22. Schachtel (Abweichungen)

Wenn es doch möglich ist darüber zu schreiben, warum man schreibt, muss es doch möglich sein zu schreiben, warum man über Schachteln schreibt. Wo viele behaupten erst zu schreiben, warum man schreibt, sei schreiben. Eigentliches Schreiben. Erst wenn das plausibel erklärt werden konnte, und was am eigenen Schreiben das Spezifische sei. Glaube ich, schreibe ich über diese Gefässe. Warum? Vielleicht um sie zu füllen?

ich. opfer einer phobie. der angst vor leeren gefässen. nun müsste man ernst-wilhelm händlers die frau des schriftstellers zur hand haben. darin: eine seitenlange liste mit angstterminologien und ihrer beschreibungen. ich könnte mich darin wiederfinden. ich habe das buch verliehen. ich habe vergessen an wen. ich schreibe weiter.

Julien Sariette

(M03)

Monsieur Sariette liebte seine Bibliothek. Er liebte sie mit eifersüchtiger Leidenschaft.  (…) Wer auch nur den belanglosesten Schmöker entlieh, der riss ihm das Herz aus dem Leibe. Um sogar denen, die das meiste Anrecht darauf hatten, Bücher zu entleihen, dies zu erschweren, erfand Monsieur Sariette tausend einfallsreiche oder plumpe Lügen und scheute sich nicht, seine eigene Verwaltung oder Wachsamkeit in Frage zu stellen, indem er behauptete, einen Band verlegt oder verbummelt zu haben, den er noch einen Augenblick zuvor mit den Augen verschlungen oder ans Herz gedrückt hatte. (…) Manchmal fuhr er in der Nacht schweißgebadet und mit einem Angstschrei aus dem Schlafe auf, weil er im Traum eine Lücke in einer der Reihen in seinen Schränken hatte klaffen sehen (…) Dank seinem ausdauerndem Fleiß, seiner Wachsamkeit, seinem Diensteifer, mit einem Wort, seiner Liebe war der Bibliothek d’Esparvieu während der sechzehn Jahre seiner Verwaltung, die am neunten September 1912 abgelaufen war, kein einziges Blatt abhanden gekommen.

In: „Aufruhr der Engel“ von Anatol France.

Dazu auch: Bibliographie mit librarians in fiction (engl.)

The Song of the Library Staff

(M02)

Oh, joy! to see the Library staff perpetually jogging

And to see the Cataloger in the act of cataloging

(…)

All the ologies of the colleges, all the isms of the schools,

All the unassorted knowledges she assorts by Cutter’s rules;

Or tags upon each author in large labels that are gluey

Their place in Thought’s great Pantheon in decimals of Dewey;

Oh, joy! to see the Library staff perpetually jogging,

And to see the Cataloger in the act of cataloging.

By Sam Walter Foss, Librarian of Somerville (Mass.) Public Library

Read at the 1906 ALA Annual Conference (Auszug, mehr …)

Zum Projekt einer Archivpoetik

Vielleicht kann man es so nennen, vielleicht muss man es auch anders nennen. Nachdem sich der Roman Dranmor vor allem mit nichtphysischen, um nicht zu sagen psychischen Archiven beschäftigt (vgl. das „Archiv Dranmor“), liegt es nun nahe, dass ich das Feld physischer Archive bearbeite. Seit geraumer Zeit entsteht ein Text, von dem hier noch nicht gesprochen wurde, der sich aber komplementär solchen Fragen widmet. Ich bin noch nicht soweit, von einem zweiten Teil einer Trilogie zu sprechen, obwohl ein dritter Teil durchaus schon denkbar wäre, allerdings noch nicht stark umrissen ist. (Es müsste darin um „transmediale Archive“ gehen. Elemente der ersten beiden Teile verbinden. Die Wörter/Zeichen so ansehen, als ginge es um Archive von Inhalten, die ausser Kontrolle geraten, man denke da etwa an die Schachteln).

Gearbeitet wird aber zunächst an der zweiten Aufgabe, die hier unter dem Arbeitstitel Wie sie vielleicht wissen firmiert. Im Zentrum steht dort ein kleines Theaterstück, ein Dreiakter, der die Bibliothek in eine Übergangszeit platziert. Das Stückchen sollte auch isoliert von seiner Einbettung als Stück funktionieren. Mehr verrate ich an dieser Stelle noch nicht. Der Rahmen, und ich weiss nicht, ob man wieder von einem geplanten Roman sprechen kann, ist aber eine Art Narration, die mit verschiedenen Textsorten arbeitet, und da gibt es wieder strukturelle Ähnlichkeiten mit Dranmor.

Thema ist – was die Materialsammlung angeht, die hierzu in der nächsten Zeit angelegt wird – die Bibliothek bzw. Bibliothekare/Innen in der Literatur. Also Fiktionen um die Fiktion physischer Archive, die wiederum in eine Fiktion wandern sollen.