Warum er Röhrling nur die halbe Wahrheit erzählt hatte? Benedikt vermutete, er tat gut daran, nicht allzu viele Fragen aufzuwerfen.

Das neue Herz war bald gezimmert. Eigentlich bewohnte er nur zwei Räume dieser Vierzimmerwohnung im Hochparterre. Die anderen liess er Raum sein. Mit was sollten sie denn auch befüllt werden? Die Bücher und Regale: die Lungenflügel seiner Wohnprojekte: Rauch und Asche, und das meiste „ehemaliger Ballast“, wie er es jetzt bezeichnete. Und die noch zu beschaffenden Bücher in den noch zu beschaffenden Regalen: nicht viel mehr als eine vage Vorstellung. Doch auch so: es entstand schnell wieder ein kleiner, lebensfähiger Organismus. Ein Schreibtisch, ein Computer und die üblichen kommunikationstechnischen Ergänzungen, und nicht unwichtig für seine Arbeit: eine grosse Registratur aus einer Brockenstube, mit Schienen, auf die schon etliche, leere Mappen aufgegleist waren. Ein Ablagesystem, das im Moment noch mehr als System aussah, im Moment, den es war noch fast hohle Struktur.

Hohl: denn noch immer war ihm die „neue Sicht“ auf das, was er zu bearbeiten und ergo zu schaffen plante, kaum mehr als eine Phrase, die um Bedeutung rang und schwer zwischen ihren Einzelteilen taumelte. Bearbeitungen. Verwandlungen. Metamorphosen ausgedachter Ordnungen und ihrer Konkretionen sollten entstehen und hatten sich hie und da auch schon materialisiert, nicht zuletzt, weil ihm dieses Buch geblieben war. Merkwürdige Leute. Bibliothek und Bibliothekar in der Schönen Literatur. Eine wahre Fundgrube, wie sich bald herausstellte. Mit grossem Genuss blätterte er darin, auch oder vielleicht gerade weil er wusste, dass es sich nicht mehr unbedingt auf der Höhe der Zeit bewegte. Aber ein durchaus oft zitierter Text in der einschlägigen Wissenschaft. Doch was kümmerte diese ihn? Ging es ihm doch zunächst und vor allem um seine Ausschlachtung. Um das eine oder andere Elment, in das er seine Haken schlagen konnte. Das und in dem er sich verwandeln konnte. Das ihn erzeugte, wie er es einmal notierte. Das: was ihn ausmachte, wenn er es und sich damit befasste. Das: war die Ortsbestimmung, so zumindest ihr Prozess, für den er Worte gesucht hatte vor wenigen Minuten, bevor ihm die Stimme diese Schleife zerschnitt. Es war doch so oder so: ein Schlachtfest. Was man üblicherweise als Literatur bezeichnete, und die Zubereitung der Fleischfetzen, oder ihre Grösse, oder die Art und Weise ihrer Verbratung oder Würze, kurzum: der ganze Vorgang vom Mord bis zum Auftisch – eine Frage der Modellierung, und diese wiederum: historisch ziemlich instabil, dachte Benedikt.

Nachdem also alles zu Bruch gegangen war, und damit war nicht nur das jüngste Ereignis, das ihn an diesen Ort versetzte, gemeint, sondern eine lange Kette von Ereignissen, die aber in dieses jüngste Ereignis kulminierte, sodass Benedikt dieses und den ganzen Vorlauf der Einfachkeit halber als ein Ereignis betrachtete, das sich allerdings in einem langen Zeitraum ausbreitete und das er einmal ICH nannte, wovon er nun aber – neues Konzept – stets nachdrücklich und völlig bewusst Abstand nahm, sah er sich kurz darauf nur wenigen Möglichkeiten der Fortexistenz gegenübergestellt. Es waren, um genau zu sein: zwei. Einer Schreibenden. Und einer Nichtschreibenden.

