Dranmor VIII,4b

(Raus da! oder In Frieden II)

Arbeit am Stein. Es ist nur der Versuch darunterliegende, zugrundeliegende Schichten freizulegen. Mit einer Hand. Mit Zeigefinger und Daumen etwas abzulösen und zu reinigen, Einprägungen freizusetzen und sie erkennbar zu machen. Sie zu lesen.

Der dünne Raum zwischen Häuten und Nägeln, nur ein Blatt Papier passe dazwischen, sagt man, dehnt sich aus, wölbt sich unter dem Druck der Sandsteinsplitter und des trockenen Mooses. Und die Behutsamkeit: Die Gefährlichkeit dieser Operation, eigene, ungewollte Spuren zu hinterlassen und das Ursprüngliche zu kreuzen und zu verfälschen. Etwas zu entstellen und ganz anderes zutage zu fördern. Dass diese Arbeit nicht zum eigenen Schreiben würde.

Die Knie sind schon lange feucht; das Klamme fand direkten Zugang zu den nun marmornen Schenkeln. Und der Hosenstoff teilt sich, in Fetzen. Der Rücken schmerzt auch ein wenig. Augen suchen sich ihren Weg durch die einbrechende Nacht auf den Stein. Eher das Fühlen. Eher ein Tasten und Zupfen. Die Gasvorräte erschöpfen sich, aber verschiedene Zeichen sind schon zu ahnen.

Der verhornte Daumen der linken Hand nimmt kaum noch die heissen, glühenden Stellen des Feuerzeugs wahr, das nun langsam versucht einem Schriftzug nachzufahren. O – T – T – O. Nicht etwa Ferdinand, Dranmor, Schmid oder Fernando sind nach dieser Folge möglich. Vielleicht ein Motto? Ein Epitaph? Oder ein anderer Geselle, der hier mit ihm ruhte? Ein weiteres Flechtenstück löst sich ab. V – O – N. Doch ein Zitat? Ein Motto Tennysons oder Dranmors vielleicht, das hier ein Ruhen titelte? G – R – E (oder A, das ist schwer zu entscheiden, der Daumen an der sengenden Flamme, weiss) – Y.

Natürlich! Es muss ein Auszug aus Edward Gray sein! Nichts Passenderes könnte hier stehen. Eine kleine Selbstreferenz oder Referenz der letzten Gefährten. Ich sammle die Zeilen und überlege, auch Dranmor hätte diese Stelle zitiert. Ich stocke und muss die Arbeit unterbrechen. Krame die Dichtungen hervor und suche nicht lange, denn ein Buchzeichen teilt noch die prominente Stelle. Dort barg ich mein Antlitz im feuchten Gras und Da schrieb ich auf den bemoosten Stein flackern die Zeilen im Schein der leuchtenden Hand. Die Hand eine Fackel aus Fleisch und sie glüht und ein Funke sucht Nahrung auf einem Ärmel. Verhungert dort.

Die letzte Strophe murmele ich lauter: Bitterlich weinte ich über dem Stein / Bitterlich weinend geh ich fort: Ein letzter Teil der Moosflechte löst sich und gibt den Rest dieser Inschriftzeile frei. E – R – Z.

Erstarren. Ich summiere. Ich reihe von links nach rechts aneinander und lösche die Spatien: Otto von Greyerz. Mit Schaudern. Ich habe den Biographen Dranmors, nein, nicht ausgegraben, identifiziert. Den kritischen Teilhaber seines Lebens. Das bedeutete: ich suche am falschen Ort. Wie charakterisierte er ihn gleich? Die Aufzeichnungen dazu, die Exzerpte finden sich eingebettet im hinteren Teil des Bandes. Rascheln. Nach Jahrgängen die Kritik. So in den Zwanzigern vielleicht. Hier, ich überfliege:

einsamer Schwärmer … träumerisches Wesen … schwermütige Anwandlungen … reifte eine monotone, fragmentarische Lyrik mit unverkennbaren Spuren der Erschöpfung … bis zu seinem Tode am Mark seines Lebens zehrende verschuldete er selber durch die in leidenschaftlicher Verblendung geschlossene Ehe … achtundzwanzig gedankenschwere Ergüsse … pantheistische Diesseitsreligion … Doppelnatur Dranmors: die Dichtergabe und der Geschäfts- und Gründungsgeist … Sein Ehrgeiz war das Weltbürgertum … Byron, Platen, Waiblinger … Die Krankheit des Jahrhunderts … die Aufrichtigkeit, der hohe Ernst seines Leidens und Ringens … Allein seine Gestaltkraft war der hohen Aufgabe nicht gewachsen … Seine Stoffwelt ist beschränkt … für welche nicht der Inhalt, das Motiv, sondern die Form, der schöne Vers die Hauptsache sei …

Ein Verächter! Ein Wichtigtuer! Wie konnte er solche Dinge schreiben, er, der noch nie über die Ränder seines Grabes getreten war? Weltbürger? Ich lache leise. Die Hand legt eine Jahreszahl unter dem Greyerzschen Namen frei. 1863-1940. Eine ganz andere Generation. Eine spätere Schicht. Eine Welt darüber und sicher nicht die Welt Dranmors, die hier war und dort war, aber immer an ein Stück Erde genagelt wurde. So ist sie nicht von dieser Welt!

