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Drei grössere Hautflächen habe ich dir über Nacht abgelöst und draussen zum Trocknen aufgehängt, als du so tief schliefst. Du hast mir nie die Bilder darauf erklärt und dich immer geweigert, sie als etwas anderes als Tätowierungen zu bezeichnen, die sich ansammelten auf deinem Weg zum Kaspischen Meer. Ich vermutete noch, dass es Erzählungen sind, nun kann ich dir nicht mehr glauben, seitdem ich die eine zu lesen begann.

Da waren auch Teile aus Bildern dieser Geschichte. Schlaf weiter, ich bemale nun deinen Fuss.

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Der Chef der kleinen Ich-Gesellschaft hat sich selbst gekündigt. Man fand ihn in enger Umschlingung der Tastatur seines Chefcomputers und vor ihm das Flimmern zweier Kündigungsschreiben. Besser gesagt: zweier Schreibversuche einer Kündigung.

Man will hier nicht die Wortlaute wiedergeben, aber man ist überzeugt, dass die Kündigungsschreiben daran scheiterten, weil er sich nicht entschliessen konnte, ob er nun sich, dem Betrieb, kündigen sollte, oder sich, dem Angestellten. Erst aufgrund dieser Unentschiedenheit, so munkelt man, hatte er Hand an sich gelegt.

Ode an Gott

Adolf Wölfli, 1925, in: Belege – Gedichte aus der deutschsprachigen Schweiz seit 1900 / ausgewählt vom Zürcher Seminar für Literaturkritik; mit Werner Weber. – Zürich ; München : Artemis Verl., cop. 1978. Zuhanden Gott und die Fiktion XVIII.

(auch material zu dranmor VIII,5b)

überschreibungen 17

(defekte, töchter, bahnhöfe)

natürlich ist auch vorstell- und begründbar, dass der zu lange blick in die sonne katalytisch wirkt und von dort an die sätze auf einmal ins deskriptive kippen. und: man kann die meerpassage (VII,4a – Barceloneta) auch durchaus analog zu der bergpassage (III,1c=Über Berge schreiben) lesen, in der auch die bedingungen der eigenen wahrnehmung verhandelt werden.

man könnte aber auch auf die idee kommen, das alles biographisch zu lesen. sie mache das sehr gerne. und ob ich denn eine uneheliche tochter hätte. ob ich denn vielleicht gerne eine uneheliche tochter hätte. und ob es denn noch jemanden gäbe, von dem ich gerne eine uneheliche tochter hätte. dann formuliert sie weitere gedanken zu unehelichen töchtern und spricht von stellvertretern und platzhaltern bis ich wütend werde und ihr ein für allemal sagen muss, dass sie diesen roman nicht als stellvertreter von mir, sondern nur ihn lesen solle. oder mich zumindest da heraus halte. ob das denn so schwer sei? ich breche unsere sitzung ab. ich sage auch das nächste treffen ab. beim hinausgehen knalle ich die türe zu.

aber wahrscheinlich lädt auch das prekäre interpretationskapitel (VII,3=Perdita) – einer i.d.f fiktivbiographischen krisenlektüre eines dranmorgedichtes – zu so einer vermutung ein. ich muss es als dokument zweiter ordnung kennzeichnen und verpasse ihm eine andere typographie. vielleicht muss diese passage auch an einem ganz anderen ort eingesetzt werden. beispielsweise: nach VII,4a und dem etwas zu langen blick in die sonne. in diesem fall würde auch diese lektüre und der irisdefekt von geburt neu aufgeladen und plausibel werden. vielleicht muss ich die passage aber auch ganz streichen. aber so würden immer mehr teile, die sich tatsächlich mit dem dranmorprimärtext beschäftigten wegfallen. am ende hiesse dieser text (dessen titel ohnehin immer schwerer zu rechtfertigen ist) ganz anders. langsam formt sich auch ein bild des textes als verschiebebahnhof; und die einzelnen teile und passagen als flexibel anhängbare waggons. dann lasse ich dieses bild lieber gestrichen, bis ich weiss, wo die lok steht und wie viel sie zu ziehen vermag. (). ein bild, das sich fast aufdrängt, nachdem die schlafwagenmetapher eingeführt wurde und nach einer fortsetzung sucht (VII,1a=Drei Klänge). Probeliegen. Draussen in der Dunkelheit rast die Welt vorbei. Bahnhöfe, Ortschaften in der Nähe, müde Städte, irgendwo entlang der Strecke, aus der Perspektive der Pritsche von schräg unten nach aussen sind nur Dinge in Hanglagen erkennbar. Ein schräger Umzug der schläfrigen Welt vor meinem neuen rollenden Heim. Interim. Angenehm: das Wackeln in Wellen und ab und zu ein Geräusch, eines Steines vielleicht, der aussen an Wagenwand oder Fenster spritzt. Es gibt nicht wirklich einen Ort der Sehnsucht, den man als solchen begreift, möchte man da sagen, als ob man Zuhörer erwarte. Oder: vielleicht ist man schon immer in einem Schlafwagen unterwegs, alleine, und starrt aus dem Fenster, von schräg unten nach aussen. Wäre die Vorstellung so schlimm, sich so zu begreifen? immerhin, und auch dieser begriff muss hier wieder auftauchen, ist diese form des reisens sanfter tourismus. CONTAINER: keine Kommentare, hierzu. Aber weiterhin festzuhalten ist die noch (zu schreibende und hier) einzubauende Passage über das Lesen und Schreiben als sanftem Tourismus.

(zu dranmor VII,1a-VII,4b; übersicht überschreibungen)

verwechslung

er hatte schal mit schakal verwechselt. heute ist sein

begräbnis. der schakal ist verschwunden, den schal

legte man ihm in den sarg.

(Friedrich Achleitner, und oder oder und, S.47, 2006)

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