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Dann das Fussballturnier. Ihre Grossmutter half mit, einen Pokal zu basteln: aus Staniolpapier und Klorollenkartonage. Der kürzeste Weg zum Spielfeld führte durch den Garten, war aber unpassierbar. Das Eisentor: kein Mensch hatte einen Schlüssel dafür. Der Umweg um den Block dauerte Jahre.

Die Spiele waren lange vorbei, als sie ankam, und sie bereits ein junger, gutaussehender Mann. Sie verlieh sich den Pokal selbst, dann zertrümmerte sie ihn. Ein Fremder kam hinzu und hob zwei Gruben aus.

Frau Mermet

Nun also doch. Eine Abteilung mit dem Titel “die zweite chance”*. Und dem Untertitel in Arbeit: neues vom ramschtisch. Eine traurige Abteilung, eigentlich. Warum? Das erfahren sie in nachrubrizierten, vorangegangenen Texten. Die Rubrik ist sozusagen als Ergänzung zu das sieb (kln) zu lesen. Paradoxerweise befinden sich in diesem Gefäss immer noch Novitäten kleiner Formen, die aber vom Buchhandel geköpft wurden. Die Überreste fische ich aus exponierten Kisten mit den grossen Schildern und klitzekleinen Preisen: Immer Montags, wenn ich mit meinem kleinen Sohn die Buchhandelsriesen der Stadt beehre. Heute also Jürg Amann, Pornographische Novelle, ein kleines Bändchen aus dem Tisch-7-Verlag (vgl. auch Herbsts jüngsten Erzählungsband), das nun nach etwas weniger als einem Dreivierteljahr auf diese Weise das Zeitliche segnet. Ich kaufe es fast verschämt, befindet sich doch auf der Vorderseite der flüssig gezeichnete Anblick einer nackten Frau von unten. Aber, das Bändchen hat es in sich. Neben kleinen Formen, also, die dieses Thema komplett literarisieren (oder verschwurbeln), ein Anhang mit Robert-Walser-Brief-Montagen, gerichtet an Frieda Mermet. Wie liest sich das?: Liebe Frau Mermet. Gute Frau Mermet. Liebe gute Frau Mermet. Schätzenswerte Frau Mermet. Hochgeschätzte Frau Mermet. Liebe, hochgeachtete Frau Mermet. Allergediegenste, beste Frau Mermet. Meine sehr liebe und hochgeschätzte Frau Mermet. Meine liebe Frau Mermet // Verzeihen Sie, Frau Mermet. Verzeihen Sie, liebe Frau Mermet. Sie werden mir verzeihen, liebe Frau Mermet. Aber, aber, Frau Mermet. // (S.69). Zu empfehlen: allen Robert-Walser-Sammlern. Und Positivisten.

* edit, 22.03.06: aus konzeptionellen gründen wurde die abteilung in “lektyren=synthesen” umgetauft.

stelle bei paulus

mir bleibt kein laster

erspart

doch das gute erfuellt

sich in der

schwaeche

(Norbert C. Kaser, herrgottswinkel, S.103, 2005)

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Eine Sprache erfinden

oder: ein paar Wörter, die etwas bedeuten (I)

ein kleiner Anschluss an überschreibungen 12a*: Text und Kommentar sind etwas erklärungsbedürftig, vor allem, weil mit grossen Begriffen hantiert wurde. Sie spielen auch durchweg auf die Situation (des Erzählers) des Textes “Dranmor” an (in diesem Kontext muss gelesen werden. (im übrigen: die Abteilung “überschreibungen” setzt sich auch mit vorhandenen und potentiellen Tiefenstrukturen des Textes auseinander)), in dem einige Behauptungen stecken: 1. Man befindet sich in der Phase nach einer Zäsur. (Nachhaltigkeit ist zu diesem Zeitpunkt, in dieser Entwurfssituation vielleicht nur noch in der Form allgemeiner Ironie zu suchen). Es wird gesprochen und erzählt. Das einmal Gesagte und die Interpretationsversuche dessen, sind bedeutungslos, oder auch: wirkungslos. 2. eine (sprachliche oder) semantische Orientierung in die Vergangenheit (welche auch immer) scheitert. 3. Eine neue Sprache, eine bedeutungstragende, muss gefunden (erfunden) werden. (Der Erzähler (und der ganze Roman) übt sich darin). Dies setzt allerdings auch eine neue Wahrnehmung voraus. Eine Zäsur, die eine neue Wahrnehmung beförderte, hat allerdings noch nicht stattgefunden (bis zu/ca. Kapitel 8). 4. Die Position des (Erzählers des) Romans ist nun hauptsächlich die, sich genau in so einer Phase einer („vormodernen“?) Stagnation zu befinden. 5. Wird diese Krise bewältigt, landet der Erzähler (der Leser, der Roman) bald in einer (nach)modernen, quasimythischen Zeit mit neuen Bedeutungsfoci und –elementen (hier endet der Plot). Diese Skizze ist noch etwas abstrakt. Wichtig war mir nur zu betonen, dass – im übertragenen Sinne – eine Dominanz einer alten (oder ursprünglichen) Schule, eines verlässlichen Bedeutungszentrums hierin nicht vorgesehen ist. (z.B.: Der Erzähler wandert, bevor er am Rand des Märchenwaldes ankommt, signifikanterweise durch eine Abfallverbrennungsanlage – Kap. 9). Allerdings gibt es auch keine sichtbare oder ahnbare Ankunft einer Neuen Zeit (und damit: neuen Göttern). In dieser Zeit, jener Zwischenphase also, ist es an dem Leser (wie dem Erzähler im Romanmanuskript) selbst Autor zu werden und sich durch den Text zu arbeiten: Der Fragmentmodus, der grössten Raum lässt für Interpretationen bzw. fast schon das Konzept eines Plots infrage stellt, soll eine Technik sein, die vielleicht solche Effekte erzeugen kann … Vielleicht ist dieser Text damit auch als eine Art Ironisierung des Ringens um Bedeutung in den Zeiten Hartz-IV zu lesen. (…) * und damit unvorhergesehenerweise überschreibungen 12b.