Der Greyerzsche Zugang macht mich rasend. Zitternd. Hier liegt einer und gehört nicht dahin! Hier werden künstlerisch bedeutungsvolle Grabmäler aus den Friedhöfen der Stadt ausgestellt. Sie sollen als Dokumente ihrer Zeit der Nachwelt erhalten bleiben, höhnt es weiter auf einem Schild. Was für ein Witz. Und Ferdinand Schmid liegt wahrscheinlich auf einem Acker vor einer verfallenen Kapelle. Greyerz muss da raus!

Es ist dunkel. Frisch ertastete Zeichen verschwimmen und lenken den Fokus zur Seite. Unter einem kleinen Hag die Silhouette eines Gerätehäuschens. Greyerz muss da raus. Das meinen auch die Appenzeller, einstimmig, bieten ihre Hilfe an. Ich öffne ein Fläschchen und nicke.

Das unverschlossene Gerätehaus. Eine Schaufel. Ein halber Mond. Ich lege ein Taschentuch um die linke Hand. Keine Menschenseele.

Die Erde ist leicht und luftig, und die sie spaltenden Schnitte klar und bestimmt. Ich keuche ein wenig. Und die Mulde und das Ausgehobene, diese Asymmetrie am Rand der Stelle. Und alle rufen und feuern an: Greyerz muss raus! Greyerz muss da raus! Vielleicht finden sich hier auch Ellen Adairs Gebeine. Und das Keuchen. Und der Schweiss. Doch auch Edwards Herz liegt dort, so die Schaufel. Und das Atmen. Auch die anderen Stimmen: Raus! Raus! Raus da! Raus!

Und ein kleines, blaues, blinkendes Licht. Und Raus! Raus da! Und ich soll die Schaufel fallen lassen. Und heraussteigen. Und ich werde unsanft gepackt. Und man bindet meine Hände auf dem Rücken zusammen.

Thetis-Vorspiel, die stadt – kein zyklus, Die Stadtstreicher. Erste Annäherung

Ich war zunächst perplex, als ich den von Alban Nikolai Herbst heute zugänglich gemachten Text (herzlichen Dank!), das Vorspiel aus seinem Roman “Thetis” gelesen hatte. Tatsächlich sehe ich einige Parallelen. Beim ersten Eindruck die Frage: hatte ich unwissentlich plagiert (geht das?), liest sich doch ”die stadt – kein zyklus” (dskz), zumindest die Thesen oder “bemerkungen”, wie ich sie nannte, wie ein Substrat des dort Vorgestellten. Ich aber will, daß Raum fürs Ungeheure bleibe, sagt eine Stimme dieses Textes. Und das hätte ich eigentlich für dskz auch gerne akklamiert.

Gemeinsamkeiten finden sich in der Tat sehr schnell. Naturgemäss auf dem Feld der mit einer Stadt assoziierten Begriffe und Wörter. Auf nächster Ebene mit ihrer grossflächigen Raumteilung (oben/unten, den Rändern, dem Zentrum etc.), ihrer Infrastruktur oder auch dem dort Hör- und Schmeckbaren, den Geräuschen und Gerüchen einer Stadt.

ANH entwirft in seinem Prolog ein vielstimmiges Bild. Es gibt ein Ich. Es gibt diverse Figuren (wie es anfangs scheint) und verschiedene Namen für die Stadt und ihre Stadtteile. Doch die Stadt erhält eine Vorzugsbenennung: Buenos Aires. Aber sie ist auch Berlin oder liegt in Afrika …

Sie ist wenigstens drei verschiedene Städte.

Und die Verdichtung dieser zu DER Stadt dieses Romans wird breit und sinnlich aus verschiedenen Perspektiven beschrieben bzw. wahrgenommen.

Eine Stadt muß Zeitsprünge machen. Zeit wie ein Ding, das sich durch die Prozesse hindurch bewahrt und doch nicht unverändert bleibt. Ganz so, wie ich täglich meine Haarfarbe wechsle: Wer in die Anderswelt tritt, verliert die Stetigkeit der Zeit.

