Wenn Hochwasser ist in der Kleinstadt, fahren die Busse mit offenem Verdeck durch den Stadtkanal. Die Parkanlagen üben sich im Seesein. Braunes, verschlammtes Naherholungsgebiet, gepfropfte Bäume, die bei einer Kanufahrt umrudert werden müssen. Am Ufer liegen fast ertrunkene Mitglieder der ortsansässigen Folkloregruppe und speien Bier. Schweigend. Niemand möchte so recht lachen an einem Fest, das ins Wasser fällt. Niemand weiss, dass das erst der Beginn des Festes ist. Die Feier einer Reihe glimmender Fackeln unter einer Brücke.
Dranmor / Die Gräber
Impressionen vom Schosshaldenfriedhof an der Ostermundigen- strasse, der hier wahrscheinlich fälschlicherweise als Oster- mundiger Friedhof ausgegeben wird. Die Bildstrecke zu Dranmor VIII,4a und VIII,4b …

Wege stehen im rechten Winkel zueinander, die Zwischenräume wurden mit knorpeligen Bäumen verziert.

Ein spiralförmig begehbarer Hügel eröffnet sich; an seiner Spitze eine Trauerweide.

Ich erreiche das Feld der Aufgelassenen, Auskultierten und Bemoosten. Eine Hinweistafel mit der Aufschrift Erhaltenswerte Grabmäler.

