Aufstellungen

(M38)

Auf die Frage an den Fachinspektor, einen glatzköpfigen, unruhigen Mann, wie man sich in diesem – um es mit Musil auszudrücken – „Tollhaus von Büchern“ zurechtfinden könne, erhielt ich eine ausufernde Antwort, die in der Erklärung gipfelte: „Das Prinzip der Bücherauftsellung ist folgendermaßen: Rechts oben san immer A-Formate und links unten D-Formate…..ja?

Und nachdem a Christbaum unten auseinander geht, nennen mir das “Christbaumaufstellung”. So kriegen mir das in den Griff!

Wenn die Signatur auf dem Abgabezettel nicht stimmt, is des oft sehr sinnesverwirrt… dafür is dann wieder gut, wenn man Verfasser und Titel richtig dazuschreibt.

Aber heutzutage geht olles nach der “Numerus currens“-Aufstellung, des hot mit´n Inhalt überhaupt nix zu tun”.

Aus: Gerhard Roth, Die zweite Stadt, Hamburg, 1994

30. Schachtel (Seelen, Reste)

Wo anders als in den Ecken findet Ablagerung statt? Kommt es zur Gärung? Also zum Denken. Eine Kugel als eine Art Generatorsein, Poolsein dieser ganzen Vorstellung en gros ist für diese Tätigkeit eine wenig brauchbare Form. Wieder geistert eine Fliege umher, die sich im Innern des Runden auf einen endlosen Weg macht, ohne auch nur ungefährem Wissen über Start und Ziel ihres Bewusstseins. Eine stattliche Anzahl Blätter wird von einem Gummiband nicht mehr gehalten. Sucht sich einen anderen Ort.

ich verwalte sie. weise sie in eine ausgeschiedene verpackung. in eine ganz reele schachtel: einer alten zeitschriftenbox mit radierter, aber noch rekonstruierbarer signatur: jus zq 92. die jahrgänge 1997-2002. in einer datenbank kann ich ihren ehemaligen inhalt recherchieren. es handelte sich um eine schriftenreihe mit dem titel „die wirtschaftsprüfung“. sie gibt es hier nicht mehr. auf papier.

Beispiele

(M37)

Machen Sie einen Besuch in der Bibliothek; Bücher haben die unendliche Annehmlichkeit, daß man sie an beliebiger Stelle zuklappen kann, ohne daß man je eine Klage von ihnen hört. Nehmen sie sich ein Beispiel.

Aus: Ingomar von Kieseritzky, Obsession, Ein Liebesfall. Stuttgart, 1984. S.77

Das Imaginäre

(M36)

„Das Imaginäre konstituiert sich nicht mehr im Gegensatz zum Realen […] es dehnt sich von Buch zu Buch zwischen den Schriftzeichen aus, im Spielraum des Nocheinmal-Gesagten und der Kommentare; es entsteht und bildet sich heraus im Zwischenraum der Texte. Es ist ein Bibliotheksphänomen.”

Michel Foucault, Die Phantasmen der Bibliothek, in: Michel Foucault, Botschaften der Macht. Der Foucault-Reader Diskurs und Medien, hrsg. von Jan Engelmann, Stuttgart 1999, S. 85-91, hier: S. 87