Auffallend ist die Nicht-Linearität der Zeit in und der synästhetische Zugang zu jener Modellstadt. Überall flirrt es, überall könnte eine Parallelwelt (mindestens) sein.  Das Gefühl eines Dufts knapp vor Rom.

Die Stadt in „Thetis“ ist auch eine Allegorie und präsentiert sich beispielsweise als Frau. Die U-Bahn ist ihr Unterleib, an einer Stelle. An einer anderen reibt sie sich das Bindegewebe aus den Augen. Eine beeindruckende Exposition, die natürlich auf den ganzen Roman, die Trilogie, neugierig macht.

Es war natürlich nicht meine Absicht in dskz dieses Verfahren zu kopieren. Auch wenn hier vielleicht ebenfalls eine Verdichtung, hier in der Form einer Substratbildung, einer Summierung formelhafter Aussagen über eine, über DIE Stadt, stattfindet.

Aber: Man sucht vergeblich nach einem Erzähler. Die Aussagen über die Stadt sind teilweise paradox und hängen plakativ wie Schilder über dem Stadttor.

Es ist ein behauptetes Regelwerk von jemandem, der so selbstbewusst auftritt, als hätte er die Mechanismen der Stadt durchschaut. Es ist ein so paragraphenhafter Beschrieb eines Gebildes, als sollten die aufgestellten Behauptungen für immer gelten, als seien sie schon immer gültig gewesen.

dabei sind die gestalten die stadtteile der stadt. also bewegt sich die geographie um sie, und jene verlassen nicht ihren ort. also bewegt sich der raum und nicht seine körper.

(…)

die ordnung der stadt ist nicht diejenige der nichtstadt, auch land genannt. dort lagern die unverbrauchten zeiten und ungesprochenen sprachen der stadt.

Die Summierung scheint auf den ersten Blick beliebig. Tatsächlich ergibt sich aus dem Kontext der Serie (gemeint sind die seltsamen „gestalten“ der Stadt) eine gewisse Symmetrie oder ein strukturierteres Bild. Natürlich treten die „gestalten“ aber nur neben der so vorgegebenen Verfassung auf. Schaut man genau hin, könnten diese fünf (geistesgeschichtlichen) Epochen oder Phasen zugeordnet werden (ein bisschen muss daran noch gearbeitet werden …), und: ihr Auftreten, die Vorangegangene mit der Folgenden und vice versa, ist in jeweils bestimmter Weise verknüpft.

Was bei ANH auf die Frage „Wer spricht?“ vielleicht geantwortet werden könnte: viele, alle – beantwortetet sich bei dskz etwas anders. Ist im Thetis-Prolog der Ort des Sprechens oder Wahrnehmens (noch viel radikaler ist es im 2. Band der Trilogie) kaum zu greifen aufgrund der vielen Möglichkeiten, ist bei dskz kein Ort auszumachen, woher dieses Echo der Aussagen über die Stadt kommen könnte. Vielleicht kann man aber in beiden Fällen doch von einem ortlosen Ort und einem ortlosen Rauschen sprechen.

Im einen Fall sind es die Dinge und Personen der Stadt, deren Äusserungen und Wahrnehmungen sich zu einem mächtigen Rauschen überlappen. Im anderen sind es die Aussagen über die Stadt selbst, die das Stadtgeräusch bilden. Einem Rauschen von im Hintergrund vorgeblich wirkenden Gesetzlichkeiten, die allein die Stadt als Ort ausmachen sollen.

Das reizt mich auf, dich neu zu erfinden, heisst es an einer Stelle im Thetis-Prolog. Vielleicht könnte man im Falle von dskz von einem Zurückerfinden, einem Zurückfinden, von einem aufs knappste Zurückstutzen sprechen, oder, um die beiden Verfahren zu vergleichen: steht auf der einen Seite eine poetische und narrative Auffächerung DER Stadt, einer bis zur Unkenntlichkeit aufgeladenen Verzerrung (natürlich kann man VIELE Städte darin erkennen, aber mit der Preisgabe der Individualität, wie es bei Allegorien der Fall ist), muss vielleicht auf der anderen Seite von einer Eindampfung bis aufs Skelett gesprochen werden.

Soweit eine erste Annäherung. Ich freue mich auf weitere Hinweise …

Markus A. Hediger nahm und nimmt sich dskz vor und schreibt sich, wie er sagt, in dieses Aussagensystem hinein. Die Stadtstreicher, eine Leibes- und Liebesgeschichte um Mr. Woo und Kattarina, nimmt sich besagtes Skelett oder Regelwerk vor und bemalt die vakanten Räume der Stadt. dskz bekommt darin die Rolle eines „strukturellen Rauschens“, einer Rauschkulisse oder Leinwand zweier weiterer Akteure.

Ich bin gespannt, was Hediger daraus macht …