Dieser Stein könnte es doch sein. Natürlich könnte es auch jeder andere sein …

Aber unter der dichten Moosschicht, die ich langsam mit blossen Fingern und Nägeln entferne, finden sich Einlassungen.
Dranmor VIII,4a
(Luftlinien oder In Frieden I)
Milliarden kommen und verschwinden wieder / Im grossen All nach kurzer Lebensreise; / Giganten, Zwerge, Kinder oder Greise, / Wir sind nur einer Kette morsche Glieder. / so der Anfang von Romans Brief. Ich erkenne die Passage aus der Reisestudie. Warum er auf einmal Briefe schreibt? Und dazu Mottos findet? Er fährt fort, dass er verschwinde. Nicht für immer, nein, aber dass er nach Barcelona ziehe. Eigentlich schon dort sei, ich wisse warum. Und dass man ihn vorerst nicht erreichen könne, darum dieser Brief. Weder per E-Mail noch telefonisch. Genaueres gäbe er aber noch bekannt. Er wünsche mir alles Gute und es täte ihm leid, dass alles so schnell gegangen sei. Dass wir uns also nicht mehr sehen konnten. Er würde sich melden, wenn er wieder in Bern sei. Dann wird die Schrift nachlässig und endet in einer Unterzeichnung – eigentlich nur noch unförmige Linie. Der Umschlag wurde wohl wiederverwendet. Die Briefmarke stammt aus einem Automaten und wurde maschinell gestempelt. Mechanisch abgefertigt, am Ende weitere Wünsche und ein Maschinengruss.
Der langsame Tag vergeht über das Grübeln seiner Geschwindigkeit. Und in lustlosem Blättern. Hier und dort mit spitzen und stumpfen Fingern. Mit trockenem und wieder feuchtem Daumen. Die Anfeuchtungen und der bittere Geschmack danach. Woran es denn liege war seine zweite Frage. Aber auf einmal ganz klar: nicht woran, sondern wo es liege, muss die Frage lauten. Und weiter: dass ich nicht einmal auf den Gedanken gekommen bin. Den Naheliegendsten! Und dass das Wirklichste, das Physischste also Körperlichste wenn es noch etwas gäbe doch in allernächster Nähe liege. Fast greifbar, sozusagen. Das Fleisch und die Knochen, das Gerüst all der Dinge, die nicht mehr begriffen wurden. Wenn noch etwas übrig war.
Ich suche den Stadtplan und finde ihn in einem Seitental des Allerlei II, blättere hastig. Vetter hatte vom Ostermundiger Friedhof gesprochen. Von der rührenden Trauerfeier, den Grabgesängen und Reden. Das sind nur wenige Kilometer Luftlinie. Ich zeichne die Strecke mit dem Daumennagel nach. Ich zeichne eine Linie in die Luft und versuche dabei das Gleichgewicht zu halten. Der Daumennagel fährt über die Karte, hinterlässt aber keinen bleibenden Eindruck. Keine Vertiefung. Ich finde auch einen Leuchtstift.
Ich stelle den Kragen hoch. Die Luftlinie wird an einer Kreuzung unklar. Aprilnebel verwirft den Blick und Fragen auf: das Obere Galgenfeld ist verbaut. Ich muss improvisieren. Erst unschlüssig, ob Bitziusstrasse oder Ostermundiger Hauptstrasse, entscheide ich mich bald für den Schriftsteller. Dann Verwirrung durch die Strassennamen. Bilder werden aufgeworfen. Gehobener Horizont, heisst eine. Dann verlaufe ich mich in der unheilen Eile. Ein Schild am Wegrand. Die Stadtverwaltung hatte den bildhaften Sprachwahn ihres Hausmalers in die Topographie gegossen. Ich finde einen Wurm am Weg und einen Teppich der Erinnerung. Am Ende nur noch buntes Flickwerk vor Augen und die Radierung einer seltsamen Figur ohne auch nur einen Meter zurückgelegt zu haben, pflücke ich feuchten Klee am Wegrand. So feucht schon? Und so spät? Nun ist wirklich Eile angesagt. Ich erreiche den Eingang des Friedhofs kurz vor seiner Schliessung.
Es würde sich nicht mehr lohnen, man schliesse bald, gibt mir ein Wächter unfreundlich zu verstehen. Ich spute mich, entgegne ich. Und: es würde nicht lange dauern. Und ob er mir sagen könne, wo er denn liege.
Aber er kenne diesen Ferdinand Schmid nicht, und ob ich denn sicher sei. Er habe nie von ihm gehört, aber die historischen Prominentengräber lägen in dieser Richtung. Aber 19. Jahrhundert? Das sei wahrscheinlich längst aufgelassen und auskultiert, wie man das nenne. Sicher könne ich einmal schauen, um einen Eindruck zu gewinnen, aber er sehe da eigentlich keine Chance. Und dass es gleich eindunkle man würde kaum mehr die Inschriften erkennen können, und bei den Alten sowieso nicht. Ich lasse ihn links liegen.
Eine kleine Stadt, wie auf dem Reissbrett entworfen. Wege stehen im rechten Winkel zueinander, die Zwischenräume wurden mit knorpeligen Bäumen verziert. Bald das Feld mit den Namenlosen. Bald opulente Sträusse und historisierte Steinvasen und Engel. Ein spiralförmig begehbarer Hügel eröffnet sich; an seiner Spitze eine Trauerweide. Die Kindergräber: bunter Nippes und traurige Windräder und Bären. Der wohl schlimmste Ort.
Ich erreiche das Feld der Aufgelassenen, Auskultierten und Bemoosten. Eine Hinweistafel mit der Aufschrift Erhaltenswerte Grabmäler. Hier werden künstlerisch bedeutungsvolle Grabmäler aus den Friedhöfen der Stadt ausgestellt. Sie sollen als Dokumente ihrer Zeit der Nachwelt erhalten bleiben. Bern, im Juli 1983. Die Friedhofsverwaltung.
Dieser Stein könnte es doch sein. Natürlich könnte es auch jeder andere sein, aber dieser gefällt mir besonders. Ich hole meine Feuerzeug hervor. Es ist tatsächlich nichts mehr darauf zu erkennen. Aber unter der dichten Moosschicht, die ich langsam mit blossen Fingern und Nägeln entferne, finden sich Einlassungen.
Dranmor Erläuterungen (auch Waschzettel)
Vorläufiges Kurzexposé (3/06)
Ferdinand Schmid alias Dranmor (1823-1888), ist ein längst vergessener Schweizer Dichter und Diplomat, der und dessen Werk in diesem Fragment-Roman allerdings nur als Bearbeitungsoberfläche des Ich-Erzählers auftaucht. In der in den 60er Jahren des letzten Jahrhunderts abbrechenden Sekundärliteratur wird er als Mann des Übergangs oder auch als seltsamer Mann beschrieben, getrieben von einer grossen Lust auf Literatur und fernen Zielen. Geboren in Bern, lebte er einige Zeit in Österreich in KuK-Diensten, um dann im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts nach Brasilien zu reisen, dort Österreich zu vertreten und sich engagiert um die Kolonialisierung bestimmter Landstriche Brasiliens zu bemühen. Seine Bemühungen scheiterten. Er reiste wieder nach Bern zurück, um dort unter mysteriösen Umständen zu sterben.
Im Zentrum des Textes, der sich in der Gegenwart situiert, steht ein Ich-Erzähler, der Dranmor auf der Spur ist bzw. diesen ausgraben will. Der grobe und einfache Plot: Der Erzähler landet auf der Suche nach einer Arbeitsstelle in Bern, trifft dort einen alten Studienfreund mit dem Namen Roman. Beide beginnen gleichzeitig für einen Literaturwettbewerb zu schreiben und nehmen sich den vergessenen Dichter Dranmor vor. Später, ab etwa dem sechsten Kapitel, tritt SIE auf. Eine vergangene Liebe Romans und des Erzählers, die von letzterem, exemplarisch für vieles andere auch, noch nicht bewältigt wurde. Der Erzähler verliert zudem seine Arbeitsstelle und stürzt in eine Krise. Der experimentelle Roman in Fragmenten (Manuskript in Überarbeitung, derzeit 320 Normseiten) kippt im letzten Drittel ins Mythologische und endet in der Auflösung der Erzählstränge, Diskurse und des Erzählers.
Das Personal des Romans ist sehr überschaubar. Neben dem Erzähler treten nur wenige Figuren, wie z.B. Roman, SIE, ein Gemälde Holstein-Gottorfs, eine Zimmerpflanze mit dem Namen Maria und ein sich allmählich aggressiv gebärdender Pilz auf. Die Schauplätze, ausser einer Stippvisite in Barcelona, beschränken sich auf Wohnung, Keller, Dach des Erzählers in Bern und einige unbedeutende andere Stationen.
Zentrale Motive des Romans sind: das eigene Schreiben und Zur-Sprache-Finden des Erzählers, die Bedeutung von Literatur an sich und die Oberflächennutzung und Identifikation mit Vorgängern sowie am Rande Heimat/Fremde/Exilierung. Dokumentiert werden sollen hier aber auch das Bild einer späten Heimsuchung eines nicht entsorgten Vergangenen, der Snapshot eines zehnmonatigen Verfalls bzw. das Scheitern einer halbherzig versuchten Integration in der randständigen Wahrnehmung und Sprache eines Verlorenen.
die stadtstreicher
an dieser stelle sei auf die stadtstreicher hingewiesen. markus a. hediger arbeitet sich systematisch an einem paratext zu die stadt – kein zyklus ab. bin gespannt, wies harmoniert. am ende steht wahrscheinlich eine lesung von uns beiden in zürich. bis jetzt ist es auf jeden fall sehr spannend, das anwachsen (das verwachsen) der texte zu beobachten …