Hierbei handelte es sich um eine der wenigen Kontinuitäten. Denn heute wie schon damals, als das Ich, wenn er es sagte, nach diesem anderen Leben klang, war ihm ein Nichtschreibendsein begrifflich gar nicht vorgesehen, also zur Existenz gehörend, also seiend. So konnte man gar nicht sein, also war man nicht so. Was wiederum seinen Begriff des Schreibens oftmals dehnte. Selbstverständlich galt ihm das auch für den Rest der Menschheit, doch über diesen zerbrach er sich herzlich wenig den Kopf in dem einen Leben. Vielleicht auch darum, weil eine grösser angelegte Betrachtung dieses Phänomens ihn zu Revisionen genötigt hätte. Und er war dann doch auch, zweite Kontinuität, etwas bequem.

Nachdem Benedikt die Türe hinter sich geschlossen und sich aus dem Kühlschrank mit kaltem Bier versorgt hatte, setzte er sich an seinen Schreibtisch und startete seinen Computer. Während dieser hochgefahren wurde, nahm er – wie er es nun regelmässig tat – diese Zeitspanne von genau drei Minuten zum Anlass, weiter an der Liste wiederzubeschaffender Bücher zu grübeln, und ergänzte und strich und schrieb wieder darüber und verwarf erneut, sodass sich die Liste nur unwesentlich, im besten Falle um sehr wenige Titel verlängerte. Es bestand auch keine Eile, diese anzufertigen. Bis der Grossteil der Versicherungssumme dieses Schadens freigegeben wurde, würde noch einiges an Zeit vergehen. Zudem waren die nun zu beackernden Texte nicht gerade diejenigen, die er zu kaufen bereit war. Es waren Texte, die sich ohnehin nur noch in Antiquariaten oder ausgezeichneten Bibliotheken befanden und eine dieser konnte er mit nur wenigen Mausklicks, zumindest an der Oberfläche bereisen.

Das Interface war nun bereit. Er blätterte noch einmal in den „Merkwürdigen Leuten“, die er, wie er befand, nun zur Genüge zerlegt und gefleddert hatte, glitt dann mit dem Zeigefinger über die Bibliographie.

Der Einstiegspunkt der Bibliothek bestand aus einem grosszügigem Suchfeld, in das er nun Kombinationen aus Autorennachnamen und Titelstichworten füllte. Viele gesuchte Titel waren dort nachgewiesen und zu seiner Freude auch vorhanden, und nicht etwa ausgeliehen. Diese würde er morgen schon einsehen können, wenn er wollte. Das heisst: man hatte seine Anfrage registriert. Man verhielt sich ihm gegenüber prinzipiell wohlwollend.

Bibliothek der Gnade

(M42)

Die Bibliothek der Gnade wurde im Jahre 1997 gegründet. (…) in sämtlichen Zeitungen erschien eines Novembertages 1997 die gleiche Annonce. Es sei, hieß es dort, eine Spezialbibliothek geschaffen worden. Ihr Ziel bestünde in der Sammlung, Archivierung und dem öffentlichen Zurverfügungstellen all derjenigen Werke, die keinen Verlag gefunden hatten. Arbeiten jeder Art und jeglichen Umfangs seien willkommen. Die Bibliothek mache keine Unterschiede. Tagebücher, verschmähte Enzyklopädien, Waschzettel, Abhandlungen, Träume, Spruchsammlungen, Witze, Pamphlete, Romane – was auch immer in Schriftform vorliege und gedemütigt sei, es fände nun seinen Ort und seine Signatur. (…) Jedes eingereichte Manuskript werde mit Freuden angenommen und zugleich einer konservatorischen Behandlung unterzogen, um es für spätere Jahrhunderte und deren klügeres Urteil haltbar zu machen. Jedermann habe, Tag und Nacht, Zutritt zur Bibliothek. Auf Verlangen erhielte man eine mit neuartigen Reproduktionstechniken blitzschnell hergestellte Kopie jeder beliebigen Arbeit kostenlos ausgehändigt. Modernste Computertechnologie mit ausgeklügelten Retrievalsystemen ermöglichen den uneingeschränkten Zugriff auf die Bestände, in sämtlichen Sprachen der Welt. (…) Es ist kein Geheimnis, daß sich gerade in den Anfängen der Bibliothek die Mehrzahl der Benutzer aus Autoren rekrutierte. (…) Mit dem unaufhaltsamen Anwachsen der Gnadenbibliothek (…) spitze sich der Konflikt zwischen der althergebrachten Lese- und Schreibkultur auf der einen Seite und der anarchistischen Flut der Freien auf der anderen Seite zu. Die Beliebtheit der Gnadenbibliotheken verkleinerte die Absatzchancen des selektierenden Verlagswesens drastisch. (…) Energisch wies man auf die eigene Bedeutsamkeit hin. Die Flut einzudämmen, aus dem Strom aus Höchstem und Tiefstem, aus Geschmiere, Mittelmäßigen, Dilettantischem, Widerwärtigem (…) die wenigen Fische herauszuangeln, die der Lesemühe wert seien, müsse als undankbares und edles Geschäft hoch geachtet werden. (…) hiervon

Aus: Thomas Lehr, Zweiwasser oder die Bibliothek der Gnade, Berlin 1992, S. 347ff.

Draussen: Greyscale

(B05 zu M05)

Ein Text ist erst da, wenn er da ist. Vorher ist er ein Text, der nicht da ist. Denkt sie. Und über: Das Zuscherbenschreiben. Das gerade nicht. Am Freitag: die Wäsche. Zusatzwäsche. In den Kalender schreiben. Und anderswo: Bier und Wein für die Gäste. Und die Entwicklungszusammenhänge, denkt sie. Und: heute mach ich etwas ganz anderes, denkt sie. Und: Ach wär doch etwas mehr Wut in meinen Texten, und: ach wär ich doch wütender in meinen Texten, so wutmächtig, wie ich manchmal bin, ach, was sind das für Texte, die gar nicht wütend sind. Nicht einmal Scherben, denkt sie. Doch nicht meine Texte, denkt sie, und: Welche denn? Muss ich in meinen Schädel schaun und finde: tausend kleine Schädel. Und da ist nichts das zum aufstehn zwingt. Und nirgends auch nur ein vernünftiger Gedanke. Nur Gedanken über Gedanken. Nur solche die ordnen wollen. Nur kleine Schädelteilchen, denkt sie. Und all die schmutzigen Teller in der Küche. Und der Regen vor dem Fenster. Dauerregen. Regen. Regen. Am Fenster die Schädeltropfen. Nur Gedanken über Gedanken und kein einziger fliesst, nicht dem Glas zu Boden. Oder ist haltbar, seit er gegangen ist, denkt sie. Fast auf dem Weg zur Arbeit fällt der letzte Grund zu Boden. Regnet es. Sind nur tausend kleine Schädelstellen auf dem Balkon. In feuchten Kräutern die Gedanken um Gedanken. Bleibt nichts am Glas. Schaun sie zurück, denkt sie. Machen ganz etwas anderes, denkt sie: machen den Ofen an. Entzündet sich die Flamme nicht. Und nicht nur das, denkt sie, wenn ich nur wütend wäre, wie ich manchmal sein wollte, in meinen Texten. Wenn ichs nur ausdrücken könnte. All die kleinen Schädelchen. Wenn sie sich zeigten, denkt sie. Wenn er sie gesehen hätte, denkt sie, bevor er gegangen ist. Spülen die Teller kaum. Verklebt. Vertrocknet. Natron, muss da ran, denkt sie. Keine Flammen. Nur das kalte Glimmen kleiner Knochen. Werden ausgetrunken, heute noch, denkt sie. Und draussen alles Grau. Und draussen die Farben abgezogen, rechnerisch, denkt sie, mit einer kurzen Bewegung. Und draussen: Greyscale und auch die Plakatwerbung eine Fläche ohne Wut. Hat jemand die Wut abgezogen mit den Farben. Hat jemand die Farben rausgenommen, seit er gegangen ist, bleiben nicht einmal mehr Scherben. Bleiben Schwarz und Weiss und ein paar Töne dazwischen. Bleiben nur Gedanken über Gedanken anstelle der Gedanken. Ist da noch ein Fahrplan in der Ferne und beleuchtet und das Licht nur Grau. Und die Bahnen. Alle pünktlich.